Tierische, digitale oder menschliche Kommunikation?

Dass Kommentatoren auf (verbale) Signale reagieren, ohne sich um Intentionen und Kontexte zu kümmern, passiert fast täglich. Selten ist eine so prominente und «unverdächtige» Persönlichkeit Signalgeber, wie dies in der Fernseh-«Sternstunde» am Sonntag, 25. April der Fall war. Die NZZ (28.4.21) fasste folgendermassen zusammen:

«Adolf Muschg spricht offen und luzid, er redet von seiner Kindheit, von Versäumnissen und Erfolgen. Gegen Ende des Gesprächs kommt man auf die Cancel-Culture zu sprechen. Muschg sagt: «Nehmen Sie die Cancel-Culture, die wir heute haben. Dass man abgeschrieben wird, wenn man bestimmte Zeichen von sich gibt. Das sehen wir bei feministischen Diskursen ebenso wie bei antirassistischen. Ein falsches Wort, und du hast den Stempel. Das ist im Grunde eine Form von Auschwitz.»

Und schon war Muschg abgestempelt. Nochmals die NZZ: «Und kaum klingt die Sendung aus, schiessen auf Twitter bereits die ersten Reaktionen ins Kraut. Muschg solle sich ‹in Grund und Boden schämen›, schreibt etwa der Schweizer Historiker Philipp Sarasin.»

Ich will hier nicht wiederholen, was Tausende von Malen wiederholt worden ist, dass Vergleiche mit der Shoa deshalb problematisch sind, weil sie zu einer Banalisierung der Verbrechen des Nationalsozialismus beitragen, was Neonazi-Tendenzen fördern kann und so weiter. Ohne Zweifel sieht auch Muschg das nicht anders. Gerade deshalb, weil man Muschg in der Öffentlichkeit relativ gut kennt, müsste man eher fragen: was hat diesen Mann getrieben, diesen drastischen Vergleich zu ziehen? Welche Erlebnisse, welche Not stecken dahinter?

Doch nachdem Muschg im bedenkenswerten Kontext seiner Ausführungen ein Signal versteckt hatte (das Wort «Auschwitz»), wird (fast) nur noch über dieses Signal und die Unzulässigkeit von dessen Verwendung debattiert. Der Kontext beziehungsweise die Intention von Muschg bleiben ausgeblendet. Das ist leider typisch für diese Art von Reaktion, die nach einem Algorithmus abzulaufen scheint: Trifft der Scanner auf ein Wort der Negativliste, ist möglichst öffentlich zur Schau getragene Entrüstung programmiert.

Wäre zu fragen, was die Entrüsteten antreibt. Es handelt sich um hoch sensibilisierte Menschen, die angetreten sind, um sich gegen soziale Ungerechtigkeiten und Rassismus und für den Schutz von Minderheiten einzusetzen – Menschen, die man als «woke» bezeichnet. Die Sensibilisierung richtet sich primär auf Sprache. Es gibt heute viele Wörter und Gendervarianten, die gewissermassen auf dem Index stehen. Wenn nun jemand ein Wort verwendet, das auf ihrem Index steht, schlagen sie zu. Als Präsident Biden sein Kabinett zusammenstellte, berief er als erster Präsident der USA eine Frau, eine Indianerin, wie die NZZ und andere Zeitungen schrieben. In den sozialen Medien wurde umgehend angeprangert, dass die NZZ das I-Wort verwendet habe. Sie hätte vermutlich schreiben müssen, dass eine Idigene berufen worden sei.

