Oligarchen – die Ausgestossenen

VekselbergSollen Oligarchen ausgestossen werden? Wenn mit solchen Massnahmen nur Personen russischer Provenienz ins Auge gefasst werden, dann müssen die Massnahmen als xenophob oder rassistisch bezeichnet werden. Am Kriegsgeschehen in der Ukraine ändern solche Massnahmen kaum etwas. Würden auch all die kleineren Oligärchlein ins Auge gefasst, all jene, welche die Gelegenheit zu Dieben am Volksvermögen gemacht haben, dann wäre zumindest eine Debatte angebracht, welche das Unrechtsbewusstsein auf den Stand bringt, welcher auch sozial wirksam werden könnte. Ich habe wenig Hoffnung, dass dies so schnell passieren könnte wie die Eröffnung der Jagd auf russische Oligarchen und ihre Yachten.

Bild: Putin und der "Schweizer Oligarch" Vekselberg

Weiter zum Blog-Beitrag

Russen raus!

KartauseDas gab es alles:
gegen Juden, gegen Schwarze, gegen Fahrende – und nun also auch: gegen Russen

Normalerweise legt sich meine Empörung nach einiger Zeit. Dieses Mal kocht sie immer von Neuem wieder hoch, wenn ich an die Entscheidung der Kartause Ittingen denke, der jungen russischen Cellistin Anastasia Kobekina den Auftritt zu verweigern. Schliesslich hat man sich in der Kartause Ittingen für einen «Komplett-Ausschluss russischer Künstler:innen» entschieden. «Das soll», wie der Procurator der Kartause erklärt, «bis auf Weiteres auch über den Einzelfall hinaus gelten: Mindestens so lange bis sich die Situation in der Ukraine entschärfe.» (siehe Thurgau-Kultur)

Mehr dazu im Blog-Beitrag

Was bedeutet Flucht? – Ein Bericht

5 7 1 Pauline 100«Flucht» und «Flüchtlinge» – zwei Wörter, die seit Jahren Bestandteil politischer Nachrichten sind, scheinen nun plötzlich eine neue Bedeutung zu erhalten. Erhalten sie auch eine persönliche Bedeutung? Das hängt von der Empathie-Fähigkeit ab, die uns zur Verfügung steht. Ich bin wohl nicht der Einzige, der – etwas betroffen – feststellt, dass Flüchtlinge aus Osteuropa derzeit stärkere Empfindungen wecken als solche aus dem Nahen Osten.

Angesichts des Schicksals der Ukraineflüchtlinge erinnerte ich mich an den Bericht einer Grosstante, die sehr berührend von der Flucht mit ihrer Mutter, meiner Urgrossmutter, im Mai 1945 erzählt. Jede Bedrohung und jede Flucht ist sehr unterschiedlich, und wie sie durchlebt wird, individuell geprägt – im Milieu meiner Urgrossmutter in eindrücklicher Einbettung in grosse Frömmigkeit und Gottvertrauen. Die Flucht in diesem Bericht ist kleinräumig und findet am absehbaren Ende des Krieges statt. Die Gemeinsamkeit mit der Ukraine heute: Es ist eine Flucht vor den Russen. Mir scheint, dass ein solcher Bericht mich in die Situation der Flüchtlinge einfühlen lässt, weil er zeigt, welche Schicksale Unsicherheiten und Bedrohungen auf einer Flucht durchlebt werden müssen.

Hier gehts zum Bericht

Mehr als ein Imperialismus des einsamen Mannes

Kiew«Grosse Nationen haben in ihren Hauptstädten grosse Plätze: Paris, Berlin, Rom … Meist führen breit angelegte Chausseen zu diesen Plätzen, die vor allem aus Gründen der Machtdemonstration geschaffen wurden. Die Plätze stehen aber auch für die ‹Seelenverfassung› der Nation, sie symbolisieren jene Einheit, auf die die jeweiligen Nationen eingeschworen wurden und werden. Über die Chausseen marschierten im 19. und 20. Jahrhundert die paradierenden Truppen der Herrschenden. Die grossen Chausseen und zentralen Plätze der Hauptstädte waren aber nicht nur Aufmarschort der Herrscher und ihrer Heerscharen, sondern sie wiesen oft auch einmarschierenden Eroberern den Weg, dienten fremden (neuen) Mächten und deren Machtdemonstration.»

