Die Realität als Modell einer kooperativen Wirtschaft

Auf Anmerkungen wird im Text mit einer Ziffer in Klammern hingewiesen. Sie sind am Ende des Textes aufgeführt. 

Abgesehen von der Gemeingüter-Thematik ist Kooperation in der Wirtschaft alltägliche Realität und dennoch kein zentraler Begriff der Wirtschaftswissenschaften. Nach wie vor ist «Markt» der dominante Begriff von Wirtschaftstheorie und -politik. Namentlich in der europäischen Wirtschaftspolitik werden wichtige Akteure gezwungen, sich dem Verhaltensschema der Markttheorie anzupassen. Staaten dürfen sich an wirtschaftliche Unternehmen nicht beteiligen und solche Unternehmen oder Branchen nicht unterstützen – das würde zu Wettbewerbsverzerrungen führen. Gleichzeitig tendieren Unternehmen in der Regel zu Konkurrenzvermeidung z.B. durch «Alleinstellung» – oder sie suchen Kooperationen. Unter den Stichwörtern «Punkt» und «Linie» will ich zunächst die Idee des Marktes und die Wirkungsweise der in der Wirtschaft vermutlich dominanten Form der Wertschöpfungskette aufzeigen. In der Wirklichkeit gibt es zahlreiche Überschneidungen und Vermischungen. Schliesslich möchte ich die Weiterentwicklung des Ansatzes der Wertschöpfungskette aufzeigen, wie sie unter dem Begriff der «Assoziation» bekannt geworden ist.

Markt = Punkt

Die volkswirtschaftliche Definition des vollkommenen Marktes entspricht dem Bild eines Punktes. Neben den Forderungen der Homogenität (vollkommene Gleichartigkeit der Güter) und der vollkommenen Markttransparenz (alle wissen alles zum Angebot) ist vor allem wichtig: 1. Es gibt keine räumlichen Differenzierungen. Käufer und Verkäufer befinden sich am selben Ort. 2. Es gibt keine zeitlichen Differenzierungen z.B. in Form von unterschiedlichen Lieferfristen. Damit findet der Tauschakt – örtlich und zeitlich – an einem Punkt statt. Die Volkswirtschaftslehre arbeitet sich auch nach hundert oder hundertfünfzig Jahren des Ideals des vollkommenen Marktes weiterhin an dessen Mängeln ab – während die Wirtschaftspolitik die Marktidee als funktionierend vor¬aussetzt. So formuliert zum Beispiel Nobelpreisträger Josef Stiglitz: «Wir haben bewiesen, dass diese Annahme [dass Mängel der Markttransparenz irrelevant sind] falsch ist: Selbst kleinste Informationsdefizite können tiefgreifende und nachhaltige Auswirkungen auf das Verhalten der Wirtschaft haben.» (1) Ein weiterer Nobelpreis wurde 2016 an Oliver Hart und Bengt Holmström für die Vertragstheorie vergeben. Sie besagt u.a.: «Durch Kooperation können zwei (oder mehr) Parteien einen gemeinsamen Überschuss über das hinaus erwirtschaften, was jeder für sich allein produzieren würde.» (2) Die von der Markttheorie behauptete Optimierung ist in Frage gestellt.

Wo bei Massengütern – Weizen, Kupfer oder Schweinebauch – Markt (Idealform: Börse) gefordert wird, haben qualitative und soziale Aspekte keinen Raum. Das zeigt sich zum Beispiel da, wo Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigt werden sollten. Bislang gab es keine entsprechenden Standards. (Trotzdem gab es unzählige Statistiken über die Entwicklung nachhaltiger Investments.) Und nun, wo sich die EU aufgemacht hat, Nachhaltigkeitsstandards zu definieren, wird beispielsweise auch Kernkraft dazugezählt …

Wertschöpfungskette = Linie

Es ist kein Zufall, sondern vor dem angedeuteten Hintergrund plausibel, dass sich in jüngerer Zeit zwei Begriffe im allgemeinen Sprachgebrauch etabliert haben: Lieferkette und Wertschöpfungskette. Bis Mitte der 1990er Jahre war der Begriff der Lieferkette im Sprachgebrauch, soweit er sich in der Presse spiegelt, inexistent. Heute ist der Begriff allgegenwärtig. «Wertschöpfungskette» ist etwas länger im Gebrauch. Solche sprachlichen Veränderungen gibt es immer wieder. So wurde «Problem» weitgehend durch das Wort «Herausforderung» ersetzt. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Sprachgebrauch und Bewusstsein oder gar sozialer Praxis? Hat sich hier etwas entwickelt? Man kann darin einen sich abzeichnenden Paradigmenwechsel sehen, wenn «Markt» von «Kette» verdrängt wird. Während der volkswirtschaftliche Begriff des idealen Marktes per definitionem örtlich und zeitlich einen Punkt meint, zeigt Kette einen «Längsschnitt» und weist auf die grosse Zahl involvierter Unternehmen und Menschen hin.