Einverstanden, im zwischenmenschlichen Verkehr geht es darum, dem anderen Menschen Respekt entgegen zu bringen. Das wird schon dem kleinen Kind beigebracht, das zunächst fremde erwachsene Menschen mit «Du» anspricht. Man bringt ihm bei, dass es korrekt ist, «Sie» zu sagen (jedenfalls dürfte das bei mir vor bald 75 Jahren noch der Fall gewesen sein). Hat das damals mein Verhältnis zu diesen Menschen verändert? Wohl kaum. Ich habe mir eine Konvention der Erwachsenen angeeignet. Ich habe gelernt, das falsche Signal «Du» zu vermeiden, das für Respektlosigkeit steht (was ich nicht wusste, ich fügte mich halt) und stattdessen das korrekte Signal «Sie» zu verwenden. Ich bin sicher nicht der Einzige mit der Erfahrung, dass es damals ein ganzes Vokabular von Wörtern gab, die man nur unter Kindern gebrauchte und in Gegenwart von Erwachsenen mied, weil man wusste, dass diese Wörter nicht korrekt sind. (Also auch damals gab es einen Index.) Es dürfte auch in Zeiten von «political correctness» so sein, dass viele Menschen über zwei Vokabulare verfügen. Wenn jemand erfolgreich inkorrekte Ausdrücke meidet, heisst das noch längst nicht, dass er (oder sie) anderen Menschen respektvoll und menschlich begegnet.

Eine sensiblere Handhabung der Sprache mag man in vielen Fällen nachvollziehen und in der eigenen Sprechweise berücksichtigen – mindestens so lange die Sprechweise vom eigenen, individuellen Bewusstsein getragen ist. Vom Bewusstsein getragen muss auch das Verstehen des Anderen sein: Was will er sagen? Was versucht er auszudrücken? Wie ist er im Zusammenhang des ganzen Gesprächs zu verstehen?

Das Reagieren auf einzelne Wörter führt vom Verstehen weg zu einem maschinell-unmenschlich anmutenden, man könnte auch sagen pawlowschen Kommunikationsmuster. Es wirkt geradezu tragisch, dass die Verfechter korrekten Sprechens, das für eine menschlichere Kultur stehen soll, tierisch bis maschinell reagieren. Mit tierisch meine ich die pawlowsche Reaktionsweise, die auf ein Signal, vom gesamten Kontext abstrahierend, reagiert. Mit maschinell meine ich das digitale Muster, das nur ja/nein, schwarz/weiss zu unterscheiden vermag. Jeder Text, auch der Gesprochene, wird gescant, oft bevor überhaupt ein Bemühen um Verständnis stattgefunden hat. Wenn der Scan ein Wort ausmacht, das auf dem Index steht, läuft ein Algorithmus ab, der zur Verteufelung des Senders des fatalen Signals führt. Wo bleibt da die menschliche Kommunikation? Ein alter, weisser Mann (wie Muschg) kann jedenfalls nicht auf einen Verständnis-Bonus hoffen, er soll sich, wie der Historiker Philipp Sarasin meint, in Grund und Boden schämen.

Woher kommt diese Kommunikationskultur oder -unkultur? Klar, aus den USA. Aber welches sind die Hintergründe?

Mit dem Hinweis auf das digitale Muster habe ich bereits einen Hinweis gemacht. Es ist spätestens seit Linné bekannt. Mit Monokotyledonen und Dikotyledonen hat die Pflanzenbestimmung jeweils angefangen. Das Ganze, die Gestalt der Pflanze, wie sie u.a. Goethe zu sehen sich bemühte, hat keine Rolle gespielt. Diesem eher philosophischen Hintergrund wäre weiter nachzugehen.
Es gibt noch eine weitere Spur: Erstmals begegnet bin ich dem richtig/falsch-Schema beim Erwerb des Führerausweises. Ich meine die Multiple Choice-Fragebogen in der theoretischen Fahrprüfung. Später arbeitete ich an der Uni selber an der Zusammenstellung von Prüfungsfragen nach dem Multiple Choice-Schema. Bei diesen Fragen gibt es nur richtig oder falsch. Das hat für die Prüfenden grosse Vorteile: die Korrektur geht schnell und kann von unqualifizierten Hilfskräften erledigt werden. Durch die eindeutige Quantifizierbarkeit der Resultate ist das Ergebnis bestanden/durchgefallen objektiv gegeben. Diskussionen (= menschliche Kommunikation) können vermieden werden. Das alles ist heute vermutlich noch viel wichtiger geworden. Eltern üben Druck auf die Lehrer (Lehrpersonen) aus, Prüfungsbewertungen müssen möglichst von der Lehrperson und ihren allfälligen Sympathien oder Antipathien abgelöst werden, sonst ist Chancengleichheit nicht gewährleistet usw. Das digitale Muster, das Richtig/falsch-Schema ist über jeden Verdacht erhaben.

