Auf der Suche nach Fakten

Vor einem knappen Jahr schrieb ich auf dieser Website:

Zu welchem Zeitpunkt kann man die Gefährlichkeit einer Krankheit oder einer Epidemie einschätzen? Bei Covid19 waren die Urteile vielerorts schon gemacht, bevor sich die Infektionen so richtig ausbreiteten. Das scheint zum Krankheitsbild dieser Epidemie zu gehören.

Ich bezog mich dabei auf Voten, die Covid19 umgehend als normale Grippe beurteilten. Ich wehrte mich gegen vorschnelle Verharmlosungen. Denn Urteile kann man ja nur fällen, wenn man den Gegenstand des Urteils einigermassen vollständig überblickt. Diese Bedingung schien mir damals noch nicht gegeben. Heute sorge ich mich um einen anderen Aspekt der Seuchendiskussion: Die befürchteten dramatischen Entwicklungen von damals sind nicht im erwarteten Ausmass eingetroffen. (In welchem Grad die getroffenen Massnahmen dafür ursächlich sind, ist nicht ganz einfach zu ermessen.) Die erheblichen Risiken, von denen damals vorsichtshalber ausgegangen werden musste, wurden überschätzt. Die massgeblichen Behörden und Experten unternehmen aber nichts, um in der Öffentlichkeit angemessene Haltungen und Verhaltensweisen zu erreichen und Massnahmen anzupassen.

Die Folge: Einerseits leiden vor allem ängstliche Menschen sehr unter der Situation. Leben in allen Fazetten seiner Bedeutung, vom jugendlichen Bewegungsdrang bis zu kulturellen Veranstaltungen wird in einem Ausmass be- und verhindert, das nicht ohne negative Folgen bleiben wird. Erkrankungen und Todesfälle sind statistisch erfassbare «Schäden». Angst, Einsamkeit, Trauer, Behinderung von Entwicklungen, verhinderte Freude usw. sind versteckte Schäden. Andererseits wird die Neigung, Massnahmen zu missachten, immer grösser. An die Stelle von Einsicht und Überzeugung tritt Polizeigewalt.

Es ist verständlich, dass die Behörden ihre Massnahmen auf die Beeinflussung (Vermeidung) der statistisch erfassbaren Schäden konzentrieren. Güterabwägungen wären aber dringend nötig, scheinen aber tabuisiert. Die Reaktionsweise in Einzelfällen (zum Beispiel die Rettung eines Verschütteten Bergarbeiters ohne Begrenzung der eingesetzten Mittel) wird auf die Gesellschaft übertragen: auch sehr alte Menschen sind deshalb um jeden Preis vor Erkrankung und Tod zu bewahren. Dass solche Überlegungen als völlig unstatthaft angesehen werden, zeigt das Beispiel des Oberbürgermeisters Boris Palmer aus Tübingen.

Es ist die Pflicht des Arztes, alles daran zu setzen, erkrankte Menschen vor dem Tod zu bewahren. Ihr hippokratischer Eid bezieht sich auf die Patienten, die sich ihnen anvertrauen, auf Individuen, nicht auf die Gesellschaft. Doch die Gesundheitsbehörden gehen mit den Auswirkungen von Covid19 so um, wie wenn eine leicht erhöhte Sterblichkeit (auch von alten und sehr alten) Menschen mit derselben Absolutheit zu vermeiden wäre wie der Tod eines einzelnen Individuums – koste es, was es wolle.

Es ist verständlich, dass Virologen auf das Virus fokussieren. So wie im Lebensmittelbereich jeder Keim eine potentielle Gefahr darstellt, scheint im Bereich höheren Lebens jedes Virus eine akute Gefahr zu sein. Aus diesen Haltungen resultieren lebensfremde oder lebensfeindliche Idealbilder einer aseptischen Welt und der entsprechenden Massnahmen, eine solche zu erreichen. (Ein Beispiel aus dem Lebensmittelbereich: Die Verfütterung von Lebensmittelabfällen an Schweine ist aus hygienischen Gründen verboten, was zu einer geradezu irrsinnigen Vernichtung von Nährstoffen führt.)

Die Lebensfremdheit von Massnahmen und Verhaltensweisen sei noch anhand eines andern Beispiels illustriert:

Es fällt mir auf, wie viel weniger Kinder heute Risiken eingehen dürfen. Viele werden mit dem Auto zur Schule gebracht. Auf Spielplätzen stehen zertifizierte Geräte auf Gummimatten; eine Gigampfi (Wippe) ist ein Gerät mit Federn – wie lässt sich da das Gleichgewicht noch erfahren? Als Kind allein ohne verantwortliche Person in den Wald zu gehen oder ein ÖV-Verkehrsmittel zu benützen, kommt für viele nicht mehr in Frage. Selbstverständlich lauern überall Risiken. Leben und Risiko gehören zusammen. Remo Largo hat viel darüber geschrieben. Nicht über die Gefahren, sondern über die Entwicklungchancen, die in den Risiken stecken.

Debatten, die nicht stattfinden

In den ersten Monaten der Pandemie versuchte ich zu einem Urteil zu kommen. Auf der einen Seite gab es die behördlichen Einschätzungen und Massnahmen, auf der anderen Seite deren Ablehnung, teilweise garniert mit gelegentlich abenteuerlichen verschwörungstheoretischen Eskapaden.
Unter einem Aspekt unterscheiden sich die beiden Haltungen nicht. Auf beiden Seiten ist der Glaube an die Position, mit der man sich identifiziert, ein für die Debatte eng begrenzender Faktor. Dies ist insofern verständlich, als es sich um eine wissenschaftlich anspruchsvolle Materie handelt.

Jüngst sandte mir ein Freund das Diskussionspapier (bzw. offenen Brief) des Vereins namens Aletheia (Medizin und Wissenschaft für Verhältnismässigkeit) zu, in welchem eine ganze Reihe von Standpunkten von Behörden und Experten in Frage gestellt werden. Das Papier sprach mich an, weil es Emotionalisierung und Schuldzuweisungen vermeidet, ebenso Narrative über vermutete Strippenzieher im Hintergrund («Verschwörungstheorien»). Zu vielen Aussagen werden Belege angegeben, was mindestens seriös wirkt, in Kürze von mir aber nicht beurteilt werden kann. (Auf zwei Aspekte komme ich unten zurück.)
Dieses Papier sandte ich einem Freund weiter, einem engagierten linken Juristen. Dies, weil ich hoffte, zu Argumenten aus ganz anderer Perspektive zu kommen, aber auch deshalb, weil mir aufgefallen war, dass von linken Parteien ebenso wie von der linken Wochenzeitung WOZ nie Kritik an der behördlichen Corona-Bekämpfungspolitik geäussert worden ist. (In einigen WOZ-Leserbriefen wurde dies moniert). Ich verstehe diese Haltung vor dem Hintergrund meiner folgenden zwei Beobachtungen: 1. Linke Parteien haben eine höhere Wissenschafts- und Technik-Affinität als rechte. Weder die Anti-AKW-Bewegung noch die Umweltbewegung sind im Schosse der Linken entstanden. 2. Linke Parteien haben tendenziell eine gouvernementalere Haltung als rechte oder liberale. Dass der zuständige Gesundheitsminister Sozialdemokrat ist, dürfte diese Haltung verstärken.

Schon am folgenden Tag erhielt ich seine Antwort, die ich hier nur leicht gekürzt zitieren:

Ich habe eben das Schreiben von ALETHEIA diagonal gelesen und mich darauf telefonisch bei meinem Jugendfreund, SP-Mitglied und pensionierten Arzt XY erkundigt, was er davon halte. Seine Kurzanwort: SCHROTT! [die Kürze der Antwort entschuldigend, schob er nach: er war gerade beim Mittagessen.] Offensichtlich teilt die grosse Mehrheit der Ärzteschaft und Pflegenden nicht die Meinung dieser [unterschreibenden] 8 Ärzte, 2 Rechtsanwälte und je einer Pflegefachfrau und Naturwissenschafterin. Dem Präsidenten dieser angeblichen Gegen-Experten, Dr. med. Andreas Heisler, Ebikon, wurde im Februar auch die Praxisbewilligung entzogen. – Soviel zur 'Glaubwürdigkeit' dieser 'Fach-Mahnung' für 'Verhältnismässigkeit'. … Leider gehören diese Leute m.E. zu einer 'Verschwörungsgruppe' von undefinierter extremer Heterodoxie.

Mit der Disqualifizierung der Herkunft des Papiers war meine Hoffnung auf eine inhaltliche Diskussion natürlich nicht erfüllt, was ich in meiner Antwort zum Ausdruck brachte – nebst einzelnen konkreten Themen, deren Klärung mir ein Anliegen sind (siehe auch unten). Ich schloss folgendermassen:

Ein Covid19-Mainstream, der im Reaktionsmuster «Schrott» oder «Verschwörungstheorie» verharrt, kann sich allerdings von einem Diskurs dispensieren – oder hat sich längst dispensiert. Das wäre etwa so, wie wenn in den Wirtschaftswissenschaften jeder, der sich nicht zu Hayek bekennt, vom Diskurs ausgeschlossen würde.

Einzelne Aspekte griff mein E-Mail-Partner auf und schloss folgendermassen:

Letztlich befinden wir uns aber weitgehend in Glaubens- und Interessen-Diskussionen. Was zählt mehr: ev. übertriebene Gesundheitsmassnahmen oder wirtschaftliches Wachstum, Profite und kurzfristige Sicherung von bestimmten Arbeitsplätzen und Branchen, die ja bisher grosszügig entschädigt wurden? Persönlich bin ich lieber ‚wissenschaftsgläubig‘ als ein Anhänger umstrittener Heterodoxien.