Lange schien es, als ob das äusserst komplizierte Netz der Weltwirtschaft, das einem Fahrradbauer bei uns bestimmte Komponenten aus verschiedenen Kontinenten zur richtigen Zeit in der richtigen Menge zur Verfügung stellte, von einer wunderbaren «unsichtbaren Hand» (Adam Smith) gesteuert würde, ohne dass sich ein übergeordneter Koordinator bewusst mit diesen Prozessen hätte befassen müssen. Dieses Funktionieren schien der gelebte Beweis für die Funktionstüchtigkeit des arbeitsteiligen marktwirtschaftlichen Konzepts zu sein. Doch nun sind Fäden dieses Netzes an verschiedensten Stellen gerissen. Mangellagen drohen, nicht (nur) wegen des Ukraine-Krieges, sondern aus unterschiedlichsten Gründen, manchmal ganz banal dadurch, dass sich – Spätfolge der Corona-Politik – nicht genügend Container am richtigen Ort befinden oder Chauffeure fehlen. Immer häufiger wird das Gemeinwesen aufgerufen, Unternehmen zu entschädigen, weil der Staat eingreifen musste und bestimmte Entwicklungen nicht vorhersehbar waren. Es wird mehr und mehr Bewusstsein in Sphären erforderlich, die man früher einfach ignorieren, gewissermassen im Un- oder Unterbewussten funktionieren lassen konnte.

Finanzwirtschaft – Realwirtschaft

Es sollte nicht generell behauptet werden, das Bild des Marktes sei falsch. Man kann aber sicher die Feststellung machen: Je «börslicher» Wirtschaft funktioniert, desto zutreffender ist das Bild des Marktes. Je realwirtschaftlicher Wirtschaft funktioniert, desto zutreffender ist das Bild der Kette. Wo regelmässige Dienstleistungen gefordert sind (z.B. Versorgung mit Lebensmitteln), sind festgefügte Ketten vorherrschend. Wo Investitionsgüter zu beschaffen sind, dürften mit Offerteinholungen eher Markt-ähnliche Praktiken dominieren. Die Unterschiedlichkeit des unternehmerischen Verhaltens (Ausrichtung auf Punkt oder Kette) geht bis in den einzelnen Betrieb hinein. Holzbau-Unternehmungen können ihr Rohmaterial börslich einkaufen. Derzeit unterliegen diese Preise grossen Schwankungen mit steigender Tendenz. Oder sie können feste Lieferbeziehungen mit Sägereien eingehen, wie mir Walter Schär von schärholzbau AG in Altbüron erklärte. In der Realität wird es immer Mischformen aus beiden Konzepten geben. Meine eigene Erfahrung zeigt, dass die verlässliche Zusammenarbeit bewirkt, dass Partner in längerfristiger Kooperation über Standardangebote hinaus die Bereitschaft entwickeln, in besonderen Situationen besondere Leistungen zu entwickeln, was vom tendenziell anonymen Markt nicht zu erwarten ist. Derartige Situationen laufen auf jene Konstellationen hinaus, die die Nobelpreisträger Hart und Holström beschrieben haben: gemeinsam werden höhere Leistungen erreicht.

Die zunehmende Arbeitsteilung und Globalisierung bedingt geradezu das Bilden von Liefer-Ketten (Supply Chains). «Auch beschränkt sich SCM schon längst nicht mehr auf eine reine Zusammenarbeit im Vertrieb, sondern meint vielmehr eine Kooperation auf dem Gebiet der Produktion und immer mehr auch der Forschung und Entwicklung. Dies erfordert eine enge und intensive Zusammenarbeit und eröffnet den Partnern viele Einblicke in die beteiligten Unternehmen. Absolute Voraussetzung dazu ist der langfristige Aufbau von Vertrauen.» (3)

Verlässlichkeit und Vertrauen sind allerdings nicht Verhaltensformen, für die man sich schnell mal entscheiden und sie in börslichem Millisekundentempo realisieren kann. Verlässlichkeit und Vertrauen sind Resultate einer Entwicklung in Gegenseitigkeit, die sich in unzähligen Einzelsituationen erweisen müssen – nicht aufgrund einer überzeugten Befürwortung von Zusammenarbeit, sondern aufgrund der Erfahrung ihrer nachhaltigen Wirkung.

Das Schicksal von Ideen in der Wirtschaft

Die Idee einer Wirtschaftspraxis verlässlicher Zusammenarbeit in Ketten (Neudeutsch: Supplychains) von der Produktion bis zum Konsum (also etwas weiter gespannt, als «Wertschöpfungskette» in der Regel verstanden wird) ist gut hundert Jahre alt und wurde von Rudolf Steiner postuliert. Sie wurde damals Assoziation oder assoziative Wirtschaft genannt. Der Begriff ist heute kaum bekannt.

Es gibt gute Ideen in der Geschichte, die von den «falschen» Leuten und/oder im falschen Moment postuliert wurden. So wurde beispielsweise die Idee einer umfassenden Altersvorsorge auf der Basis des Umlageverfahrens in der Schweiz 1969 von der (kommunistischen) Partei der Arbeit in die Volksabstimmung geschickt und war allein schon aufgrund des «falschen» Absenders des Anliegens nicht akzeptabel. Stattdessen haben wir heute ein System mit einer sogenannt 2. Säule nach dem Kapitaldeckungsprinzip, das eklatant ineffizient ist. Es gibt ein weiteres Hemmnis für die Akzeptanz guter Ideen: es sind die überzeugten Anhänger der Ideen selbst. Wenn Ideen zu Glaubensinhalten werden, dann wird die Idee der praktischen Realität oder den Praktikern selbst entrückt. Überzeugungstätern begegnet man oft mit Misstrauen. Gemeinwohlökonomie, Gemeingüter-Ideen (Commons), Freigeld und Freiland (Gesell) oder eben die assoziative Wirtschaft versammeln Gemeinden überzeugter Menschen um sich, welche (ungewollt) bewirken, dass die Ideen in der Ideenwelt isoliert werden und bleiben. Es ist eine Gratwanderung, einerseits eine soziale oder wirtschaftliche Idee (oder ein Konzept) zu vertreten und gleichzeitig nah an den Alltagsproblemstellungen dranzubleiben. Auch mir wurde einmal, als ich vom Mehrheitsaktionär für einen Verwaltungsrat vorgeschlagen wurde, von einem bisherigen Verwaltungsrat an den Kopf geschleudert: Wenn Sie als Ideologe in diesem Gremium Einsitz nehmen, dann trete ich aus; mehrere Geschäftsleitungsmitglieder werden mir folgen.» Da hatte ich etwas falsch gemacht oder ich hatte mich falsch verhalten. Ich verzichtete.