Selbstverständlich ist es eine Hypothese zu behaupten, dass die Digitalprozesse, die im Hintergrund wirken – zum Beispiel, wenn ich auf dem Computer diesen Text schreibe – auf das Kommunikationsverhalten in der Gesellschaft durchschlagen. Es wäre im Detail nachzuweisen, wie die Umwandlung von der technischen zur Kommunikationsebene vor sich geht. Welchen Einfluss die Gewöhnung an Multiple Choice-Schemata und welchen Einfluss die Arbeitsblätter der Kinder, mit welchen sie von den Lehrpersonen losgeschickt werden, auf das Denken und Verhalten haben. (Nicht von den Inhalten der Arbeitblätter ist hier die Rede, sondern von der «Hidden Agenda».)

Die Folge des Algorithmus, der nur schwarz und weiss, nur ja und nein, Licht und Finsternis unterscheiden kann, ist ein Verlust der Grautöne, ein Verlust der Mitte und damit ein Verlassen der christlichen Tradition der Dreiheit. Das alles mündet in einen Verlust des Verstehens. Ein Scan weniger Merkmale reicht für die Urteilsbildung.
Es gäbe eigentlich die Methode namens Hermeneutik, die nie nur ein Wort aufspiesst, sondern dieses immer im Kontext zu verstehen versucht. Es wäre wohl notwendig, auf allen Schul- oder Entwicklungsstufen Fragestellungen zu entwickeln, die nur jeweils aus dem Verstehen des Ganzen beantwortet werden können. Also statt Linnés digitalen Bestimmungsschlüssel Goethes anschauendes Urteilen mit dem Blick auf das Ganze. So könnten wir es schaffen, wieder ein wenig Hermeneutik in die Alltagsdiskussion zu bringen. Sollte es immer öfter passieren, dass das Geifern beginnt, wenn ein (falsch klingendes) Signal ertönt, ist die Menschheit tatsächlich auf den Hund gekommen. 

Wie man Verschwörungstheoretiker wird

Mit 5 Nachträgen am Schluss des Beitrags.

Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur: Nach dem Giftgasanschlag auf einen Ex-Spion in England gilt für die meisten westlichen Regierungen Russland als Täter. Eine einigermassen plausible Indizienkette wurde bisher nicht publiziert. Der türkische Ministerpräsident Erdogan beschuldigt seinen früheren Kampfgefährten Gülen, einen Putsch gegen ihn angezettelt zu haben. Auch hier gibt es keine nachvollziehbaren Begründungen. Verheerende Folgen bis heute hatte die Behauptung der amerikanischen und britischen Regierung, Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen. Der angerichtete Schaden durch die Kriege seither ist immens. Immerhin wurde diese Verschwörungstheorie später entlarvt. Seit einiger Zeit sieht Viktor Orban in George Soros den Schuldigen hinter allem in Ungarn, was nicht in seinem Sinne läuft. Exakte Belege dafür sind uninteressant.

Verschwörungstheorien? Diesen vier Verschwörungstheorien ist gemeinsam, dass der Begriff Verschwörungstheorie für sie nie verwendet wird.