Natürlich kann ich mich mit Dichotomien à la übertriebene Gesundheitsmassnahmen versus Wachstum / Profite nicht befreunden – gerade auch aus den Gründen, die ich oben ausführte. Für mich spielt die Dichotomie «übertriebene Gesundheitsmassnahmen versus Leben» eine wichtigere Rolle als das Schlagwort Profit. Nach einem neuerlichen Versuch, methodisch und inhaltlich zu argumentieren folgte sein Schlusswort:

Ich respektiere deine Meinung, möchte unsere Corona-Diskussion aber nun beenden. Wir haben offensichtlich andere Vorstellungen von 'Faktenorientierung' und sprachlich korrekten Interpretationen.

Das bedauerte ich: schade. Gerade auch deshalb, weil es sich um ein Thema handelt, das im öffentlichen Diskurs nur einen Mainstream-Standpunkt duldet. Was davon abweicht, fällt der Marginalisierung anheim (Verschwörungstheorien usw.). Das finde ich gesellschaftlich fatal.

Faktenorientierung?

Im Mailwechsel sind wir kaum zu einer Faktendiskussionen gelangt. Der Entzug der Praxisbewilligung für den Aletheia-Gründer ist durchaus ein Faktum. Klug war seine Verhaltensweise keineswegs, vor allem nicht im Hinblick auf die Absicht, mit inhaltlichen Diskussionen die öffentliche Meinung beeinflussen zu wollen. Wer fragt sich da nicht mit einem gewissen Recht: Kann man Argumenten von jemandem vertrauen, der behördliche Anordnungen übertritt? Obwohl das Eine (Berufsverbot) mit dem Anderen (inhaltliche Gesichtspunkte zur Pandemiediskussion) eigentlich nichts zu tun hat, gerät das Berufsverbot umgehend zum Argument im Rahmen der ganzen Diskussion. (Waren linke Lehrer mit Berufsverbot in den 60er/70er Jahren schlechte Pädagogen? Disqualifizieren sich Kriegsdienstverweigerer als Fachleute?)

Infektionen und deren Nachweis

Ein zentraler Punkt im Aletheia-Papier betrifft die Frage der Infektionen. (Über den Unsinn täglicher Infektionsmeldungen in absoluten Zahlen, die mit den Anzahl Test schwanken, habe ich bereits früher geschrieben.) Diese Zahlen wurden zum Gradmesser der Pandemie schlechthin. Mit dem Verweis auf diese Zahlen werden Massnahmen begründet, während über Ansteckungswege äusserst wenig bekannt wurde. Von grossen Feldstudien mit Bewegungsdaten (= Handydaten) von einigen Tausend Personen habe ich bisher nichts vernommen. Man hat herausgefunden, dass die meisten Ansteckungen in der Familie vor-kommen. Und wer hat das Virus woher in die Familie gebracht? Vor allem hier wären Antworten interessant. Doch Experten und Behörden scheint es wohl zu sein bei ihren Hypothesen. Ihr Handeln war dementsprechend immer nur beschränkt faktenbasiert. Doch wie steht es mit dem ständig zitierten Faktum Infektionszahl?

Das Aletheia-Papier zitiert einen Peer-Review-Report einer publizierten Arbeit von Corman-Drosten. Die Aletheia-Autoren referieren diese Arbeit: Gemäss diesem Report zeigt der von Corman-Drosten entwickelte RT-PCR-Test wesentliche wissenschaftliche Mängel auf molekularer und methodischer Ebene auf. Eines der Probleme bei diesem Test: Beim Test werden nur Fragmente eines in einem Computermodell erzeugten mRNA, welches Covid-19 zugeordnet wird, festgestellt und kein ganzes intaktes vermehrungsfähiges Virus. Das wichtigste Kriterium wird nicht nachgewiesen: «Besiedelung und Vermehrung». Die Konsequenz daraus kann sich auch ein Laie vorstellen: Wenn die Tests positiv auf nicht vermehrbare, nicht ansteckende Viren-Fragmente reagieren, dann werden Infektionszahlen ausgewiesen, die massiv überhöht sein können.

In die Richtung dieses Problems wies die Interpellation der SVP-Nationalrätin Sandra Solberger am 29.10.2020 (hier gekürzt):

Um eine saubere Datengrundlage zu haben und darauf eine solide Strategie aufzubauen, wird der Bundesrat gebeten, folgende Fragen zu beantworten:
1. Ist es korrekt, dass der PCR-Test zur Detektion von COVID-19-Erregern auch Virenfragmente erkennt und daher die positiv getesteten Personen nicht zwangsläufig krank oder infektiös sind?

Der Bundesrat antwortete am 3.2.2021:

Ein PCR-Test erkennt ein vor der Messung spezifisch amplifiziertes Fragment des viralen Genoms (d.h. den genetischen Code des Virus).
Klinisch kann die Krankheit Covid-19 in verschiedenen Formen auftreten, die vom fast vollständigen Fehlen von Symptomen bis hin zu schwersten Verläufen reichen. Es ist daher möglich, dass Personen positiv getestet werden, ohne jegliche Symptome zu zeigen. Die Ansteckungsfähigkeit beginnt 1 bis 2 Tage vor Symptombeginn und kann mehrere Tage anhalten.

Der Bundesrat verwendet den Begriff Fragment, vermeidet aber zu bestätigen, dass Fragmente nicht entwicklungsfähig bzw. infektiös sein müssen. Er vermeidet auch zu bestätigen, dass positiv Getestete nicht zwangsläufig infektiös sind. Wenn er dazu Stellung genommen hätte, hätte wohl zwangsläufig die Frage folgen müssen, welchen Wert die täglich kommunizierten Fallzahlen haben. Sehr vertrauenserweckend erscheint mir diese Stellungnahme nicht. Es ist richtig, wenn Aletheia hier Klartext einfordert.

Wer Angst hat, ist vorsichtig.
Wer Angst macht, hat seine Verantwortung wahrgenommen.

Zu den ersten Massnahmen Anfang 2020 gehörten Händewaschen und ständige Desinfektionen. Das waren (und sind) nicht nur Hygienemassnahmen, sondern auch Botschaften: Das todbringende Virus droht mir von jeder Berührung. Händeschütteln, ein normaler menschlicher Kontakt, kam gar nicht mehr in Frage. Wie hoch das Risiko ist – darüber gab es keine Aussagen. Am besten ist, man hat einfach Angst und verhält sich entsprechend. Aber gab es wenigstens einschlägige Untersuchungen, um ein angemessenes und nicht nur ein maximal ängstliches Verhalten zu ermöglichen?
Erstmals hörte ich im Januar 2021 am Radio drs von einer Untersuchung aus den USA. Ergebnis: das Übertragungsrisiko ist zu vernachlässigen.

Dann wurde am 4. Februar 2021 im Echo der Zeit von einer weiteren Untersuchung berichtet: Corona ist eine Tröpfcheninfektion, wie Schnupfen oder Grippe. Wie stark man sich auch auf anderen Wegen ansteckt, darüber wird bis heute diskutiert. Zwei Studien unter Beteiligung der Eawag, dem Wasserforschungsinstitut der ETH, zeigen: Ansteckungen über Oberflächen scheinen sehr selten zu sein. … Diese Studien seien interessant, sagt Hugo Sax. Er ist Infektiologe und war bis zu seiner kürzlichen Pensionierung Leiter der Spitalhygiene am Unispital Zürich. Er hat vor einigen Jahren ähnliche Studien mit Grippeviren durchgeführt. «Diese Studien zeigen häufig, dass kein infektiöses Virus mehr nachweisbar ist», sagt er. Das heisst, dass Studien wie die von Tim Julian das Risiko sogar eher überschätzen, wenn nur Genmaterial angeschaut wird.»

Dreierlei lässt sich aus dem Gesagten ableiten:

  1. Von hohem Risiko zu sprechen, erzeugt Angst. Angst diszipliniert.
  2. Wer warnt, signalisiert, dass er Verantwortung wahrnimmt. Gleichzeitig entlastet er sich. Wenn dann doch etwas passiert, lässt sich sagen: Ich habe ja gewarnt. An mir liegt es nicht. (Ich kenne diese Situation von Entscheidungen im Hinblick auf Unternehmensbeteiligungen: Wer vor Risiken warnt, ist immer auf der richtigen Seite. Wenn der Risiko-Fall nicht eintritt, spricht man nicht darüber, wenn er eintritt, kann der Warner sagen: ich hab’ ja gewarnt.)
  3. Die Punkte 1 und 2 bewirken, dass das wirkliche Risiko eher nicht untersucht wird. Beim elementaren Punkt der Hand-Hygiene dauerte es ein Jahr, bis Untersuchungsbefunde in die Öffentlichkeit drangen. Von Anpassungen der Empfehlungen ist trotzdem nicht die Rede, etwa im Sinn von: gebt Euch die Hände wieder, es wird euch guttun.

Von hier lässt sich zurückblenden: Auch hohe Infektionszahlen haben diesen Effekt. Sie sagen: wir sind von Viren umgeben, meidet Kontakte. Wir nehmen unsere Verantwortung wahr, wenn wir täglich auf das Infektionsgeschehen hinweisen.

Damit wäre ein Versuch gemacht, einzelne Punkte anzusprechen. Wer allein die Möglichkeit sieht, den Behörden und Verlautbarungen von Experten zu glauben und die Ungläubigen ins Pfefferland der Verschwörungstheoretiker zu schicken, gibt vorschnell auf und unterschätzt die Möglichkeiten, die ein kritischer Bürger hierzulande vielleicht doch hat.

Zwei Nachträge am 24.3.2021

Info-Sperber im Zusammenhang der Kritik an den Infektionszahlen:

Info-Sperber am 23.3.21: «In Zukunft will der Bundesrat die Positivrate nicht mehr berücksichtigen, wie das Bundesamt für Gesundheit Infosperber am Dienstag mitteilte. Das BAG begründete den Verzicht damit, dass die Positivrate ‹im Rahmen der Ausweitung der Teststrategie in den nächsten Wochen an Aussagekraft und damit Bedeutung verlieren wird›. Deshalb werde im Vergleich zum letzten Öffnungsschritt ‹auf die Positivitätsrate als Richtwert in Zukunft verzichtet›.» 

