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Verschwörungstheorien

Zur Stigmatisierung

Während derzeit viel über Verschwörungstheorien und Verschwörungtheoretiker geschrieben wird, bleiben Begriff und Funktion von «Verschwörungstheorie» selber unreflektiert. Eine Reflexion ist unbedingt nötig, denn das Reden über Verschwörungstheoretiker ist ja bereits ein für Betroffene einschneidender sozialer Vorgang.
«Verschwörungstheorien» gibt es nicht nur zu aktuellen Ereignissen, sondern auch zu historischen. Zwei Beispiele:

Daniele Ganser beschäftigt sich mit 9/11, mit dem Einsturz mehrerer Gebäude des World Trade Center in Manhattan, insbesondere mit den Einsturzursachen bei einem Gebäude (WTC 7), das nicht von Flugzeugen getroffen worden ist. Mit vielen Bau- und Sprengexperten weist er darauf hin, dass der Einsturz dieses Gebäudes alle Merkmale einer Sprengung aufweise. Zwar nannte er meines Wissens nie eine von ihm vermutete Täterschaft. In der Presse «einigte» man sich aber darauf, er «insinuiere» – deshalb ist er, der bis dahin «Historiker» oder «Friedensforscher» genannt worden ist, inzwischen zum «Verschwörungstheoretiker» geworden.

Christoph Blocher beschäftigt sich gerne mit nationalen historischen Vorgängen. Zum 100. Jahrestag des Landesstreiks 1918 hielt er eine Rede, in der er Behörden und Soldaten dankte. Er sieht im Landesstreik primär einen «unschweizerisch-sowjetischen Umsturzversuch». («Schweizerisch» waren hingegen wohl der für den militärischen Einsatz gegen Streikende in Zürich Verantwortliche, Oberstdivisionär Emil Sonderegger, der sich später der faschistischen Organistion der Frontisten anschloss und General Ulrich Wille, der offen mit dem Kaiserreich sympathisierte). Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Corona-Situation von Millionen von Menschen, die durch behördliche Massnahmen von jeder Verdienstquelle ausgeschlossen und ins Elend getrieben worden sind, braucht es wenig Phantasie, sich das Massenelend nach dem 1. Weltkrieg fast ohne soziale Sicherheitssysteme als Ursache für die landesweiten Demonstrationen vorzustellen. Wo das eigene Vorstellungsvermögen nicht hinreicht, hilft die historische Forschung, die Blochers Theorie widerspricht.

Damit sind zwei «Verschwörungstheoretiker» erwähnt, von denen der eine mit einem sehr wirkungsvollen Stigma belegt worden ist. Er wird nie mehr zu einer öffentlichen Debatte (TV, Radio, Presse), die ernstgenommen werden will, eingeladen werden. Dem anderen schadet die Absurdität seiner Thesen in keiner Weise. Er bleibt im öffentlichen Diskurs.

Das Muster der Verschwörungstheorie ist keineswegs neu. Gerade die Art, wie Christoph Blocher argumentiert, war in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg sehr verbreitet. Man nannte diese Phase «Kalter Krieg». Es gab weit herum angesehene Persönlichkeiten und Organisationen, die Verschwörungen nachspürten. Zu nennen ist da zum Beispiel der SAD (Schweizerischer Aufklärungsdienst), der in seinen regelmässigen Bulletins zahlreiche Organisationen der Zivilgesellschaft zu Verschwörern umdeutete. Einer der verwendeten Begriffe war «Frontorganisation». So wurden beispielsweise die damaligen Ostermärsche gegen Atomwaffen in SAD-Augen zu sowjetischer Wühlarbeit. Auf gleichen Pfaden wandelte Ernst Cincera, der eine Art privaten Geheimdiensts aufbaute und unzählige Organisationen und Menschen denunzierte.

Derartige Denunziationen wirken mit zuspitzender Polarisierung, die keine Grautöne zulässt. Ähnlich wie im Umgang mit Israel: Weil mittlerweile Kritik an der Politik der israelischen Regierung fast grundsätzlich schon Antisemitismus-verdächtig ist, halten sich viele Kommentatoren vorsichtshalber mit Äusserungen zum Thema zurück. Damit ist das Ziel der Polarisierung erreicht. Ähnlicher Polarisierung dürfte auch Kritik an Covid-19-Massnahmen unterliegen. Das deutet auch der unten zitierte Peter Selg an: Lieber Rückzug ins Private, als zu einer «falschen» Partei geschlagen zu werden.

Zum Links-Rechts-Schema

Die generelle Unsicherheit in Bezug auf das gesamte Covid-19-Geschehen ruft ganz besonders nach Referenzen, die man in der Vergangenheit als vertrauensbildend erlebt hat. Ein mögliches Referenzsystem ist das Links-Rechts-Schema. Nun ist es zwar so, dass sich die tendenziell oppositionelle, kritische Linke im Rahmen der Covid-19-Krise und den verordneten Massnahmen äusserst gouvernemental verhält. Forderungen nach Lockerung von Massnahmen werden Gewerbevertretern und der SVP überlassen. Voten in Richtung Beibehaltung von restriktiven Massnahmen kommen gar von den Gewerkschaften. Hinzu kommt, dass «rechte» Webseiten oft ein Sammelsurium von Positionen präsentieren, die mindestens aus Mainstream-Sicht, als absurd und wissenschaftlich unhaltbar angesehen werden müssen.

So erstaunt es nicht, wenn ein Freund, den ich zur überzeugten Linken zähle, auf einer Liste verschiedener wichtiger Beiträge zur Covid-19-Thematik u.a. auf Sucharit Bhakdi hinweist und bei diesem Autor einschränkend anmerkt: «Bhakdi ist zwar ein anerkannter Wissenschafter, der servus-tv aber ein sehr rechtslastiger Sender».

Ich denke, dass kritische Menschen, denen das Links-Rechts-Refernzsystem wichtig ist, sich je länger desto mehr daran gewöhnen müssen, dass sich «Wahrheit» nicht an dieser Art von Koordinaten orientiert.