Assoziation: Auf der Suche nach Verlässlichkeit und Vertrauen

Eine in dieser Art oft so oder ähnlich verwendete Umschreibung von Assoziation lautet:

Assoziative Wirtschaft meint den Zusammenschluß von Konsumenten, Händlern und Produzenten mit dem Ziel, die Preise so zu beeinflussen, daß alle Beteiligten damit auskommen können. Erste Ansätze dazu findet man beim Fairen Handel. (4)

Eine solche Umschreibung hat Aufforderungscharakter. Immer wieder tun sich (landwirtschaftliche) Produzenten und Konsumenten (Händler fehlen meist) zusammen, zum Beispiel um «solidarwirtschaftlich» organisierte Höfe («Solawis») aufzubauen. Hier praktizieren sie soziale Zukunft, die sie nicht selten als assoziative Wirtschaft bezeichnen. Assoziatives Handeln zeigt sich allerdings vor allem in einer Haltung, die bei jedem Handeln die «Gegenbuchungen» (ein Begriff, den Udo Herrmannsdorfer oft verwendete) im Auge behält (ein modernerer Ausdruck für Gegenbuchung wäre «Impact»). «Gegenbuchung» bedeutet mit anderen Worten, den Impact des eigenen Handelns mindestens für vor- und nachgelagerte Stufen im Auge zu behalten. Assoziation beginnt mit der Geste des stufenübergreifenden Denkens. Mit dem folgenden Fallbeispiel ist ein Vorgang geschildert, der, wenn er sich in ähnlicher Form wiederholt abspielt, den Partnern zeigt, dass eine ernsthafte, belastbare Zusammenarbeit am Entstehen ist oder bereits entstanden ist:

Die Geschäftsführerin der Bäckerei mit gegen 60 Mitarbeitern hatte festgestellt, dass ihr Einkaufspreis von Kuvertüre (Schokolade) bei ihrem Stammlieferanten, einem Bio-Grossisten, 20 bis 30 Prozent höher lag als bei anderen Anbietern. Wir – ich war Mitglied des Verwaltungsrats – verständigten uns, dass nicht ein Lieferantenwechsel aufgrund einer Preisdifferenz die unmittelbare Folge sein sollte. Wir wollten wissen, welches der «richtige» Preise sei. (Nicht immer ist der tiefere Preis auch der richtigere.) Ausserdem erörterten wir, welches die Bedeutung dieses Lieferanten für uns sei. Ist er für uns gewissermassen «systemrelevant»? Welches ist seine Gesamtleistung für die eigene Produktion? Wie steht es um seine Lieferbereitschaft, Lieferfrequenz usw. Wie sind diese Fragen beim Lieferanten mit den tieferen Preisen zu beantworten? Wir wollten diese Fragen mit dem bisherigen Lieferanten anschauen, allenfalls auch mit alternativen Lieferanten.
In diesem Fall war die Reaktion enttäuschend. Sie hielt sich an die marktwirtschaftliche Regie: Der Grossistenvertreter betrachtete die Problematik nur als ‹normale, bilaterale Verhandlungssituation unter normalen Wettbewerbsbedingungen›. Er signalisierte: «entweder wir können unseren Preis senken, dann ist es für euch und auch für uns o.k. Oder wir müssen eine Preissenkung ablehnen und verlieren den Auftrag.» Er sah kein Bedürfnis, den Preis in einen grösseren Zusammenhang der Lieferbeziehung zu stellen. (5)

Mit diesem Fallbeispiel will ich unterstreichen, dass Vertrauen und Verlässlichkeit in der Lieferkette nicht etwas ist, was einfach organisiert werden könnte, sondern als Kooperationskultur in den Unternehmungen entwickelt werden muss. Nur schon Transparenz in Bezug auf den Geschäftsgang als Voraussetzung von Vertrauen ist für mittelständische Unternehmen oft eine riesige Hürde. Bei der Konfiserie hatte diese Kultur-Entwicklung stattgefunden. Beim Grossisten war dies offenbar noch nicht der Fall.

Entwicklungskonzepte

Steiner brachte seine Idee einer assoziative Wirtschaft im unmittelbaren Anschluss an den 1. Weltkrieg in eine revolutionäre Situation in Württemberg ein, die nach Sozialisierung rief. Er beriet die Arbeiterräte nicht nur im Hinblick auf Sozialisierungsschritte in den Betrieben, sondern auch in Bezug auf Assoziationen. Die Mehrheitssozialisten trugen massgeblich dazu bei, diese Bewegung zu beenden.