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Die Epidemie des Herabsetzens

Der Arxhof ist eine Institution des nordwest- und innerschweizer Strafvollzugskonkordats und bietet Plätze für 46 junge straffällige Männer zwischen 17 und 25 Jahren. Der langjährige erste Direktor dieser Einrichtung, Renato Rossi, erklärte in einem Radio-Gespräch die Grundhaltung seiner Einrichtung im Umgang mit den jungen Männern – ganz im Sinne des Arxhof-Leitbildsatzes «Wir begegnen unseren Bewohnern respektvoll, transparent und fordernd.» Er berichtete, dass es nur zwei Verhaltensweisen gebe, die harte Sanktionen nach sich zögen: Gewalt und herabsetzende Bemerkungen gegenüber anderen.

Doch wie wollen junge Männer in schwierigen Lebenssituationen herabsetzende Bemerkungen nachhaltig aus ihrem Interaktions-Repertoir streichen, wenn sie solches von Politikern und Journalisten täglich zu hören bekommen? Zu den «Pionieren» herabsetzenden Redens gehört der in der Schweiz wohl populärste Politiker Christoph Blocher. Herabsetzen kann in der massiven Form Blocherscher Diktion sein (zum Beispiel der Ausdruck «Volksverächter» für nicht genehme Politiker anderer Parteien oder die Aussage über einzelne Persönlichkeiten, etwa im Rahmen einer Diskussion des Initiativrechts:

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«selbst ernannt»

Einzelne herabsetzende Ausdrucksweisen verbreiten sich unter Journalisten epidemisch. Für die Diskreditierung einer Person, über die man schreibt, hat sich das Attribut «selbst ernannt» eingebürgert. So schreibt etwa der halt eben auch selbsternannte Radio-Pionier, Medienunternehmer und selbst ernannte Autor Roger Schawinski in seinem neuesten Buch «Verschwörung! Die fanatische Jagd nach dem Bösen in der Welt» (NZZ Libro 2018) über Daniele Ganser: «Der selbsternannte ‹Friedensforscher› hat sich mit Bezug auf seinen Vater und dessen damalige Entscheidung zur Nichtteilnahme am Zweiten Weltkrieg in seinen Kampf gestürzt.» Das Attribut «selbsternannt» wird im Hinblick auf seine Konnotation in der Regel mit einer klaren Absicht gewählt. (Bei einer Konnotation handelt es sich um einen über die eigentliche Bedeutung des Wortes hinausreichenden, assoziativen, wertenden oder emotionalen Gedanken.)

Einer Ernennung liegt ein Legitimationsvorgang zugrunde: ein Organ eines Herrschaftssystems ernennt einen Amtsträger. Die Erziehungsdirektion ernennt XY zum Rektor am Gymnasium Z. Der polemische Gebrauch des Begriffs Ernennung oder Selbsternennung drückt eine Wertung aus: Nur wer ernannt ist, kann ernst genommen werden. Selbst Ernannte sind als suspekt oder nicht qualifiziert anzusehen.

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Verschwörungstheorien

Zur Stigmatisierung

Während derzeit viel über Verschwörungstheorien und Verschwörungtheoretiker geschrieben wird, bleiben Begriff und Funktion von «Verschwörungstheorie» selber unreflektiert. Eine Reflexion ist unbedingt nötig, denn das Reden über Verschwörungstheoretiker ist ja bereits ein für Betroffene einschneidender sozialer Vorgang.
«Verschwörungstheorien» gibt es nicht nur zu aktuellen Ereignissen, sondern auch zu historischen. Zwei Beispiele:

Daniele Ganser beschäftigt sich mit 9/11, mit dem Einsturz mehrerer Gebäude des World Trade Center in Manhattan, insbesondere mit den Einsturzursachen bei einem Gebäude (WTC 7), das nicht von Flugzeugen getroffen worden ist. Mit vielen Bau- und Sprengexperten weist er darauf hin, dass der Einsturz dieses Gebäudes alle Merkmale einer Sprengung aufweise. Zwar nannte er meines Wissens nie eine von ihm vermutete Täterschaft. In der Presse «einigte» man sich aber darauf, er «insinuiere» – deshalb ist er, der bis dahin «Historiker» oder «Friedensforscher» genannt worden ist, inzwischen zum «Verschwörungstheoretiker» geworden.

