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Wirksamkeit der Homöopathie

In der Diskussion um die Wirksamkeit sind zwei Stufen beziehungsweise Fragen zu unterscheiden. Dass physikalische Effekte physikalisch nachzuweisen sind, liegt auf der Hand. Wer Effekte auf Pflanzen, Tier und Mensch mit physikalischen Methoden überprüft, tendiert dazu, diese auf physikalische Mechanismen zu reduzieren. Wer Pflanze, Tier und Mensch andere (höhere) Seinsstufen zuschreibt, als etwa einer Eisschicht auf dem See, wird sich überlegen müssen, mit welchen Methoden der Erfahrung er diese erfassen kann. Es würde wohl niemandem einfallen, die Qualität einer Konzertaufführung mit einem Schallpegel-Messgerät zu erfassen. Wo der direkte Nachweis nicht möglich ist, kann ein Indiz/Indikator helfen, das oder der eine Wirkung anzeigt, ohne dass der «Wirkmechanismus» oder die Wirkungskette nachverfolgbar ist. Bei homöopathischen Verdünnungen sind mindestens die beiden Stufen zu beachten:

  • Wirksamkeit grundsätzlich: Sind homöopathische Verdünnungen überhaupt wirksam? Hier geht es primär um die physikalische Argumentation, dass eine Substanz in einer Verdünnung, in welcher kein Molekül der Ausgangssubstanz mehr nachweisbar ist, überhaupt noch wirksam sein kann. Die naheliegende materialistisch-physikalische Antwort ist: selbstverständlich nicht! Mit dieser Fragestellung beschäftigte sich Lili Kolisko. 
  • Wirksamkeit spezifisch: Deutlich anspruchsvoller ist die Frage bestimmter Heilwirkungen homöopathischer Medikamente, u.a. weil der Standardisierbarkeit (und damit den Doppelblindversuchen) gerade in der anthroposophischen Medizin besonders enge Grenzen gesetzt sind, weil Individuen eben Individuen und keine Mechanismen nach identischem Funktionsprinzip sind, die deshalb identisch reagieren können. Doch die routinemässige Negation einer Wirksamkeit fordert auch auf dieser Ebene zu Überprüfungen mit stardardisierten Verfahren heraus (siehe die weiteren Quellen).

 Lili Kolisko

«1923 wurde gerade ihre zweite Schrift ‹Physiologischer und physikalischer Nachweis der Wirksamkeit kleinster Entitäten› veröffentlicht [siehe Bild]. Sie hatte unmittelbar nach den Vorträgen des Ersten Ärztekurses 1920 gemeinsam mit Rudolf Steiner mit den Forschungen zu der Wirkung von potenzierten Metallsalzlösungen auf das Pflanzenwachstum begonnen. Steiner hatte die Anregungen und im Dezember auch den Namen für die Forschungsarbeit gegeben. Er verbrachte viele Stunden mit ihr im Laboratorium, um jeden Schritt der Versuchsanordnung von der Auswahl der Weizensamen bis zur Herstellung der Potenzen und der Art des Schüttelns exakt und einwandfrei durchzuführen. Das Manuskript für die Veröffentlichung hatte er ohne eine einzige Korrektur zur Veröffentlichung freigegeben.

So konnte Lili Kolisko exakt nachweisen, dass sich das Wachstum der Pflanzen aus den Weizensamen durch eine Düngung mit potenzierten Metallsalzlösungen in den Stärken D1 bis D30 je nach Potenzstufe anders verhält und sich eine wiederholbare Kurve ergibt, die bei bestimmten Potenzen ein eingeschränktes Wachstum und bei anderen ein vermehrtes Wachstum zeigt.» (D-Potenz = Verdünnung im Verhältnis 1:10 = D1. Für D2 nimmt man einen Teil D1 und verdünnt erneut 1:10 – usw. Daneben gibt es die C-Potenzen, d.h. Verdünnungen 1:100.  

Aus: Sabine Schäfer: Lili Kolisko, eine anthroposophische Forscherin, in: Anthroposophie Michaeli 2018, S. 244 f. (Ein Ex. der Arbeit von Kolisko steht in meiner Bibliothek)

Potenz von Placebo unterscheidbar

«Eine internationalen Forschergruppe um Stephan Baumgartner vom Institut für Integrative Medizin an der Universität Witten/Herdecke hat gezeigt, dass sich homöopathisches Stannum (Zinn) D30 von einem Placebo durch ein Kristallisationsverfahren reproduzierbar unterscheiden lässt. Dabei wird einer wässrigen Kupferchlorid-Lösung (CuC12 2H20) eine Substanz zugeführt. Der Lösung wird dann durch durchkontrolliertes Verdampfen Wasser entzogen und die Kupferchlorid-Kristalle kristallisieren in einer bestimmten Form aus. Je nachdem welche Substanz der Lösung zugegeben worden ist, sieht das Kristallisationsmuster anders aus.

Damit gelang die Replikation einer früheren Studie, die positive Ergebnisse erbracht hatte. Die Bildanalyse der Kristallisationsbilder erfolgte computerisiert und vollautomatisch; vor der Analyse wurden die entsprechenden Parameter und die interessierenden Bereiche der Bilder entsprechend den Befunden der Vorgängerstudie definiert. Außerdem wurden systematische, negative Kontrollversuche durchgeführ, und alle Schritte waren kodiert und verblindet. Das Ergebnis stellt einen Meilenstein in der homöopathischen Grundlagenforschung dar.»

doi.org/10.1016/j.ejps.2019.104987 aus: Die Drei April 2020

Harald Hamre: Homöopathie im Visier

«Eine zentrale Frage der Debatte ist, ob homöopathisch potenzierte Substanzen wirken. Das kann im Labor untersucht werden. In vielen Experimenten wurden Wirkungen homöopathisch potenzierter Substanzen auf biologische Systeme mittels verschiedener Testverfahren gefunden und in der Hälfte bis zwei Drittel der Replikationsexperimente bestätigt.(1+2) In Laborversuchen kann Homöopathie also wirken.