Aber wahrscheinlich werden uns die Medien weiterhin täglich Infektionszahlen servieren (M.W.)

Ruedi Höhn empfiehlt diese Kontext-Sendung:

https://m.srf.ch/audio/kontext/talk-mit-dem-ethiker-frank-mathwig?id=11949808
Der Ethiker Frank Mathwig betont am Anfang der Sendung dn Begriff der Vulnerabilität. Im Gegensatz zur fast immer nur als körperlich verstandenen Vulnerabilität umfasst dieser Begriff alle Betroffenen, nicht nur die von Infektionen Bedrohten, sondern ebenso diejenigen, welche z.B. mit Angst oder anderen seelischen Reaktionen stark auf behördliche Massnahmen der Bewegungseinschränkung und des Abschliessens reagieren.

Corona-Skeptiker

Ich gehe davon aus, dass Menschen, die Mühe mit Erklärungen und Massnahmen betreffend Corona haben, in verschiedener Hinsicht auch Mühe mit Mainstream-Deutungen und Antworten im Zusammenhang mit sozialen und Lebensvorgängen bekunden. Vier Aspekte scheinen mir von Bedeutung:

1. Mühe mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild
Die dominante, rationale Vorstellung der Funktionsweise allen Lebens ist kausal-mechanistisch. Sie erklärt vieles. Zum Beispiel: Pflanzen brauchen Stickstoff für ihr Wachstum. Also: Wenn ich Pflanzenwachstum will, muss ich Stickstoff zuführen. Jedoch: Nach Jahrzehnten des Stickstoffzuführens wird für alle deutlich, dass das eine (umweltschädliche) Sackgasse ist. Man versucht die Monokauslität durch Systemansätze zu erweitern. Man versucht, mikrobiologisch in immer kleinere Teile des Lebendigen vorzudringen, ohne zu wissen, was Leben eigentlich ist. Das Paradigma der kausal-mechanistischen Betrachtungsweise bleibt.

Viele Menschen sind zur Überzeugung gelangt, dass es noch andere Einflussfaktoren gibt, als nur «offiziell bestätigte» chemische und mechanische Wirkungen. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass naturwissenschaftlich argumentierende Verwaltungs- und Wirtschaftsvertreter keine Wirkung beispielsweise von Elektrosmog erkennen können – Wirkungen, die sie selber erfahren haben oder Menschen kennen, die darunter leiden.

2. Mühe mit dem medizinischen Weltbild
Das medizinische Weltbild baut auf dem naturwissenschaftlichen auf. Auch die Medizin ist äusserst erfolgreich. Doch viele Menschen nehmen sehr genau wahr, wie Ich-Kräfte und seelische Verfassung mit Erkrankung zusammenhängen. Das Immunsystem ist für sie das, was während des ganzen bisherigen Lebens auf Verletzungen unterschiedlichster Art reagiert und sich dabei immer weiter entwickelt hat. Sie können es nicht als befriedigende Antwort empfinden, wenn eine Erkrankung nur (zum Beispiel) mit einem Antibiotikum zurückgedrängt wird. Sie können die Stärke des Immunsystems nicht mit der Menge der Immunglobuline gleichsetzen. Auch eine Impfung ist nicht die umfassende Beantwortung einer Krankheitsbedrohung. «Seuchen sind keine böse Laune der Natur, sondern selbst gemacht, sie entste-hen dort, wo wir die Balance der mikrobiellen Populationen in gewachsenedn Ökosystemen zerstören.» (Thomas Hardtmuth, Goetheanum 18.12.20)

3. Mühe mit dem politischen System
Gute Staatsbürger, Loyalisten und Etatisten gewähren dem Staat einen grossen Vertrauensvorschuss. Schliesslich verkörpert der Staat (für sie) einen höheren Grad der Vernunft als das Individuum, das immer nur einen Teilaspekt sehen und vertreten kann. Für verschiedenste Strömungen, zu denen nicht nur Anarchisten gehören, verhält es sich genau umgekehrt. Und selbst wenn sie bereit sind, dem Staat einigen Vertrauenskredit einzuräumen, sind sie doch sehr misstrauisch, dass dieser den Kredit zur Machtentfaltung missbrauchen könnte. Sie weisen darauf hin, dass der Staat immer mehr Kompetenzen erhält oder an sich reisst und diese nie mehr preisgibt. Deshalb sind sie auch in Krisenzeiten kaum bereit, zusätzliche staatliche Einschränkungen zu akzeptieren. Beispiele der Staatskompromittierung gibt es unzählige – nicht nur im Rahmen der inkonsistenten Massnahmen, sondern auch im Rahmen dem höchst fragwürdigen Umgang mit Information (siehe beispielsweise den Fall des verschwundenen WHO-Berichts über das Epidemie-Management in Italien.)

4. Mühe mit der Wirtschaft
Die Wirtschaft spielt eine immer wichtigere Rolle im Gemeinwesen. Statt Wirtschaft kann man auch Kapital sagen. Denn dieses drängt an jeder Stelle des Gemeinwesens dazu, Rendite zu erzielen. Es sind nicht nur einzelne Kapitalisten, wie man sie früher karikierte, mit dickem Bauch, Zylinder und Zigarre, die alle anderen ausbeuten. Unser ganzes Wirtschaftssystem und unsere Eigentumsordnung, in welche beispielsweise die Altersvorsorge oder das Bodenrecht integriert sind, sind auf dieses System der Renditeerzielung ausgerichtet. Diese führt unter anderem zu einheitlicher (monokultureller) Bewirtschaftung ganzer Landschaften und damit auch zu Massentierhaltung, die wiederum Seuchen und Epidemien begünstigen. Beides mündet in Verdrängung von scheinbar nicht notwendigen Pflanzen und Tieren – inzwischen ruft man deshalb nach mehr Biodiversität. Ständig verschärfte Hygienemassnahmen, unter denen diejenigen Wirtschaftsweisen besonders leiden, die seit Jahrhunderten ohne Schäden zu verursachen, praktiziert worden sind, sind keine Antwort auf die massenhafte Ausbeutung der Natur.

Boden für Verschwörungstheorien

  • Wenn Menschen zur Kenntnis nehmen, dass die von Staat und Wirtschaft finanzierte Wissenschaft mit einseitigen Erkenntnisansätzen forscht;
  • wenn Menschen realisieren, dass nicht sie selber, sondern nur einzelne Mechanismen ihres Körpers ärztliche Aufmerksamkeit finden;
  • wenn Menschen erleben, dass Behörden mit inkonsistenten Begründungen ihre Freiheit beschneiden und kreative Wege verbauen;
  • wenn Menschen zur Kenntnis nehmen müssen, dass der Staat nach der Pfeife des Kapitals tanzt,

dann verwundert wenig, wenn viele nach denjenigen suchen, die im Hintergrund Fäden ziehen; es verwundert wenig, wenn absurdeste Ideen kursieren, welche Personen und Organisationen die Rolle der Bösewichte übernommen haben sollen.

Rechtschaffene Bürger
Gegen die angeordneten Corona-Massnahmen erwächst vor allem von denjenigen Widerstand, die wirtschaftliche Einbussen erleiden. Mehrheitlich folgen die Menschen den staatlichen Anordnungen. Es fällt auf, dass dies insbesondere auch für die Linke gilt, die gesellschaftlich-politisch sehr oft in der Opposition zur politischen Mehrheit steht. Eine der wenigen linken Zeitungen, die WOZ, musste mehrfach Kritik entgegennehmen, weil sie eher die Corona-Skeptiker, die sie am äussersten rechten Rand sieht, kritisiert, als die Entscheidungen der Behörden. Dies mag damit zusammenhängen, dass die Linke zu etatistischen und technisch-rationalen Positionen neigt. Impfen ist die Rettung. Impfskepsis ist irrational. (Es sei daran erinnert: Weder der «irrationale» Widerstand gegen AKWs noch die Umweltbewegungen sind im Schosse der Linken entstanden.)

Emotionaler Widerstand
Was verwundert, ist, dass nicht wenige Menschen, die eigentlich mit einem guten Wahrnehmungs- und Denkvermögen ausgestattet sind, vor allem in einer emotionalen Protesthaltung verharren. Die Protesthaltung äussert sich im besseren Fall in verbalem Widerstand:

  • im pauschalen Anzweifeln von Erkenntnissen («Corona ist nur eine Grippewelle»);
  • im Ablehnen der medizinischen Massnahmen («Impfung ist Gentech und sowieso gefährlich; mein Immunsystem wird damit fertig» - und dasjenige der Mitmenschen, die ich anstecke?);
  • in der Kritik staatlicher Anmassung («Corona-Gesetze sind der Anfang der Diktatur»);
  • in der Kritik am Wirtschaftssystem, das von Corona profitieren soll.

Oder sie äussert sich im schlechteren Fall einfach in einer diffusen Ablehnung von Maskenpflicht, von Kontakteinschränkungen, von Distanzempfehlungen. Menschen, die so reagieren, erkennen nicht, dass zwei Handlungsebenen auseinanderzuhalten sind:

  • Die Ebene der Erkenntnis und der Kritik: Alle oben angedeuteten Vorbehalte sind berechtigt. Kritik muss geübt werden.
  • Die Ebene des Handelns: Doch die ökologischen Missetaten sind nun einmal geschehen. Den Tieren wurde Lebensraum weggenommen, sie wurden in Massenställe gesperrt, Viren sind von den Tieren auf den Menschen übergegangen usw. – nun muss gegen die Epidemie etwas unternommen werden.

