«Der Kapitalismus und seine Verheissung»

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Rainer Hank erklärt Jacqueline Fehr, «Verantwortung» sei ein unglaublich schwammiger Gummibegriff. 

Zuerst stach mir ein ganzseitiger NZZ-«Gastkommentar» ins Auge. Überschrift: «Der Kapitalismus und seine Verheissung». Hank definiert Kapitalismus als eine vom Staat durch Gesetze geschützte und von einer Reihe von Erfolgsgeschichten geprägte Marktwirtschaft. Das kam mir allzu einfach vor. Wo bleibt die spezifische Rolle des Kapitals in dieser Definition? Ich schrieb meinen Kommentar, schickte ihn dem Autor, der ihn (durchaus verständlich) als polemisch bezeichnete und nicht stellungnehmen mochte. Vielleicht war es tatsächlich mein Problem, dass ich unter dem genannten Titel zumindest eine kritische Würdigung und nicht eine Eloge erwartet hatte.

Wie soll man etwas über die Wirkungen des Kapitalismus aussagen können, wenn als Ursache Marktwirtschaft genannt wird? Logisch unmöglich.

Hanks Ausführungen in der NZZ basierten auf einem Impulsreferat eines NZZ-Podiums unter dem Titel «Leistung, Gleichheit, Gerechtigkeit – erfüllt der Kapitalismus seine Versprechen?» Hier war eine Frage gestellt. Ich schaute mir die Video-Aufnahme der Veranstaltung an, die von Martin Meyer, ehemaligem Feuilletonchef der NZZ, eröffnet wurde. Rainer Hank kündigte er an, indem er dessen Thema im Vergleich mit dem Veranstaltungstitel sehr reduziert formulierte: «Die Vorzüge des Kapitalismus». Da konnte also keine kritische Würdigung des «Kapitalismus» erwartet werden. Und überhaupt: «Dem Kapitalismus könne man nicht vorwerfen, etwas nicht einzuhalten … denn er habe auch nie etwas versprochen», meinte Hank. («Disclaimer» nennt man so etwas heutzutage.) So leben wir denn in einem System, von dem wir nichts zu erwarten haben. Ich war versucht, analog zum Veranstaltungsthema zu fragen: erfüllt eine solche Veranstaltung ihr Versprechen, wenn der Referent nicht über die Frage redet, die das Veranstaltungsthema aufwirft?

Ein Stück weit trotzdem ja, dank Jacqueline Fehr, Zürcher Regierungsrätin, als Podiumsteilnehmerin. Als Einzige in der Runde schien sie dazu berufen, ein wenig Essig in den süssen Sirup zu schütten. Ausserdem sassen auf dem Podium: Diana Gutjahr, SVP-Nationalrätin und Unternehmerin. Sie hätte wohl die Kapitalistin auf dem Podium repräsentieren sollen, spielte aber eher ihre Rolle der sympathischen Gewerblerin, die – wo auch immer sie auftritt – gegen einen aufgeblähten Staat, gegen zu viele Vorschriften und hohe Steuern votiert. Auf dem Podium ausserdem: Christian Gattiker, Leiter Research der Bank Julius Bär, der Mitveranstalterin des Abends. Wirklich kontradiktorisch verlief das Gespräch eigentlich nur zwischen Hank und Fehr. Moderator war Daniel Fritzsche, Ressortleiter NZZ.

Hier geht's zur kritischen Auseinandersetzung mit der Veranstaltung.

Homöopathie und Fundamentalismus

Spital FfeldAbgebrochennes Spital FrauenfeldKosten sollen gespart werden. Nämlich 20 bis 50 Millionen € von 300 Milliarden (50 Mio wären weniger als 0.02%), wenn es nach dem Willen des deutschen Gesundheitsministers Lauterbach geht. «Der baden-württembergische Gesundheitsminister, Manne Lucha (Bündnis 90/Grüne), nennt die Diskussion um die Erstattung homöopathischer Behandlungen eine ‹scheinheilige Evidenz- versus Kostendebatte›.» (Tagespiegel 12.1.2024). Fundamentalismus spielt eine wichtige Rolle: «Ein Stück weit geht es da auch ums Prinzip» findet Nikil Mukerji (Er ist Vorsitzender des Wissenschaftsrats der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP). Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören insbesondere die Pseudo- und Parawissenschaften). Manne Lucha trifft den Nagel auf den Kopf. In dieser unerquicklichen Situation durchdringen sich zwei Debatten: einerseits die Kostenspardebatte, andererseits die Erkenntnisdebatte «wirksam oder nicht?» . Auch in der Schweiz ist im Bundesamt für Gesundheit ein Überprüfungsverfahren im Gang. Die oben erwähnten weniger als 0.02% potentieller Einsparungen zeigen, dass vermeintliche oder tatsächlich wissenschaftliche Argumente und Sparanstrengungen wenig gemeinsam haben.

