(Zer-) Siedlungsfläche und Verdichtung

WohnungsdichteDie immer weiter ausgreifende Be- und Zersiedelung des Landes ist seit Jahren ein Diskussionsthema. Die Rechtspopulisten der SVP sehen den Grund allein in der Einwanderung. (Nach den Nationalrats- und Ständeratswahlen sprach SVP-Parteipräsident Rösti von der Zubetonierung der Landschaft wegen der Einwanderung.) Deshalb muss diese Partei raumplanerisch nichts unternehmen. Es genügt, die Einwanderung zu stoppen. Dann ist alles gut. Im Vergleich dazu wirkt der Hinweis beispielsweise der NZZ geradezu differenziert: die beanspruchten Wohnflächen pro Person würden stetig steigen. (Sie liegen in der Schweiz bei 45 m2 pro Person – in Haushalten mit Migrationshintergrund deutlich tiefer.) Also müssen wir uns wohl alle bei der Nase nehmen («Selbstverantwortung» gehört zu den oft verwendeten Wörtern in dieser Zeitung). Allerdings hat die Zersiedelung nur bedingt mit der Wohnflächenbeanspruchung zu tun. Von primärer Bedeutung ist der Boden- bzw. Flächenverbrauch pro Wohnung oder Person. Und dieser unterscheidet sich selbstverständlich ganz wesentlich in Abhängigkeit vom Gebäudetyp bzw. der Anzahl Wohnungen in einem Gebäude. Ein Wohnhochhaus verbraucht pro Wohnung sehr viel weniger Boden als ein Einfamilienhaus. In der Schweiz gab es 2018 eine knappe Million Einfamilienhäuser und 470'000 Mehrfamilienhäuser. (Hinzuzuzählen sind noch etwa 280'000 Wohngebäude mit Nebennutzung und Gebäude mit teilweiser Wohnnutzung.) Wenn man nach der verbrauchten Landfläche pro BewohnerIn fragt, fällt die Antwort noch krasser aus, weil Einfamilienhäuser zu einem grossen Teil nur von einer bis zwei Personen bewohnt werden.

Zielacker KanzlerDer verschwenderische Umgang mit Boden hat zu politischen Reaktionen geführt. Einerseits beschränkt das Raumplanungsgesetzt die Möglichkeiten der Einzonung (Umwidmung) neuer Bauflächen. Andererseits wurde «Verdichtung» zur neuen Leitlinie der Siedlungsplanung. Die Auswirkungen sind teilweise krass. Man kann sie so zusammenfassen: Dort, wo die Dichte bereits relativ hoch bzw. der Flächenverbrauch pro Wohnung relativ klein ist, wird verdichtet. Da, wo der Flächenverbrauch hoch ist (Einfamilienhaus- / Villenquartiere) geschieht wenig. Anschaulich wird dies aktuell in meiner unmittelbaren Nachbarschaft. Ablesbar ist die Wohnungsdichte an einem schweizweiten Hektarenrasters des Bundesamts für Statistik. Unterhalb unseres Dreifamilienhauses stehen Wohnblöcke einer Genossenschaftssiedlung aus den 1950er Jahren. Die Zahl der Wohnungen pro Hektare beträgt 39. (Links oben im dunklen = dichter bebauten Feld / obere Fotografie) Oberhalb unseres Hauses beträgt die Wohnungsdichte zwischen weniger als 10 bis 15 Wohnungen pro Hektare. (Untere Hälfte der Darstellung / untere Fotografie) Im kommenden Jahr sollen die Wohnblöcke der Genossenschaftssiedlung abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden – mit etwa 30% mehr Wohnungen. Da, wo die Dichte klein ist, wird zwar ab und zu auch gebaut, aber am ehesten im Sinne von Wohnflächenerweiterungen (Wintergärten u.ä.m).

Diese Entwicklung hat verschiedene Gründe. Einerseits lassen die Bauzonen Verdichtungen in Einfamilienhaus-Quartieren gar nicht zu – und wo die Möglichkeit allenfalls doch besteht, scheitern Veränderungen am breit gestreuten Eigentum. Wo auf grösseren Flächen bereits Mehrfamilienhäuser stehen, ist der Entscheidungs- und Planungsprozess viel einfacher. Das bedeutet aber, dass eine immer grössere Anzahl Menschen in immer dichter bebauten Wohngebieten lebt, während sich die viel grösseren Einfamilienhaus-Flächen nur wenig verändern – eine Polarisierung, wie sie auch in anderen Bereichen der Gesellschaft zu beobachten ist.