Verweigerungshaltung hilft niemandem. Menschen in Australien hätten angesichts der Waldbrände bei der ökologischen Kritik, bei Kritik an Behörden, die Kohleabbau-Förderung betreibt, bei der Kritik an der Wirtschaft, oder in der diffusen Ablehnung von Massnahmen verharren können, während die Wälder brannten. Zum Glück war in Australien allen klar, dass es vordringlich um das Feuerlöschen ging. Diffuse Ablehnung stösst keine Veränderungen an, auch diffuse Corona-Skepsis nicht. Die Forderung nach einer mittelfristig wirksamen Stärkung der Ökologie lässt sich nicht gegen akute Massnahmen der Seuchen-bekämpfung ausspielen.

Wer sind die Corona-Skeptiker?

Eine Basler soziologische Untersuchung hat sich daran gemacht, diese Frage zu beantworten. Doch man kann nur Meinungen oder Einstellungen erfragen, die vorhanden sind. (Dies im Unterschied zu Fragen zum effektiven Verhalten.) Wer schon Fragebogen der Einstellungsforschung ausgefüllt hat, weiss, dass von den vorgegebenen Antwortmöglichkeiten immer wieder eine ausgewählt werden soll, die einem nicht so recht passt. Das gehört zu den uralten, in der Vergangenheit oft diskutierten Problemen empirischer Sozialforschung. Trotzdem zögern Leser (und Journalisten) solcher Meinungsumfragen in der Regel nicht, die Ergebnisse zum Nennwert zu nehmen. Die Problematik ist da besonders akut, wo Einstellungen in Bewegung sind, wo ein Suchprozess noch andauert. Dies dürfte bei Corona-Skeptikern ausgesprochen zutreffen. Doch wer Einstellungen sucht, der findet (in der Basler Studie

Das Statement in dieser Studie «Auch heute noch ist der Einfluss von Juden auf die Politik zu gross» lehnen fast 55% der Befragten ab, 30% geben keine Antwort. Die Studienautoren dazu: «Es ist nicht unwahrscheinlich, dass viele Personen mit latenten antisemitischen Vorurteilen durch Nichtbeantwortung der Frage gewissermassen ‹ausgewichen› sind. Um dies valide zu überprüfen, wären allerdings noch umfassendere Untersuchungen notwendig. Unsere Daten reichen dafür bisher nicht aus. Insgesamt ist die relative Neigung zum Antisemitismus [kann man eine solche aus diesen Zahlen herauslesen? M.W.] insofern nicht überraschend, als wir es mit einer Bewegung zu tun haben, die viele Bezüge und eine hohe Neigung zum verschwörungstheoretischen Denken aufweist – und Verschwörungstheorien häufig antisemitische Züge aufweisen.»

An keiner anderen Stelle der Studie interpretieren die Autoren die Ergebnisse so «freihändig» wie bei der Antisemitismus-Frage. Die 30% «Stimmenthaltung» und in der Studie nicht belegte «Erfahrungen» einer antisemitischen Neigung von Verschwörungstheoretikern reichen aus, um einen solchen Schluss zu zie-hen, der in der WOZ mit «Feststellen lasse sich allerdings eine gewisse ‹Neigung zum Antisemitismus›» rezipiert wird …. Was die Corona-Skeptiker in ihrer Auffassung bestärken dürfte: «Die Medien und die Politik stecken unter einer Decke» (über 75% Zustimmung).

(Interessant an dieser Stelle ist vielleicht auch die Titelformulierung: «Antisemitische, antiautoritäre und anthroposophische Züge», interessant deshalb, weil sich keine der Fragen auf Anthroposophie bezog. Also auch hier eine ziemlich «freihändige» Formulierung.)

Antworten auf verschiedene Statements erfüllen die Erwartungen nicht, bei den Corona-Skeptikern handle es sich um klar rechtsaussen positionierte Menschen. Lassen sie sich wenigstens im Zusammenhang mit dem Wahlverhalten festmachen?

Nach dem Wahlverhalten befragt, antworten die Befragten in allen drei Ländern (D, CH, A), sie hätten die jeweilige Rechtsaussen-Partei gewählt. Und in einer nächsten Wahl würden sie noch viel deutlicher Rechtsaussen wählen: «43% würden bei der nächsten Wahl der SVP ihre Stimme geben». Gleichzeitig werden die folgenden beiden Statements mehrheitlich abgelehnt: «Es wird zu viel Rücksicht auf Minderheiten genommen» und «Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land». Nur 11.5% stimmen dem Statement zu «Studien, die einen Klimawandel belegen, sind meist gefälscht» (25% Enthaltungen). SVP-Wähler würden bei diesen drei Statements wohl konträr votieren. Trotzdem fasst die WOZ den Befund folgendermassen zusammen: «In der Schweiz sei die Bewegung relativ stark in der SVP verankert». Von «Verankerung in der SVP» ist in der Studie nicht die Rede. Aus der WOZ-Zusammenfassung spricht lediglich der Wunsch der linken Zeitung, die Corona-Skeptiker eindeutig rechts verorten zu können. Denn wenn das langjährig gepflegte Links-Rechts-Schema nicht mehr zur Einordnung taugt, droht auch der WOZ Orientierungslosigkeit – eben vielleicht genau jene Orientierungslosigkeit, in der sich die Corona-Skeptiker heute befinden.

Schlussfolgerung

Corona-Skepsis ist Reaktion und Protest zugleich. Entsprechend finden sich «reaktionäre» und herrschaftskritische Einstellungen. Die etablierten politischen Strömungen und Parteien, die in sehr vielem übereinstimmen und eine «aufgeklärte» und mehr oder weniger liberale Agenda verfolgen, taugen – wie schon früher – als Gefässe des «irrationalen» Protests nicht: Sowohl die Anti-AKW-Bewegung wie die Bio-Oeko-Bewegung entwickelten sich ausserhalb der politischen Parteien von rechts bis links. Deren «rationale Orientierung» hatte nichts gegen eine Hightech-Energieerzeugung oder gegen eine High-tech-Landwirtschaft einzuwenden. Auch in der jetzigen Situation spricht die Ratio für einen Hightech-Umgang mit der Corona-Problematik, eingebettet in autoritäre staatliche Strukturen. Dass sich Corona-Skeptiker so irrational verhalten, macht es selbst der Protest-geübten Linken offenbar unmöglich, Corona-Skeptikern Verständnis entgegen zu bringen. So bieten denn die Rechtsaussenparteien in allen drei Ländern (D, CH, A) die einzige politische Protestmöglichkeit an, was es der Linken wiederum erleichtert, die Corona-Skeptiker als Rechtsaussen-Phänomen einzustufen oder zu denunzieren. – Somit ist die Welt wieder in Ordnung.

Das braune Erbe der Esoterik

Nehmen wir einmal an, eine Journalistin sollte einen Beitrag über das Hotel Sonne in einem abgelegenen Alpental schreiben. Statt hinzufahren, sucht sie auf einem Hotel-Portal im Internet nach diesem Hotel, liest die Selbstdarstellung des Hauses sowie die Gäste-Kommentare. Diese, darunter etliche kritische bis negative, fliessen in ihren Bericht ein.

Was heute über Corona-kritische Bewegungen und Anlässe geschrieben wird, erinnert an dieses (fiktive) Beispiel. Da ist seit wenigen Monaten plötzlich von Esoterik die Rede, einem Begriff, der es bisher kaum je in die Öffentlichkeit geschafft hat. Und nun soll eine Journalistin, die sich bisher nicht in diesem Bereich profiliert hat, kompetent darüber berichten.

Auch hier hilft das Internet. Zum Stichwort Esoterik, zu welchem ein Querverweis zur Anthroposophie selten fehlt, gibt es unzählige Kommentare, nicht nur freundliche. Weil die Journalistin keine profunden Kenntnisse hat, lässt sie sich nicht auf die Äste hinaus, sondern lässt es oft bei Andeutungen bewenden. Ein solcher Satz lautet dann zum Beispiel: «Seine Rede ist vielmehr voller alter rechtsesoterischer Refe-renzen: Friedrich Schiller kommt darin vor und Rudolf Steiner.»

Der ganze WOZ-Beitrag ist hier zu lesen.

Der WOZ-Redaktion habe ich einen Leserbrief geschickt, der am 15.10.2020 publiziert wurde. Er folgt unten.

Der Artikel in der WOZ steht in der Presselandschaft nicht einsam da. Die etwas nebelver-hangene Szene der Strömungen, die sich im Corona-Protest vereinen, ohne ausser in ihrer kritischen Haltung viel miteinander zu tun zu haben, verlockt zu genauso nebulösen Kommentaren. Auf einen auf Zeit online publizierten Artikel, der sich auf Anthroposophie bezieht, reagierte Peter Selg. Dieser «offene Leserbrief» ist hier zu finden.

Leserbrief an die WOZ-Redaktion:

Esoterik?
Sarah Schmalz erledigt ihre Aufgabe beim Schreiben über die Konstanzer Anti-Corona-Demo sicher nicht schlechter als Kollege René Scheu vom NZZ Feuilleton, wenn er über Linksintellektuelle schreibt (oder schreiben lässt). Eigentlich ist die Aufgabe unlösbar. Am einen Ort heisst es Die Linksintellektuellen, am anderen Die Esoteriker, wo man bereits mit oberflächlichen Kenntnissen feststellen wird, dass man weder die Einen noch die Anderen in jeweils einen Topf werfen kann. Pauschalisierungen sind das Eine, bewusst oder fahrlässig gesetzte Konnotationen das Andere. Was soll man beispielsweise mit einem Satz wie dem folgenden anfangen «Seine Rede ist … voller rechtsesoterischer Referenzen: Friedrich Schiller kommt darin vor und Rudolf Steiner.» (Schiller eine rechtsesoterische Referenz?) Und wenn Frau Schmalz behauptet, dass «das antisemitische Stereoptyp der jüdisch kontrollierten Bankensysteme damals wie heute zur Forderung nach einem alternativen Geldsystem» führe, legt der Duktus ihrer ganzen Schreibe nahe, dass auch der Umkehrschluss gilt: wo alternative Geldsysteme diskutiert werden, ist Antisemitismus nicht weit (Tausch- und Geldkreise und Vollgeldinitianten werden sich bedanken). In die Nebelschwaden des Berichts, die ebenso der Szene wie Sarah Schmalz anzulasten sind, sei mir erlaubt, einen klaren Satz zu stellen: Steiner war Esoteriker und Antikapitalist, Antinationalist und Antirassist – was ohne weiteres zu belegen ist.
Matthias Wiesmann, Frauenfeld

Die Gefolgsleute des Gerüchts

Die Wochenschrift Das Goetheanum veröffentlichte am 4. März 2021 einen wohltuend nüchternen Artikel des Arztes Georg Soldner. Dazu gab es ein paar Kommentare. Eine Frau M. H.-K. schrieb unter anderem: «Die andere Frage , die ich Ihnen stellen möchte, ist: wie stehen Sie dazu, dass 25% der „Frischgeimpften“ innerhalb der ersten 2 Wochen nach dieser sog. „Impfung“ unter Qualen versterben ? Und das weltweit !» (Frau M. H.K. geht nicht von einer Impfung, sondern von einer Genmanipulation aus, deshalb die Anführungsstriche.)

