Corona-Skeptiker

Ich gehe davon aus, dass Menschen, die Mühe mit Erklärungen und Massnahmen betreffend Corona haben, in verschiedener Hinsicht auch Mühe mit Mainstream-Deutungen und Antworten im Zusammenhang mit sozialen und Lebensvorgängen bekunden. Vier Aspekte scheinen mir von Bedeutung:

1. Mühe mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild
Die dominante, rationale Vorstellung der Funktionsweise allen Lebens ist kausal-mechanistisch. Sie erklärt vieles. Zum Beispiel: Pflanzen brauchen Stickstoff für ihr Wachstum. Also: Wenn ich Pflanzenwachstum will, muss ich Stickstoff zuführen. Jedoch: Nach Jahrzehnten des Stickstoffzuführens wird für alle deutlich, dass das eine (umweltschädliche) Sackgasse ist. Man versucht die Monokauslität durch Systemansätze zu erweitern. Man versucht, mikrobiologisch in immer kleinere Teile des Lebendigen vorzudringen, ohne zu wissen, was Leben eigentlich ist. Das Paradigma der kausal-mechanistischen Betrachtungsweise bleibt.

Viele Menschen sind zur Überzeugung gelangt, dass es noch andere Einflussfaktoren gibt, als nur «offiziell bestätigte» chemische und mechanische Wirkungen. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass naturwissenschaftlich argumentierende Verwaltungs- und Wirtschaftsvertreter keine Wirkung beispielsweise von Elektrosmog erkennen können – Wirkungen, die sie selber erfahren haben oder Menschen kennen, die darunter leiden.

2. Mühe mit dem medizinischen Weltbild
Das medizinische Weltbild baut auf dem naturwissenschaftlichen auf. Auch die Medizin ist äusserst erfolgreich. Doch viele Menschen nehmen sehr genau wahr, wie Ich-Kräfte und seelische Verfassung mit Erkrankung zusammenhängen. Das Immunsystem ist für sie das, was während des ganzen bisherigen Lebens auf Verletzungen unterschiedlichster Art reagiert und sich dabei immer weiter entwickelt hat. Sie können es nicht als befriedigende Antwort empfinden, wenn eine Erkrankung nur (zum Beispiel) mit einem Antibiotikum zurückgedrängt wird. Sie können die Stärke des Immunsystems nicht mit der Menge der Immunglobuline gleichsetzen. Auch eine Impfung ist nicht die umfassende Beantwortung einer Krankheitsbedrohung. «Seuchen sind keine böse Laune der Natur, sondern selbst gemacht, sie entste-hen dort, wo wir die Balance der mikrobiellen Populationen in gewachsenedn Ökosystemen zerstören.» (Thomas Hardtmuth, Goetheanum 18.12.20)

3. Mühe mit dem politischen System
Gute Staatsbürger, Loyalisten und Etatisten gewähren dem Staat einen grossen Vertrauensvorschuss. Schliesslich verkörpert der Staat (für sie) einen höheren Grad der Vernunft als das Individuum, das immer nur einen Teilaspekt sehen und vertreten kann. Für verschiedenste Strömungen, zu denen nicht nur Anarchisten gehören, verhält es sich genau umgekehrt. Und selbst wenn sie bereit sind, dem Staat einigen Vertrauenskredit einzuräumen, sind sie doch sehr misstrauisch, dass dieser den Kredit zur Machtentfaltung missbrauchen könnte. Sie weisen darauf hin, dass der Staat immer mehr Kompetenzen erhält oder an sich reisst und diese nie mehr preisgibt. Deshalb sind sie auch in Krisenzeiten kaum bereit, zusätzliche staatliche Einschränkungen zu akzeptieren. Beispiele der Staatskompromittierung gibt es unzählige – nicht nur im Rahmen der inkonsistenten Massnahmen, sondern auch im Rahmen dem höchst fragwürdigen Umgang mit Information (siehe beispielsweise den Fall des verschwundenen WHO-Berichts über das Epidemie-Management in Italien.)