 

Verdichtung im Einfamilienhaus-Quartier

Wie könnte es zu einer allmählichen Verdichtung auch in bestehenden oder neuen «Einfamilienhausquartieren» kommen? Man kann dem Stadtwanderer Benedikt Loderer durchaus zustimmen, wenn er findet, es könne nicht darum gehen,20110516 2420 solche teilweise über lange Zeiträume gewachsene Quartiere rigoros mit Mehrfa-milienhäusern verdichtet zu überbauen. (Stadtwanderung in Frauenfeld, organisiert von der Kleinpartei CH und in Lenzburg, organisiert von der CoOpera Arbeitsgemeinschaft).

An einer Tagung der CoOpera Arbeitsgemeinschaft berichtete der Professor für Architektur an der Fachhochschule Luzern, Peter Schwehr, über ein Projekt im Auftrag einer Innerschweizer Gemeinde. Es ging hier nicht nur allein um Verdichtung in einem Quartier mit 100-jährigen Einfamilienhäusern und Villen mit grossem Umschwung, sondern auch um die Frage des Wohnens im Alter. Häufig wohnen gerade in solchen Quartieren einzelne alte Menschen in viel zu grossen Häusern, während Familien mit Kindern adäquater Wohnraum fehlt. Der Vorschlag bestand darin, in die grossen Gärten kleine Wohneinheiten zu setzen. (Ein Beispiel könnte das Smallhouse von bauart sein.) In diese kleine Wohneinheiten können die älteren Menschen einziehen. Sie müssen damit ihr Lebensumfeld nicht verlassen. Im besten Fall entsteht eine nützliche Mehrgenerationenbeziehung zwischen den jüngeren Bewohnern des grossen Wohnhauses und den bisherigen Bewohnern / Eigentümern. Da solche Entwicklungen «unorthodox» sind und wenige Vorbilder bestehen, muss die Ge-meinde in einem solchen Prozess eine aktive Moderationsrolle spielen.

Bessere Möglichkeiten bestehen grundsätzlich bei neu zu bebauenden Flächen. Traditionell wird eingezont, die Parzellen werden einzeln an Bauherren verkauft – es entsteht der übliche Siedlungsbrei mit einer Dichte von 5 – 20 Wohnungen pro Hektar. Die besten Möglichkeiten bestehen dann, wenn die Gemein de die gesamte Fläche kauft und Auflagen für die Bebauung macht. Vorbild könnten Baugruppen sein, wie sie in grossen Städten wie Berlin entstanden sind. Dort geht es allerdings nicht um Bebauungen in der Horizontale, sondern in der Vertikale – beispielsweise, wenn eine noch vom Krieg stammende Baulücke genutzt werden soll. Eine Gemeinschaft entsteht, weil der Bau eines grösseren Hauses jenseits der Möglichkeiten mittelständischer Bauherren liegt. Nach Erstellen des Hauses werden die einzelnen Einheiten im Stockwerkeigentum an die Mitglieder der Gemeinschaft abgegeben.

Dieses Muster wäre auf die Überbauung von noch freien Flächen übertragbar. Die Bauherrschaft liegt nicht bei vielen Einzelnen, sondern bei der Gruppe (die sich z.B. zu einer Genossenschaft oder zu einem Verein zusammenschliesst).Auflage der Gemeinde müsste eine Mindestnutzung (z.B. >30 Wohnungen / Hektar) sein sowie die Gewährleistung einer Gesamtplanung. Damit soll eine der traditionellen Schwächen von Einfamilienhaus-Quartieren vermieden werden, die darin besteht, dass die Grenzabstände minimiert werden, d.h. zwischen den Häusern kaum nutzbare Streifen entstehen, während im ganzen Quartier keine eigentliche Freifläche (Kinderspielplatz usw.) bestehen bleibt. Mit der Gesamtplanung wäre auch zu erreichen, dass das Quartier verkehrsfrei bleibt.

Die Vorgehensweise der Gesamtplanung ist keineswegs utopisch. Sie wird ohnehin überall da gewählt, wo eine Immobiliengesellschaft oder eine Genossenschaft grösserflächig baut. Politische Schwierigkeiten gibt es allenfalls da, wo die Verunmöglichung des Einfamilienhausbaus ohne Einbettung in einen grösseren Rahmen als Gefahr für unsere «Freie Gesellschaft» schlechthin gesehen wird.

Bild: von einer Baugruppe erstelltes Haus in Berlin (Holzkonstruktion)

il cumün - oder: Aspekte der Siedlungsentwicklung

20150710 DSC 2404Blühen die Dörfer auf oder sterben sie aus? Diese auf Entwicklungen in Bergregionen gemünzte Frage der im Engadin erscheinenden Zeitschrift „piz" stellt sich auch in städtischen Bereichen. Die Frage ist, welches die Bedingungen für Blühen und Sterben sind. Vier Aspekte, die die Entwicklungen massgeblich beeinflussen, sind auszumachen.