Was bedeutet Frau M H.-K.s Aussage?

Bis am 7. März wurden gemäss Website statista über 300 Millionen Menschen geimpft, in Israel beispielsweise über 8.5 Mio Menschen. Wäre Frau M. H.-K.s Aussage wahr, so gäbe es inzwischen weltweit über 70 Mio Impfopfer (-tote). In Israel allein wäre gegen ¼ der Bevölkerung verstorben – ohne dass man davon etwas gehört hätte?! Auch wenn manche der Impflobby vieles zutrauen: die Unterdrückung von Informationen über ein Massensterben hätte sie wohl kaum im Griff. Sehr viele Informationen zu Covid bzw. zum Impfen sind spekulativ und für einen Laien nicht überprüfbar. Dann gibt es aber welche, wie die eben von Frau M. H.-K., deren Plausibilität ohne weiteres überprüft werden kann. Man muss nur einfach das Denken in Betrieb nehmen und nicht nur den Rumores nachhasten.

Beschränkte, asoziale Optik

Viele Kritiker behördlicher Massnahmen kritisieren (zu Recht) ein partikuläres Denken. Man schaue nur auf die Wirtschaft, oder auf die Alten, oder auf ….
Was mir an der Impfkritik auffällt, ist die Tendenz, nur an das eigene Wohl zu denken: Könnte mir die Impfung schaden? Ja, vielleicht schadet sie mir. Aber in unserer aktuellen sozialen Situation ist sie nützlich. Nun können die Kinder, die wir bis vor einem Jahr jeweils montags betreuten, endlich wieder zu uns kommen. Ich als Hochrisikoperson war ein Jahr lang das Hindernis (bzw. die Befürchtung war das Hindernis, ich könnte angesteckt werden). Die Kinder wollen wieder kommen, nicht etwa nur weil unsere Honigbrötli zum Zvieri besser sind. Nun ist das wieder möglich. (Oder hätte ich sagen sollen: Ich zweifle an der Impfung, ich mache da nicht mit. Bleibt weiterhin, wo ihr seid?)

Jede / jeder ist in einer sozialen Situation, die in die Überlegungen einbezogen werden sollte. Weshalb soll ich nicht einen gewissen (möglichen) Schaden auf mich nehmen, wenn es dem weiteren sozialen Zusammenhang nützt?

Rückeroberung zu Corona-Zeiten

Vor vierzig Jahren schrieb der Schweizer Schriftsteller und Kabarettist Franz Hohler die Parabel «Die Rückeroberung».

«Eines Tages, als ich an meinem Schreibtisch saß und zum Fenster hinausschaute, sah ich, daß sich auf der Fernsehantenne des gegenüberliegenden Hauses ein Adler niedergelassen hatte. Ich muß dazu sagen, daß ich in Zürich wohne und daß Adler bei uns nur in den Alpen vorkommen, am nächsten von hier vielleicht in den Bergen von Glarus, etwa 50 Kilometer von der Stadt entfernt. Trotzdem war ich sicher, daß dies ein Adler war, seine erstaunliche Größe, die herausfordernde Haltung des Kopfes wiesen mich an jenen ausgestopften Vitrinenvogel im Schulhaus meiner Jugend zurück, an dem wir auf dem Weg zur Turnhalle immer vorbeigehen mußten und der auf einem Kartentäfelchen mit "Steinadler" angeschrieben war. Es war für mich ganz klar, daß da drüben auf der Antenne des Nachbarhauses ein Steinadler saß.»

Die Parabel wurde zu einem Symbol der Oeko- und Klimabewegung. Franz Hohler hatte mit dieser Parabel eine Imagination vorgelegt, die – gelesen zu Corona-Zeiten – von geradezu bedrückender Aktualität ist. Sie reicht sehr viel weiter als das, was sie vordergründig schildert.

Hohler führt weiter aus, dass man die Adler in der Stadt zu tolerieren begann, weil sie auch Ratten frassen, von denen es in der Stadt mehr als genug gab. «Schon hatte man sich daran gewöhnt, daß auf der Straße plötzlich ein Adler neben einem zu Boden gehen konnte, um eine streunende Katze zu Tode zu beißen, als ein neuer Vorfall die Leute beunruhigte.» An einem der verkehrsreichsten Plätze Zürichs wurde eines Morgens ein Hirschgeweih gefunden. Man rätselte. Den dazugehörenden Hirsch hatte niemand gesehen. Doch drei Monate später rief morgens um vier Uhr ein Morgenspaziergänger die Polizei an, «in der Parkanlage beim Bürkliplatz hielten sich eine Anzahl Hirsche auf und versperrten die Fußwege.» Die Hirsche zogen durch die Stadt. Sie machten keine Anstalten, in die Wälder am Stadtrand zu ziehen. Man versuchte, sie in einer Parkanlage einzuzäunen. Doch von hier auszubrechen war für die mächtigen Tiere kein Problem. «Scharfschützen waren aufgeboten, Wildhüter und Jagdaufseher kamen dazu … Die Tramwagen stauten sich, ohne daß sich die Passagiere getrauten, auszusteigen, die Automobilisten versuchten ihre Wagen auf das Trottoir zu steuern, einige ließen angesichts der nahenden Herde ihr Auto mitten auf der Straße stehen und flüchteten in einen Hauseingang … vom Einsatz von Lautsprechern sah man nach dem Rat des Zoodirektors ab, um durch den Lärm keine Panik unter den Hirschen zu verursachen, denn ein Durchbrechen der Herde war das, was man am meisten fürchtete». Vor einem Platzregen zog sich die Herde in ein Parkhaus zurück. Hier hoffte man sie gefangen setzen und abschiessen zu können. Doch auch dies wollte nicht gelingen. «Eine einzige Hirschkuh verirrte sich in den unteren Ausgang und wurde von einer zornigen Garbe erfaßt, zugleich mit der Tanksäule, so daß sich das Blut des erlegten Tieres mit dem auslaufenden Öl zu einer rotbraunen Lache vereinigte.» Nichts wollte helfen. «Man gewöhnte sich einfach an das Bild eines durch eine Einbahnstraße preschenden Hirsches, der zu Pferd von einem lassoschwingenden Polizisten verfolgt wurde. Das hat auch etwas Schönes, gewiß, und auf eine Art ist es eine Bereicherung des Stadtlebens, aber irgendwie ist mit diesen Tieren auch der Schrecken wieder eingezogen. Das Schreien einer Katze zum Beispiel, die sich gegen den tödlichen Zugriff eines Adlers wehrt, ist fast nicht auszuhalten.» Und als der Winter einzog, zogen mit ihm neue Gäste ein. «Beim Hirsch, der an einem nebligen Vormittag in der Mitte des Hardturmstadions gefunden wurde und von dem außer Haut und Knochen nur noch die blutigen Innereien dalagen und den Schnee ringsum rot färbten, dachte man zuerst, er sei von Hunden angefallen worden, aber als der Kantonstierarzt die Spuren sah, wurde er unsicher und ließ einige Biologen kommen. Gemeinsam studierten sie nun den Schauplatz und gaben dann ihren Bescheid bekannt. Diese Spur, sagte der Kantonstierarzt, während das Biologenteam hinter ihm düster zu Boden blickte, stammt vom Wolf, und wir haben es hier nicht mit einem einzelnen Wolf zu tun, sondern mit einem ganzen Rudel. … Die ersten, die dann die Wölfe zu Gesicht bekamen, waren die Kinder aus der Schulklasse meines achtjährigen Buben. Als sie an einem Morgen in der Turnstunde am Waldrand des Käferbergs schlittelten, waren die Wölfe plötzlich da und stürzten sich auf den hintersten der Gruppe, den Sohn eines Jugoslawen. Er habe nur einmal geschrien, sagte die Lehrerin, die vor Entsetzen außer sich war, anscheinend hatten ihm die Wölfe gleich die Halsschlagader durchgebissen. … Von nun an herrschte in Zürich der Ausnahmezustand. Nicht, daß er ausgerufen worden wäre, aber er war da. … Die Behörden unternahmen jetzt große Anstrengungen, um dieses sonderbare Geschehen in den Griff zu bekommen. Daß jedes Jahr ein paar Kinder unter den Autos starben, daran hatte man sich gewöhnt, das war eben ein möglicher Tod in der Stadt, aber daß Kinder von Wölfen zerrissen werden, das sollte nicht vorkommen, nicht in einer Stadt wie Zürich. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, Vorschläge zu machen, die von einem Krisenstab ge-prüft wurden … » Es wurden Massnahmen getroffen, die zunächst erfolgreich zu sein schienen, dann aber doch als Schlag ins Wasser gelten mussten. «Von da an begann man sich langsam darauf einzurichten, daß man diese Tiere möglicherweise nicht loswerden konnte; sondern irgendwie mit ihnen leben mußte.»