4. Mühe mit der Wirtschaft
Die Wirtschaft spielt eine immer wichtigere Rolle im Gemeinwesen. Statt Wirtschaft kann man auch Kapital sagen. Denn dieses drängt an jeder Stelle des Gemeinwesens dazu, Rendite zu erzielen. Es sind nicht nur einzelne Kapitalisten, wie man sie früher karikierte, mit dickem Bauch, Zylinder und Zigarre, die alle anderen ausbeuten. Unser ganzes Wirtschaftssystem und unsere Eigentumsordnung, in welche beispielsweise die Altersvorsorge oder das Bodenrecht integriert sind, sind auf dieses System der Renditeerzielung ausgerichtet. Diese führt unter anderem zu einheitlicher (monokultureller) Bewirtschaftung ganzer Landschaften und damit auch zu Massentierhaltung, die wiederum Seuchen und Epidemien begünstigen. Beides mündet in Verdrängung von scheinbar nicht notwendigen Pflanzen und Tieren – inzwischen ruft man deshalb nach mehr Biodiversität. Ständig verschärfte Hygienemassnahmen, unter denen diejenigen Wirtschaftsweisen besonders leiden, die seit Jahrhunderten ohne Schäden zu verursachen, praktiziert worden sind, sind keine Antwort auf die massenhafte Ausbeutung der Natur.

Boden für Verschwörungstheorien

  • Wenn Menschen zur Kenntnis nehmen, dass die von Staat und Wirtschaft finanzierte Wissenschaft mit einseitigen Erkenntnisansätzen forscht;
  • wenn Menschen realisieren, dass nicht sie selber, sondern nur einzelne Mechanismen ihres Körpers ärztliche Aufmerksamkeit finden;
  • wenn Menschen erleben, dass Behörden mit inkonsistenten Begründungen ihre Freiheit beschneiden und kreative Wege verbauen;
  • wenn Menschen zur Kenntnis nehmen müssen, dass der Staat nach der Pfeife des Kapitals tanzt,

dann verwundert wenig, wenn viele nach denjenigen suchen, die im Hintergrund Fäden ziehen; es verwundert wenig, wenn absurdeste Ideen kursieren, welche Personen und Organisationen die Rolle der Bösewichte übernommen haben sollen.

Rechtschaffene Bürger
Gegen die angeordneten Corona-Massnahmen erwächst vor allem von denjenigen Widerstand, die wirtschaftliche Einbussen erleiden. Mehrheitlich folgen die Menschen den staatlichen Anordnungen. Es fällt auf, dass dies insbesondere auch für die Linke gilt, die gesellschaftlich-politisch sehr oft in der Opposition zur politischen Mehrheit steht. Eine der wenigen linken Zeitungen, die WOZ, musste mehrfach Kritik entgegennehmen, weil sie eher die Corona-Skeptiker, die sie am äussersten rechten Rand sieht, kritisiert, als die Entscheidungen der Behörden. Dies mag damit zusammenhängen, dass die Linke zu etatistischen und technisch-rationalen Positionen neigt. Impfen ist die Rettung. Impfskepsis ist irrational. (Es sei daran erinnert: Weder der «irrationale» Widerstand gegen AKWs noch die Umweltbewegungen sind im Schosse der Linken entstanden.)

Emotionaler Widerstand
Was verwundert, ist, dass nicht wenige Menschen, die eigentlich mit einem guten Wahrnehmungs- und Denkvermögen ausgestattet sind, vor allem in einer emotionalen Protesthaltung verharren. Die Protesthaltung äussert sich im besseren Fall in verbalem Widerstand:

  • im pauschalen Anzweifeln von Erkenntnissen («Corona ist nur eine Grippewelle»);
  • im Ablehnen der medizinischen Massnahmen («Impfung ist Gentech und sowieso gefährlich; mein Immunsystem wird damit fertig» - und dasjenige der Mitmenschen, die ich anstecke?);
  • in der Kritik staatlicher Anmassung («Corona-Gesetze sind der Anfang der Diktatur»);
  • in der Kritik am Wirtschaftssystem, das von Corona profitieren soll.

