Magisches Denken und autoritärer Staat

Rationalität

«Magisches Denken» mag eine Gefahr sein. Eine grössere Gefahr sehe ich in einem Staat, der beansprucht zu wissen, welches die einzig mögliche Form von Rationalität ist.
An die NZZ (und an Peter Strasser) sandte ich deshalb den folgenden als Leserbrief gedachten Kurztext. (Ob er abgedruckt wird, ist derzeit offen.)

«Peter Strassers Beitrag in der NZZ vom 4. September 2021 stellt sich ganz in die Tradition der Aufklärung, wie sie auch Karl Popper eingefordert hat. Es ist völlig richtig, mit Popper (und Strasser) zu appellieren, dass Erkenntnisprozesse erfahrungswissenschaftlich ausgerichtet sein sollen. Doch was darf als Erfahrung gelten? Der Virologe im Covid19-Labor sieht das wohl etwas anders als der Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl. Dass so viele Menschen oft absurden Lehren anhängen, mag u.a. damit zu tun haben, dass die stets einzufordernde Empirie die Grenzen heute zu eng zieht. Es scheint für die Wissenschaften unabdingbar zu sein, dass aus der Gesamtheit der Erfahrungen Elemente herausgegriffen und Begriffe definiert werden, bevor der Erkenntnisprozess überhaupt einsetzt, was bereits von der Frankfurter Schule («Kritische Theorie») moniert wurde. Illustrieren lässt sich der Gegensatz zwischen anschauendem Urteilen und selektivem Erkennen anhand der Auseinandersetzung Goethes mit Newton. Der durch ständiges Abgrenzen entstehende Reduktionismus prägt den gesamten Wissenschaftsbetrieb. Dem gegenüber kann man nur ermuntern, gelegentlich das Mikroskop wegzulegen, um einen breiteren Überblick zu gewinnen – zum Beispiel durch das Studium des goetheschen Ansatzes; zum Beispiel durch die Lektüre einer Untersuchung der deutschen Krankenkasse Securvita über Effekte der «magischen» Homöopathie anhand der Daten von 15'700 Versicherten (eindeutige, positive Wirkungen); oder zum Beispiel durch das empirische Studium der Entwicklungen von Landwirtschaft und Ökologie: Hier, von der rationalen Wissenschaft angeführt, die Entwicklung einer industriellen Landwirtschaft, begleitet von der Vergiftung des Grundwassers und der Zerstörung der Böden, dort in der «magischen Ecke» vor hundert Jahren der Beginn einer ökologischen Landwirtschaft mit inzwischen enormer Breitenwirkung. Popper (und Strasser) sollen wir nicht hinter uns lassen. Wir sollten aber den Horizont im Rahmen des aufklärerischen Anliegens deutlich erweitern. Vielleicht fühlen sich dann weniger Menschen gedrängt, bei abenteuerlichen Theorien Zuflucht zu suchen.» (Ende Leserbrief)

Peter Strasser antwortete umgehend – und illustrierte anhand der Homöopathie, was ich mit den zu eng gezogenen Grenzen meinte:

«Auch der Placebo wirkt, wie umfangreiche empirische Studien gezeigt haben (mit allen methodischen Schikanen durchgeführt, Doppelblindversuch etc.).
Was wirkt, das wirkt, auch wenn keiner weiß, warum eigentlich.
Was die Homöopathie betrifft, zeigen seriöse, breit angelegte Studien, dass ihre Wirkung unter dem des Placebos liegt. Natürlich nur bei relativ harmlosen Dysfunktionen des Körpers, nicht bei Krebs etc. Steiners gefüllte Kuhhörner wirken gar nicht.»

Meine Entgegnung (Auszug):

Reduktionistisch halbierte Rationalität

«Allerdings bin ich gleichzeitig – wie ich geschrieben habe – der Meinung, dass dies [der Hang zu ‹magischem Denken›] u.a. damit zu tun hat, dass die stets einzufordernde Empirie die Grenzen heute zu eng zieht.» Dies sei anhand des Homöopathie-Beispiels illustriert: Dass eine hochpotenzierte, d.h. ‹substanzlose Substanz› keine Wirkung haben könne, ist ein Axiom kausal-mechanistischen Denkens. Doch die Wirkungen homöopathischer Medizin sind offenbar nicht zu übersehen. Aber weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wird – gewissermassen auf magischer Ebene – der Placebo-Effekt etabliert, mit welchem aufgeklärte Magier nun argumentieren. Warum nicht? Was dem einen sin Uhl (Homöopathie), ist dem anderen sin Nachtigall (Placebo). Wenn es aber so ist, wie die Securvita-Studie feststellt: ‹Bei Erwachsenen mit Depressionen sinkt die Gesamtzahl der Krankschreibungstage im Lauf der homöopathischen Behandlung um 16,8 %. Ohne Homöopathie steigt sie um 17,3 %› – weshalb beharrt denn die Wissenschaft hartnäckig auf dem Standpunkt: Homöopathie ist wirkungslos? Weshalb untersucht sie den Wirkungszusammenhang nicht ernsthaft, wenn doch diese sehr günstige Medizin mit derartigen wirtschaftlichen Effekten einhergeht? Ich habe nur eine Erklärung: wissenschaftsideologische Scheuklappen!