Steiner arbeitete mit grossem Einsatz in dieser revolutionären Bewegung mit, solange sie eben Bewegung war. Denn nur aus der Bewegung heraus, da wo Herausforderungen rufen, lassen sich Veränderungen bewirken. Die Frage ist deshalb: wo ist heute Bewegung, wo sind die Herausforderungen?
Mit dieser Frage komme ich zurück zu den Lieferketten. Es gibt sie an den verschiedensten Stellen der Wirtschaft. Ein Beispiel sei der Buchhandel, wie ihn die Wochenzeitung Der Freitag kurz beschreibt:

Verlage unterhalten mit Händlern und Zwischenhändlern mehr oder weniger direkten Kontakt. Gemeinsam vereinbaren sie Werbeaktionen, verhandeln Mengenrabatte, disponieren Liefermengen. Ziel ist es einerseits, zum richtigen Zeitpunkt – etwa während des Weihnachtsgeschäfts – genügend Exemplare vorrätig zu haben. Ziel ist es aber auch, Überbestellungen zu vermeiden. Nicht verkaufte Bücher werden nämlich (nach immer kürzer werdenden Fristen) auf Kosten der Verlage zurückgeschickt. Mit einer gewissen Verzögerung werden diese sogenannten Remissionen bilanzwirksam und enthalten ein beträchtliches Risiko, sofern sich die Balance verschiebt. (6)

Der Artikel in Der Freitag schildert, was passiert, wenn ein Online-Händler wie Amazon in diese kooperative Struktur einbricht, sich nicht an die skizzierten Gepflogenheiten hält, stattdessen eigene Vorgaben macht, die nur auf die eigenen Bedürfnisse abstellen.

Ein Unternehmer, der von Anfang an «Kette» als Gestaltungsaufgabe verstand und eine solche vom Anbau bis in den Endverkauf aufzubauen und zu gestalten begann, war Patrick Hohmann, der 1983 das Textilhandelsunternehmen Remei gegründet hatte. 2002 erhielt Remei zusammen mit Coop den «Award for Sustainable Development Partnerships» der UNO. Die NZZ schrieb in ihrer Ausgabe vom 4.2.2003: «Als Garnhändlerin hatte sie [die Remei AG] Kontakte zu Bauern und Spinnern wie auch zu Färbern, Webern und schliesslich zum Gross- und Einzelhandel. ... Gleichzeitig setzte er sich auch für Fairness und Transparenz ein. Denn in der textilen Kette ist es in der Regel das schwächste Glied – der Baumwollbauer –, das in einer Krise das Nachsehen hat; wenn es dagegen gut läuft, verschwinden die meisten Gewinne bei den Zwischengliedern. Hohmann konnte eine Reihe seiner Kunden und deren Abnehmer davon überzeugen, ihre Margen zu schmälern und zum BioReFonds beizutragen.» Seither hat die Remei AG viele Auszeichnungen erhalten. Verständlicherweise lag der Schwerpunkt bei solchen für ökologische Leistungen.

Mit der Verwendung des Attributs «Fairer Handel» bewegte sich Remei in einen Bereich, der sich seit einigen Jahrzehnten entwickelt, institutionalisiert und mit einschlägigen Standards versehen hatte, die zwar nicht wie Bio-Standards staatlich geschützt sind. Wer den Begriff Fairtrade verwendet, setzt sich aber doch der verständlichen Erwartung aus, die entsprechenden Standards zu erfüllen oder sich zertifizieren zu lassen. Die Kurzumschreibung des Instituts für soziale Dreigliederung (siehe oben) enthält den Hinweis: «Erste Ansätze dazu [zu Assoziationen] findet man beim Fairen Handel.» Dies ist deshalb unzutreffend, weil sich die Fairness paradoxerweise nicht auf «Trade» (Handel, Wertschöpfungskette), sondern auf die sozialen und ökonomischen Produktionsbedingungen bezieht, wo von Anbeginn an die ILO-Standards (International Labor Organisation) und mit den Fairtrade-Mindestpreisen und -Prämien die Einkommen der in der Produktion Tätigen massgeblich waren und die Handelsbeziehungen von untergeordneter Bedeutung blieben. Meine eigenen Erfahrungen zeigen, dass selbst Boykottmassnahmen, also sehr unfaire Praktiken, unter konkurrierenden Fairtrade-Vermarktern von den Fairtrade-Organisationen nicht sanktioniert werden (können). Vom Handel wird lediglich gefordert, dass er transparent sei. Gerade weil sich die Preisgestaltung nur auf das erste Glied und nicht – wie etwa bei Remei – auf die ganze Kette bezieht, wies die Frairtrade-Pionierin Ursula Brunner immer wieder darauf hin, dass die eigentlichen Profiteure von Fairtrade nicht die Produzenten, sondern die Endverkäufer hierzulande sind. Dies passiert dann, wenn aufgrund eines etwas höheren Anfangspreises (z.B. für die Bananen-Bauern) übliche Handelsspannen hochgerechnet werden. Der prozentuale Aufschlag bleibt gleich, der nominale Aufschlag am Ende der Kette in Euro oder Franken kann sich allenfalls verdoppeln, wenn eben kein assoziativ-übergreifender Wille besteht, gemeinsam einen Endpreis zu kalkulieren und die gesamte Ertragsspanne auf die Beteiligten zu verteilen. Ein hoher Preis ist denn auch eines der Kennzeichen von Fairtrade-Produkten. Die Konsumentin darf meinen, die Preisdifferenz komme den Produzenten zugut. Deshalb war das Stirnrunzeln der Fairtrade-Organisationen unübersehbar (und verständlich), als Remei in Deutschland über den Discounter Penny zu vermarkten begann.