Oder sie äussert sich im schlechteren Fall einfach in einer diffusen Ablehnung von Maskenpflicht, von Kontakteinschränkungen, von Distanzempfehlungen. Menschen, die so reagieren, erkennen nicht, dass zwei Handlungsebenen auseinanderzuhalten sind:

  • Die Ebene der Erkenntnis und der Kritik: Alle oben angedeuteten Vorbehalte sind berechtigt. Kritik muss geübt werden.
  • Die Ebene des Handelns: Doch die ökologischen Missetaten sind nun einmal geschehen. Den Tieren wurde Lebensraum weggenommen, sie wurden in Massenställe gesperrt, Viren sind von den Tieren auf den Menschen übergegangen usw. – nun muss gegen die Epidemie etwas unternommen werden.

Verweigerungshaltung hilft niemandem. Menschen in Australien hätten angesichts der Waldbrände bei der ökologischen Kritik, bei Kritik an Behörden, die Kohleabbau-Förderung betreibt, bei der Kritik an der Wirtschaft, oder in der diffusen Ablehnung von Massnahmen verharren können, während die Wälder brannten. Zum Glück war in Australien allen klar, dass es vordringlich um das Feuerlöschen ging. Diffuse Ablehnung stösst keine Veränderungen an, auch diffuse Corona-Skepsis nicht. Die Forderung nach einer mittelfristig wirksamen Stärkung der Ökologie lässt sich nicht gegen akute Massnahmen der Seuchen-bekämpfung ausspielen.

Wer sind die Corona-Skeptiker?

Eine Basler soziologische Untersuchung hat sich daran gemacht, diese Frage zu beantworten. Doch man kann nur Meinungen oder Einstellungen erfragen, die vorhanden sind. (Dies im Unterschied zu Fragen zum effektiven Verhalten.) Wer schon Fragebogen der Einstellungsforschung ausgefüllt hat, weiss, dass von den vorgegebenen Antwortmöglichkeiten immer wieder eine ausgewählt werden soll, die einem nicht so recht passt. Das gehört zu den uralten, in der Vergangenheit oft diskutierten Problemen empirischer Sozialforschung. Trotzdem zögern Leser (und Journalisten) solcher Meinungsumfragen in der Regel nicht, die Ergebnisse zum Nennwert zu nehmen. Die Problematik ist da besonders akut, wo Einstellungen in Bewegung sind, wo ein Suchprozess noch andauert. Dies dürfte bei Corona-Skeptikern ausgesprochen zutreffen. Doch wer Einstellungen sucht, der findet (in der Basler Studie

Das Statement in dieser Studie «Auch heute noch ist der Einfluss von Juden auf die Politik zu gross» lehnen fast 55% der Befragten ab, 30% geben keine Antwort. Die Studienautoren dazu: «Es ist nicht unwahrscheinlich, dass viele Personen mit latenten antisemitischen Vorurteilen durch Nichtbeantwortung der Frage gewissermassen ‹ausgewichen› sind. Um dies valide zu überprüfen, wären allerdings noch umfassendere Untersuchungen notwendig. Unsere Daten reichen dafür bisher nicht aus. Insgesamt ist die relative Neigung zum Antisemitismus [kann man eine solche aus diesen Zahlen herauslesen? M.W.] insofern nicht überraschend, als wir es mit einer Bewegung zu tun haben, die viele Bezüge und eine hohe Neigung zum verschwörungstheoretischen Denken aufweist – und Verschwörungstheorien häufig antisemitische Züge aufweisen.»