Das Bedürfnis erklären zu können

Verschwörungstheorien sind zunächst Versuche, Sachverhalte oder Ereignisse zu erklären. Das Bedürfnis zu erklären, steckt in jedem Menschen. Wenn infolge eines Erdbebens ein Bild von der Wand fällt, ist die Erklärung naheliegend. Wenn es eines Abends ohne spürbare äussere Wirkung plötzlich herunterfällt oder sich bewegt, wie im bei Parapsychologen bekannten Beispiel der Anwaltskanzlei in Rosenheim, dann ist die Vermutung naheliegend, dass da «etwas dahintersteckt». Wie auch bei einem Vorgang, den ich erlebt habe: Während des Mittagessens im Rahmen eines Kurses hielt ich eine Glasschüssel mit einer mässig warmen Speise in der Hand. Plötzlich «explodierte» die Schüssel. Die Scherben «spritzten» in alle Richtungen. Niemand wurde verletzt. Was an Speisen auf dem Tisch war, musste vorsichtshalber entsorgt werden. Weil in der Gruppe an diesem Tisch sowieso gerade Spannung herrschte, wurde ein Zusammenhang Spannung-Explosion intensiv erörtert.

Erklärungsbedarf besteht vor allem da, wo die Erklärung nicht auf der Hand liegt oder Menschen den kursierenden Erklärungsangeboten misstrauen. Man fragt nicht überall nach Erklärung, wo man etwas nicht selber versteht. Meist ist man zufrieden, wenn man annehmen kann, kundige Menschen hätten eine Erklärung bereit, dann zum Beispiel, wenn man danach fragen würde, weshalb ein Ei hart wird, wenn man es kocht oder weshalb sich eine Auto bewegt, auch wenn niemand schiebt oder zieht.

Verschwörungstheorien sind gewissermassen «Infektionen des Kausaldenkens». Die Naturwissenschaften der letzten 200 Jahre haben uns gelehrt, dass jede Erscheinung durch eine Ursache bewirkt ist. Mit dem Darwinismus und dem Prinzip des «survivals oft he fittest» wurde das Kausalprinzip auf lebende Organismen übertragen. Die differenzierte Beschreibung von Farben und Formen wurde den Dichtern überlassen, die Wissenschaft beschränkte sich fürderhin auf kausale bzw. funktionale Beziehungen. Während Wissenschaft in der Regel differenziert ist und sich nicht auf Monokausalitäten beschränkt, sind populärwissenschaftliche Darstellungen mit oft deutlich monokausaler Tendenz sehr viel einfacher gestrickt. Kein Wunder, dass selbst komplexe soziale Sachverhalte monokausal erklärt werden. In Verschwörungstheorien treten Monokausalitäten wie Karikaturen der praktizierten Wissenschaften in Erscheinung. Hinzu kommt ein Bedürfnis nach Benennung oder gar Personifizierung. Erst mit einer Personifizierung kommt das «befriedigende» Setting einer Freund-Feind-Konstellation zu Geltung. «Das Kapital» wird in der Illustration zum Zylinder tragenden Dickbauch mit Zigarre in der Fratze. Da wirkt es doch schon fast seriös, wenn man statt «Kapital» schreiben kann «Blackrock». Blackrock kam im Fall der Corona-Krise allerdings nicht in Frage, wurden deren Interessen ja auch massiv geschädigt. Die Funktion des Drahtziehers fällt in diesem Fall Bill Gates zu.

Auffallend im Rahmen der Covid-19-Krise ist, dass Erklärungen aufgetischt werden noch längst bevor überhaupt ein einigermassen vollständiges Bild des Sachverhalts entstanden sein kann. So wurde die Krankheit umgehend zur normalen Grippe erklärt, was jede restriktive Intervention des Staates überflüssig oder gar verdächtig erscheinen liess. – Die Eile, mit welcher mit Erklärungen aufgewartet wird, ist ein Aspekt, der skeptisch stimmen muss.

Verschwörungstheorien sind deshalb oft bestechend, weil sie meist einen wahren Kern enthalten. Allerdings muss gerade die Einfachheit der Erklärungsmuster eine Warnung sein.

Ein Beitrag jenseits von Referenzsystemen und Verschwörungstheorien

An dieser Stelle möchte ich einen Beitrag wärmstens empfehlen, der das aktuelle Geschehen sehr «rücksichtslos» in Bezug auf gewohnte Referenzsysteme in eine Entwicklung stellt, die im Nationalsozialismus eine Art Höhepunkt (bzw. Tiefpunkt) erfahren hat, aber sehr viel weiter zurückreicht. Der Beitrag knüpft an das Interview von Ken Jebsen mit Sucharit Bhakdi an, was für viele bereits ein No-go darstellen mag.

Peter Selg, der Autor des Beitrags, der derzeit wohl produktivste anthroposophische Autor, ist selber Arzt, lehrt an zwei Hochschulen und schränkt ein: «Ein Urteil über Bhakdis Aussagen zur aktuellen virologischen, epidemiologischen und klinischen Situation der Pandemie in Deutschland steht mir nicht zu, obwohl mir vieles von dem, was er ausführte, einleuchtend und plausibel erscheint; zur wirklichen Beurteilung aber fehlen mir das Fachwissen und der Überblick, zumal die diesbezüglichen Einschätzungen weit auseinander gehen. Die eindrucksvoll vorgebrachten Sorgen und Befürchtungen Sucharit Bhakdis zur politisch-gesellschaftlichen und ökonomischen Lage, zur Frage der Demokratie, der Freiheit und des sozialen Umgangs sowie seine Betroffenheit darüber teile ich jedoch in vollem Umfang.»

Für Selg sind die aktuellen Entwicklungen alarmierender als für manche Kollegen, wie er einräumt. «Wenn man sich mit der NS-Zeit und der Rolle der Medizin intensiv auseinandersetzt, sieht man anders auf manche Vorgänge der Gegenwart, in besonderer Weise alarmiert und empfindlich, das möchte ich in Rechnung stellen.»

Zum Dilemma öffentlicher Manifestation schreibt ein Kommentator (Christoph Hueck) zum Selg-Artikel : «Allerdings zeigt die Akanthos Akademie, dass man sich auch anders als Peter Selg beschreibt [Rückzug ins Private] zur Corona Hysterie verhalten kann.»

Für Selgs Ausführungen steht keine Partei, kein Leibblatt, keine Kirche oder andere Bezugsgruppe Modell. So wie für das eigene Urteil ohnehin niemand massgebend und verantwortlich sein kann, als nur ich selber.