Die «Rückeroberung» in dieser Parabel schildert, wie sich die über Jahrhunderte immer mehr zurückgedrängte Natur ihren Raum wieder nimmt. Was Hohler für den Lebensbereich der Wildtiere schildert, hat seine exakte Entsprechung auf mikrobiologischer Ebene: Sauberkeit bei der körperlichen Hygiene und im Umgang mit Lebensmitteln ist zwar eine alte Tugend. Sie wurde mit Augenmass betrieben. Erst die Industrialisierung der Tierzucht und der Lebensmittelproduktion machte sie zur Obsession der Keimfreiheit. Rohmilch (beispielsweise) wurde zum Hochrisikoprodukt erklärt. Ställe und Verarbeitungsbetriebe können nur noch durch Desinfektionsbäder betreten werden. Essensabfälle dienten lange als Schweinefutter und wurden schliesslich als gefährliche Infektionsquelle geächtet. Dasselbe passierte auf den Feldern: Saatgut wurde mit Quecksilber gebeizt, das Feld mit Fungiziden gespritzt, Insekten und «Unkraut» vernichtet. So wurde vielen Mikrokulturen allmählich der Garaus gemacht. Wo Milch traditionell zu Sauermilch und Quark durch Spontansäuerung verwandelt wurde, wurden die Prozesse gestört und es mussten Kulturen aus dem Labor eingesetzt werden. Rohmilchkäse wurde zum Problemfall. Zu einer Zeit, als Milchverarbeitung für mich noch Neuland war, fragte ich einen Bauern, weshalb pasteurisierte Milch so viel verderblicher sei als Rohmilch. Seine Antwort war anschaulich: Es ist einfach, auf einen Platz zu rennen, der leer ist. Wenn sich viele Leute darauf befinden, ist es viel schwieriger. Pastmilch ist ein leerer Platz, da gibt es keinen Widerstand gegen Keime. In  der Rohmilch gibt es bereits von der Kuh her Milchsäurekulturen. Da kann sich nicht so schnell etwas Anderes breit machen. Ist Corona so erfolgreich, weil es an vielen Orten auf «leere Plätze» trifft?  

Dass eine «Rückeroberung» stattfinden würde, war vielleicht nur eine Frage der Zeit. Zu vieles ist aus dem Gleichgewicht geraten. Nun ist sie da. Ebenso die von Franz Hohler beschriebene Illusion, man könne die Störenfriede wieder vertreiben, erschiessen oder anderswie vernichten. Der vielstimmige Chor der Experten heute entspricht exakt demjenigen in Hohlers Parabel.

Nur etwas kommt in Hohlers Parabel zu kurz: die Gedankenwelt und die Gefühle der getroffenen Bevölkerung. Hohler lässt den Ursprung der Adler, Hirsche und Wölfe als Rätsel stehen. Heute würde kaum jemand ruhen, bevor er sich auf ein Urteil festgelegt hat, wer dahintersteckt. Er hat schnell eine Antwort auf die Frage: Wer hat die Tiere auf uns losgehetzt und wer missbraucht sie zum Ausbau der eigenen Macht? (Man würde zunächst einmal den Jagdverband verdächtigen, um später dahinter weltweite Kartelle zu identifizieren.) Ebenso wenig erzählt Hohler von der Reaktion der Bevölkerung auf die Massnahmen der Behörden. Immerhin durfte man damals im Kampf gegen die Invasion mittun: «Die Schulen begannen zusammen mit den Eltern den Schulweg der Kinder so zu organisieren, daß immer gruppenweise in Begleitung von Erwachsenen gegangen wurde, den wehrpflichtigen Männern wurde auch gestattet, mit entsichertem Sturmgewehr die Kindergruppen zu begleiten.» Schiesseisen sind bei uns nicht sehr populär. Umso schneller sind Erklärungen zur Hand, welche finsteren Mächte wirken – wenn nicht sowieso von Anfang an klar ist, dass Esoteriker und Rechtsextreme dahinterstecken.

Mein Rat wäre: Hohlers «Rückeroberung» lesen, diese gewaltige Imagination einer Rückeroberung der Natur durch die Natur auf sich wirken lassen – und mit Beurteilungen noch einmal etwas zuwarten. Zahllose Urteile wurden im letzten halben Jahr von der Entwicklung als voreilig entlarvt. Gegen die Invasion muss man sich durchaus wehren oder sich schützen. Und man wird sich derweil Gedanken machen müssen, welche mehr oder weniger harmlosen (Kleinst-) Lebewesen wir dulden müssen, um den Lebensraum nicht vorschnell dem unfreundlichen Kleinstgetier preiszugeben, das – so klein es ist – für uns eine existenzielle Bedrohung bedeutet.

Die ganz grosse Verschwörung besteht wohl in der Ablenkung: Auf der Suche nach den Drahtziehern drohen wir zu vergessen, dass wir eigentlich nach neuen Lebensgleichgewichten in der Natur und in uns suchen müssten.

«Die obszöne Frage»

bandicam 2020 05 05 10 26 13 362

«Ich sag es Ihnen mal ganz brutal. Wir retten in Deutschland Menschen, die möglicherweise in einem halben Jahr tot wären.» Wegen dieser Äusserung soll Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer aus der Partei ausgeschlossen werden. Er ist Mitglied bei den Grünen. Der ägyptische Tourismusuntemehmer Samih Sawiris sagte in der «SonntagsZeitung»: «In der Schweiz gehen Milliarden verloren, damit es einige hundert weniger Tote gibt.» Die Debatte ist schmerzhaft. Vor allem – aber nicht nur -, weil diese Äusserungen keine Argumente sind. Sie sorgen für Empörung, weil sie den Eindruck erwecken, da würde Geld gegen Menschenleben aufgerechnet. Das wäre in der Tat obszön – «obszön» heisst: Das will man nichtsehen. Wir wollen aber sehen. Lässt sich die Debatte entwirren? Die Äusserungen richten sich gegen die Politik. Sie kommen aus der Wirtschaft und behaupten, da sei falsch gehandelt worden. Sie sagen aber nicht, was falsch ist. Was hätte die Politik tun müssen? Nichts? Beginnen wir mit der Wirtschaft. Die Wirtschaft wird betrieben, um die Bedürfnisse der Mensehen zu befriedigen. Der Mensch als gesellschaftlich organisiertes Wesen tut das im Kollektiv. Arbeitsteilung steigert die Produktivität. Aber die Wirtschaft ist eine Kollektivmaschine geworden, mit vielen Verflechtungen und Eigengesetzlichkeiten, abgelöst und entfernt von den Individuen und ihren Bedürfnissen. Wirtschaft ist wie Velo fahren. Wenn es zu langsam wird oder stoppt, fällt sie um. Gegen den Individuen äussert sich dies als Sachzwang: strampeln!

Der Soziologe Max Weber (1864-1920) hielt kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, im Januar 1919, in München einen Vertrag mit dem Titel «Politik als Beruf». Weber war kein Zyniker. Jeder Politiker verfolge höhere Ziele, erklärte er, folge also einer bestimmten Ethik. «Alles ethisch orientierte Handeln», so Weber, kann «unter zwei grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen» stehen, «es kann ‹gesinnungsethisch› oder ‹verantwortungsethisch› orientiert sein.»

So weit ein Auszug aus dem Kommentar des Redaktors Christoph Bopp in der Thurgauer Zeitung vom 5. Mai 2020. Der Kommentar geht noch weiter. Ob Bopp das Buch von Boris Palmer kennt oder nicht, weiss ich nicht. Jedenfalls hat Palmer dort – ebenfalls Max Weber zitierend – das Dilemma zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik dargestellt. Der Titel des Buchs lautet: «Wir können nicht allen helfen. Ein Grüner über Integration und die Grenzen der Belastbarkeit.» Es ging um Flüchtlingspolitik. Als Oberbürgermeister musste er sich mit Unterbringung, Ernährung und Ausbildung von Flüchtlingen befassen. Da musste er sich früher oder später die Frage stellen: Was ist leistbar? Gesinnungsethiker haben es gut. Sie brauchen sich nicht um Leistbarkeit zu kümmern, sondern können locker fordern, dass jeder, der an die Türe klopft, einzulassen ist. Ebenso wie jetzt gefordert werden kann, dass um jedes Menschenleben zu kämpfen ist, ohne Seitenblick auf die notwendigen Mittel.

Einzelne Aspekte möchte ich hinzfügen:

Als Schweizer staunt man gelegentlich, wenn man politische Debatten in Deutschland verfolgt. Manche finden Politik in der Schweiz langweilig, zum Beispiel nachdem sie sich einen Ausschnitt einer Bundestagsdebatte angehört haben. Deutsche Debattenkultur ist tatsächlich ausserordentlich hoch bzw. abgrundtief entwickelt. Wer findet, man müsste in der Schweiz dereinst Trumpsche Politkultur erreichen, der kann in den polarisierenden Auseinandersetzungen in Deutschland tatsächlich einen Fortschritt sehen.

Interessant ist, dass der Beitrag der Fernsehanstalt zum Debattenstil schon gar nicht thematisiert wird. Sie führt ein Interview, das sieben Minuten dauert und Hunderte von Sätzen lang ist. Aus diesem Interview isoliert sie einen Satz und blendet ihn auf dem Bildschirm ein (siehe Bild oben). Wenn jemand auf Empörung aus ist, dann braucht er das Interview gar nicht anzusehen. Es reicht, wenn er das aufgreift, was ihm die Fernsehanstalt gewissermassen zum Frass vorgeworfen hat. Selbstverständlich stürzen sich die angepeilten Raubtiere sofort auf dieses auserlesene Stück. Keiner sagt zum Beispiel: Der Satz klingt befremdlich. Aber aus dem Kontext heraus sehe ich, was er gemeint haben könnte – zum Beispiel: Am Abwägen von Idealen und Möglichkeiten führt kein Weg vorbei. Wer hingegen aufgrund dieses Satzes auf dem OB herumhackt, verkündet nur: Für Selbstgerechte sind Ideale das Einzige, was gilt. Möglichkeiten kümmern nicht. Verantwortung übernehmen sie sowieso nicht.