Für die Prüfung der Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel (Homöopathika) am Menschen gilt das konservativste, strengste Verfahren: der Vergleich mit Placebos in randomisierten Doppelblindstudien.

In vielen solchen Studien und in entsprechenden Metaanalysen war die Homöopathie wirksam.(3) Im Testsystem der klinischen Doppelblindstudie kann Homöopathie also auch wirken.»

(1) C. M. Witt, M. Bluth, H. Albrecht, T. E. Weißhuhn, S. Baumgartner, S. N. Willich, The in vitro evidence for an effect of high homeopathic potencies – a systematic review of the literature. Complement Ther Med 2007; 15(2): 128–138.
(2) P. Endler, K. Thieves, C. Reich et al., Repetitions of fundamental research models for homeopathically prepared dilutions beyond 10(-23): a bibliometric study. Homeopathy 2010; 99* *(1): 25–36.
(3) H. J. Hamre, H. Kiene. Wissenschaftliches Gutachten zum Antrag V-01 ‹Echter Patient*innenschutz: Bevorteilung der Homöopathie beenden!›, Antrag zur Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis90/DieGrünen, 15.–17. November 2019 in Bielefeld. IFAEMM Publikationen, 8.11.2019, 2019 (accessed 30.01.2020).

Aus: Das Goetheanum – Ausgabe 20 · 15. Mai 2020

 

Wer hat noch nicht, wer will nochmal?

Strassers Gestus ist derjenige eines Neuentdeckers. Mit der Aufmachung des Artikels hat ihn die NZZ kräftig unterstützt. Die Botschaft dürfte namentlich auch bei den Schnelllesern, die sich selten Zeit für ganzseitige Beiträge nehmen (können), angekommen sein. Dass mit mehr oder weniger drastischen Worten Rassismus bei Steiner «entlarvt» wird, ist allerdings nicht neu. Immer wieder sieht ein Autor die Chance der Schärfung seines Profils, wenn er Steiner an den Pranger stellt. Selten aber wird in derart sensationsheischender Aufmachung suggeriert, das Werk Steiners sei durchwegs rassistisch tingiert («Seine Schriften sind voll rassistischer Töne»), was völliger Unsinn ist. In einem Punkt weiss Strasser gar noch mehr als seine Vor-Schreiber. Er weiss, dass Steiner «in abstrusen rassistischen Äusserungen geradezu schwelgte» (Das Rudolf Steiner-Archiv wird ihn wohl gelegentlich nach der Quelle dieser Beobachtung fragen.)

«Nur will das kaum jemand zur Kenntnis nehmen.» Weil dies bereits vor 30 Jahren ein öffentlich diskutiertes Thema war, hat 1996, also bereits vor 25 Jahren, unter Leitung des Menschenrechtsexperten Dr. Th. A. van Baarda eine niederländische Fachkommission das Gesamtwerk Steiners auf eventuelle rassistische Äußerungen hin untersucht. «Die so ent-standene Studie verfolgt dabei einen Ansatz, der die kritisierten Äußerungen Steiners nicht allein aus dessen Werkkontext zu erklären versucht, sondern ihre Wirkung [heute] [Hervorhebung und Einfügung M.W.] anhand objektiver rechtlicher und ethischer Kriterien misst. In ihrem Abschlussbericht stellte die niederländische Kommission fest, dass eine „Rassenlehre“ im Sinne einer Theorie, die die angebliche Überlegenheit einer Menschengruppe gegenüber anderen postuliert, bei Steiner nicht vorkommt. Wohl aber gibt es nach Angaben der Kommission in dem etwa 89.000 Seiten umfassenden Gesamtwerk Steiners einige wenige Stellen – die Kommission zählte 16 Zitate – die, würden sie von heutigen Autoren geäußert, aufgrund ihres diskriminierenden Charakters vermutlich sogar strafrechtliche Relevanz hätten. Bei weiteren 66 Zitaten handelt es sich nach Einschätzung der Kommission um minder schwere Fälle von Diskriminierung oder um missverständliche Äußerungen.» Das «Frankfurter Memorandum» von 2008 unter dem Titel «Rudolf Steiner und das Thema Rassismus» von Ramon Brüll und Dr. Jens Heisterkamp, aus dem ich hier zitiere, wird von Strasser erwähnt. Dass er in Kenntnis der Angaben der niederländischen Kommission zu seiner Formulierung «Seine Schriften sind voll rassistischer Töne.» kommt, weist auf einen sehr lockeren Umgang mit Fakten hin. «Seine Schriften» will Strasser allerdings nachträglich auch nicht mehr so verstanden wissen, wie sie jeder NZZ-Leser / jede NZZ-Leserin zwangsläufig auffassen muss: nämlich das Werk von weit über 300 Bänden sei voll von rassistischen Tönen. Strasser relativiert in einer E-Mail: «‹voll rassistischer Töne› bezieht [sich] natürlich nur auf die Schriften der Rassenlehre, die nur einen kleinen Bruchteil der Inhalte, um die sich Steiners Ideen bewegen, umfassen.» Wenn dies wirklich von Anfang an so gemeint gewesen sein sollte, müsste Strasser die NZZ zu einem Corrigendum auffordern. (Dass es in der Steiner-Gesamtausgabe keine «Schriften der Rassenlehre» gibt, kommentiere ich im Zusammenhang mit inhaltlichen Aspekten weiter unten.)