Zu Peter Selg Beitrag «Eine medikalisierte Gesellschaft? Zum geistigen Klima der Corona-Krise»

Lob des Flickenteppichs

Bereits zu Beginn des Lockdowns verwendete ein Radio-Moderator das Wort Flickenteppich, als ihm ein Schulfunktionär schilderte, wie sich Schulen auf ganz unterschiedliche Weise organisieren. Inzwischen wurde von den verschiedensten Politikern und Bildungsfunktionären immer wieder bedauert, dass keine einheitlichen Lösungen gefunden worden sind.

Die Kritik beschränkte sich keineswegs auf die unterschiedliche Handhabung des Maturitätsabschlusses, wo man die Forderung nach Einheitlichkeit nachvollziehen kann. Denn hier geht es nicht um Pädagogik, sondern um ein Recht, nämlich dasjenige des prüfungslosen Zugangs zu Hochschulen. Die Kritik bezog sich insbesondere auch auf die Unterschiedlichkeit der Formen des Fernunterrichts beziehungsweise der Unterschiedlichkeit, wie Unterricht im Rahmen der Lockerung der Corona-Restriktionen wieder aufgenommen wurde. Hier handelt es sich um primär pädagogische Fragen. Argumentiert wurde auch, die Eltern würden verunsichert, wenn jemand in Dietikon (ZH) hört, dass man in Baden (AG) anders vorgehe. Tatsächlich? Eltern werden verunsichert, wenn über sie einfach verfügt wird. Das wurde in Zürich und St. Gallen deutlich. Beide Kantone verfügten Halbklassenunterricht, was Familien mit Kindern, die nicht zur gleichen Zeit, sondern gestaffelt zu Schule gehen müssen, vor erhebliche organisatorische Probleme stellt. Verunsichert sind wohl vor allem gehirngewaschene Journalisten und Schulfunktionäre, die sich staatliche Veranstaltungen nicht anders vorstellen können als einheitlich beziehungsweise gleichgeschaltet. Weil man aber von Gleichschaltung nicht sprechen mag, weil dies damals zur Denunziation des europäischen Ostens verwendet worden ist, spricht man allenfalls von Harmonisierung. (Wer ist denn schon gegen Harmonie?)

Weil Verschiedenheit sowieso negativ ist, muss der Journalist auch nicht aufzeigen, inwiefern diese nachteilig ist. Ob Einheitlichkeit pädagogisch sinnvoll ist, interessiert deren Verfechter nicht – auch nicht, was mit einer Gemeinschaft und den in der Gemeinschaft aktiven Menschen (zum Beispiel Lehrern) passiert, wenn von weit oben Einheitlichkeit verfügt wird.

Solche Fragen hätte ich gerne auf einer Leserbriefseite zur Diskussion gestellt. Der folgende Text (kursiv) blieb eine Weile in der Warteschlange und wurde in der Thurgauer Zeitung am 13. Mai, in der NZZ am 14. Mai abgedruckt.

Das Unwort [Flickenteppich] deutet mit seiner negativen Konnotation ein Ideal an, dem gemäss Schule gemeinde- und kantonsübergreifend nach demselben Muster betrieben werden soll. Gleichschaltung nenne ich das. Dafür gibt es kein einziges Argument. Es gibt vielmehr Argumente dafür, dass Drittklässler aus dem Arbeiter- und Ausländermilieu von Bern-Bethlehem und aus dem Oberschichtmilieu der Goldküste situativ unterschiedliche Unterstützung erhalten. Die Organisation dieser Unterstützung ist in Frauenfeld sogar innerhalb derselben Schulgemeinde unterschiedlich (welch ein Fleckenteppich!) In die Ausgestaltung ist das Lehrerkollegium aktiv involviert, leistet viel Arbeit und ist entsprechend engagiert. (Der Kanton Zürich agiert sehr viel zentralistischer.) Das Gegenbild wäre die (womöglich schweizweit) zentrale Organisation durch wissenschaftliche Bildungsstäbe, die der freundlichen Unterstützung durch kalifornische IT-Konzerne gewiss wären. Den Lehrpersonen käme dann die Rolle von Aufgabenhilfen zu. Pflichtbewusstsein willkommen, Engagement überflüssig. Da belassen wir es doch lieber beim «Flickenteppich»!

Dazu hörte ich von Lehrerseite und recherchierte ich im Internet. Wer die Website von Schulen Frauenfeld öffnet, findet die einzelnen Schulen aufgelistet. Jede Schule verfügt innerhalb dieser Website über eine eigene Seite, auf der sie über Aktualitäten (z.B. Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts) informiert. Da begegnet man von Schulhaus zu Schulhaus unterschiedlichen Informationen und Vorgehensweisen. Zum Vergleich öffnete ich die Website der Schulen in Uster, Zürcher Oberland, einer Gemeinde, die etwas grösser ist als Frauenfeld. Da gibt es eine Liste der Schulen. Punkt. Diese äussern sich nicht individuell. Sie haben wohl auch nicht Unterschiedliches zu berichten. Denn hier wird zentral organisiert.

Was in den Diskussionen völlig unter den Tisch fällt, ist die Rolle der Lehrer (pardon: Lehrpersonen). In einem zentral organisierten Bildungswesen sind sie Angestellte mit der Kompetenz (oder Kompetenzlosigkeit), die Angestellten auch in einem Industriebetrieb oder einer Bank zukommt. Wenn die oberen Etagen entschieden haben, müssen die Angestellten unten ausführen.

Das zeugt von einem Denken, für das Kinder Rohstoffe sind, die entsprechend den Passformen und Anforderungsprofilen, die von Gesellschaft und Wirtschaft gefordert werden, zu formen sind. In einem solchen Konzept sind Lehrpersonen logischerweise bis ins Detail weisungsgebunden.
Sieht man in Kindern hingegen sich entwickelnde Individualitäten, kommt den für sie als Pädagogen verantwortlichen Menschen eine ganz andere Rolle zu, eine, die sich nicht auf Ausführung beschränkt, sondern eine, die individuelles Eingehen auf die Kinder und damit auch inneres Engagement voraussetzt. Dieses innere Engagement wiederum setzt das äussere Engagement der Mitgestaltung der pädagogischen Rahmenbedingungen beziehungsweise mehr oder weniger weit gehende Selbstverwaltung voraus. Selbstverwaltung hat zwangsläufig Flickenteppich zur Folge.

Warum nicht? Frage ich mich als Altachtundsechziger, der das rote Büchlein im Bücherregal stehen hatte. Mao Zedong formulierte 1956 «Lasst hundert Blumen blühen, lasst hundert Schulen miteinander wetteifern». Dieser Satz war mir zwar vertraut. Welcher Wirklichkeitswert ihm zukam, vermochte ich nicht zu beurteilen.