Christoph Blocher beschäftigt sich gerne mit nationalen historischen Vorgängen. Zum 100. Jahrestag des Landesstreiks 1918 hielt er eine Rede, in der er Behörden und Soldaten dankte. Er sieht im Landesstreik primär einen «unschweizerisch-sowjetischen Umsturzversuch». («Schweizerisch» waren hingegen wohl der für den militärischen Einsatz gegen Streikende in Zürich Verantwortliche, Oberstdivisionär Emil Sonderegger, der sich später der faschistischen Organistion der Frontisten anschloss und General Ulrich Wille, der offen mit dem Kaiserreich sympathisierte). Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Corona-Situation von Millionen von Menschen, die durch behördliche Massnahmen von jeder Verdienstquelle ausgeschlossen und ins Elend getrieben worden sind, braucht es wenig Phantasie, sich das Massenelend nach dem 1. Weltkrieg fast ohne soziale Sicherheitssysteme als Ursache für die landesweiten Demonstrationen vorzustellen. Wo das eigene Vorstellungsvermögen nicht hinreicht, hilft die historische Forschung, die Blochers Theorie widerspricht.

Damit sind zwei «Verschwörungstheoretiker» erwähnt, von denen der eine mit einem sehr wirkungsvollen Stigma belegt worden ist. Er wird nie mehr zu einer öffentlichen Debatte (TV, Radio, Presse), die ernstgenommen werden will, eingeladen werden. Dem anderen schadet die Absurdität seiner Thesen in keiner Weise. Er bleibt im öffentlichen Diskurs.

Das Muster der Verschwörungstheorie ist keineswegs neu. Gerade die Art, wie Christoph Blocher argumentiert, war in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg sehr verbreitet. Man nannte diese Phase «Kalter Krieg». Es gab weit herum angesehene Persönlichkeiten und Organisationen, die Verschwörungen nachspürten. Zu nennen ist da zum Beispiel der SAD (Schweizerischer Aufklärungsdienst), der in seinen regelmässigen Bulletins zahlreiche Organisationen der Zivilgesellschaft zu Verschwörern umdeutete. Einer der verwendeten Begriffe war «Frontorganisation». So wurden beispielsweise die damaligen Ostermärsche gegen Atomwaffen in SAD-Augen zu sowjetischer Wühlarbeit. Auf gleichen Pfaden wandelte Ernst Cincera, der eine Art privaten Geheimdiensts aufbaute und unzählige Organisationen und Menschen denunzierte.

Derartige Denunziationen wirken mit zuspitzender Polarisierung, die keine Grautöne zulässt. Ähnlich wie im Umgang mit Israel: Weil mittlerweile Kritik an der Politik der israelischen Regierung fast grundsätzlich schon Antisemitismus-verdächtig ist, halten sich viele Kommentatoren vorsichtshalber mit Äusserungen zum Thema zurück. Damit ist das Ziel der Polarisierung erreicht. Ähnlicher Polarisierung dürfte auch Kritik an Covid-19-Massnahmen unterliegen. Das deutet auch der unten zitierte Peter Selg an: Lieber Rückzug ins Private, als zu einer «falschen» Partei geschlagen zu werden.

Zum Links-Rechts-Schema

Die generelle Unsicherheit in Bezug auf das gesamte Covid-19-Geschehen ruft ganz besonders nach Referenzen, die man in der Vergangenheit als vertrauensbildend erlebt hat. Ein mögliches Referenzsystem ist das Links-Rechts-Schema. Nun ist es zwar so, dass sich die tendenziell oppositionelle, kritische Linke im Rahmen der Covid-19-Krise und den verordneten Massnahmen äusserst gouvernemental verhält. Forderungen nach Lockerung von Massnahmen werden Gewerbevertretern und der SVP überlassen. Voten in Richtung Beibehaltung von restriktiven Massnahmen kommen gar von den Gewerkschaften. Hinzu kommt, dass «rechte» Webseiten oft ein Sammelsurium von Positionen präsentieren, die mindestens aus Mainstream-Sicht, als absurd und wissenschaftlich unhaltbar angesehen werden müssen.