Das meine ich u.a. mit meiner Feststellung, dass die reduktionistische Naturwissenschaft die Grenzen zu eng zieht und deshalb Themen und Wirkungen ausschliesst, mit denen Menschen gute Erfahrungen gemacht haben? Ist es dann erstaunlich, dass diese Menschen irgendwelchen magischen Lehren mindestens ebenso vertrauen, wie einer Scheuklappenwissenschaft? (Übrigens: dass potenzierte Substanzen keine Wirkung haben, ist experimentell und reproduzierbar widerlegt. Das garantiert allerdings nicht, dass dies auch zur Kenntnis genommen wird – eben, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.)»

Impfen = rationale begründetes Handeln (?)

Genau deshalb, weil es unterschiedliche wissenschaftliche Herangehensweisen und Ansätze gibt, ist Wissenschaftsfreiheit unabdingbar. Die katholische Kirche, die wusste und verfügte, welche Erkenntnis sein darf und welche nicht, darf nicht nach mehreren Jahrhunderten in der Form des Staates wieder auferstehen, des Staates, der über die einzig richtige Erkenntnis verfügt und daraus das einzig richtige Handeln (Zertifikatspflicht) für alle verfügt. Ich selber bin geimpft. Ich habe aber Freunde, die dazu nicht bereit sind. Ich kann es ihnen überhaupt nicht verargen, dass sie ernst nehmen, was beispielsweise auf der Website des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung steht:
«Einen wirksamen und sicheren Impfstoff gegen ein neues Virus herzustellen, dauert normalerweise viele Jahre, manchmal gar Jahrzehnte. In jedem Fall zu lange, wenn ein Ausbruch wie beispielsweise die Ebola-Epidemie im Jahr 2014 innerhalb kürzester Zeit viele Menschen tötet.» Aufgrund dieses Zeitproblems wird die Entwicklung von Impfstoffplattformen gefordert.

Ist es tatsächlich so verwerflich und asozial – wie derzeit besonders oft geurteilt wird – wenn Menschen sich bewusst (!) nicht impfen lassen wollen, weil sie nicht als Versuchskaninchen für völlig neue, innerhalb von Monaten statt Jahren entwickelte medizinische Experimente herhalten wollen? Neben dieser gibt es noch andere Überlegungen, die «mit guten Gründen» in die Entscheidung Impfen ja oder nein einfliessen. Ich meine hier ausdrücklich diejenigen Menschen, die bewusst eine Entscheidung fällen, nicht diejenigen, denen es einfach Wurst ist oder die in einer SVP-Sauce mitschwimmen.

Immanente Kritik

Neben denjenigen, die sich bewusst entscheiden gibt es diejenigen, die medizinisch indiziert nicht geimpft werden können. Auch einen solchen Menschen kenne ich persönlich. Wenn nun ein Bündner Regierungsrat ankündigt, dass eine Zertifikatspflicht im öffentlichen Verkehr geprüft werde, so sind wir faktisch auf dem Weg zu einem Ausgehverbot. Davon, dass es in der Schweiz keinen Impfzwang gebe, kann jedenfalls angesichts der neuen Verordnungen ohnehin keine Rede mehr sein.

Dies alles könnte vielleicht noch verkraftet werden, wenn garantiert wäre, dass diese ganzen Vorgänge keine Präjudizien schaffen. Aber genau dies kann nicht erwartet werden. Die Lockerheit, mit der in Zürich kurz vor Beginn ein grosses Albaner-Fest (mit Zertifikatspflicht!) abgesagt worden ist, zeigt, wie gütig die sozialdemokratische Regierungspräsidentin an das Wohl der Gesamtheit denkt und handelt. Dass die am 8. September vom Bundesrat angekündigte Zertifikatspflicht nur bei der SVP auf Kritik gestossen und selbst bei Parteien, die die Grünen und die SP gerne als Verbotsparteien bezeichnen, gutgeheissen wird, ist ebenfalls keine verheissungsvolle Perspektive für die Idee der Freiheit.