Weiterlesen: Wer hat noch nicht, wer will nochmal?

Joe Biden: Lukaschenkos Vorbild

2013 wollte der Whistleblower Edward Snowden von Honkong über Moskau nach Kuba fliegen, um von dort aus Asyl in einem südamerikanischen Staat zu finden. (Hongkong war nicht bereit gewesen, Snowden auszuliefern.) Während seines Flugs erklärten die USA seinen Pass für ungültig. So blieb er in Moskau im Transitbereich des Flughafens hängen. Derweil machte sich Evo Morales, der an einer Konferenz in Moskau teilgenommen hatte, daran, nach Bolivien zurückzufliegen. Er hörte von Snowdens Problem und erklärte sich bereit, ihm Asyl zu gewähren. Doch Snowden sass immer noch ohne Pass im Flughafen fest. Morales flog los, kam aber nicht weit. Er hätte noch auf spanischem Boden zwischenladen müssen um aufzutanken. Doch die USA hatte bewirkt, dass Frankreich, Spanien und Italien ihren Luftraum sperrten. Denn sie glaubten, Snowden sitze in Morales’ Flugzeug. Morales musste zurück und landete in Wien. Dort wurde das Flugzeug durchsucht – Snowden aber nicht gefunden. Mit 12 Stunden Verspätung konnte Morales weiterfliegen. (Später gewährte Moskau Snowden Asyl.) Fazit: Der Vorteil der USA damals war, dass sie in Europa hörige Befehlsempfänger hatten, die bei der Verfolgung von Snowden Hand boten. Belarus hat kein solches Netzwerk und musste deshalb ein Abfang-Flugzeug schicken, was etwas martialischer wirkt. Beide Staaten, USA (damals unter der Federführung von Joe Biden) und Belarus jagten missliebige Personen mit sehr unzimperlichen Methoden. Dass nun allein die Jagd eines weissrussischen Regimekritikers als präzedenzlos angesehen wird und Entsetzen auslöst, ist scheinheilig.

Nachtrag (31.5.2021)

Verschwörungserzähler nehmen sich selbstverständlich auch dieses Ereignisses an. Von einem Freund erhielt ich eine Darstellung von KenFM zugeschickt. Ein Ausschnitt daraus:

«Nach den massiven Anschuldigungen gegen Weißrussland, hat man in Minsk das einzige getan, was einem zu unrecht Beschuldigten übrig bleibt. Sie haben Beweise vorgelegt, die die Anschuldigungen komplett widerlegen. Aus den Aufzeichnungen des Funkverkehrs geht unzweideutig hervor, dass die Landung in Minsk die freie Entscheidung des Kapitäns war. Es gab eine Empfehlung der Kontrolle in Minsk, dortselbst zu landen. Das hat noch einen Aspekt. Mit dieser Empfehlung kamen sie dem Kapitän zu Hilfe, denn sie enthielt die uneingeschränkte Erlaubnis, überhaupt in Minsk landen zu dürfen. So haben sie dem Kapitän völlige Entscheidungsfreiheit gewährt, das zu tun, was er in seiner Notsituation für richtig hält. Diese Empfehlung war ein Akt der Nothilfe, wie es international üblich ist.» (Also wählte der Flugkapitän den weiteren Weg nach Minsk statt den näheren nach Vilnius. Logisch, oder?)

Interessanterweise kommt der Autor dieser Darstellung ganz ohne die Erwähnung des gefangengesetzten Regime-Gegners Protassewitsch und dessen Partnerin aus. 

Sie sind mehr als ein Esel

Die Verwendung von Binnen-I, Sternchen oder Doppelpunkt brachte ich nie übers Herz. Denn immerhin ist geschriebene Sprache etwas, das geeignet sein sollte, auch gesprochen beziehungsweise vorgelesen zu werden. Und nun merkte ich kürzlich, dass auch die «Leserinnen und Leser» nicht genügend inklusiv sind. Denn die Formulierung schliesst alle Weder-noch-Menschen aus. Ob dieses Problem bei «Leser:innen» gelöst ist? So kann ich nur hoffen, dass man dem alten weissen Mann die Trittunsicherheit verzeiht, die ihn dann und wann ins Fettnäpfchen treten lässt.

Die Fettnäpfchen warten allerdings nicht nur im grammatikalischen Gestrüpp. Einst schrieb ich ein Papier zum Thema Verantwortung. Für den Titel wählte ich das Bibel-Zitat «Soll ich meines Bruders Hüter sein?» Ich gab das Papier einer Freundin zum Lesen. Sie reichte es mir gleich zurück mit dem Kommentar: So etwas interessiere sie nicht. Wir haben darauf gestritten wie noch nie, wobei mir danach nicht einmal klar war, wie der Satz hätte verbessert werden können: «Soll ich meiner Schwester Hüter sein?» oder: «Soll ich meines Bruders Hüterin sein?» oder gar: «Soll ich meiner Schwester Hüterin sein?» Und überhaupt: Inwiefern ist es statthaft, Zitate zu verändern, beziehungsweise: ist ein solcher Satz heute schlicht nicht mehr zitierfähig? Welch drohender Verlust!

Wir werden sicher bald so weit sein, dass mindestens in elektronisch übermittelten Texten das verwendete Geschlecht mit einem Algorithmus dem Geschlecht des Lesers beziehungsweise der Leserin automatisch angepasst wird. So muss sich niemand mehr ärgern. Diesem Algorithmus werden allerdings einige sprachliche Elemente Widerstand leisten, die nicht so einfach zu «personalisieren» sind. Sie verstecken sich im Bereich Sprachlogik. Dazu hat mir Manfred Schradi (Schauspieler, Regisseur, Sprecher, Produzent von Radiosendungen) 1984 einen Beitrag geschickt, als ich die Redaktion der Zeitschrift AGOGIK führte. Diesen möchte ich hier wiedergeben.