So erstaunt es nicht, wenn ein Freund, den ich zur überzeugten Linken zähle, auf einer Liste verschiedener wichtiger Beiträge zur Covid-19-Thematik u.a. auf Sucharit Bhakdi hinweist und bei diesem Autor einschränkend anmerkt: «Bhakdi ist zwar ein anerkannter Wissenschafter, der servus-tv aber ein sehr rechtslastiger Sender».

Ich denke, dass kritische Menschen, denen das Links-Rechts-Refernzsystem wichtig ist, sich je länger desto mehr daran gewöhnen müssen, dass sich «Wahrheit» nicht an dieser Art von Koordinaten orientiert.

Das Bedürfnis erklären zu können

Verschwörungstheorien sind zunächst Versuche, Sachverhalte oder Ereignisse zu erklären. Das Bedürfnis zu erklären, steckt in jedem Menschen. Wenn infolge eines Erdbebens ein Bild von der Wand fällt, ist die Erklärung naheliegend. Wenn es eines Abends ohne spürbare äussere Wirkung plötzlich herunterfällt oder sich bewegt, wie im bei Parapsychologen bekannten Beispiel der Anwaltskanzlei in Rosenheim, dann ist die Vermutung naheliegend, dass da «etwas dahintersteckt». Wie auch bei einem Vorgang, den ich erlebt habe: Während des Mittagessens im Rahmen eines Kurses hielt ich eine Glasschüssel mit einer mässig warmen Speise in der Hand. Plötzlich «explodierte» die Schüssel. Die Scherben «spritzten» in alle Richtungen. Niemand wurde verletzt. Was an Speisen auf dem Tisch war, musste vorsichtshalber entsorgt werden. Weil in der Gruppe an diesem Tisch sowieso gerade Spannung herrschte, wurde ein Zusammenhang Spannung-Explosion intensiv erörtert.

Erklärungsbedarf besteht vor allem da, wo die Erklärung nicht auf der Hand liegt oder Menschen den kursierenden Erklärungsangeboten misstrauen. Man fragt nicht überall nach Erklärung, wo man etwas nicht selber versteht. Meist ist man zufrieden, wenn man annehmen kann, kundige Menschen hätten eine Erklärung bereit, dann zum Beispiel, wenn man danach fragen würde, weshalb ein Ei hart wird, wenn man es kocht oder weshalb sich eine Auto bewegt, auch wenn niemand schiebt oder zieht.

Verschwörungstheorien sind gewissermassen «Infektionen des Kausaldenkens». Die Naturwissenschaften der letzten 200 Jahre haben uns gelehrt, dass jede Erscheinung durch eine Ursache bewirkt ist. Mit dem Darwinismus und dem Prinzip des «survivals oft he fittest» wurde das Kausalprinzip auf lebende Organismen übertragen. Die differenzierte Beschreibung von Farben und Formen wurde den Dichtern überlassen, die Wissenschaft beschränkte sich fürderhin auf kausale bzw. funktionale Beziehungen. Während Wissenschaft in der Regel differenziert ist und sich nicht auf Monokausalitäten beschränkt, sind populärwissenschaftliche Darstellungen mit oft deutlich monokausaler Tendenz sehr viel einfacher gestrickt. Kein Wunder, dass selbst komplexe soziale Sachverhalte monokausal erklärt werden. In Verschwörungstheorien treten Monokausalitäten wie Karikaturen der praktizierten Wissenschaften in Erscheinung. Hinzu kommt ein Bedürfnis nach Benennung oder gar Personifizierung. Erst mit einer Personifizierung kommt das «befriedigende» Setting einer Freund-Feind-Konstellation zu Geltung. «Das Kapital» wird in der Illustration zum Zylinder tragenden Dickbauch mit Zigarre in der Fratze. Da wirkt es doch schon fast seriös, wenn man statt «Kapital» schreiben kann «Blackrock». Blackrock kam im Fall der Corona-Krise allerdings nicht in Frage, wurden deren Interessen ja auch massiv geschädigt. Die Funktion des Drahtziehers fällt in diesem Fall Bill Gates zu.