Bei Remei war es der unternehmerische Wille eines Beteiligten in der Wertschöpfungskette, die Partner von der Notwendigkeit einer bewussten Handhabung der Kette zu überzeugen. Ich gehe davon aus, dass sich daraus mit der Zeit eine nachhaltige sozial-ökonomische Kultur entwickelte, die nicht ohne weiteres durch eine einzelunternehmerische Entscheidung beseitigen lässt. Trotzdem kann «Assoziation durch einzelunternehmerischen Willen» nicht das Muster sein, das in der Wirtschaft vermehrt zu assoziativem Verhalten führt. Welche anderen Ansatzpunkte gibt es?

Wie oben festgestellt: kooperatives Verhalten zwischen den einzelnen Gliedern der Kette ist Realität. Wie kommt es aber zu einem gemeinsamen Willen in der Preisbildung? Von jetzt auf gleich eine Preisfestsetzungsautorität einzuführen, ist unrealistisch. Realistisch und schon immer Realität ist die Orientierung an bestimmten Preiszielen. In eine solche Funktion im Kleinen entwickelten wir im Bio-Frischprodukthandel – eigentlich ohne Absicht: Wöchentlich übermittelten wir unseren Kunden (v.a. Läden) unsere Preisliste. Diese hatten wir aufgrund unserer Informationen im Grosshandel zusammen mit dem Vertreter eines Ladens, der Produzenteninformationen eingeholt hatte, ausgearbeitet. Da war also bereits eine rechte, stufenübergreifende Spannbreite an Preisinformationen eingeflossen. Es zeigte sich mit der Zeit, dass mehr und mehr Produzenten unsere Preisliste anforderten, um sich bei der eigenen Vermarktung an dieser zu orientieren. Und so entstand ein Bio-Preisbulletin, das es im konventionellen Gemüsehandel / Gemüseverband schon längst gab. Es brauchte keine Autorität, die Preise verfügte und Abweichungen sanktionierte (was kartellrechtlich ohnehin verboten gewesen wäre).

Dies verweist auf eine zentrale Funktion jedes Organs, sowohl beim individuellen Menschen wie im Sozialen. Eine zentrale Aufgabe jedes Organs – auch Herz oder Leber usw. – ist das Wahrnehmen, gewissermassen der «Datenverkehr». Interessanterweise sind es auch in der internationalen Politik immer wieder «Organisationen der Wahrnehmung», wie die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA), die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), der UN-Menschenrechtsrat oder das World Energy Council (7), die, ohne direktive Kompetenzen zu haben, wichtige Impulse des Ausgleichs vermitteln. Dies trifft zunächst auch für Organe einer Assoziation zu. Die zentralen Organe von Branchenorganisationen (Verbänden) haben traditionellerweise als «Wahrnehmungs-Aufgabe» u.a. das Sammeln und statistische Auswerten von Informationen, Betriebsvergleiche zur Unterstützung betrieblicher Entscheidungen usw. Die Assoziation ist zunächst in diesem Sinn nicht eine Behörde oder ein Konzern-Organ, das über Strukturen entscheidet oder Preise festsetzt, sondern «nur» eine Stelle, die mit viel Wissen über den Wirtschaftsverkehr der Branche Prozesse moderiert. Die Verpflichtung der Mitglieder dieser Assoziation wäre beispielsweise, sich an den moderierten Prozessen zu beteiligen. Sind solche Regulierungen erfolgreich, können weitere Schritte gemacht werden.

Es gibt auch staatliche Rahmenbedingungen, welche zu assoziativen Ansätzen führen können. Dies geschah beim PET-Recycling in der Schweiz. In einer entsprechenden Verordnung formulierte der Bundesrat (Exekutive) das Ziel einer mindestens 75%igen Verwertungsquote bei PET-Getränkegebinden (bei Androhung der Einführung eines Flaschenpfands). Die Branche organisierte sich und erreicht derzeit etwa 82%.

Heute dürften einerseits das Kartellrecht und andererseits WTO-Bestimmungen vielen Koordinations- oder gar Kooperations-Entwicklungen entgegenstehen. Das in der Zusammenarbeit entstehende Vertrauen ist grundsätzlich verdächtig. Im Kartellrecht wird die Zusammenarbeit von Unternehmen nur unter dem Aspekt der Wettbewerbsbehinderung gesehen. Als der Stiftungsrat der Kartause Ittingen (ein Kulturzentrum in der Ostschweiz) einen Erweiterungsbau ins Auge fasste und dem Architekten, mit welchem er vor Jahren gut zusammengearbeitet hatte, den Planungsauftrag erteilte, intervenierte der Staat (der die Stiftung ursprünglich errichtet hatte und sie massgeblich finanziert). Der Auftrag musste gemäss WTO-Regeln ausgeschrieben werden. Das Vertrauen in den früheren Architekten war kein Entscheidungsargument.

Wie bei Governance-Postulaten in anderen Wirtschaftsbereichen, werden Nähe und gute Beziehungen als problematisch beurteilt. Gemauschel und Bereicherung sieht man als garantiert an. Doch auch hier wie beim Kartell – und bei der Assoziation – könnten Verfahrensregeln enge Zusammenarbeit möglich machen. Was wäre beispielsweise an einem Kartell problematisch, das öffentlich auftritt und Auftragszuteilungen und Preise einer entsprechenden Stelle transparent kommunizieren würde? Weil Synergieeffekte durch Kooperation kartellgesetzlich oft verhindert wird, kommt es zu Fusionen, die zwar mit kartellrechtlichen Auflagen versehen werden, letztlich aber nicht verhindert werden können.