Manfred Schradi: Sie sind ein Esel

Manche Leute treten zur Sprachkritik ganz ohne Gepäck an, ausgestattet mit nichts als Scharfsinn und einem reizbaren Gehör. Ertönt ein Wort wie Damenmannschaft, so tippen sie sich an die Stirn.

Gut, diese Zusammensetzung ist unlogisch, und wer ein besseres Wort weiss, soll es vorschlagen. Uns aber belehren zu lassen, dass Damen keine Männer sind und infolgedessen keine Mannschaften bilden können, das haben wir nicht nötig. Ein bisschen weltmännisch sollte der Kritiker schon sein. (Ich sage weltmännisch und bleibe dabei, auch Kritikerinnen gegenüber.)

Logik ist etwas Wundervolles, aber an der Sprache beisst sie sich manchmal die Zähne aus. Wenn Herr Schneider mir erzählt, er habe sich einen Anzug machen lassen, frage ich nicht: wieso machen lassen, sie sind doch Schneider! – schliesslich weiss ich, dass er beim Finanzamt ist. Oder mein Freund Klein mit seinen eins sechsundachzig! – er ist nicht klein, er heisst nur so. Ich kenne sogar eine Frau Mann! – und die spielt nicht einmal Damenfussball.

Um was geht es? Es geht um den Unterschied zwischen den Wörtern an sich und den Wörtern, wie sie verwendet werden. Die wirkliche Sprachlogik schaut nicht auf das einzelne Wort und seine ursprüngliche Bedeutung, sie beobachtet vielmehr, was dieses Wort jetzt, im Zusammenhang der gegenwärtigen Rede leistet. Dass ein dreibeiniges Klavier nach der Form seines Deckels «Flügel» genannt wird, mag ganz interessant sein. Höre ich aber den Satz Alexandra spielt auf dem rechten Flügel, dann muss ich mich zuerst vergewissern, wovon überhaupt die Rede ist: von einem Klavierduo oder – schon wieder? – von einem Mannschaftsspiel. Kurz und gut, man hat seinen Verstand, damit man ihn aufs Gesagte anwendet, und nicht, um seinen Gesprächspartnern jedes Wort im Munde umzudrehen.

Es gibt aber Leute, die tun das unentwegt. So einen hörte ich einmal verzweifelt auflachen, als der Satz fiel: Das Mädchen sagt, die Tropfen sind gut für ihre Halsschmerzen. Na und?, fragte ich. Da traf mich ein vernichtender Blick, und ich vernahm folgende Richtigstellung: Eine Medizin, die Schmerzen beseitigt, kann logischerweise nur gut gegen Schmerzen sein; gut für Schmerzen würde bedeuten, dass die Tropfen das Halsweh gesteigert hätten. – Man kann mit solchen Leuten nicht diskutieren, aber hier unter uns möchte ich feststellen, dass die Redewendung Gut für Schmerzen so korrekt ist wie Gut gegen Schmerzen; das Wörtchen «für» bedeutet in diesem Fall «zum Schutze vor».

Schwieriger ist die Sache mit dem Mädchen und ihren Halsschmerzen. Viele sehen in diesem Wechsel des grammatischen Geschlechts einen Fehler und meinen, das Mädchen könne nur seine Probleme haben, Halsschmerzen oder was immer – seine jedenfalls, nicht ihre. Mich aber stört das wiederkehrende Neutrum, wenn ein weibliches Wesen gemeint ist. Gibt es nicht so etwas wie eine innere Logik neben der formalen? Die Frage tritt auch beim folgenden Satz auf, wo es nicht um das Geschlecht, sondern um Einzahl oder Mehrzahl geht: Eine Reihe von edlen und nüchternen Geistern haben den Rauchtabak verabscheut. «Haben» ist falsch, schreit der Pedant, eine Reihe … hat verabscheut, muss es heissen. Aber der Satz ist von Thomas Mann, dem die edlen und nüchternen Geister wichtiger waren als die Reihe, die sie bilden. Und die Mehrzahl steht zurecht.

Wollte man ganz stur argumentieren, so könnte man niemals zu einem Menschen sagen sie sind ein Esel. Denn sie sind ist Mehrzahl und ein Esel ist halt nur einer. Um meinen rechthaberischen Partner nicht zu verstimmen, gebe ich ihm dieses eine Mal nach und sage – formallogisch einwandfrei – sie sind mehr als ein Esel!

An dieser Stelle füge ich zwei weitere Positionen an:

Freund Werner Kallenberger vertritt in einem NZZ-Leserbrief (9.6.21) eine andere Position:

«In ihrem Gastkommentar vertritt Judith Sevinç Basad (NZZ 25. 5. 21) die traditionell männerorientierte Sprache des generischen Maskulinums. Dabei werden vier Behauptungen aufgestellt: 1. Beim Gendern gehe es um eine politisch-ideologische Agenda von «Social-Justice-Aktivisten». 2. Die feministischen Sprachregulierer hielten sich für bessere Menschen, da sie Frauen und Queers aus der Dominanz der Männer befreiten. 3. Man schüre dabei vor allem den Hass auf alte weisse Männer und trage dadurch zur Spaltung der Gesellschaft bei. 4. Schliesslich gebe es auch keine Studien, wonach Änderungen der Sprache das Handeln von Menschen beeinflussen könnten. Diese «Thesen» sind zu widerlegen: 1. Jede Sprache wirkt in einer Gesellschaft immer auch «ideologisch», sie entspricht auch den Wertvorstellungen und Normen in einem Zeit- und Sprachraum. So waren Frauen in der Schweiz bis 1971 keine vollwertigen «Bürger». 2. Lehrerinnen und Dozierende, die in ihrem Unterricht, oder Medien und Behörden, die in ihren Publikationen eine gendergerechte Sprache vermitteln, halten sich nicht für «moralisch bessere» Menschen, sondern nur für fortschrittliche Zeitgenossen. 3. Diese Menschen fördern im Gegensatz zu politischen Sprachreaktionären wie Trump und Co. auch keinen Hass auf Intellektuelle, Demokraten oder farbige Minderheiten. 4. Die Macht der Worte ist von Literaten wie Heinrich Böll («Worte töten, Worte heilen») oder Philosophen und Sprachforschern wie Umberto Eco («Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt») fundiert belegt.»

Kann nebenbei allenfalls auch die Sprache getötet werden? In diese Richtung weist ein Kommentar aus berühmtem linkem Munde:

"Ich finde, dass das Gendern Texte recht unleserlich macht. Wichtiger als mein ästhetisches Empfinden ist aber etwas anderes: Die Beherrschung der Grammatik ist ein anspruchsvolles Klassenprivileg. Sie ist einer der Hauptfaktoren für die Eliminierung von Arbeiterkindern aus dem Schulsystem, der Universität und den nicht handwerklichen Berufen... Sprache darf sich ändern, und sie ändert sich. Wir müssen aber eher vereinfachen, statt alles komplexer zu machen. Es wäre paradox, wenn ein Projekt, das geschlechtsspezifisch inklusiv sein will, die Ausgrenzung sozialer Schichten festigt."

Dieses Zitat habe ich einer Perlentaucher-Notiz vom 12.6.21 entnommen. Perlentaucher schreibt dazu: «In einem leider etwas sprunghaften Spiegel-Interview verteidigt der französische Intellektuelle und Autor Didier Eribon soziale Bewegungen gegen die Identitätspolitik, grenzt sich gegen die Hypersensibilitäten der amerikanischen Wokeness ab und plädiert für praktikables Gendern.»

Das dürfte auch im Sinn von Sahra Wagenknecht sein, deren Buch Die Selbstgerechten ich derzeit lese. In unzähligen Variationen kritisiert sie die Linksliberalen (die sie lieber als Linksilliberale bezeichnen würde), die – so meine verkürzende Zusammenfassung – vor lauter Inklusion die sozialen Probleme der wirklich Bedürftigen aus den Augen verliert. Dazu vielleicht ein andermal mehr.

Freiheit oder Knechtschaft

Zwei Kommentare zu diesem Blog: «Karten sind anders gemischt» von Karl Weber und «Eine Utopie, die sich noch nie bewährn musste» von Hannes Steiner

Was als Debattenbeitrag von Martin Rhonheimer daherkommt, hat bestenfalls die Qualität einer oberflächlichen Polemik, die sich wenig um Fakten kümmert. Rhonheimer benützt dazu den reichlich abgenützten «Kunstgriff», dass er polarisiert, dadurch die Gegenposition a priori unmöglich erscheinen lässt, um sie dann umso leichter abschiessen zu können. Das beginnt damit, dass die Begriffe «Sozialismus» oder «sozialistisch» so eingeschränkt werden, dass darunter nur Verstaatlichung und Planwirtschaft verstanden werden kann. Für Differenzierungen bleibt da kein Raum. Aber das ist offensichtlich auch nicht das Anliegen des Ethik-Professors. «Jeder Schritt, der die freie Verwendung privater Produktionsmittel (bzw. von Kapital) aus Gründen konkreter politischer Ziele («Gemeinwohl») irgendwie einzuschränken, zu lenken oder zu regulieren sucht, ist tendenziell sozialistisch ….» Lenkende Eingriffe zwecks Gewässerschutz, ein sozialistisch-planwirtschaftliches Anliegen? Als leuchtendes Gegenbild dient Friedrich August von Hayek, kein Fremdling in NZZ-Spalten. «Die kapitalistische Massenproduktion erzeugte für alle erschwingliche und das Leben stetig verbessernde Konsumgüter, Produkte, die zuvor Luxusgüter der Reichen waren. So wurde der Kapitalismus zur Quelle des Wohlstands der armen und zuvor mittellosen Massen, die ihn oftmals zugleich verachten.» Ja, tatsächlich, die Armen und Mittellosen können bei H&M billigste Kleider kaufen. Wer bezahlt den Preis für diese Billigkeit? Die Antwort auf diese Frage (beziehungsweise die Frage selbst) liegt weit jenseits des Horizonts des Autors. Als Unternehmer und langjähriger Unternehmensleiter (nachdem ich im universitären Lehrbetrieb tätig gewesen war) kann ich staatlichen Wirtschaftsunternehmen vielleicht nicht sehr viel mehr abgewinnen, als Herr Rhohnheimer. Ich bin aber weit davon entfernt, jede Rahmensetzung für die Wirtschaft als sozialistisch zu verleumden. Ich bin beispielsweise dezidiert für Raumplanung, ja auch für die Umwandlung des individuellen Bodeneigentums in ein Nutzungseigentum (das ebenso individuell ausgestaltet werden kann). Solche Fragen müssen wir diskutieren, nicht absurde Dichotomien, wie sie uns der Professor ohne Wirtschaftserfahrung auftischt.