Auffallend im Rahmen der Covid-19-Krise ist, dass Erklärungen aufgetischt werden noch längst bevor überhaupt ein einigermassen vollständiges Bild des Sachverhalts entstanden sein kann. So wurde die Krankheit umgehend zur normalen Grippe erklärt, was jede restriktive Intervention des Staates überflüssig oder gar verdächtig erscheinen liess. – Die Eile, mit welcher mit Erklärungen aufgewartet wird, ist ein Aspekt, der skeptisch stimmen muss.

Verschwörungstheorien sind deshalb oft bestechend, weil sie meist einen wahren Kern enthalten. Allerdings muss gerade die Einfachheit der Erklärungsmuster eine Warnung sein.

Ein Beitrag jenseits von Referenzsystemen und Verschwörungstheorien

An dieser Stelle möchte ich einen Beitrag wärmstens empfehlen, der das aktuelle Geschehen sehr «rücksichtslos» in Bezug auf gewohnte Referenzsysteme in eine Entwicklung stellt, die im Nationalsozialismus eine Art Höhepunkt (bzw. Tiefpunkt) erfahren hat, aber sehr viel weiter zurückreicht. Der Beitrag knüpft an das Interview von Ken Jebsen mit Sucharit Bhakdi an, was für viele bereits ein No-go darstellen mag.

Peter Selg, der Autor des Beitrags, der derzeit wohl produktivste anthroposophische Autor, ist selber Arzt, lehrt an zwei Hochschulen und schränkt ein: «Ein Urteil über Bhakdis Aussagen zur aktuellen virologischen, epidemiologischen und klinischen Situation der Pandemie in Deutschland steht mir nicht zu, obwohl mir vieles von dem, was er ausführte, einleuchtend und plausibel erscheint; zur wirklichen Beurteilung aber fehlen mir das Fachwissen und der Überblick, zumal die diesbezüglichen Einschätzungen weit auseinander gehen. Die eindrucksvoll vorgebrachten Sorgen und Befürchtungen Sucharit Bhakdis zur politisch-gesellschaftlichen und ökonomischen Lage, zur Frage der Demokratie, der Freiheit und des sozialen Umgangs sowie seine Betroffenheit darüber teile ich jedoch in vollem Umfang.»

Für Selg sind die aktuellen Entwicklungen alarmierender als für manche Kollegen, wie er einräumt. «Wenn man sich mit der NS-Zeit und der Rolle der Medizin intensiv auseinandersetzt, sieht man anders auf manche Vorgänge der Gegenwart, in besonderer Weise alarmiert und empfindlich, das möchte ich in Rechnung stellen.»

Zum Dilemma öffentlicher Manifestation schreibt ein Kommentator (Christoph Hueck) zum Selg-Artikel : «Allerdings zeigt die Akanthos Akademie, dass man sich auch anders als Peter Selg beschreibt [Rückzug ins Private] zur Corona Hysterie verhalten kann.»

Für Selgs Ausführungen steht keine Partei, kein Leibblatt, keine Kirche oder andere Bezugsgruppe Modell. So wie für das eigene Urteil ohnehin niemand massgebend und verantwortlich sein kann, als nur ich selber.

Zu Peter Selg Beitrag «Eine medikalisierte Gesellschaft? Zum geistigen Klima der Corona-Krise»