An keiner anderen Stelle der Studie interpretieren die Autoren die Ergebnisse so «freihändig» wie bei der Antisemitismus-Frage. Die 30% «Stimmenthaltung» und in der Studie nicht belegte «Erfahrungen» einer antisemitischen Neigung von Verschwörungstheoretikern reichen aus, um einen solchen Schluss zu zie-hen, der in der WOZ mit «Feststellen lasse sich allerdings eine gewisse ‹Neigung zum Antisemitismus›» rezipiert wird …. Was die Corona-Skeptiker in ihrer Auffassung bestärken dürfte: «Die Medien und die Politik stecken unter einer Decke» (über 75% Zustimmung).

(Interessant an dieser Stelle ist vielleicht auch die Titelformulierung: «Antisemitische, antiautoritäre und anthroposophische Züge», interessant deshalb, weil sich keine der Fragen auf Anthroposophie bezog. Also auch hier eine ziemlich «freihändige» Formulierung.)

Antworten auf verschiedene Statements erfüllen die Erwartungen nicht, bei den Corona-Skeptikern handle es sich um klar rechtsaussen positionierte Menschen. Lassen sie sich wenigstens im Zusammenhang mit dem Wahlverhalten festmachen?

Nach dem Wahlverhalten befragt, antworten die Befragten in allen drei Ländern (D, CH, A), sie hätten die jeweilige Rechtsaussen-Partei gewählt. Und in einer nächsten Wahl würden sie noch viel deutlicher Rechtsaussen wählen: «43% würden bei der nächsten Wahl der SVP ihre Stimme geben». Gleichzeitig werden die folgenden beiden Statements mehrheitlich abgelehnt: «Es wird zu viel Rücksicht auf Minderheiten genommen» und «Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land». Nur 11.5% stimmen dem Statement zu «Studien, die einen Klimawandel belegen, sind meist gefälscht» (25% Enthaltungen). SVP-Wähler würden bei diesen drei Statements wohl konträr votieren. Trotzdem fasst die WOZ den Befund folgendermassen zusammen: «In der Schweiz sei die Bewegung relativ stark in der SVP verankert». Von «Verankerung in der SVP» ist in der Studie nicht die Rede. Aus der WOZ-Zusammenfassung spricht lediglich der Wunsch der linken Zeitung, die Corona-Skeptiker eindeutig rechts verorten zu können. Denn wenn das langjährig gepflegte Links-Rechts-Schema nicht mehr zur Einordnung taugt, droht auch der WOZ Orientierungslosigkeit – eben vielleicht genau jene Orientierungslosigkeit, in der sich die Corona-Skeptiker heute befinden.

Schlussfolgerung

Corona-Skepsis ist Reaktion und Protest zugleich. Entsprechend finden sich «reaktionäre» und herrschaftskritische Einstellungen. Die etablierten politischen Strömungen und Parteien, die in sehr vielem übereinstimmen und eine «aufgeklärte» und mehr oder weniger liberale Agenda verfolgen, taugen – wie schon früher – als Gefässe des «irrationalen» Protests nicht: Sowohl die Anti-AKW-Bewegung wie die Bio-Oeko-Bewegung entwickelten sich ausserhalb der politischen Parteien von rechts bis links. Deren «rationale Orientierung» hatte nichts gegen eine Hightech-Energieerzeugung oder gegen eine High-tech-Landwirtschaft einzuwenden. Auch in der jetzigen Situation spricht die Ratio für einen Hightech-Umgang mit der Corona-Problematik, eingebettet in autoritäre staatliche Strukturen. Dass sich Corona-Skeptiker so irrational verhalten, macht es selbst der Protest-geübten Linken offenbar unmöglich, Corona-Skeptikern Verständnis entgegen zu bringen. So bieten denn die Rechtsaussenparteien in allen drei Ländern (D, CH, A) die einzige politische Protestmöglichkeit an, was es der Linken wiederum erleichtert, die Corona-Skeptiker als Rechtsaussen-Phänomen einzustufen oder zu denunzieren. – Somit ist die Welt wieder in Ordnung.

