Eigentum und Nutzung

Vaira klein  DSC 3778 
Fattoria di Vaira, ein 500 ha-Demeterhof,
gepachtet von Ecor NaturaSì
 Manhattan / New York

 Das durch bürgerliche Revolution und Römisches Recht geprägte Denken kennt zwei Kategorien: Individuum (Pri­vatheit) und Staat. Selbst in der Schweiz, die über einen durch und durch genossenschaftlichen Stammbaum ver­fügt und – in Überresten – noch heute gemeinschaftliche Nutzungskonzepte kennt, beschränkt sich die Diskussi­on auf diese Dualität. Noch heute ist die All­mend zumindest als Flurname bekannt, fast überall hat sie aber ihre ursprünglich gemeinschaftliche Nutzungsbe­stimmung verloren. Allmenden sind oft privatisiert, gelegentlich vom Staat genutzt oder im Baurecht vergeben. Was einst allen oder niemandem gehörte, ist heute gewissermassen privat besetztes Land. Privates Bodeneigentum gehört in unserer Gesellschaft zu den höchsten rechtlichen Gü­tern. Vor diesem Hintergrund wirkt der Ausruf von Rousseau, einem Wegbereiter der französischen Revolution, wie ein Orakelspruch: „ Ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte euch allen, der Boden aber nieman­den gehört."

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1. Historische Entwicklung / Eigentumsentwicklung

„Abel ward ein Schäfer; Kain aber ward ein Ackermann." Mose 1, Kap. 4.2 Der Ackermann erschlug den Schäfer, den Noma­den, denjenigen, der noch keine Grenzen und Grundstücke kannte. Abel ernährte sich von dem, was allen gehört. Karl Marx: „Das Verhalten zur Erde als Eigentum ist immer vermittelt durch die Okkupation, friedliche oder gewaltsame, von Grund und Boden durch den Stamm, die Gemeinde ..." K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 386. Im gleich Sinn weist Rudolf Steiner darauf hin, „dass Grund und Boden z.B. durch Eroberung, also durch Entfaltung von Macht, in die Verfü­gung von irgendwelchen Menschen übergegangen ist." Rudolf Steiner: Nationalökonomischer Kurs, 7. Vortrag Doch „ist das Grund­eigentum zunächst gemeinsames, und selbst wo es fortgeht zum Privateigentum, erscheint die Beziehung des Individu­ums zu demselben gesetzt durch sein Verhältnis zum Gemeinwesen. Es erscheint als bloßes Lehen des Gemeinwesens" K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 628. Karl Marx weist damit auf eine „Eigentumsform" hin, der heute in der Ge­meingüterökonomie, begründet von Elinor Ostrom, untersucht wird. In Silvio Gesells Frage treffen wir dieselbe Haltung an: „Dürfen wir nun gestatten, daß einzelne Menschen Teile dieser Erde, Teile von uns selbst, als ausschließliches und ausschließendes Eigentum in Beschlag nehm en, Zäune errichten und mit Hunden und abgerichteten Sklaven uns von Teilen der Erde abhalten, uns ganze Glieder vom Leib reißen?" - Der Eigen­tums­begriff, der heute mehrheitlich ver­wendet wird, geht auf die römische Rechtsauffassung zurück. Eigentum wurde zum umfassen­den Herrschaftsrecht über eine Sa­che.

2. Eigentumsideologie heute

2. Auch in der Neuzeit finden wir sehr unterschiedliche Auffassungen von Bodeneigentum. „Der erste, welcher ein Stück Landes umzäunte, sich in den Sinn kommen ließ zu sagen, dies ist mein, und der einfältige Leute antraf, die es ihm glaubten, der war der wahre Stifter der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viel Laster, wie viel Krieg, wie viel Mord, Elend und Gräuel hätte einer nicht verhüten können, der die Pfähle ausgerissen, den Graben verschüttet und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: Glaubt diesem Betrüger nicht. Ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte euch allen, der Boden aber niemanden gehört." Jean Jacques Rousseau, cit. nach Frank Augsten: Die Bodenfrage neu stellen: Aber wie?, in: Silke Helfrich udn Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.) Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter. Netzausgabe. München und Berlin 2009
Die klassische, heute dominierende Ökonomie und Rechtssprechung behandelt den Boden wie ein beliebiges, eigentumsfähi­ges Gut. Der Bodenmarkt wird als Markt wie jeder andere angesehen. Allerdings erfüllt er mindestens ein Kriterium des voll­kommenen Marktes a priori nicht, kein Grundstück ist identisch mit irgendeinem anderen, also ist Homogenität nicht gegeben.

3. Bodennutzungen

Die vorliegenden Ausführungen rücken Boden als Produktionsmittel (Industrie und Gewerbe) und als Standort für Wohnbauten in den Vordergrund. Boden ist unmittelbar aber auch Produktionsmittel des primären Sektors der Wirtschaft. Landwirtschaft / Bergbau. Traditionell und wertneutral spricht man von „Ausbeutung der Naturschätze". Tatsächlich tendiert die Nutzung der Naturschätze immer zu Ausbeutung nun in einem kritischen Sinn verstanden. Trotz grossflächiger Anerkennung der biologi­schen (und biodynamischen) Landwirtschaft braucht es noch heute enorme Anstrengungen, um die Nutzung der Naturschätze, d.h. des Landwirtschaftslandes nachhaltig zu gestalten. Die herkömmliche Landwirtschaft hat mit ihren Bodenbearbeitungsme­thoden und dem Düngereinsatz dazu geführt, dass fruchtbare Bodensubstanz in grossem Massstab vernichtet bzw. der Erosion geopfert wird.