Etwas grundsätzlicher: Die Debatte spiegelt das in unserer Zivilisation merkwürdige Verhältnis zu Leben und Sterben. Wer Sterben als zugehörig zum Leben bezeichnet, riskiert, als Darwinist verschrien zu werden. Ansprechen, dass Altern auch die Wahrscheinlichkeit zu erkranken erhöht, muss ausgeblendet bleiben. Boris Palmer liess allen über 65-Jährigen in Tübingen Schutzmasken zukommen – und erntete übelste Beschimpfung.

Die Grünen wollen ihren Oberbürgermeister bei der nächsten Wahl nicht mehr unterstützen ….

Anmerkung: Ich bin 75 Jahre alt.

Lob des Flickenteppichs

Bereits zu Beginn des Lockdowns verwendete ein Radio-Moderator das Wort Flickenteppich, als ihm ein Schulfunktionär schilderte, wie sich Schulen auf ganz unterschiedliche Weise organisieren. Inzwischen wurde von den verschiedensten Politikern und Bildungsfunktionären immer wieder bedauert, dass keine einheitlichen Lösungen gefunden worden sind.

Die Kritik beschränkte sich keineswegs auf die unterschiedliche Handhabung des Maturitätsabschlusses, wo man die Forderung nach Einheitlichkeit nachvollziehen kann. Denn hier geht es nicht um Pädagogik, sondern um ein Recht, nämlich dasjenige des prüfungslosen Zugangs zu Hochschulen. Die Kritik bezog sich insbesondere auch auf die Unterschiedlichkeit der Formen des Fernunterrichts beziehungsweise der Unterschiedlichkeit, wie Unterricht im Rahmen der Lockerung der Corona-Restriktionen wieder aufgenommen wurde. Hier handelt es sich um primär pädagogische Fragen. Argumentiert wurde auch, die Eltern würden verunsichert, wenn jemand in Dietikon (ZH) hört, dass man in Baden (AG) anders vorgehe. Tatsächlich? Eltern werden verunsichert, wenn über sie einfach verfügt wird. Das wurde in Zürich und St. Gallen deutlich. Beide Kantone verfügten Halbklassenunterricht, was Familien mit Kindern, die nicht zur gleichen Zeit, sondern gestaffelt zu Schule gehen müssen, vor erhebliche organisatorische Probleme stellt. Verunsichert sind wohl vor allem gehirngewaschene Journalisten und Schulfunktionäre, die sich staatliche Veranstaltungen nicht anders vorstellen können als einheitlich beziehungsweise gleichgeschaltet. Weil man aber von Gleichschaltung nicht sprechen mag, weil dies damals zur Denunziation des europäischen Ostens verwendet worden ist, spricht man allenfalls von Harmonisierung. (Wer ist denn schon gegen Harmonie?)

Weil Verschiedenheit sowieso negativ ist, muss der Journalist auch nicht aufzeigen, inwiefern diese nachteilig ist. Ob Einheitlichkeit pädagogisch sinnvoll ist, interessiert deren Verfechter nicht – auch nicht, was mit einer Gemeinschaft und den in der Gemeinschaft aktiven Menschen (zum Beispiel Lehrern) passiert, wenn von weit oben Einheitlichkeit verfügt wird.

Solche Fragen hätte ich gerne auf einer Leserbriefseite zur Diskussion gestellt. Der folgende Text (kursiv) blieb eine Weile in der Warteschlange und wurde in der Thurgauer Zeitung am 13. Mai, in der NZZ am 14. Mai abgedruckt.

Das Unwort [Flickenteppich] deutet mit seiner negativen Konnotation ein Ideal an, dem gemäss Schule gemeinde- und kantonsübergreifend nach demselben Muster betrieben werden soll. Gleichschaltung nenne ich das. Dafür gibt es kein einziges Argument. Es gibt vielmehr Argumente dafür, dass Drittklässler aus dem Arbeiter- und Ausländermilieu von Bern-Bethlehem und aus dem Oberschichtmilieu der Goldküste situativ unterschiedliche Unterstützung erhalten. Die Organisation dieser Unterstützung ist in Frauenfeld sogar innerhalb derselben Schulgemeinde unterschiedlich (welch ein Fleckenteppich!) In die Ausgestaltung ist das Lehrerkollegium aktiv involviert, leistet viel Arbeit und ist entsprechend engagiert. (Der Kanton Zürich agiert sehr viel zentralistischer.) Das Gegenbild wäre die (womöglich schweizweit) zentrale Organisation durch wissenschaftliche Bildungsstäbe, die der freundlichen Unterstützung durch kalifornische IT-Konzerne gewiss wären. Den Lehrpersonen käme dann die Rolle von Aufgabenhilfen zu. Pflichtbewusstsein willkommen, Engagement überflüssig. Da belassen wir es doch lieber beim «Flickenteppich»!

Dazu hörte ich von Lehrerseite und recherchierte ich im Internet. Wer die Website von Schulen Frauenfeld öffnet, findet die einzelnen Schulen aufgelistet. Jede Schule verfügt innerhalb dieser Website über eine eigene Seite, auf der sie über Aktualitäten (z.B. Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts) informiert. Da begegnet man von Schulhaus zu Schulhaus unterschiedlichen Informationen und Vorgehensweisen. Zum Vergleich öffnete ich die Website der Schulen in Uster, Zürcher Oberland, einer Gemeinde, die etwas grösser ist als Frauenfeld. Da gibt es eine Liste der Schulen. Punkt. Diese äussern sich nicht individuell. Sie haben wohl auch nicht Unterschiedliches zu berichten. Denn hier wird zentral organisiert.

Was in den Diskussionen völlig unter den Tisch fällt, ist die Rolle der Lehrer (pardon: Lehrpersonen). In einem zentral organisierten Bildungswesen sind sie Angestellte mit der Kompetenz (oder Kompetenzlosigkeit), die Angestellten auch in einem Industriebetrieb oder einer Bank zukommt. Wenn die oberen Etagen entschieden haben, müssen die Angestellten unten ausführen.

Das zeugt von einem Denken, für das Kinder Rohstoffe sind, die entsprechend den Passformen und Anforderungsprofilen, die von Gesellschaft und Wirtschaft gefordert werden, zu formen sind. In einem solchen Konzept sind Lehrpersonen logischerweise bis ins Detail weisungsgebunden.
Sieht man in Kindern hingegen sich entwickelnde Individualitäten, kommt den für sie als Pädagogen verantwortlichen Menschen eine ganz andere Rolle zu, eine, die sich nicht auf Ausführung beschränkt, sondern eine, die individuelles Eingehen auf die Kinder und damit auch inneres Engagement voraussetzt. Dieses innere Engagement wiederum setzt das äussere Engagement der Mitgestaltung der pädagogischen Rahmenbedingungen beziehungsweise mehr oder weniger weit gehende Selbstverwaltung voraus. Selbstverwaltung hat zwangsläufig Flickenteppich zur Folge.

Warum nicht? Frage ich mich als Altachtundsechziger, der das rote Büchlein im Bücherregal stehen hatte. Mao Zedong formulierte 1956 «Lasst hundert Blumen blühen, lasst hundert Schulen miteinander wetteifern». Dieser Satz war mir zwar vertraut. Welcher Wirklichkeitswert ihm zukam, vermochte ich nicht zu beurteilen.

So war es für mich überraschend, von einem mit China vertrauten Workshopteilnehmer am Rande der Sommerakademie 2018 in Wildhaus, wo ich ein Referat zum Thema «Einheitsstaat, Demokratie und gesellschaftliche Resilienz» hielt, eine Schilderung zu hören, wie ich sie danach in einem Seminarbericht folgendermassen zusammenfasste: «In China würden auf unterer Ebene grosse Freiheiten und Experimentiermöglichkeiten bestehen. Wenn sich etwas bewähre, würde dies von der Regierung für ganz China als verbindlich erklärt.» Seine Bewertung: «Das sei doch viel effizienter, als aufgrund unseres Sys-tems in Europa und vor allem der Schweiz.» Seiner Bewertung mochte ich nicht folgen, da Freiheit und Vielfalt in dieser Schilderung nicht als Werte an und für sich, sondern nur als funktional effizient dargestellt wurden.

Nun schrieb Corona Virus-Blogger Jürg Baumberger jüngst in Bezug auf China: «Die Behörden haben immer Initiativen zugelassen, auch wenn dafür (noch) keine gesetzlichen Grundlagen bestanden. Es wurde wie wild experimentiert. Was sich bewährt hat, wurde dann verallgemeinert und in juristische Rahmenbedingungen gefasst, das andere verschwand wieder. Das entspricht dem chinesischen Naturell, mit Widersprüchen gut leben zu können. Es gibt eben nicht nur schwarz oder weiss, wie wir es gerne hätten („Klarheit, kein Flickenteppich“) sondern im Schwarzen ist immer auch das Weisse, im Weissen das Schwarze. Das daoistische Yin-Yang-Bild zeigt es deutlich.» (https://www.baumbergers.ch Jürg Baumberger hat mit seiner Partnerin Elo vor einigen Jahrzenten längere Zeit in China gelebt.)