«Idee der Freiheit» – ich weiss, was etwa an Widersprüchen auf dieses Stichwort zu erwarten ist. Auf eine Entgegnung auf einen Leserbrief in der WOZ erhielt ich beispielsweise die Antwort:

«Ich postuliere eine Pflicht zur Solidarität, und ich wende mich gegen die Überhöhung des Individualismus und das Menschenbild des Neoliberalismus, für den es statt BürgerInnen und Mitglieder einer Solidargemeinschaft nur KonsumentInnen gibt. Ich sage weiter, dass Rechtsparteien die Pandemie als Gelegenheit erkannt haben, die Gesellschaft zu spalten. Indem sie ein Recht auf Verantwortungslosigkeit predigen, versuchen sie, die demokratischen Institutionen zu unterminieren. Das, und nur das, erklärt die eigentlich bizarre politische Polarisierung in der Impffrage.»

Individualismus beziehungsweise die Rechte des Individuums sind in der Aufklärung und dem Liberalismus begründet und haben mit Neoliberalismus nichts zu tun. Man kann die Freiheitsrechte akzeptieren oder ablehnen. Sie sind in unserer Verfassung verankert. Ob die Freiheit dazu benützt wird, den Koran zu studieren oder eine Designerlampe zu kaufen, geht Dritte eigentlich nichts an. Solidarität gegen Freiheit auszuspielen, ist der sicherste Weg zu Spaltungen und Polarisierungen.

Wenn wir im Sinne der Mehrheitsmeinung nun einmal davon ausgehen, die Impfung sei die einzige wirksame Antwort auf Covid19 – wenn dies zutrifft, dann liegt ein gigantisches Kommunikationsversagen des Staates vor. Die jetzige Infektionswelle wurde in letzter Zeit immer wieder mit Ferien-Rückreisenden aus Balkanstaaten in Verbindung gebracht. Wie wurden diese Menschen informiert? In Bus und Bahn habe ich immer nur deutschsprachige Durchsagen gehört und deutschsprachige Plakate gelesen. Der Staat war offensichtlich unfähig, seine Botschaften wirklich an alle Volksgruppen heranzubringen. Das hat wohl auch Bundesrat Berset eingesehen, der inzwischen, gewissermassen als Tropfen auf den heissen Stein, eine Rede im albanischen Fernsehen gehalten hat. Und wie zugänglich waren oder sind die Impfungen? Das Impfzentrum in Frauenfeld gleich beim Bahnhof ist längst geschlossen. Es gibt nur noch dasjenige im Weinfelder Gewerbegebiet und einen Impfbus, dessen Fahrplan auf der rein deutschsprachigen Website des Kantons in Erfahrung zu bringen ist. Weil der Staat kommunikativ versagt hat, tritt er nun mit dem Zertifikats-Holzhammer auf. Und ausser der SVP sind alle zufrieden damit.

Einen Impfzwang gebe es nicht? Dies wäre dann der Fall, wenn die Alternativen zur Impfung niederschwellig wären. Gerade dies ist nicht der Fall. Einerseits winkt der Bundesrat mit dem Zückerchen der Maskenbefreiung für ZertifikatsinhaberInnen. Diese Befreiung steht im Widerspruch zur bisher verbreiteten Information, geimpfte könnten Viren ebenso weitergeben wie Nichtgeimpfte. Botschaft: wer maskenmüde ist, soll sich bitte impfen lassen. Neben dem Zückerchen gibt es die Peitsche: Wer als Nichtgeimpfter Zugang zu Museen, Restaurants usw. will, muss sich testen lassen. Testen kostet ab 1. Oktober. Ein Labor informiert folgendermassen über die Kosten: «PCR-Test mit Resultatformular: CHF 54.00 plus CHF 106.00 Befund durch Labor.» Dies jedes Mal vor dem Besuch einer Bibliothek oder eines Fitness-Zentrums. Das können sich nur Gutbetuchte leisten.

Also kein Impfzwang?

Kleiner Nachtrag

«Die Kritik der Impfgegner an Einschränkungen der Freiheit ist häufig lächerlich, zeigen die Historikerin Birte Förster und Armin Nassehi in der FAZ [Frankfurter Allgemeine Zeitung]. Freiheit komme ohne Regeln gar nicht aus. Pflicht etwa ist nach Kant kein Widerspruch zur Idee der Freiheit: "Wenn ich die Pflicht habe, jemandem zu helfen, habe ich letztlich keine Alternative dazu und kann das doch als Ausdruck meiner Freiheit ansehen, weil es vernünftige Gründe dafür gibt. Zweitens findet meine Freiheit eine Grenze in der Freiheitsmöglichkeit der anderen. Schon die Banalität der Rechts-vor-links-Regel im Straßenverkehr zeigt das. Warten zu müssen schränkt meine Freiheit nicht ein, sondern ermöglicht die Freiheit aller Beteiligten. Freiheit hat deshalb etwas mit der praktischen Vernunft zu tun, also mit einer Art Versöhnung von Wollen und Sollen."» Quelle: Perlentaucher 9.9.21

Was lässt sich auf diese Art nicht begründen? Putin & Co werden diese Argumentationsweise zu schätzen wissen.