So war es für mich überraschend, von einem mit China vertrauten Workshopteilnehmer am Rande der Sommerakademie 2018 in Wildhaus, wo ich ein Referat zum Thema «Einheitsstaat, Demokratie und gesellschaftliche Resilienz» hielt, eine Schilderung zu hören, wie ich sie danach in einem Seminarbericht folgendermassen zusammenfasste: «In China würden auf unterer Ebene grosse Freiheiten und Experimentiermöglichkeiten bestehen. Wenn sich etwas bewähre, würde dies von der Regierung für ganz China als verbindlich erklärt.» Seine Bewertung: «Das sei doch viel effizienter, als aufgrund unseres Sys-tems in Europa und vor allem der Schweiz.» Seiner Bewertung mochte ich nicht folgen, da Freiheit und Vielfalt in dieser Schilderung nicht als Werte an und für sich, sondern nur als funktional effizient dargestellt wurden.

Nun schrieb Corona Virus-Blogger Jürg Baumberger jüngst in Bezug auf China: «Die Behörden haben immer Initiativen zugelassen, auch wenn dafür (noch) keine gesetzlichen Grundlagen bestanden. Es wurde wie wild experimentiert. Was sich bewährt hat, wurde dann verallgemeinert und in juristische Rahmenbedingungen gefasst, das andere verschwand wieder. Das entspricht dem chinesischen Naturell, mit Widersprüchen gut leben zu können. Es gibt eben nicht nur schwarz oder weiss, wie wir es gerne hätten („Klarheit, kein Flickenteppich“) sondern im Schwarzen ist immer auch das Weisse, im Weissen das Schwarze. Das daoistische Yin-Yang-Bild zeigt es deutlich.» (https://www.baumbergers.ch Jürg Baumberger hat mit seiner Partnerin Elo vor einigen Jahrzenten längere Zeit in China gelebt.)

Zwar müsste man vermuten, dass aufgrund des marktwirtschaftlichen Konkurrenzsystems auch der Westen an Widersprüche gewöhnt ist. Das mag überall zutreffen – nur in der Schule nicht. Widersprüche und Vielfalt sind das Eine, Selbstverwaltung der Menschen vor Ort sind noch etwas Anderes. Dies war für Rudolf Steiner, der geradezu als «Botschafter der Selbstverwaltung» in allen gesellschaftlichen Bereichen angesehen werden kann, ein zentrales Postulat – sowohl in der Wirtschaft wie im Kulturleben. Die Lehrer sollen ihre Schule selber verwalten. Dieses Postulat begründete er nicht nur politisch oder gar anarchosyndikalistisch, obwohl hier eine Verwandtschaft besteht, sondern vor allem auch pädagogisch: Lehrer und Lehrerinnen, die sich auch mit Führungsaufgaben zu befassen haben, werden sehr viel weniger zu weltfremder Pädagogik neigen. Auch dies müsste ausführlicher begründet werden. Nur so viel: In der arbeitsteiligen Gesellschaft ist die Lebenswelt des Einzelnen auf einen relativ kleinen Ausschnitt beschränkt. Diese begrenzte Erfahrung wird dann nicht zum Problem, wenn auch das Handeln und dessen Konsequenzen von beschränkter Reichweite sind. So hat der Busfahrer vor allem Strassen und Verkehr vor sich und hat gelegentlich mit Passagieren zu tun. Er erfüllt seine Aufgabe, wenn er sein Fahrzeug um- und vorsichtig lenkt. Ein Stadtplaner, der ebenfalls mit Strassen und Verkehr zu tun hat, muss wesentlich mehr Gesichtspunkte in seine Konzepte einbringen können. Sie sind auf Jahre hinaus von wesentlich grösserer Reichweite. Wenn sich sein Horizont auf Le Corbusier beschränkt, sind die Folgen für seine Stadtentwicklung fatal. Die Restriktionen im Rahmen von Corona tragen die Handschrift von Experten mit einer mikroskopisch-mikrobiologischen Sicht auf die Welt. Wenn sich die Weltsicht des Pädagogen auf Schulzimmer, Stundenplan und Kinder als dominante unmittelbare Erfahrung beschränkt, dann sind die Folgen ebenso fatal. Denn die Reichweite der Pädagogik erstreckt sich nicht nur auf die aktuelle Bewältigung von Unterrichtssituationen, sondern auf die Entwicklung des Potentials von Individuen für ein ganzes Leben. Der «Zwang», sich mit organisatorischen, allenfalls gar mit den finanziellen Belangen einer Schule mit allen dazugehörenden Interaktionen beschäftigen zu müssen, die Notwendigkeit, auch Verantwortung für eine Schule übernehmen zu müssen, eröffnet ganz andere Er-fahrungshorizonte und macht aus einer pädagogischen Fachperson einen lebenserfahrenen Menschen. Bewusst oder unbewusst werden diese Erfahrungen und die durch sie bewirkte Persönlichkeit auf die Pädagogik ein. Deshalb ist die Diskussion, ob nach der Corona-Pause mit Halbklassen oder anderswie wieder eingestiegen wird, müssig. Relevant ist vielmehr, ob es Wiedereinstiegsszenarien sind, die von den Lehrerinnen und Lehrern massgeblich mitgestaltet worden sind oder ob es Verfahren sind, die von Bildungsstäben ausgebrütet und von Bildungsdirektionen verordnet wurden.