Wie dieses Beispiel eben zeigte, kann sich die Lieferkette, wie sie an unzähligen Stellen der Wirtschaft üblich ist, zur Assoziation weiterentwickeln, wenn die Möglichkeiten mit einiger sozialer Phantasie ausgeschöpft würden. Dazu bräuchte es die Menschen, die das Potential von Assoziationen sehen und in den Wirtschaftsstrukturen und -prozessen aktiv würden – Endverbraucher eingerschlossen. Wirtschaft besteht ja nicht nur aus Produktion und Handel, beide sind letztlich auf den Konsum ausgerichtet. «Konsum» umfasst aller¬dings nicht nur Konsumgüter für Endverbraucher im engeren Sinn. Endverbraucher kann auch ein Betrieb sein, der eine Druckerei-, Spinn- oder Verpackungsmaschine einkauft. Jedenfalls wird sich die Frage stellen, wie die Bedürfnisse / Interessen der Käufer in die Lieferkette einbezogen werden können.

Anmerkungen

(1) «Der diesjährige Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ging an George Akerlof von der University of California in Berkeley, Michael Spence von der Stanford University und an mich für unsere Studien über die "Asymmetrie der Information"» Joseph E. Stiglitz: Märkte funktionieren anders“ in: Der Standard, 6.12.2001.
(2) Klaus Schmidt in: Wirtschaftsdienst 2016, Heft 12 S. 926
(3) Paul Schönsleben, Ralf Hieber und Markus Bärtschi: Das Logistik-Management sprengt Unternehmensgrenzen Vertrauensbildung als Voraussetzung zum Aufbau stabiler Lieferketten. NZZ 19.11.2002
(4) Website des Instituts für soziale Dreigliederung, Berlin: www.dreigliederung.de, Zugriff 2.9.22
(5) Dieses Fallbeispiel habe ich meinem Buch «Solidarwirtschaft», Basel 2014 S. 218 ff. entnommen und hier zusammengefasst.
(6) Herbert Ohrlinger: Böses Online-Krokodil: Frisst Amazon jetzt die Verlage? Der Freitag 34/2022
(7) «Die Idee zur Gründung ging in den 1920er Jahren von Daniel Nicol Dunlop aus, der Energieexperten aus aller Welt zusammenbringen wollte, um aktuelle und zukünftige Energiefragen zu erörtern. Zu diesem Zweck organisierte Dunlop im Jahre 1923 nationale Ausschüsse, die 1924 in der ersten World Power Conference (WPC) (Weltstromkonferenz) mündeten. In London trafen sich 1700 Experten aus 40 Ländern, um über Energiefragen zu diskutieren. Die Sitzung war so erfolgreich, dass sich die Anwesenden am 11. Juli 1924 darauf einigten, die Konferenz als permanente Organisation zu etablieren. Als Name wurde World Power Conference gewählt und Dunlop zum ersten Vorsitzenden ernannt.» Wikipedia. Als Schüler Rudolf Steiners war Dunlop vertraut mit dessen Ideen einer assoziativen Wirtschaft.

Vier Bioläden in der kleinen Stadt – etwa drei zu viel

In unserer kleinen Stadt (25'000 Einwohner) gab es einst einen Bioladen/Naturkostladen. Mit seinen nur ca. 70 m2 Verkaufsfläche war er allerdings zu klein und zu wenig attraktiv. Der Umsatz ging denn auch von Jahr zu Jahr sachte zurück, dementsprechend das Ergebnis. In dieser Entwicklung spiegelte sich u.a. die zunehmende Stärkung von «bio» im Lebensmitteleinzelhandel (Coop, Migros). Die Frage stellte sich: schliessen oder Flucht nach vorn. Der Genossenschaftsvorstand war durchaus für Flucht nach vorn, konnte aber keinen Standort finden, der ohne (zu) grosse Investitionen ausgekommen wäre, die unternehmerische Initiativkraft reichte nicht aus. So wurde geschlossen.

Mittlerweile gibt es in der Stadt vier Standorte mit Bio-Sortimenten: Das schon lange bestehende Reformhaus hat sein Sortiment nach Schliessung des früheren Bioladens stark ausgeweitet. Der Blumenladen einer Stiftung für Behinderte hat mit einem (Bio-) Lebensmittelsortiment ausgebaut. Einige Frauen haben einen kleinen Unverpackt-Laden gegründet. Und schliesslich hat eine Mutter mit ihrer Tochter kurzerhand einen kleinen Bioladen mit regionalen Produkten auf die Beine gestellt. Daneben gibt es mittwochs und samstags einen Wochenmarkt mit drei Bio-Ständen und einen Fairtrade-Laden mit einem Bioprodukt-Sortiment. Trotzdem ist das Bio-Sortiment insgesamt nicht in seiner ganzen Breite und Tiefe greifbar, die gelegentliche Fahrt in die Nachbarstadt bleibt notwendig.

So ist halt Marktwirtschaft – es lebe das freie Unternehmertum! Oder was könnten assoziative Strukturen und Prozesse leisten? Über kurz oder lang wird die Mehrheit dieser Angebote wieder verschwinden. Verluste und Enttäuschungen sind die Folge.