Zwar müsste man vermuten, dass aufgrund des marktwirtschaftlichen Konkurrenzsystems auch der Westen an Widersprüche gewöhnt ist. Das mag überall zutreffen – nur in der Schule nicht. Widersprüche und Vielfalt sind das Eine, Selbstverwaltung der Menschen vor Ort sind noch etwas Anderes. Dies war für Rudolf Steiner, der geradezu als «Botschafter der Selbstverwaltung» in allen gesellschaftlichen Bereichen angesehen werden kann, ein zentrales Postulat – sowohl in der Wirtschaft wie im Kulturleben. Die Lehrer sollen ihre Schule selber verwalten. Dieses Postulat begründete er nicht nur politisch oder gar anarchosyndikalistisch, obwohl hier eine Verwandtschaft besteht, sondern vor allem auch pädagogisch: Lehrer und Lehrerinnen, die sich auch mit Führungsaufgaben zu befassen haben, werden sehr viel weniger zu weltfremder Pädagogik neigen. Auch dies müsste ausführlicher begründet werden. Nur so viel: In der arbeitsteiligen Gesellschaft ist die Lebenswelt des Einzelnen auf einen relativ kleinen Ausschnitt beschränkt. Diese begrenzte Erfahrung wird dann nicht zum Problem, wenn auch das Handeln und dessen Konsequenzen von beschränkter Reichweite sind. So hat der Busfahrer vor allem Strassen und Verkehr vor sich und hat gelegentlich mit Passagieren zu tun. Er erfüllt seine Aufgabe, wenn er sein Fahrzeug um- und vorsichtig lenkt. Ein Stadtplaner, der ebenfalls mit Strassen und Verkehr zu tun hat, muss wesentlich mehr Gesichtspunkte in seine Konzepte einbringen können. Sie sind auf Jahre hinaus von wesentlich grösserer Reichweite. Wenn sich sein Horizont auf Le Corbusier beschränkt, sind die Folgen für seine Stadtentwicklung fatal. Die Restriktionen im Rahmen von Corona tragen die Handschrift von Experten mit einer mikroskopisch-mikrobiologischen Sicht auf die Welt. Wenn sich die Weltsicht des Pädagogen auf Schulzimmer, Stundenplan und Kinder als dominante unmittelbare Erfahrung beschränkt, dann sind die Folgen ebenso fatal. Denn die Reichweite der Pädagogik erstreckt sich nicht nur auf die aktuelle Bewältigung von Unterrichtssituationen, sondern auf die Entwicklung des Potentials von Individuen für ein ganzes Leben. Der «Zwang», sich mit organisatorischen, allenfalls gar mit den finanziellen Belangen einer Schule mit allen dazugehörenden Interaktionen beschäftigen zu müssen, die Notwendigkeit, auch Verantwortung für eine Schule übernehmen zu müssen, eröffnet ganz andere Er-fahrungshorizonte und macht aus einer pädagogischen Fachperson einen lebenserfahrenen Menschen. Bewusst oder unbewusst werden diese Erfahrungen und die durch sie bewirkte Persönlichkeit auf die Pädagogik ein. Deshalb ist die Diskussion, ob nach der Corona-Pause mit Halbklassen oder anderswie wieder eingestiegen wird, müssig. Relevant ist vielmehr, ob es Wiedereinstiegsszenarien sind, die von den Lehrerinnen und Lehrern massgeblich mitgestaltet worden sind oder ob es Verfahren sind, die von Bildungsstäben ausgebrütet und von Bildungsdirektionen verordnet wurden.

Sollten diese Ausführungen etwas zu antigouvernemental oder anarchosynikalistisch wirken, dann vielleicht noch dies:

Im Verlauf der Corona-Krise hat sich gezeigt, dass die Melinda & Bill Gates-Stiftung weltweit erheblichen Einfluss auf das Denken der Gesundheitsbehörden, insbesondere auch der WHO ausübt. Johannes Mosmann schreibt in einem Aufsatz (https://www.dreigliederung.de/essays/2020-05-johannes-mosmann-corona-virus-menschheit-am-scheideweg) dazu unter anderem:

«Bill Gates, der gleich an 7 Firmen zur Herstellung von Corona-Impfstoffen beteiligt ist, verkündet im ARD-Interview: „Wir werden den zu entwickelnden Impfstoff letztendlich 7 Milliarden Menschen verabreichen“. Das ist nahezu die gesamte Weltbevölkerung. Und Gates sagt nicht etwa „wir planen“, oder „wir wollen“, sondern eben „wir werden“. Der ARD-Korrespondent wird angesichts dieser Gewissheit nicht stutzig. Er fragt auch nicht nach, wie man ohne Impfzwang 7 Milliarden Menschen durchimpfen könne. Vielleicht ahnt er die Antwort. Denn einen zweiten Lock-Down wird die Weltwirtschaft nicht überleben. Auch ist es eher unwahrscheinlich, dass die Verantwortlichen ihre Corona-Verordnungen rückblickend verurteilen werden. Derartig tiefgreifende Einschnitte in das Leben der Bürger im Nachhinein als unbegründet zu erklären und hierfür die Verantwortung zu übernehmen, ist nahezu unmöglich. Somit bleibt nur die Flucht nach vorne: Das Robert Koch Institut wird sich Stück für Stück die Fakten zu eigen machen, auf welche die Kritiker im Vorfeld hinwiesen, diese aber teilweise als „neue Erkenntnisse“, teilweise als Beweis für die Wirksamkeit der Maßnahmen darstellen. Das heißt aber: wenn der demnach unvermeidliche Lock-Down in Zukunft doch vermieden werden soll, muss jeder Bill Gates' Impfstoff schlucken. Nicht die Apologeten der Angst gefährden dann nach dieser Logik die Wirtschaft, sondern diejenigen, die das Virus sachlicher sehen und übertriebene Reaktionen hinterfragen. Deshalb wird es vielleicht auch gar nicht nötig sein, die Impfung gesetzlich vorzuschreiben – es reicht, wenn Unternehmen diese aus Angst vor einem Lock-Down von ihren Mitarbeitern fordern.»

Zurück zu Flickenteppich und Schule: Was hier «Impfstoff» genannt worden ist, kann man durch «Unterrichtseinheiten» ersetzen. Was bereits an audio-visuellem Material existiert, ist bestechend. Was Lehrer früher kunstvoll oder unbeholfen an die Wandtafel gezeichnet hatten, lässt sich heute mühelos projizieren. Ganze Curricula lassen sich zusammenstellen. Schüler können die Inhalte reinziehen, ohne dass es noch einen Lehrer bräuchte. Dieser wird zum Coach, Problemöser und Aufgabenhilfe. Für die technisch exzellenten Präsentationen reichen die Budgets eidgenössischer Lehrmittelverlage längst nicht mehr. So wie es im Gesundheitsbereich die Gates-Stiftung gibt, wird es im Bildungsbereich entsprechende weltweit tätige Ausbildungsstiftungen geben (oder es gibt sie bereits), die eine Mission bildungspolitischen Fortschritts für das Glück der ganzen Menschheit formulieren und umsetzen. Wer Bildung lediglich als Frage didaktisch gut gemachter Vermittlung von Inhalten versteht, muss hier mitmachen. Wer Bildung hingegen als Entwicklungsprozess, als den Entfaltungsprozess eines Individuums versteht, wird die Aufgabe des Lehrers und der Lehrerin sehr hoch und die Rolle der Inhalte etwas zurückhaltender einschätzen.

Leider gibt es gerade in der Sozialdemokratie starke Strömungen, die, geblendet vom Grundsatz der Bildungsgerechtigkeit, die Lehrperson tendenziell als Störfaktor des Bildungsprozesses sieht. Störfaktor, weil die Lehrperson subjektiv ist und Sympathien und Antipathien hegt, was die Benachteiligten weiter benachteiligt und die schon Privilegierten weiter unterstützt.

In einem Denknetz-Aufsatz («Wie könnte eine linke Bildungspolitik aussehen?») schreibt Fitzgerald Crain: «Konsequenterweise forderte die SP in ihren Bildungsthesen von 2001 und 2008 nationale Bildungsstandards und geeignete Messinstrumente, um das Erreichen dieser Standards zu überprüfen. Die SP unterstützt den Lehrplan 21, da es gerecht ist, wenn alle SchülerInnen nach dem gleichen Lehrplan unterrichtet werden. Von daher sind standardisierte Leistungstests – wie die im Bildungsraum Nordwestschweiz angewandten „Checks“ – gerecht, da sie der oft subjektiv gefärbten Bewertung durch die Lehrpersonen eine objektive Leistungsbeurteilung entgegensetzen. Denn es ist ungerecht, wenn Kinder für gleiche Leistungen in unterschiedlichen Klassen und Schulen von unterschiedlichen Lehrpersonen unterschiedlich bewertet werden. Standardisierte Tests werden auch mit dem Argument der individuellen Förderung begründet. Tests sollen, so heisst es, der individuellen Standortbestimmung der SchülerInnen dienen. Sie geben ihnen, den Eltern und den Lehrpersonen Hinweise auf jene Leistungsbereiche, in denen die SchülerInnen besonders unterstützt oder gefördert werden sollen. Da die Tests der individuellen Förderung dienen, ist es gerecht, wenn sämtliche Kinder erfasst werden.»

Der Autor kritisiert unter anderem:
«Bestraft werden Lehrpersonen, die mit schwachen, erziehungsschwierigen Kindern aus sozial benachteiligten Familien und mit Kindern mit einer Behinderung arbeiten.
Angst und Verunsicherung bei den Lehrpersonen und damit Anpassung und Unterwerfung unter autoritäre Strukturen, wie sie in der US-amerikanischen Wirtschaft verbreitet sind, sind die Folge.»

Retten wir also die Flickenteppiche. Ich freue mich, in Frauenfeld zu leben, wo Lehrerinnen und Lehrer in jedem Schulhaus am eigenen Vorgehen arbeiten. Denn fatal wird es, wenn sich schweizweit, europaweit oder weltweit ein einziges Teppichwebmuster durchsetzt, zu dem auch die schweizerische Bildungsdirektorenkonferenz kein Wort mehr zu sagen hat. Sie muss auch nicht. Ebensowenig wie die Gesundheitsdirektoren Impfpflicht anzuordnen hätten. Die Kommunikation der Glück verbreitenden Stiftungen ist so gekonnt, dass sich die Entwicklungen wie von selbst ergeben: Sehr utopisch ist diese Vision nicht.