Sollten diese Ausführungen etwas zu antigouvernemental oder anarchosynikalistisch wirken, dann vielleicht noch dies:

Im Verlauf der Corona-Krise hat sich gezeigt, dass die Melinda & Bill Gates-Stiftung weltweit erheblichen Einfluss auf das Denken der Gesundheitsbehörden, insbesondere auch der WHO ausübt. Johannes Mosmann schreibt in einem Aufsatz (https://www.dreigliederung.de/essays/2020-05-johannes-mosmann-corona-virus-menschheit-am-scheideweg) dazu unter anderem:

«Bill Gates, der gleich an 7 Firmen zur Herstellung von Corona-Impfstoffen beteiligt ist, verkündet im ARD-Interview: „Wir werden den zu entwickelnden Impfstoff letztendlich 7 Milliarden Menschen verabreichen“. Das ist nahezu die gesamte Weltbevölkerung. Und Gates sagt nicht etwa „wir planen“, oder „wir wollen“, sondern eben „wir werden“. Der ARD-Korrespondent wird angesichts dieser Gewissheit nicht stutzig. Er fragt auch nicht nach, wie man ohne Impfzwang 7 Milliarden Menschen durchimpfen könne. Vielleicht ahnt er die Antwort. Denn einen zweiten Lock-Down wird die Weltwirtschaft nicht überleben. Auch ist es eher unwahrscheinlich, dass die Verantwortlichen ihre Corona-Verordnungen rückblickend verurteilen werden. Derartig tiefgreifende Einschnitte in das Leben der Bürger im Nachhinein als unbegründet zu erklären und hierfür die Verantwortung zu übernehmen, ist nahezu unmöglich. Somit bleibt nur die Flucht nach vorne: Das Robert Koch Institut wird sich Stück für Stück die Fakten zu eigen machen, auf welche die Kritiker im Vorfeld hinwiesen, diese aber teilweise als „neue Erkenntnisse“, teilweise als Beweis für die Wirksamkeit der Maßnahmen darstellen. Das heißt aber: wenn der demnach unvermeidliche Lock-Down in Zukunft doch vermieden werden soll, muss jeder Bill Gates' Impfstoff schlucken. Nicht die Apologeten der Angst gefährden dann nach dieser Logik die Wirtschaft, sondern diejenigen, die das Virus sachlicher sehen und übertriebene Reaktionen hinterfragen. Deshalb wird es vielleicht auch gar nicht nötig sein, die Impfung gesetzlich vorzuschreiben – es reicht, wenn Unternehmen diese aus Angst vor einem Lock-Down von ihren Mitarbeitern fordern.»

Zurück zu Flickenteppich und Schule: Was hier «Impfstoff» genannt worden ist, kann man durch «Unterrichtseinheiten» ersetzen. Was bereits an audio-visuellem Material existiert, ist bestechend. Was Lehrer früher kunstvoll oder unbeholfen an die Wandtafel gezeichnet hatten, lässt sich heute mühelos projizieren. Ganze Curricula lassen sich zusammenstellen. Schüler können die Inhalte reinziehen, ohne dass es noch einen Lehrer bräuchte. Dieser wird zum Coach, Problemöser und Aufgabenhilfe. Für die technisch exzellenten Präsentationen reichen die Budgets eidgenössischer Lehrmittelverlage längst nicht mehr. So wie es im Gesundheitsbereich die Gates-Stiftung gibt, wird es im Bildungsbereich entsprechende weltweit tätige Ausbildungsstiftungen geben (oder es gibt sie bereits), die eine Mission bildungspolitischen Fortschritts für das Glück der ganzen Menschheit formulieren und umsetzen. Wer Bildung lediglich als Frage didaktisch gut gemachter Vermittlung von Inhalten versteht, muss hier mitmachen. Wer Bildung hingegen als Entwicklungsprozess, als den Entfaltungsprozess eines Individuums versteht, wird die Aufgabe des Lehrers und der Lehrerin sehr hoch und die Rolle der Inhalte etwas zurückhaltender einschätzen.

Leider gibt es gerade in der Sozialdemokratie starke Strömungen, die, geblendet vom Grundsatz der Bildungsgerechtigkeit, die Lehrperson tendenziell als Störfaktor des Bildungsprozesses sieht. Störfaktor, weil die Lehrperson subjektiv ist und Sympathien und Antipathien hegt, was die Benachteiligten weiter benachteiligt und die schon Privilegierten weiter unterstützt.

In einem Denknetz-Aufsatz («Wie könnte eine linke Bildungspolitik aussehen?») schreibt Fitzgerald Crain: «Konsequenterweise forderte die SP in ihren Bildungsthesen von 2001 und 2008 nationale Bildungsstandards und geeignete Messinstrumente, um das Erreichen dieser Standards zu überprüfen. Die SP unterstützt den Lehrplan 21, da es gerecht ist, wenn alle SchülerInnen nach dem gleichen Lehrplan unterrichtet werden. Von daher sind standardisierte Leistungstests – wie die im Bildungsraum Nordwestschweiz angewandten „Checks“ – gerecht, da sie der oft subjektiv gefärbten Bewertung durch die Lehrpersonen eine objektive Leistungsbeurteilung entgegensetzen. Denn es ist ungerecht, wenn Kinder für gleiche Leistungen in unterschiedlichen Klassen und Schulen von unterschiedlichen Lehrpersonen unterschiedlich bewertet werden. Standardisierte Tests werden auch mit dem Argument der individuellen Förderung begründet. Tests sollen, so heisst es, der individuellen Standortbestimmung der SchülerInnen dienen. Sie geben ihnen, den Eltern und den Lehrpersonen Hinweise auf jene Leistungsbereiche, in denen die SchülerInnen besonders unterstützt oder gefördert werden sollen. Da die Tests der individuellen Förderung dienen, ist es gerecht, wenn sämtliche Kinder erfasst werden.»

Der Autor kritisiert unter anderem:
«Bestraft werden Lehrpersonen, die mit schwachen, erziehungsschwierigen Kindern aus sozial benachteiligten Familien und mit Kindern mit einer Behinderung arbeiten.
Angst und Verunsicherung bei den Lehrpersonen und damit Anpassung und Unterwerfung unter autoritäre Strukturen, wie sie in der US-amerikanischen Wirtschaft verbreitet sind, sind die Folge.»

Retten wir also die Flickenteppiche. Ich freue mich, in Frauenfeld zu leben, wo Lehrerinnen und Lehrer in jedem Schulhaus am eigenen Vorgehen arbeiten. Denn fatal wird es, wenn sich schweizweit, europaweit oder weltweit ein einziges Teppichwebmuster durchsetzt, zu dem auch die schweizerische Bildungsdirektorenkonferenz kein Wort mehr zu sagen hat. Sie muss auch nicht. Ebensowenig wie die Gesundheitsdirektoren Impfpflicht anzuordnen hätten. Die Kommunikation der Glück verbreitenden Stiftungen ist so gekonnt, dass sich die Entwicklungen wie von selbst ergeben: Sehr utopisch ist diese Vision nicht. 