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PET-Recycling

Das PET-Recycling in der Schweiz ist so etwas wie ein Paradepferd assoziativer Lösungen. Nicht der Staat oder eine seiner dazu gegründeten Entsorgungsunternehmen organisieren es, sondern die Getränkebranche selber. Der Staat gab zu Beginn die zu erzielende Rücklaufquote vor unter Androhung von Eingriffen (z.B. Pfandobligatorium), falls diese Quote nicht erreicht würde. Heute beträgt die Rücklaufquote aus separater Sammlung 81%. (Insgesamt dürfte sie höher liegen, weil PET auch mit anderen Plastic-Abfällen eingesammelt wird.) Die Branche möchte die Quote aber erhöhen, was mit zusätzlichen Sammelcontainern entlang der Strassen und Schienen-Verkehrswegen erreicht werden soll.

Schutz der Umwelt und damit der Individuen ist eine staatliche Aufgabe. Die Zirkulation von Gütern, dazu gehören auch Gebinde, ist eine wirtschaftliche Aufgabe. Sie kann – wie Figura zeigt – assoziativ gelöst werden.

Die Reklametafel

An meinem Weg in die Stadt gibt es ein Kebab-Lokal. Dieses hat auf dem Trottoir (Bürgersteig) eine Reklametafel aufgestellt. Wenn wir zu zweit unterwegs sind, müssen wir an dieser Stelle hintereinander gehen. Wenn jemand mit Kinderwagen da vorbei will, dann muss er oder sie sehen, ob der Wagen nicht zu breit ist.

Das würde in Zürich (oder einer anderen Grossstadt) nicht passieren. Zürich hat ein dickes Reglement, in welchem alle denkbaren Elemente der Aussengestaltung eines Ladens oder eines Restaurants (gebühren- und bewilligungspflichtig) geregelt sind. Selbst für eine Lichtreklame, die wenige Zentimeter von der Fassade absteht, braucht es ein Gesuch mit Planbeilage und ist eine Gebühr zu zahlen, da der Luftraum (die sogenannte «Luftsäule») der Stadt beansprucht wird – erst recht ist die Stadt um Erlaubnis zu fragen, wenn jemand bei seinem Eingang links und rechts je ein Buchsbäumchen hinstellen will. Nicht die Stadt bezahlt für die Begrünung des Strassenraums, sondern der Liegenschaftseigentümer für die Beanspruchung städtischen Bodens. Ein solches Reglement entwickelt sich über lange Zeit, jede Detaillierung dürfte von einer noch ungeregelten Situation angestossen worden sein. So hat alles seine Ursache und guten Gründe. Auswüchse (auf der Strasse, nicht in der Verwaltung) werden erfolgreich vermieden. Zürich ist ja kein orientalischer Bazar.

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Rohstoffeinkauf und Preis

Wir waren uns schnell einig, nachdem mich die Geschäftsführerin der Unternehmung darüber informiert hatte, dass der Rohstoff beim Grossisten, dem bisherigen Lieferanten, erheblich teurer sei als bei einem Verarbeiter, der den Rohstoff vor allem selber verwendet und eher nebenher auch verkauft. Wir waren uns einig, dass wir nun nicht kommentarlos den Lieferanten wechseln, sondern die Preissituation mit beiden diskutieren wollten – nicht zuletzt auch deshalb, weil unsere Geschäftsbeziehung nicht nur aus diesem Rohstoff, sondern aus weiterem Leistungsaustausch bestand.

Ich notierte mir damals die Aspekte:

  • Ist es langfristig gesehen wichtig, dass es diesen Lieferanten [den Grossisten] gibt? Dieser Aspekt sollte dann einbezogen werden, wenn Handlungsspielraum vorhanden ist. Es ist im Interesse der eigenen Unternehmung, mit dem eigenen Einkaufsverhalten eine sinnvolle Struktur zu unterstützen.
  • In Preisverhandlungen kann es sinnvoll sein, die Parameter transparent zu machen. Damit ist die Botschaft verbunden: wir wollen nicht nur Preise drücken, sondern wir beurteilen die Preise im Verhältnis zur Gesamtleistung.
  • Ich bin immer wieder dem Problem begegnet, dass die Lieferanten/Produzenten [gemeint war der erwähnte Verarbeiter] zwar gerne auch noch über den Absatzkanal Grosshandel liefern, aber dem Gross¬handel für dessen Dienstleistung (die der Lieferant/Produzent spart) keine aus-reichende Marge gewährt. In solchen Fällen könnte es sinnvoll sein, nicht nur mit dem Grossisten zu verhandeln, sondern ebenso mit dem Lieferanten/Produzenten [Verarbeiter].

Mit der ersten Bemerkung ist ein Commitment gegenüber dem Grossisten ausgesprochen; mit der letzten Bemerkung wollte ich signalisieren, dass es (auch) um die Wertschöp-fungsket¬te und um Ertragsteilung entlang der Wertschöpfungskette geht.

Der Grossist reagierte mit den Worten in einer Mail:

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Bildungsfinanzierung

Im Februar 2021 verliess Michel Seiler die Grüne Partei und die Fraktion im Kantonsparlament. Michel Seiler ist ein begabter Pädagoge, der sich sein Leben lang mit Jugendlichen in schwierigsten Situationen beschäftigt hatte. Für sie hat er im Berner Voralpengürtel mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mehrere Bauernhöfe aufgebaut, die solche Jugendliche aufnehmen, wo sie ausgebildet werden und wo sie arbeiten können.