4. Darstellung der Situation Bodenmarkt

„Die zinsbedingten Kostenverzerrungen lassen auf dem Wohnungsmarkt immer deutlicher zwei Geschwindigkeiten erkennen: Hier ein beispielloser Run auf Eigentumswohnungen, der das Angebot verknappt und beängstigende Preisanstiege ausgelöst hat. ... Verschärfend wirkt, dass sich die Angebotsausweitung, getrieben vom erhöhten Interesse der institutionellen Anleger an Renditeobjekten, immer stärker auf Mietwohnungen fokussiert. Diese Konstellation dürfte im laufenden Jahr eine Fortset­zung erfahren, da die Fundamentaldaten keine Änderung erwarten lassen. Es ist daher mit steigenden Leerständen im Miet­wohnungssegment und anhaltenden Preisschüben im Eigentumssegment zu rechnen. Dank des geringen Anteils an spekulati­ven Immobilienkäufen bewegt sich der Wohnungsmarkt aber nicht in Richtung einer spekulativen Preisblase, sondern einer nachfragegetriebenen Überbewertung." Credit Suisse: Swiss Issues Immobilien Immobilienmarkt 2012 Strukturen und Perspektiven

5. Ursachen der Entwicklung 1: Demographie / Wohlstand

Der Wohnflächenbedarf ist in den letzten Jahrzehnten laufend gestiegen. „Wichtige Treiber dieser Entwicklung sind demografi­sche Veränderungen und gesellschaftliche Trends (mehr Einzelhaushalte mit tendenziell höherem Platzbedarf) sowie der wach­sende Wohlstand in weiten Teilen der Bevölkerung. 1980 beanspruchte eine Person in der Schweiz im Durchschnitt 34 m² Wohnfläche, im Jahr 2000 waren es bereits 44 m², und heute dürfte der Wert bereits bei rund 48 m² liegen. Dieser Trend geht weiter. Aktuelle Schätzungen beziffern den Wohnflächenbedarf für 2030 auf rund 55 m² pro Person." (Bundesamt für Raumentwicklung) Während Durchschnittszahlen bei Einkommensstatistiken nie als ausreichend akzeptiert würden, müssen wir bei der Entwick­lung von Wohnflächen damit vorlieb nehmen. Zweifellos streut die beanspruchte Fläche jedoch beträchtlich. Hinzu kommt, dass ein Einfamilienhaus von 150 m2 Wohnfläche nie mit einer entsprechend grossen Wohnung in einem Wohnblock oder gar Hochhaus verglichen werden kann. Aussagekräftig wären nur Bruttoflächen pro Wohnung. Das heisst: die beanspruchte Umge­bungsfläche müsste anteilmässig der Wohnfläche zugerechnet werden.

6. Ursachen der Entwicklung 2: Ökonomie

Ertragswert: „Der Bodenpreis ist nichts als die kapitalisierte und daher vorausberechnete Rente." K. Marx, Kapital III, MEW 25, 816. „ ... unter dem Einfluss von solchen Rechts- und Machtverhältnissen geschieht fortwährend das, dass der Betreffende, der das freie Verfügungsrecht über den Grund und Boden hat, sich mit sich selber besser abfindet, als er die anderen abfindet, wel­che er zur Arbeit heranzieht, welche ihm die Erzeugnisse durch Arbeit liefern." Rudolf Steiner: Nationalökonomischer Kurs, 7. Vortrag. Je höher die Ertragsmöglichkeiten sind, desto höher ist die Bereitschaft, für Boden (Miete) höhere Beträge einzusetzen.
Boden als Anlageobjekt: „Immobilien sind ein wichtiges Element des Wohlstandes. Sie machen in der Schweiz rund 42% der gesamten Vermögen der privaten Haushalte aus." Aline Müller (SECO) in Die Volkswirtschaft 6-2012
„In Deutschland hatten die privaten Haushalte bis zum Jahr 2006 ein Bruttovermögen von insgesamt 10,4 Billionen Euro aufge­baut. Davon entfielen 46,3 Prozent auf Immobilien und 43,6 Prozent auf Geldvermögen." Bundeszentrale für politische Bildung
Zinsentwicklung: „Betrachtet man die Zinsen über einen sehr langen Zeitraum, dann fällt auf, dass im Jahr 2011 die Zinsen so tief wie noch nie in den vergangenen 160 Jahren waren. www.finanzmonitor.com Billiges Kapital macht den Wohneigentumserwerb billig. Das führt zu steigender Nachfrage und in der Folge zu Preissteigerungen im Immobilienmarkt und regional zu spekulati­ver Überhitzung. Hier lag denn auch der Auslöser der Finankrise 2008 ff.