Kommentar Karl Weber, 21.3.2021

Karten sind anders gemischt

Den Text von Rhonheimer finde ich sperrig: In einer eigenartigen Mischform kombiniert er analytische, programmatische, polemische und auch ästhetische Elemente. Es wird eine Kampfposition bezogen, die an unscharfe Bilder vergangener Zeiten erinnern.

Rhonheimer sieht erstens nicht, welche Bedeutung der Staat für das Funktionieren der Märkte hat. Für ihn ist der Staat in erster Linie ein Verzerrer des Marktes, ein Störender und ein Verhinderer des Wachstums und der Innovationen. Eigentlich ist – wie auch die empirische Forschung zeigt – das Gegenteil zutreffend: Vereinfacht lässt sich sagen, dass ein funktionierender Markt immer und überall auf staatliche Vorleistungen angewiesen ist. Wirtschaftliche Innovationen, die in der Regel eine lange Vorgeschichte haben, sind ohne öffentlich finanzierte Forschung an Hochschulen und in Forschungseinrichtungen und ohne die Zugänglichkeit des erarbeiteten Wissens gar nicht möglich. So wurde beispielsweise die Internettechnologie am CERN in Genf entwickelt. Mit seinen Vorgaben, hat der Staat die Entwicklung der Katalysatoren gewissermassen erzwungen. Firmen können zudem nur innovativ sein, weil die entsprechenden Fachleute dank staatlichen Investitionen in Bildung und Forschung ausgebildet wurden. Und Unternehmungen müssten ferner für ihre Produkte höhere Preise verlangen, wenn sie nicht die öffentlich finanzierten Verkehrsinfrastrukturen nutzen und gewisse Kosten externalisieren könnten, zu Lasten der Steuerzahlenden. Wir haben schliesslich gerade jetzt erlebt, wie schnell private Unternehmungen Impfstoffe entwickeln können. Uns ist jedoch nicht entgangen, dass dies nur möglich war, weil die Staaten lukrative Abnahmegarantien gegeben haben und den Entwicklungsaufwand mitfinanziert haben. Kurz: Der Staat ist einer der grössten Investoren in den Markt – auf vielen verschiedenen Ebenen.

Rhonheimers Blick ist zweitens auch entgangen, dass sich seit Ende der 1980er Jahren das Verhältnis zwischen Markt und Staat massiv verändert hat. Im Zusammenhang mit dem Finanzkapitalismus, der wachsenden Bedeutung der Information als wirtschaftliche Ressource und den neuen Informationstechnologien haben sich sowohl im nationalen wie im internationalen Rahmen das Finanzkapital und seine Aktoren zunehmend der demokratischen Einflussnahme entzogen, um die eigenen Verwertungsmöglichkeiten nicht zu gefährden. Diese Bewegung wurde dank der nationenübergreifenden Netzwerkarchitektur ermöglicht, an der auch öffentliche Einrichtungen wie etwa Zentralbanken oder staatliche Kontrollstellen beteiligt sind. Die entsprechenden Strukturen dienen in erster Linie dazu, die Bedingungen für die Vermehrung des privaten Kapitals zu verbessern. Bekanntlich müssen dazu auch gewisse Risiken eingegangen werden. Kapitalinvestitionen finden immer nur unter Bedingungen von Unbestimmtheit statt. Man weiss nie, ob es wirklich klappt mit der Gewinnerwartung. Nicht vergessen haben wir in diesem Zusammenhang, dass viele Finanzdienstleister nach 2008 nur überlebt haben, weil die Steuerzahlenden ihre Risiken übernommen haben. Davon haben in erster Linie die Superreichen und institutionelle Anleger profitiert.
Diese beiden Argumente illustrieren beispielhaft, wie unbegründet die Angst vor dem Sozialismus ist. Kritisch hingegen muss die Dominanz des Privatkapitals und seine Entwicklungslogik eingeschätzt werden.

Kommentar Hannes Steiner, 21.3.2021

Eine Utopie, die sich noch nie bewähren musste

Ich habe den Beitrag von Martin Rhonheimer gelesen. (Rhonheimer ist mir in der NZZ schon öfter als terrible simplificateur negativ aufgefallen.) Das Nötige zur Widerlegung dieser Thesen hast Du geschrieben. Als Historiker würde ich vielleicht noch beifügen, dass es diesen Ultra-Kapitalismus Rhonheimers noch nie irgendwo gegeben hat. Gerade vor 100-150 Jahren (also noch in der Zeit des so genannten Manchester-Kapitalismus) war es unbestritten, dass der Staat gewisse Aufgaben übernehmen sollte, die man theoretisch auch der Privatinitiative und dem Markt hätte überlassen können: Polizei, Feuerwehr, Schulen, Post, Telefon, Telegraf, Elektrizitätswerke, Strassenbau; in den meisten kapitalistischen Staaten auch das Eisenbahnwesen, die Abfallbeseitigung, die Spitäler. Damals erachtete man dies überhaupt nicht als «Sozialismus», im Gegenteil: die meisten Kapitalisten waren froh, dass ihnen der Staat gewisse Infrastruktur- und Distributionsaufgaben abgenommen hat. Rhonheimers Kapitalismus ist deshalb eine Art Utopie, die sich noch nie irgendwo in ihrer reinen Form bewähren konnte oder musste.