Die Zeitung «Der Bund» schrieb am 24.2.21: «Seinen Schritt begründete er damit, dass auch die Grünen im Dezember 2020 das neue Gesetz für Kinder mit besonderem Förder- und Schutzbedarf (KFSG) angenommen haben. Dieses sieht vor, dass die Hilfe für diese Kinder im Kanton Bern künftig aus einer Hand gesteuert und finanziert wird. Seiler war im Rat mit einem Rückweisungsantrag klar gescheitert. Er wollte ein Gesetz, das die Kinder finanziert und nicht die Angebote, also eine Subjektfinanzierung.»

In der Vergangenheit gab es nur die sogenannte Objektfinanzierung, das heisst, dass der Staat Beiträge an das Budget solcher Institutionen leistete, wodurch entsprechende Anerkennungs- oder Nichtanerkennungsvorgänge, mithin die staatliche Bürokratie ein grosses Gewicht erhalten. Mit der Subjektfinanzierung wird das Gewicht zu den Individuen selber (oder ihren Erziehungsverantwortlichen) verlagert. Selbstverständlich gibt es weiterhin staatlich formulierte Anforderungen an Wohn-, Unterrichtsräume usw. Gerade bei Jugendlichen kann die Beteiligung an der Entscheidung für eine Institution bereits ein Schritt des pädagogischen Prozesses sein.

Dass die Subjektfinanzierung nicht zuletzt Dank dem Druck von Behindertenverbänden an Boden gewinnt, kann durchaus als epochaler Schritt angesehen werden. Sie bestehen darauf, dass Behinderte nicht länger als Objekte behandelt werden, über die verfügt werden darf. Dieser Schritt scheint im übrigen (Aus-) Bildungswesen noch weit entfernt zu sein. Nur auf Hochschulstufe und Teilen der Berufsausbildung gibt es freie Schulwahl. Die staatliche Schulorganisation war zwar durchaus ein historischer Schritt im Rahmen der Emanzipation der Gesellschaft von religiöser Beherrschung. Dieser ist längst vollzogen und die faktisch (d.h. ökonomisch) alternativlose Einweisung von Kindern in Quartierschulen verbleibt objektiv ein Vorgang der Verfügung über Kinder und Eltern als Objekte.

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Krim

Seit Russland die Krim 2014 annektierte, ist das Verhältnis zwischen Ost und West zumindest in dieser Frage festgefahren. Für die westlichen Staaten handelt es sich ganz einfach um einen illegalen, völkerrechtswidrigen Akt, der zu sanktionieren ist. Auf der Krim selber mit ihrer zu 60% russischstämmigen Bevölkerung hat immerhin eine Volksabstimmung stattgefunden, in der sich 93% der Stimmenden (bei 80% Beteiligung) für den Wechsel zu Russland ausgesprochen haben sollen. Dass dieser ganze Prozess ohne den Einbezug der Ukraine stattgefunden hat, ist allerdings mehr als nur ein Schönheitsfehler.

Vor diesem Hintergrund werden regelmässig wie in einem Ritual die beiden Positionen vorgetragen: Vorwurf einer Völkerrechtsverletzung (durch Russland) versus Verteidigung des über 100 Jahre alten Postulats von Woodrow Wilson «Selbstbestimmung der Völker» = Legitimierung des Wechsels durch Volksabstimmung. (Dass der geopolitische Hintergrund Westen gegen Russland oder umgekehrt einen massiven Einfluss auf diese Auseinandersetzungen hat, lasse ich an dieser Stelle ausseracht.)

Vorangegangen ist der Annexion der Krim eine geradezu völkische Innenpolitik der Ukraine. Die russischsprachigen Einwohner im Donbass sollten gezwungen werden, ukrainisch zu sprechen. (Man stelle sich vor, Tessiner und Romands würden per Gesetzt gezwungen, schweizerdeutsch zu sprechen! Italiener und Franzosen sähen sich möglicherweise aufgerufen, ihren Sprachgenossen beizustehen.) Das Thema Sprache gibt einen Hinweis auf einen Aspekt der Problemstellung. Sprache ist ein zentraler Aspekt von Identität und Kultur.

Die Selbstbestimmung der Völker gemäss Wilson geht praktisch immer einher mit einer Majorisierung von Minderheiten. Auf der Krim wären das Ukrainer und Tartaren. Gerade deshalb ist mit einer Abstimmung über die Zugehörigkeit zu diesem oder jenem Staats-, Kultur- und Wirtschaftsgebiet die Frage falsch gestellt. Es ist gerade das im Effekt imperialistische Einheitsstaatsprinzip, das die Situation erst zum Problem macht. Weshalb sollen die russisch sprechenden Menschen im Donbass und auf der Krim nicht engste kulturelle Beziehungen zu Russland haben, ihre Schulen in russischer Tradition führen und ihr Kulturleben im Austausch mit Russland gestalten können, während die Staatszugehörigkeit ukrainisch bleibt? Derweil würden sich die wirtschaftlichen Beziehungen auf diejenigen Gebiete ausrichten, mit denen sich der beste Austausch entwickelt hat. Es ist die Ideologie des Einheitsstaats, die solche Flexibilität verhindert und zu Krieg und Verlust von Menschenleben führt.

Solche Lösungen können aber nur dann in die Diskussion kommen, wenn wir uns selber an den Gedanken gewöhnen, dass eine politische Grenze nicht gleichzeitig eine kulturelle und eine wirtschaftliche Grenze bildet.