«Die obszöne Frage»

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«Ich sag es Ihnen mal ganz brutal. Wir retten in Deutschland Menschen, die möglicherweise in einem halben Jahr tot wären.» Wegen dieser Äusserung soll Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer aus der Partei ausgeschlossen werden. Er ist Mitglied bei den Grünen. Der ägyptische Tourismusuntemehmer Samih Sawiris sagte in der «SonntagsZeitung»: «In der Schweiz gehen Milliarden verloren, damit es einige hundert weniger Tote gibt.» Die Debatte ist schmerzhaft. Vor allem – aber nicht nur -, weil diese Äusserungen keine Argumente sind. Sie sorgen für Empörung, weil sie den Eindruck erwecken, da würde Geld gegen Menschenleben aufgerechnet. Das wäre in der Tat obszön – «obszön» heisst: Das will man nichtsehen. Wir wollen aber sehen. Lässt sich die Debatte entwirren? Die Äusserungen richten sich gegen die Politik. Sie kommen aus der Wirtschaft und behaupten, da sei falsch gehandelt worden. Sie sagen aber nicht, was falsch ist. Was hätte die Politik tun müssen? Nichts? Beginnen wir mit der Wirtschaft. Die Wirtschaft wird betrieben, um die Bedürfnisse der Mensehen zu befriedigen. Der Mensch als gesellschaftlich organisiertes Wesen tut das im Kollektiv. Arbeitsteilung steigert die Produktivität. Aber die Wirtschaft ist eine Kollektivmaschine geworden, mit vielen Verflechtungen und Eigengesetzlichkeiten, abgelöst und entfernt von den Individuen und ihren Bedürfnissen. Wirtschaft ist wie Velo fahren. Wenn es zu langsam wird oder stoppt, fällt sie um. Gegen den Individuen äussert sich dies als Sachzwang: strampeln!

Der Soziologe Max Weber (1864-1920) hielt kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, im Januar 1919, in München einen Vertrag mit dem Titel «Politik als Beruf». Weber war kein Zyniker. Jeder Politiker verfolge höhere Ziele, erklärte er, folge also einer bestimmten Ethik. «Alles ethisch orientierte Handeln», so Weber, kann «unter zwei grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen» stehen, «es kann ‹gesinnungsethisch› oder ‹verantwortungsethisch› orientiert sein.»

So weit ein Auszug aus dem Kommentar des Redaktors Christoph Bopp in der Thurgauer Zeitung vom 5. Mai 2020. Der Kommentar geht noch weiter. Ob Bopp das Buch von Boris Palmer kennt oder nicht, weiss ich nicht. Jedenfalls hat Palmer dort – ebenfalls Max Weber zitierend – das Dilemma zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik dargestellt. Der Titel des Buchs lautet: «Wir können nicht allen helfen. Ein Grüner über Integration und die Grenzen der Belastbarkeit.» Es ging um Flüchtlingspolitik. Als Oberbürgermeister musste er sich mit Unterbringung, Ernährung und Ausbildung von Flüchtlingen befassen. Da musste er sich früher oder später die Frage stellen: Was ist leistbar? Gesinnungsethiker haben es gut. Sie brauchen sich nicht um Leistbarkeit zu kümmern, sondern können locker fordern, dass jeder, der an die Türe klopft, einzulassen ist. Ebenso wie jetzt gefordert werden kann, dass um jedes Menschenleben zu kämpfen ist, ohne Seitenblick auf die notwendigen Mittel.

Einzelne Aspekte möchte ich hinzfügen:

Als Schweizer staunt man gelegentlich, wenn man politische Debatten in Deutschland verfolgt. Manche finden Politik in der Schweiz langweilig, zum Beispiel nachdem sie sich einen Ausschnitt einer Bundestagsdebatte angehört haben. Deutsche Debattenkultur ist tatsächlich ausserordentlich hoch bzw. abgrundtief entwickelt. Wer findet, man müsste in der Schweiz dereinst Trumpsche Politkultur erreichen, der kann in den polarisierenden Auseinandersetzungen in Deutschland tatsächlich einen Fortschritt sehen.

Interessant ist, dass der Beitrag der Fernsehanstalt zum Debattenstil schon gar nicht thematisiert wird. Sie führt ein Interview, das sieben Minuten dauert und Hunderte von Sätzen lang ist. Aus diesem Interview isoliert sie einen Satz und blendet ihn auf dem Bildschirm ein (siehe Bild oben). Wenn jemand auf Empörung aus ist, dann braucht er das Interview gar nicht anzusehen. Es reicht, wenn er das aufgreift, was ihm die Fernsehanstalt gewissermassen zum Frass vorgeworfen hat. Selbstverständlich stürzen sich die angepeilten Raubtiere sofort auf dieses auserlesene Stück. Keiner sagt zum Beispiel: Der Satz klingt befremdlich. Aber aus dem Kontext heraus sehe ich, was er gemeint haben könnte – zum Beispiel: Am Abwägen von Idealen und Möglichkeiten führt kein Weg vorbei. Wer hingegen aufgrund dieses Satzes auf dem OB herumhackt, verkündet nur: Für Selbstgerechte sind Ideale das Einzige, was gilt. Möglichkeiten kümmern nicht. Verantwortung übernehmen sie sowieso nicht.

Etwas grundsätzlicher: Die Debatte spiegelt das in unserer Zivilisation merkwürdige Verhältnis zu Leben und Sterben. Wer Sterben als zugehörig zum Leben bezeichnet, riskiert, als Darwinist verschrien zu werden. Ansprechen, dass Altern auch die Wahrscheinlichkeit zu erkranken erhöht, muss ausgeblendet bleiben. Boris Palmer liess allen über 65-Jährigen in Tübingen Schutzmasken zukommen – und erntete übelste Beschimpfung.

Die Grünen wollen ihren Oberbürgermeister bei der nächsten Wahl nicht mehr unterstützen ….

Anmerkung: Ich bin 75 Jahre alt.

Die Pest in Bergamo

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Bergamo wurde als Epizentrum der Corona-Epidemie bezeichnet. Allein im März ging die Zahl der Toten in Bergamo im Vergleich zu 2015 – 2019 um 568 Prozent nach oben. (NZZ online 4.5.2020) Bergamo liegt – ähnlich wie Mailand – weniger als 100 Kilometer von der Schweizer Grenze (Chiasso) entfernt.
In Literatur und Kunst wurde Bergamo u.a. durch die Novelle «Pest in Bergamo» des dänischen Schriftstellers Jens Peter Jacobsen bekannt. Unter anderen schuf Otto Ubbelohde 1920 die gleichnamige Radierung. Er stellt den Zug der sich selbst kasteienden Büsser in der Kathedrale dar.