Weshalb? Hier geht's weiter

Ethik in der Wirtschaft: Fehlanzeige

240121 OnVor bald sieben Jahren sass ich nach einer Rückenoperation vor dem Problem, Schuhe anzuziehen, um das Spitalbett verlassen zu können. Die Füsse waren meinen Händen unerreichbar. Schuhe schnüren oder einen Klettverschluss betätigen unmöglich. So wurden Emissärinnen ausgeschickt, um mir eine Fussbekleidung zu finden, in die ich nur einfach hineinschlüpfen konnte. Sie brachten ein Paar Turnschuhe zurück, die dieses Anforderungsprofil erfüllten. Das applizierte Logo konnte ich nicht lesen, erfuhr aber später, dass es «On» heisst. Sobald ich die langen Korridore der Rehaklinik verlassen konnte, wunderte ich mich über diese Schuhe: wo haben die Entwickler ihre originelle Sohle ausprobiert? Nur auf Kunstrasen? Ich jedenfalls war von da weg ständig daran, Kieselsteine aus der Sohle zu klauben. Lange machte ich das nicht mit. Der Hochpreis-Edelturnschuh wurde Gartenschuh. Diesem ist egal, was alles in der Sohle hängen bleibt. Wie ich jüngst las, ist das Problem mit den Kieselsteinen in der Sohle weiterhin nicht behoben. Wahrscheinlich ist es ein Irrtum anzunehmen, ein solcher Sportschuh sei für den Gebrauch in freier Natur geschaffen. Und es ist ein Irrtum anzunehmen, hinter dem PR-Geschwafel auf der On-Website stehe eine edle Gesinnung. Original-Ton von der On-Website: «Das sind die Geschichten, die uns ausmachen. Von modernsten Technologien bis zu gemeinnützigen Community-Projekten – hinter allem, was wir machen, stecken grosse Träume.» Haben die On-Initianten schon immer gross von Ausbeutung geträumt?

Mehr dazu und zu einem NZZ-Kommentar in der Sache hier

Besser schweigen?

Seit ich 1965 Israel besucht habe und meine eigene Politisierung rückblickend mit jenen Erfahrungen in Verbindung bringe, verfolge ich die Geschehnisse in Israel / Palästina mit grösserer Aufmerksamkeit als diejenigen in irgend einem anderen Land. Umso schwerer zu begreifen ist es für mich, dass ich den brutalen Hamas-Überfall auf israelische Siedlungen am 7. Oktober 2023 zunächst kaum an mich herankommen lassen wollte. Vielleicht hatte das auch damit zu tun, dass mir die Folgen sofort klar waren: Kaum je ist bisher ein Israeli durch die Hand eines Palästinensers ums Leben gekommen, ohne dass danach ein Vielfaches an palästinensischen Menschen das Leben lassen musste. Was musste es also bedeuten, wenn die Hamas 1200 Menschen (nicht nur Israeli) umgebracht hat? Alles in mir wehrte sich dagegen, mir eine Vorstellung von der Brutalität des Rachefeldzugs zu machen, der nun bevorstand. Also bedrückt schweigen? (Was jetzt geschieht, übertrifft bei weitem alles an Grauen, was ich mich getraut hätte, mir vorzustellen.)

Diese Brutalität hat inzwischen ihre Wirkung entfaltet. Während die Hamas mit einem Terrorüberfall Menschen massakriert hat, hat Israel «im Gazastreifen Tausende von Hamas-Kämpfern ausgeschaltet.» (NZZ Briefing vom 4.12.23) Die Todesopfer, die eine unmittelbare Wirkung dieser «Ausschaltung» sind, werden als Kollateralschäden bezeichnet. «Ein Vergleich zum Krieg gegen den Islamischen Staat deutet darauf hin, dass Israel mehr zivile Opfer hinzunehmen bereit ist als damals die USA.» (NZZ Briefing). – Wer ist bereit? Wer bitte hat die Opfer hinzunehmen? Israel?

Link zum Text Monopolisierung der Empathie

(Zeitungs-) Entenjagd

20060313 DSCN2797Mit grosszügiger Unterstützung der NZZ am Sonntag hat Franz Hohler eine Zeitungsente in die Welt gesetzt – dies wäre die freundliche Formulierung des Vorgangs. Weniger freundlich: NZZaS und Franz Hohler verantworten gemeinsam eine massive Kreditschädigung. Geschädigt ist die CoOpera Sammelstiftung PUK. Franz Hohler bittet um Entschuldigung, die NZZaS nicht, obwohl sie die inkriminierende Aussage ungeprüft in die Headline übernommen hat. Hier schrieb sie: «Der Schriftsteller Franz Hohler sorgt sich um das Zürcher Kulturangebot. Und das nicht nur wegen der Katarer, die das Haus seiner liebsten Buchhandlung übernehmen.» Nur eben: die Katarer, die in Oerlikons Franklinstrasse ein Haus gekauft haben, entstammen einem Recherchefehler von Franz Hohler. Es gibt sie nicht.

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Boris Palmer und die Moralisten

BorisPalmerDie Verwendung des Worts Neger ist verwerflich, selbst wenn das Wort nicht einer bestimmten Person gegenüber geäussert wird. Eine bestimmte Person als Nazi zu bezeichnen, z.B. weil sie das Wort Neger verwendet hat, ist üblich geworden – im Namen der Moral!

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Gottfried Keller und das CS-Fiasko

GotthardpostIn meinem letzten Blog-Beitrag schilderte ich die Entstehung von Kapital, insbesondere auch den für Finanzkrisen ursächlichen Überschuss an Kapital, der es schliesslich erlaubt, mit Geld (nicht mit Produkten oder Dienstleistungen) Geld zu verdienen. Ich schrieb von der Emanzipation des Kapitals vom Leben. (Link Website)
Dieses Phänomen wurde immer wieder einmal beschrieben. Ich zitiere hier zwei ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, die sich ihre Gedanken im Nachgang zur Finanzkrise 2008 machten, Gedanken, deren Niederschrift das Datum März 2023 tragen könnte: Peter von Matt und Claude Bébéar.

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