Avenir Suisse und das Lobbying

«Mit ‹erheblichen finanziellen Mitteln› betreibe die Wirtschaft Lobbying in der Politik, lautet ein gängiges Klischee. Es gibt jedoch starke Indizien dafür, dass die Unternehmen ein Vielfaches ihrer Ressourcen in die Werbung und die direkte Kommunikation mit den Kunden investieren. Entgegen dem Gemeinplatz habe ‹die Wirtschaft› keine Kontrolle über die Politik, schreibt Marco Salvi.» (Newsletter vom 9. Oktober 2020

Es folgt der Beitrag dieses Mitarbeiters von Avenir Suisse mit Feststellungen wie zum Beispiel:

«Den Unternehmen wird vorgeworfen, dass sie systematisch versuchen, den Willen des Volkes auf unlautere Weise zu beeinflussen. Dem Bericht zufolge würden sie ‹erhebliche finanzielle Mittel› bereitstellen, um Einfluss auch auf die direkte Demokratie auszuüben. Es vergeht keine Abstimmung, ohne dass es die Verliererseite versäumt, dieses Klischee zu betonen.»

Vielleicht deuten die Anführungszeichen um die Wendung «erhebliche finanzielle Mittel» auf unterschiedliche Massstäbe hin. Während die Initianten der Konzernverantwortungsinitiative die budgetierten 8 Millionen des Gegner-Komitees als erheblich einschätzen dürften, ist dieser Betrag für diese selber vielleicht nur ein Taschengeld.

Sehen wir einmal von der bei Vernebelungsaktionen häufig verwendeten Argumentationsweise ab «Position A ist zu vernachlässigen, denn für Position B wurde viel mehr ausgegeben». (Für solche Vergleich gibt es immer und überall irreführende Bezugsgrössen.) Sehen wir einmal vom Statement ab, die Wirtschaft habe keine Kontrolle über die Wirtschaft. (Dies behauptet wohl auch niemand, «grosser Einfluss» wäre wohl gravierend genug.

Wie dem auch sei: Wirtschaftsmacht gegen Demokratie – das darf nicht sein und das gibt es deshalb auch nicht. Avenir Suisse ist bemüht, allfällig aufkeimenden Verdacht zu verwedeln. Und die fehlenden Transparenzvorschriften erschweren es, den Gegenbeweis auf Franken und Rappen genau zu führen. So belasse ich es hier bei einer Episode:

Da einer unserer Matura-Klassenkameraden nach absolviertem Regierungsratspensum im Ständerat Einsitz genommen hatte, lag es nahe, sich von ihm einmal durchs Bundeshaus führen zu lassen. Einigen fiel auf, dass sich Klassenkamerad U. im Bundeshaus bewegte, wie wenn er hier zu Hause wäre, er kannte Personal und manche Details, die nicht zum üblichen politischen Wissen zählen. Nach dem Grund seiner Vertrautheit befragt, antwortete U., er sei hier lange ein- und ausgegangen. U. war Mitarbeiter der UBS im Rang eines Direktors …. Wir nehmen an, dass er hier nur ein paar Freundschaften pflegte und keinesfalls Einfluss auf die Demokratie zu nehmen versuchte. Und sollte das trotzdem der Fall gewesen sein, nehmen wir nicht an, dass sein Gehalt bei der UBS unter «politische Einflussnahme» verbucht worden ist. Seit der Iqbal Kahn-Affäre wissen wir ja, dass die UBS heiklen Aufwand nicht unbedingt transparent verbucht.

Märchenerzähler im Finanzsystem

Die Finanzwelt produziert rechtfertigende Märchen

Aus: Patrick Herger, NZZ 3.7.2020: Die hohen Börsenkurse sind kein positives Signal, sondern Zeichen einer oligopolistischen Wirtschaft

Wenn ein System unter Rechtfertigungsdruck gerät, produziert es legitimitätsstiftende Geschichten. Das ist beim Finanzsystem nicht anders. Zwei prominente Erklärungen sind im Umlauf, warum die Finanzmärkte kaum auf negative Meldungen reagieren.

So lautet ein Argument, dass eine Gruppe von nicht den Finanzmärkten zuzurechnenden Akteuren die Aktienpreise auf das gegenwärtige Niveau treibe. Archetypisch dafür sind wettbegeisterte Sportfans. Weil diese aufgrund der Pandemie nicht auf Sportresultate hätten wetten können, hätten viele von ihnen ein Trading-Konto eröffnet, um stattdessen mit Aktien zu spekulieren. Es seien solche unerfahrenen Börsenakteure, welche dafür sorgten, dass die Börsen trotz der Krise boomten.

Untersuchungen über die Handelsaktivitäten dieser Gruppe von Privatanlegern zeigen jedoch, dass sie nicht für die hohen Kurse verantwortlich sind. Wer so argumentiert, verwechselt die Richtung der Kausalität. Jeder Börsenboom ruft zahlreiche Neueinsteiger und Zocker auf den Plan. Das aber ist die Wirkung des Booms, nicht dessen Ursache.

Der zweite Erklärungsansatz besagt, die hohen Kurse rechtfertigten sich aus dem Umstand, dass eine Börse nicht die Gegenwart bewerte, sondern die Zukunft. Die Marktakteure hätten erkannt, dass die Unternehmen nach der Krise wieder satte Gewinne verbuchten, und in Vorwegnahme dessen entstünden die hohen Kurse.

Die Finanzmarktforschung gibt zwar Hinweise darauf, dass Börsen manchmal die realwirtschaftliche Entwicklung vorwegnehmen. Die prognostische Kraft der Börsenkurse hat jedoch abgenommen. Denn in den letzten Jahrzehnten hat sich der Charakter der Finanzmärkte verändert. Die Kurse lösen sich häufiger als früher von den Fundamentaldaten. Wenn das der Fall ist, sind die Börsen kein angemessener Indikator für die zukünftige Wirtschaftsentwicklung.
Die erwähnten Erklärungen, weshalb sich die Börsen von der Entwicklung der Realwirtschaft abgekoppelt haben, dienen vor allem dazu, die Finanzmärkte gegen Kritik zu immunisieren und den Blick auf die massiven Probleme zu vernebeln, welche sich in den Wirtschaftssystemen der Industrienationen aufgebaut haben. Diese Probleme sind so prekär, dass Wegschauen eine weitverbreitete Taktik ist, um damit umzugehen.