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Eine andere Art von Umzug fand im März 2020 statt: Militärlastwagen mussten die Leichen abtransportieren. – Abschliessend ein kurzer Textauszug aus Jacobsens Novelle.

Bergamo Coronavirus the army intervenes to move the bodies from the main cemet

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Corona – die Urteilsbildung

Wie würde man einen Lehrer einschätzen, der von Schüleraufsätzen jeweils nur den ersten Abschnitt liest oder bei Mathematikproben nur die dritte Aufgabe prüft, um dann doch die ganzen Arbeiten zu beurteilen und zu benoten? Hersteller von Pflanzenschutzmitteln werden kritisiert, weil sie Wirkungen nur sehr parti-kulär ansehen und beurteilen und Kollateralschäden ausseracht lassen. Ökologisch-ganzheitliche Betrachtungsweisen werden gefordert. Mit ähnlichen Vorbehalten werden Schulmediziner konfrontiert. Die Medizin solle sich an einem ganzheitlichen Menschenbild orientieren.

Eigentlich ist die Feststellung plausibel: Zu angemessenen Erkenntnissen kommen, beziehungsweise urteilen, kann man nur, wenn man das ganze Phänomen vor sich hat und betrachten kann.

Dies gilt jedenfalls dann, wenn es um Erkenntnis geht. Wenn es darum geht, sich vor möglichen Schäden eines aufziehenden Unwetters zu schützen, kann man selbstverständlich nicht zuwarten, bis das Unwetter vorbeigezogen ist. Hier gilt das Vorsichtsprinzip. Über das Ausmass der Vorsichtsmassnahmen lässt sich streiten.

Interessant an den Corona-Debatten ist, dass sie fast immer im Urteils- und Erkenntnisbereich stattfinden, nicht im Bereich der getroffenen Massnahmen. Für einen der Kritik-Meinungsführer, den Arzt Wolfgang Wodarg, war am 13. März, als die Epidemie bei uns noch kaum eingesetzt hatte, klar, dass es sich bei Corona (Covid19) um ein Virus handelt, das der Gefährlichkeit der jährlichen Grippeviren gleicht. Am 22. März knüpfte Kai Ehlers, ein geschätzter, kritischer Journalist an Wodarg an und schrieb: «All des ungeachtet wird von den Initiatoren der gegenwärtigen Quarantäne die Ausbreitung des aktuellen Corona-Virus zu schwindelerregenden Bedrohungsziffern hochgerechnet und mit tatsächlichen Pandemien aus der Geschichte, wie der Spanischen Grippe zwischen 1914 und 1918, in Zusammenhang gebracht.» Und am 2. April schrieb ein von mir sehr geschätzter Freund und konsequenter Denker: «Als Epidemie ist Corona aber offensichtlich nicht das, was man einmal erwartet hat – und wofür man frühzeitige und kräftige Massnahmen ergriff.» Exakt in diesem Moment begann die Todesfallkurve die Bandbreite der zu dieser Jahreszeit erwartbaren Todesfälle deutlich zu übersteigen.

Es gehört zu den Phänomenen dieser Pandemie, dass Menschen mit gutem Urteilsvermögen den Eindruck haben, sie seien aufgrund der partiellen Wahrnehmung nur eines Teils des Epidemieverlaufs urteilsfähig – so wie der Lehrer, der nur den ersten Abschnitt des Aufsatzes liest und dann eine Note vergibt.

Das Fällen von Urteilen aufgrund partieller Erkenntnis prägt unseren Alltag. Es geht nicht anders. Wer über eine Strasse gehen will, auf der ein Auto heranrast, geht gescheiter keine Experimente ein, nur um die Annahme bewiesen zu haben, dass der Autofahrer nicht mehr bremsen kann.

Aber weshalb wirkt da, wo kein Handlungsdruck besteht (weil wir ja alle gewissermassen weggesperrt und zur Untätigkeit verdammt sind) nicht mehr Erkenntnisgelassenheit? Es besteht nämlich nicht nur ein Druck, nicht nur über das nur partiell Wahrgenommene zu urteilen. Es sollen darüber hinaus gleich noch Aussagen über verborgene Hintergründe gemacht werden. Denn: Nichts ist, wie es scheint. Mindestens Donald Trump ist sicher, dass das Corona-Virus von den Chinesen ausgeheckt worden ist. Wirkt das als Einladung, über alternative Hintergründe zu spekulieren?

Wenn diesem Epidemieprozess, der sich im Grenzbereich von Naturgeschehen und gesellschaftlichen Prozessen abspielt, ein Zweck zugeschrieben werden sollte, dann vielleicht der, die Urteilsfähigkeit von intelligenten Menschen zu verwirren.

Weitere Überlegungen zur Corona-Epidemie in Tagebuchform finden sich in diesem PDF

In den Morast geraten andere

Am 2. November publizierte die NZZ einen Leitartikel ihres Wirtschaftsredaktors Thomas Fuster unter dem Titel «Im Morast der Moral». Der Lead erläutert: «Dürfen Unternehmen primär auf den Gewinn zielen? Und ist es ihnen erlaubt, in autoritären Staaten Geschäfte zu tätigen? Firmen sehen sich zusehends mit moralischer Kritik konfrontiert. Das führt zu Heucheleien auf allen Seiten.»
Thomas Fuster greift in seinem Artikel auf einen schon von früheren NZZ-Redaktoren zitierten, archaisch anmutenden Aufsatz von Milton Friedman zurück: «Dieser hat sich 1970 in einem berühmt gewordenen Aufsatz mit der sozialen Verantwortung von Unternehmen auseinandergesetzt. Darin entbindet der Wirtschaftsnobelpreisträger die Firmen von einer solchen Verantwortung. Seine Begründung: Nur Individuen können Verantwortung tragen, nicht aber legale Konstrukte wie Unternehmen. Zudem arbeiten Manager nicht mit eigenem Geld, sondern mit jenem der Firmeneigentümer, und diese wollen einen Gewinn sehen. Ziel eines Unternehmens muss laut Friedman daher die Maximierung des Gewinns sein. Dies nicht nur aus Respekt vor dem Eigentum, sondern auch deshalb, weil Gewinn messbar ist, soziale Verantwortung aber nicht. Wenn sich Manager dennoch für Soziales einsetzen wollen, dann bitte mit eigenem Geld und in der Freizeit.»
Erstaunlicherweise gab es in den Leserbriefspalten keine einzige Reaktion auf diese fundamentalistischen Ausführungen von Thomas Fuster. So raffte ich mich denn auf, mit einigem Verzug den Kommentar abzugeben, der hier folgt:

«Der «Morast der Moral» liegt zwar jenseits der «Landschaft der Lüge» – zeitlich jedenfalls, und bezogen auf die metaphorisch aufgeladenen NZZ-Leitartikel von Thomas Fuster und Eric Gujer der letzten beiden Samstage. Überraschend ist allerdings, dass in der Woche dazwischen keine Leserreaktionen auf Fusters Artikel publiziert worden sind. Immerhin rückte Thomas Fuster einige Dinge pointiert an den Ort, an den sie – mindestens aus NZZ-Sicht – wohl gehören: Das Management von Unternehmen soll keine anderen Ziele verfolgen, als den Eigentümernutzen zu steigern. Nur dieses Ziel ist messbar. Andere Ziele z.B. im Sinne des Corporate Social Management sind nicht messbar und führen demzufolge in den Morast. Soweit die etwas verkürzte Zusammenfassung. In derselben Ausgabe vom 2.11.2019 dann der Kommentar des Medienredaktors Rainer Stadler zum Fall «Carlos», dessen tragische Negativspirale mit einem Film im Fernsehen SRF und dann erst recht der Stimmungsmache im «Blick» begann. Stadler: «Diesen Film hätte man nicht zeigen sollen». Hat das Management von SRF und Blick also Fehler gemacht? Nein, sie haben Einschaltquoten und Leserzahlen nachhaltig (wirksam noch nach 6 Jahren!) gesteigert, das Beste, was die Eigentümer dieser Medien erwarten dürfen. Das Management ist dem Morast entkommen. Dort gelandet ist «Carlos». Kollateralschaden halt.

Diesen zweiten Abschnitt habe ich als Leserbrief an die NZZ gesandt. Publiziert wurde er nicht. Es scheint, als dürfte man in der NZZ vieles diskutieren, nur Themen nicht, die in die Zuständigkeit mit der Wirtschaftsredaktion gehören. 

Die Illegalität von Kartellen — Kehrseite der Marktideologie

Involviert in den Kartell-Skandal sind nicht nur Bauunternehmer, sondern auch deren Verband und vermutlich auch staatliche Organe, die sich trotz eindeutigen Hinweisen sehr wenig für die Geschehnisse interessieren, stattdessen dafür besorgt sind, dass Quadroni mit roher Polizeigewalt in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wird.

Politische Folgen (bevorstehende Regierungsratswahlen) sind inzwischen bereits sichtbar geworden.

Die Diskussion der Reportage auf der REPUBLIK-Website ist von inzwischen gewohnt hohem Niveau. Bekannte öffentliche Persönlichkeiten nehmen daran teil, ebenso die AutorInnen der Reportage.

Das Schicksal des Whistleblowers hat alle Leserinnen und Leser sehr berührt. Weniger im Vordergrund der Leserbeiträge stand der systemische Aspekt (Kooperation / Markt / Kartell). Diesen griff ich in einem Diskussionsbeitrag auf, der einige Zustimmung fand. Diese Voten finden sich im Anschluss an den folgenden Initial-Beitrag.

An dieser Stelle möchte ich dazu ermuntern, REPUBLIK zu abonnieren. Kostet zwar ähnlich wie ein Zeitungsabonnement. Und kostet vor allem auch Zeit, wenn man einen Grossteil der Beiträge lesen will. Die Frage eines Abonnements ist aber nicht nur eine Frage des persönlichen Nutzens, sondern diejenige der Unterstützung einer Medien-Initiative in einer Zeit, in der nur noch von Pressekonzentration und Mainstream-Medien die Rede ist.

 

Matthias Wiesmann
«Sind Kartelle die liberale Planwirtschaft, und ist der freie Markt letztlich eine Utopie?» [Fragestellung der RedaktorInnen] Selbstverständlich. Kartelle sind eine Begleiterscheinung der Marktwirtschaft, konsequenterweise gehören dazu auch Kartellbehörden. Zwar gibt es heute noch kaum jemanden, der an das Marktmodell, wie es in der Volkswirtschaftsvorleseung propagiert wurde, glaubt — an dieses Ideenprodukt, das das grösste Wohl aller herbeiführen soll. Trotzdem kann die Markt-unkritische (wie das Beispiel zeigt: verdienstvolle) Skandalisierung von Kartellen immer wieder mit grossem Publikumsinteresse rechnen. Sind alle, die solche Skandale entsetzt zur Kenntnis nehmen, plötzlich glühende Protagonisten des reinen Marktes? Das Entsetzen gilt ( zu Recht) dem Filz. Das Mitleid (zu Recht) dem Whistleblower. Doch kaum jemand macht sich die Mühe, nach Alternativen zwischen der möglichst vollkommenen Konkurrenz und dem klandestinen Kartell zu suchen. Niemand fragt, weshalb es gerade im Baugewerbe in der Schweiz und weltweit trotz Wettbewerbshütern zu gewaltigen Unternehmenskonzentrationen gekommen ist. Kartell ist illegal. Fusionen sind es nicht. Sie sind die schlechtere Lösung, weil sie zunehmen Macht aufbauen. Kooperation liegt in der Natur der Wirtschaft generell. Nur schon, weil jede Unternehmung danach streben muss, Unsicherheit zu reduzieren. Wie wäre es denn mit einer wie auch immer gearteten regulierten (horizontalen) Kooperation? Wie wäre es, wenn man Kartelle erlauben würde, zum Beispiel mit der Verpflichtung, Kalkulationen offen zu legen? Wie wäre es, wenn nicht nur die Unternehmer, sondern auch die Kunden an den ominösen Sitzungen teilnähmen. Jeder Auftraggeber müsste die Berechtigung der Preise nachrechnen können. (Der tiefste Preis ist nicht zwingen der Berechtigste!) Was anspruchsvoll ist, ist hier etwas einfach formuliert. Man kann aber nicht bei der Skandalisierung und bei der Bestrafung von Wettbewerbsrecht-Verletzungen stehen bleiben, wenn man irgendwann einen Schritt weiterkommen will. Ja, der freie Markt ist und bleibt Utopie.

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