Das braune Erbe der Esoterik

Nehmen wir einmal an, eine Journalistin sollte einen Beitrag über das Hotel Sonne in einem abgelegenen Alpental schreiben. Statt hinzufahren, sucht sie auf einem Hotel-Portal im Internet nach diesem Hotel, liest die Selbstdarstellung des Hauses sowie die Gäste-Kommentare. Diese, darunter etliche kritische bis negative, fliessen in ihren Bericht ein.

Was heute über Corona-kritische Bewegungen und Anlässe geschrieben wird, erinnert an dieses (fiktive) Beispiel. Da ist seit wenigen Monaten plötzlich von Esoterik die Rede, einem Begriff, der es bisher kaum je in die Öffentlichkeit geschafft hat. Und nun soll eine Journalistin, die sich bisher nicht in diesem Bereich profiliert hat, kompetent darüber berichten.

Auch hier hilft das Internet. Zum Stichwort Esoterik, zu welchem ein Querverweis zur Anthroposophie selten fehlt, gibt es unzählige Kommentare, nicht nur freundliche. Weil die Journalistin keine profunden Kenntnisse hat, lässt sie sich nicht auf die Äste hinaus, sondern lässt es oft bei Andeutungen bewenden. Ein solcher Satz lautet dann zum Beispiel: «Seine Rede ist vielmehr voller alter rechtsesoterischer Refe-renzen: Friedrich Schiller kommt darin vor und Rudolf Steiner.»

Der ganze WOZ-Beitrag ist hier zu lesen.

Der WOZ-Redaktion habe ich einen Leserbrief geschickt, der am 15.10.2020 publiziert wurde. Er folgt unten.

Der Artikel in der WOZ steht in der Presselandschaft nicht einsam da. Die etwas nebelver-hangene Szene der Strömungen, die sich im Corona-Protest vereinen, ohne ausser in ihrer kritischen Haltung viel miteinander zu tun zu haben, verlockt zu genauso nebulösen Kommentaren. Auf einen auf Zeit online publizierten Artikel, der sich auf Anthroposophie bezieht, reagierte Peter Selg. Dieser «offene Leserbrief» ist hier zu finden.

Leserbrief an die WOZ-Redaktion:

Esoterik?
Sarah Schmalz erledigt ihre Aufgabe beim Schreiben über die Konstanzer Anti-Corona-Demo sicher nicht schlechter als Kollege René Scheu vom NZZ Feuilleton, wenn er über Linksintellektuelle schreibt (oder schreiben lässt). Eigentlich ist die Aufgabe unlösbar. Am einen Ort heisst es Die Linksintellektuellen, am anderen Die Esoteriker, wo man bereits mit oberflächlichen Kenntnissen feststellen wird, dass man weder die Einen noch die Anderen in jeweils einen Topf werfen kann. Pauschalisierungen sind das Eine, bewusst oder fahrlässig gesetzte Konnotationen das Andere. Was soll man beispielsweise mit einem Satz wie dem folgenden anfangen «Seine Rede ist … voller rechtsesoterischer Referenzen: Friedrich Schiller kommt darin vor und Rudolf Steiner.» (Schiller eine rechtsesoterische Referenz?) Und wenn Frau Schmalz behauptet, dass «das antisemitische Stereoptyp der jüdisch kontrollierten Bankensysteme damals wie heute zur Forderung nach einem alternativen Geldsystem» führe, legt der Duktus ihrer ganzen Schreibe nahe, dass auch der Umkehrschluss gilt: wo alternative Geldsysteme diskutiert werden, ist Antisemitismus nicht weit (Tausch- und Geldkreise und Vollgeldinitianten werden sich bedanken). In die Nebelschwaden des Berichts, die ebenso der Szene wie Sarah Schmalz anzulasten sind, sei mir erlaubt, einen klaren Satz zu stellen: Steiner war Esoteriker und Antikapitalist, Antinationalist und Antirassist – was ohne weiteres zu belegen ist.
Matthias Wiesmann, Frauenfeld

Wie man Verschwörungstheoretiker wird

Mit 5 Nachträgen am Schluss des Beitrags.

Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur: Nach dem Giftgasanschlag auf einen Ex-Spion in England gilt für die meisten westlichen Regierungen Russland als Täter. Eine einigermassen plausible Indizienkette wurde bisher nicht publiziert. Der türkische Ministerpräsident Erdogan beschuldigt seinen früheren Kampfgefährten Gülen, einen Putsch gegen ihn angezettelt zu haben. Auch hier gibt es keine nachvollziehbaren Begründungen. Verheerende Folgen bis heute hatte die Behauptung der amerikanischen und britischen Regierung, Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen. Der angerichtete Schaden durch die Kriege seither ist immens. Immerhin wurde diese Verschwörungstheorie später entlarvt. Seit einiger Zeit sieht Viktor Orban in George Soros den Schuldigen hinter allem in Ungarn, was nicht in seinem Sinne läuft. Exakte Belege dafür sind uninteressant.

Verschwörungstheorien? Diesen vier Verschwörungstheorien ist gemeinsam, dass der Begriff Verschwörungstheorie für sie nie verwendet wird.

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Die Epidemie des Herabsetzens

Der Arxhof ist eine Institution des nordwest- und innerschweizer Strafvollzugskonkordats und bietet Plätze für 46 junge straffällige Männer zwischen 17 und 25 Jahren. Der langjährige erste Direktor dieser Einrichtung, Renato Rossi, erklärte in einem Radio-Gespräch die Grundhaltung seiner Einrichtung im Umgang mit den jungen Männern – ganz im Sinne des Arxhof-Leitbildsatzes «Wir begegnen unseren Bewohnern respektvoll, transparent und fordernd.» Er berichtete, dass es nur zwei Verhaltensweisen gebe, die harte Sanktionen nach sich zögen: Gewalt und herabsetzende Bemerkungen gegenüber anderen.

Doch wie wollen junge Männer in schwierigen Lebenssituationen herabsetzende Bemerkungen nachhaltig aus ihrem Interaktions-Repertoir streichen, wenn sie solches von Politikern und Journalisten täglich zu hören bekommen? Zu den «Pionieren» herabsetzenden Redens gehört der in der Schweiz wohl populärste Politiker Christoph Blocher. Herabsetzen kann in der massiven Form Blocherscher Diktion sein (zum Beispiel der Ausdruck «Volksverächter» für nicht genehme Politiker anderer Parteien oder die Aussage über einzelne Persönlichkeiten, etwa im Rahmen einer Diskussion des Initiativrechts:

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«selbst ernannt»

Einzelne herabsetzende Ausdrucksweisen verbreiten sich unter Journalisten epidemisch. Für die Diskreditierung einer Person, über die man schreibt, hat sich das Attribut «selbst ernannt» eingebürgert. So schreibt etwa der halt eben auch selbsternannte Radio-Pionier, Medienunternehmer und selbst ernannte Autor Roger Schawinski in seinem neuesten Buch «Verschwörung! Die fanatische Jagd nach dem Bösen in der Welt» (NZZ Libro 2018) über Daniele Ganser: «Der selbsternannte ‹Friedensforscher› hat sich mit Bezug auf seinen Vater und dessen damalige Entscheidung zur Nichtteilnahme am Zweiten Weltkrieg in seinen Kampf gestürzt.» Das Attribut «selbsternannt» wird im Hinblick auf seine Konnotation in der Regel mit einer klaren Absicht gewählt. (Bei einer Konnotation handelt es sich um einen über die eigentliche Bedeutung des Wortes hinausreichenden, assoziativen, wertenden oder emotionalen Gedanken.)

Einer Ernennung liegt ein Legitimationsvorgang zugrunde: ein Organ eines Herrschaftssystems ernennt einen Amtsträger. Die Erziehungsdirektion ernennt XY zum Rektor am Gymnasium Z. Der polemische Gebrauch des Begriffs Ernennung oder Selbsternennung drückt eine Wertung aus: Nur wer ernannt ist, kann ernst genommen werden. Selbst Ernannte sind als suspekt oder nicht qualifiziert anzusehen.

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