Auf dem Weg in eine Oligopolwirtschaft

Unbedarfte Beobachter neigen möglicherweise dazu, Konkurrenzkampf für eine selbstverständliche Komponente der westlichen Wirtschaftssysteme zu halten. Diese Ansicht ist falsch. Seit Jahren gelingt es insbesondere den Grossunternehmen, die Zonen mit echtem Wettbewerb zurückzudrängen. Schweizer Firmen gehören hier zu den Spitzenreitern.

Die Marktkonzentration nimmt weltweit zu; viele Branchen werden von wenigen, manchmal nur einem einzigen Unternehmen beherrscht. Die Uno-Organisation Unctad schätzt, dass etwa ein Drittel der weltweit erzielten Unternehmensgewinne de facto nicht unter reinen Wettbewerbsbedingungen erzielt wurden, sondern Monopolrenten sind. Tendenz steigend. Und zwei Drittel der Gewinne gehen auf Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 1 Mrd. $ zurück.

In der Wirtschaft gilt: Big is beautiful. Nicht nur, weil sich damit leichter Monopolrenten erzielen lassen. Falls die Insolvenz droht, bestehen für grosse Firmen gute Chancen, dass der Staat ihnen zu Hilfe eilt. Es gibt damit starke Anreize, zu einem möglichst grossen Player zu werden.
Eine möglichst marktmächtige Stellung ist aus der Sicht des einzelnen Unternehmens eine gute Sache. Deswegen sind grosse Anbieter mit monopolähnlichen Merkmalen die Lieblinge der Börsen. Sie haben tiefe Lohnkosten und müssen wenig investieren, können jedoch hohe Preise verlangen. Steigende Börsenkurse sind daher zum Teil auf die fortschreitende Oligopolisierung der Wirtschaft zurückzuführen.

Wenn wichtige Märkte in einer Volkswirtschaft jedoch zunehmend als Monopole oder Oligopole funktionieren, hat das makroökonomische Konsequenzen. Dabei stellt die Monopolisierung ein Collective-Action-Problem dar. Aus der Einzelperspektive des Unternehmens ist es rational, eine Monopol- oder Oligopolstellung anzustreben. Aber wenn ein genügend grosser Teil der Unternehmen dieses Ziel erreicht, führt das zu gesamtwirtschaftlich nachteiligen Ergebnissen.

Kapital im Überfluss

Das wichtigste Kennzeichen einer monopolistisch organisierten Realwirtschaft ist, dass sie nur wenig Kapital absorbieren kann, weil der Investitionsbedarf gering ist. Eine solche Ökonomie hat keine realwirtschaftliche Verwendung für einen grossen Teil der akkumulierten Gewinne oder für die von staatlichen Stützungsmassnahmen geschaffenen Mittel. Kapital hört auf, ein knappes Gut zu sein. Das Überangebot führt erstens zu tiefen Zinsen und zweitens zu einem aufgeblähten Finanzsektor.

Weil es nur geringe Investitionen gibt, die zu finanzieren wären, fliesst viel überschüssiges Kapital in Firmenübernahmen und Aktienrückkäufe oder dient der Börsenspekulation. In der Folge steigen an den Finanzmärkten die Kurse.

Das Wachstum der Realwirtschaft ist jedoch gering, es kann mit diesen Kurssteigerungen nicht mithalten; die Aktienpreise entfernen sich von einer vernünftigen Relation zu den Fundamentaldaten. Deshalb wird der Finanzsektor zum dominierenden Element der Wirtschaft, denn es ist lukrativer, zu spekulieren, als in der Realwirtschaft zu investieren. Die Folge dieser Entwicklung ist die häufige Bildung von Börsenblasen. Die Wahrscheinlichkeit eines Kurssturzes steigt.

Zum Thema «Nachhaltige Aktienanlagen»
Kommentar (Matthias Wiesmann):

Das von Patrick Herger dargestellte System ist alles andere als nachhaltig. Die Frage stellt sich, wie Anleger, die in nachhaltige Aktien investieren wollen, mit dieser Tatsache umgehen. Sie analysieren Tätigkeit und Verhalten der Unternehmen, deren Namen die Aktien tragen. Damit legen sie die Grundlage für ein «rechtfertigendes Märchen», wie Herger sagen würde. Denn das Kaufgeld für die Aktien landet ja nur in äusserst seltenen Fällen (Börsengang, Kapitalerhöhung) in den Unternehmen, praktisch aber immer in den Taschen von Börsendealern. (Die Neuemissionen von Aktien machen nur einen winzig kleinen Bruchteil des Umsatzes, d.h. Kauf / Verkauf von Aktien, der Börsen aus.) Deshalb wird man mit dem angelegten Geld die Tätigkeit einer Firma allerhöchstens in homöopathischer Dosierung fördern. Eher fördert man mit dem angelegten Geld die Gewinnchancen von Börsenspekulanten.
Schon aus dieser Perspektive ist «die nachhaltige Aktie», die inzwischen auch in die Gunst des Mega-Vermögensverwalters Blackrock gerückt ist, ein fragwürdiges Konstrukt. Wenn man dieses nun zudem eingebettet sieht in einen oligopolistischen Mechanismus, wie er von Herger beschrieben wird, bleibt von Nachhaltigkeit gar nichts mehr übrig.

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