Wie man Verschwörungstheoretiker wird

Mit 5 Nachträgen am Schluss des Beitrags.

Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur: Nach dem Giftgasanschlag auf einen Ex-Spion in England gilt für die meisten westlichen Regierungen Russland als Täter. Eine einigermassen plausible Indizienkette wurde bisher nicht publiziert. Der türkische Ministerpräsident Erdogan beschuldigt seinen früheren Kampfgefährten Gülen, einen Putsch gegen ihn angezettelt zu haben. Auch hier gibt es keine nachvollziehbaren Begründungen. Verheerende Folgen bis heute hatte die Behauptung der amerikanischen und britischen Regierung, Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen. Der angerichtete Schaden durch die Kriege seither ist immens. Immerhin wurde diese Verschwörungstheorie später entlarvt. Seit einiger Zeit sieht Viktor Orban in George Soros den Schuldigen hinter allem in Ungarn, was nicht in seinem Sinne läuft. Exakte Belege dafür sind uninteressant.

Verschwörungstheorien? Diesen vier Verschwörungstheorien ist gemeinsam, dass der Begriff Verschwörungstheorie für sie nie verwendet wird.

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Die Epidemie des Herabsetzens

Der Arxhof ist eine Institution des nordwest- und innerschweizer Strafvollzugskonkordats und bietet Plätze für 46 junge straffällige Männer zwischen 17 und 25 Jahren. Der langjährige erste Direktor dieser Einrichtung, Renato Rossi, erklärte in einem Radio-Gespräch die Grundhaltung seiner Einrichtung im Umgang mit den jungen Männern – ganz im Sinne des Arxhof-Leitbildsatzes «Wir begegnen unseren Bewohnern respektvoll, transparent und fordernd.» Er berichtete, dass es nur zwei Verhaltensweisen gebe, die harte Sanktionen nach sich zögen: Gewalt und herabsetzende Bemerkungen gegenüber anderen.

Doch wie wollen junge Männer in schwierigen Lebenssituationen herabsetzende Bemerkungen nachhaltig aus ihrem Interaktions-Repertoir streichen, wenn sie solches von Politikern und Journalisten täglich zu hören bekommen? Zu den «Pionieren» herabsetzenden Redens gehört der in der Schweiz wohl populärste Politiker Christoph Blocher. Herabsetzen kann in der massiven Form Blocherscher Diktion sein (zum Beispiel der Ausdruck «Volksverächter» für nicht genehme Politiker anderer Parteien oder die Aussage über einzelne Persönlichkeiten, etwa im Rahmen einer Diskussion des Initiativrechts:

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«selbst ernannt»

Einzelne herabsetzende Ausdrucksweisen verbreiten sich unter Journalisten epidemisch. Für die Diskreditierung einer Person, über die man schreibt, hat sich das Attribut «selbst ernannt» eingebürgert. So schreibt etwa der halt eben auch selbsternannte Radio-Pionier, Medienunternehmer und selbst ernannte Autor Roger Schawinski in seinem neuesten Buch «Verschwörung! Die fanatische Jagd nach dem Bösen in der Welt» (NZZ Libro 2018) über Daniele Ganser: «Der selbsternannte ‹Friedensforscher› hat sich mit Bezug auf seinen Vater und dessen damalige Entscheidung zur Nichtteilnahme am Zweiten Weltkrieg in seinen Kampf gestürzt.» Das Attribut «selbsternannt» wird im Hinblick auf seine Konnotation in der Regel mit einer klaren Absicht gewählt. (Bei einer Konnotation handelt es sich um einen über die eigentliche Bedeutung des Wortes hinausreichenden, assoziativen, wertenden oder emotionalen Gedanken.)

Einer Ernennung liegt ein Legitimationsvorgang zugrunde: ein Organ eines Herrschaftssystems ernennt einen Amtsträger. Die Erziehungsdirektion ernennt XY zum Rektor am Gymnasium Z. Der polemische Gebrauch des Begriffs Ernennung oder Selbsternennung drückt eine Wertung aus: Nur wer ernannt ist, kann ernst genommen werden. Selbst Ernannte sind als suspekt oder nicht qualifiziert anzusehen.

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