So weit die ersten Zeilen meines 2017 erschienen Büchleins Eintopf und Eliten. (Link zum Buch)
In diesem Blog-Beitrag beziehe ich mich auf meine Buch-Zusammenfassung vom Oktober 2017 es ist sinnvoll, diese zuerst zu lesen, um anschliessend den Bezug zu einem Aspekt der Konfliktentstehung in der Ukraine zu gehen. Denn wenn auch Vladimir Putin die Hauptverantwortung an diesem Krieg zu tragen hat, spielen strukturelle Aspekte eine Rolle, die seit dem Ersten Weltkrieg ungelöst sind.

Link zur Buchzusammenfassung
Weiter zum Blog-Beitrag

«Wir machen halt Biomusik»

EndoAnaconda3Als ich Mitte der 1980er Jahre (unter anderem) Chauffeur war und dem Wylereggladen in Bern Bio-Frischprodukte lieferte, war der gestern verstorbene  Endo Anaconda dort (unter anderem) Ladenmitarbeiter und nahm die Ware in Empfang. So oft ich danach Bilder von ihm gesehen hatte, wunderte ich mich, dass er eigentlich immer gleich aussah – während den nun immerhin etwa 35 Jahren. Dieses Youtube-Video vermittelt einen Eindruck von seiner Persönlichkeit und seinem Temperament. Dieser Talk entstand im Mai 2017 in Herisau. Endo äusserte seine Sorge zur Welt, die wir den Kindern hinterlassen. Zu sich selber trug er nicht so sehr sorge.

Exklusivität Eigenheim

Wellhausen«Wenig eignet sich so gut für die Vermögensbildung und die Altersvorsorge wie Wohneigentum. Wird das Eigenheim für den Grossteil der Bevölkerung unerreichbar, führt dies zu massiven Umverteilungseffekten. Das sollte der Politik nicht egal sein.» Es kommt ab und zu vor, dass NZZ-Redaktoren Besorgnis wegen Umverteilung äussern – in der Regel dann, wenn ein politischer Vorstoss darauf abzielt, den gut Verdienenden oder Vermögenden etwas zu nehmen, um es denjenigen zukommen zu lassen, die sich nur knapp über Wasser halten können. Hier nun ein Kommentar mit gegenteiligem Ziel. Wenn das Eigenheim zur Exklusivität wird, dann profitiert nur eine begrenzte Anzahl von Einwohnern von den exorbitanten Bodenpreissteigerungen. Warum kümmert das die NZZ? Zwei Erklärungen sind möglich: Einerseits ist erfahrungsgemäss dann eine mehrheitlich stabil bürgerliche Einstellung am wahrscheinlichsten, wenn eine Mehrheit der Bürger im eigenen Hüsli lebt. Das «stabilisiert» die Lebenseinstellungen. Es gibt aber auch eine vordergründigere Erklärung: einem parlamentarischen Vorstoss zur Wohneigentumsförderung soll Flankenschutz gewährt werden. (Parlamentarische Motion der Urner Ständerätin Heidi Z’graggen vom Dezember 2021.)

Hier geht’s zum Beitrag.

Querdenken und die Hüterin organisierter Skepsis

auguste rodin Der Denker Detail 1881«Mistrauisch? Zweifelnd? Skeptisch? All diese Eigenschaften kritischen Denkens werden derzeit von selbsternannten ‚Querdenkern‘ und Trump-Anhänger:innen gekapert. Doch denen geht es weniger um Wahrheitssuche, konstruktive Kritik und demokratische Debatte als sie vorgeben» …. Und weil das Misstrauen – oder auch die Skepsis oder der Zweifel – gekapert worden sind, wie der Titel zum hier diskutierten Aufsatz nahelegt, fehlen sie nun den etablierten Wissenschaften, zu deren Konstitution Zweifel spätestens seit Descartes eigentlich gehört. Dass Skepsis fehlt, geht allein schon aus diesem Lead auf der Website «Geschichte der Gegenwart» hervor. Gleich eingangs ist ein «s» aus dem Misstrauen gekapert worden. Und weiter unten wird die Autorin Jeanne Moser genannt, während sie sonst mit Jeannie Moser zeichnet (hier scheinen Querdenker ein «i» als Ersatz hineingeschmuggelt zu haben, so quer sind sie offenbar also doch nicht.) Aber auch sonst will sich in diesem Aufsatz nicht alles so recht reimen. Doch die Autorin ist nicht die Erste und sicher auch nicht die Letzte, die sich erfolglos mit dem Thema «Querdenken» abmüht. Der Aufsatz wartet mit einigen Absurditäten auf, sodass ich mich bis am Schluss nicht so recht entscheiden mochte: ist hier eine Kritik am Platz oder doch eher eine Glosse?

Hier geht's zum Beitrag

Der Beitrag hat zum Widerspruch herausgefordert. Eine Replik schliesst an den Beitrag an.