Es sind die Aspekte 1. Kapitaldruck, 2. Bodeneigentum, 3. Öffentlichkeit und Verantwortung, 4. Kultur.
1. Dass Kapital- bzw. Renditedruck ein dominanter Faktor ist, für jedem offensichtlich, der die städtebaulichen Auswüchse im Einzugsbereich der Agglomerationen beobachtet. Randregionen sind viel weniger unter Druck und somit – unter diesem Aspekt – privilegiert.
2. Das Bodenrecht ist zwar in der Bundesverfassung verankert. Zu den interessantesten Siedlungsentwicklungen gehören heute allerdings diejenigen, die dem Autismus privaten Grundeigentums entzogen und Baurecht zur Grundlage haben (z.B. genossenschaftlicher Wohnungsbau in der Stadt Zürich).
3. Die Abwesenheit von Kapitaldruck als Entwicklungstreiber ist vielleicht eine notwendige, aber noch längst keine hinreichende Bedingung für gute Siedlungsentwicklungen. Meist gibt privates (zivilgesellschaftliches) Engagement für die öffentliche Sache der Dorf-, Quartier- oder Siedlungsentwicklung den Ausschlag. Ein hervorragendes Beispiel derartiger Initiative lässt sich in Valendas (Surselva / Safiental) beobachten. In ganz anderer Art tritt sie in der Zusammenarbeit von Wohnbaugenossenschaften und Architekten zur Entwicklung des Hunziker Areals in Zürich in Erscheinung.
4. Jede Entwicklung braucht einen Boden, den ich hier als Kultur bezeichne. Die Entwicklung der hervorragenden Holzbauarchitektur im Bregenzerwald ist nur auf dieser Grundlage zu verstehen.
Der ganze Aufsatz (8 Seiten) kann als PDF geöffnet und heruntergeladen werden.

Bregenzerwald

Der Bregenzerwald ist eine Landschaft, wie sie für den Alpennordhang typisch ist: geprägt von Nagelfluhformationen.
Mit ihren tief eingeschnittenen Flusstälern gleicht sie wohl am ehesten dem Schwarzenburgerland eingefasst von Sense- und Schwarzwassergraben.

G Fluss1 G Landschaft4 G Landschaft6
Heute überspannen Betonbrücken die Flusstäler. Früher war der Verkehr wohl etwas mühsamer. Immer wieder tauchten
die Strassen in die Tiefe, wo sie von Holzbrücken über das Wasser geführt wurden. Wanderer finden heute da und dort
Hängebrücken. Wenn man das Ziel vor Augen hat (unten rechts: Hittisau), dann sollte man nicht denken, man sei
gleich dort. Sicher liegt noch ein Flusstal dazwischen.
G Nagelfluh1 G Nagelfluh2 G Hittisau
Es gibt Orte, wo sich Freizeitaktivitäten konzentrieren, z.B. wo sich die Gleitschirmflieger bei Andelsbuch treffen
(unten Mitte). Selten fühlt man sich aber als Tourist, selbst wo es touristische Angebote gibt, Beispiel: Nagelfluhweg.
G Landschaft1 G Landschaft2 G Landschaft3
Es gibt viele leichte, aber auch anspruchsvoller Touren. Links der Blick Richtung Häderichhöhe, vom Balkon des
Hotels Krone in Hittisau aus gesehen. Da die Milch für Rohmilchkäse produziert wird, werden weder das Auge
(durch Siloballen) noch die Nase (durch Silogeruch) beleidigt.
  
BIG Stall G Landschaft5 G Landschaft8
Die moderne Holzarchitektur hat
ihre Vorbilder (bei Hittisau)
Wer hat sich hier die Zeit genom-
men, spielerisch und schön das
Wasser abzuleiten? (zwischen Egg
und Hittisau) 
Noch ein spielerisches Objekt:
Waldzimmer auf dem Rotenberg
(zwischen Hittisau und Langenegg)
Text dazu siehe unten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Waldzimmer regional gebaut. Das Holz für das Waldzimmer wurde am Rotenberg geschlagen. Sechs Weisstannen im Alter von etwa 100 Jahren lieferten den harten, harzfreien, mitunter auch widerspenstigen Rohstoff. Das Holz für den Schirm wurde von Hand geschält. Beauftragt wurde eine Säge in Egg und eine Zimmerei in Hittisau. Hier schliesst sich der Kreis regionaler Wertschöpfung. Das Waldzimmer fokussiert zum Aus- und Einblick in den Waldraum.

In Rahmenbauweise ausgeführt und mit der Fassade aus gesäumten Schwärtlingen, fügt sich das Objekt harmonisch ins Waldbild. Ein sägerauer Riemenboden, solide ausgeführt, erdet beim Eintritt in das Waldzimmer. Im Inneren zeigt sich die Weisstanne vollendet im natürlichen Licht. Am umlaufenden Oberlciht, an rhythmischen Lichtlinien und vor unregelmässigen Sichtluken durchdringen sich Wald und Zimmer zum handwerklichen Manifest.