Im Wirbel der Identitätszuschreibungen

Ich bewundere Mithu Sanyal, die Autorin des Romans Identitti. Mitten im Debattengelände bissiger Identitätsauseinandersetzungen schreibt sie einen Roman, der auf dem Thema virtuos surft, es aber gleichzeitig in unzähligen abgebildeten Diskussionen sehr ernst nimmt. Die Fiktionalität wird durch enge Realitätsbezüge eingeschränkt, trotzdem bleibt der Erzählfluss locker bis ironisch, ein Leservergnügen. Allein schon der Titel Identitti ist ein Hinweis auf ein Augenzwinkern.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Die Hauptfigur Nivedita, die mit der Autorin den indischen Vater und die polnische Mutter gemeinsam hat und damit auch ein wenig als Alter Ego der Autorin angesehen werden kann, ist Studentin der Gender und Postcolonial Studies. Ihre verehrte und geliebte Professorin von grossem Wissen und intellektueller Brillianz namens Saraswati ist (scheinbar) indischen Ursprungs. Nur scheinbar, denn ihr Halbbruder entlarvt sie als Deutsche, die sich durch medizinische Eingriffe ein indisches Aussehen verschafft hatte. In dieser für Sein und Schein hochsensibilisierten Umgebung verursacht dieses unfreiwillige Coming out eine gewaltige Erschütterung und grösste Auseinandersetzungen zwischen Dozentin und Studentinnen, aber auch unter den Studentinnen selber. Ist es legitim als etwas zu scheinen, was man nicht ist, sich als Angehörige einer Race auszugeben, der man nicht angehört? Allerdings: wurde nicht eben auch diskutiert, dass es Rassenunterschiede gar nicht gibt, sondern dass diese Zugehörigkeiten samt und sonders soziale Konstruktionen sind? Wie kann denn ein Anderssein verurteilt werden, das es gar nicht gibt? «Weiß ist kein Zustand, genauso wenig wie Schwarz. Race muss hergestellt werden. Doing race. Also, wie wird Weisssein hergestellt? Was ist weisse Sozialisation? Was ist weisse Zurichtung?» So doziert die Professorin mit dem Namen einer indischen Göttin (S. 192). Und sie fährt fort: «Es ist die einfachste Sache der Welt, sich die trötigsten Meinungen der Gegenseite herauszupicken und sich darüber lustig zu machen. Und noch leichter, wenn man diese aus dem Kontext reisst. Was ich von euch verlange: dass ihr nicht nur die Argumentation der Gegenseite versteht – das auch! – , sondern, viel wichtiger, die Motivation, die sie zu dieser Ansicht bringt. Und damit meine ich nicht, ihnen gedankenlesend eine – in der Regel niedere – Absicht zu unterstellen. Ich will, dass ihr herausfindet, wirklich herausfindet, was Menschen zu Überzeugungen bringt, die euren Überzeugungen diametral entgegenstehen. Ihr müsst diese Überzeugungen danach nicht teilen. Tatsächlich finde ich aber, dass ihr erst danach das Recht habt, diese Überzeugungen nicht zu teilen – anstatt sie einfach nur unreflektiert abzulehnen. Erst solches Verständnis wird es euch ermöglichen, anders mit anderen Personen zu reden.» (Wenn das doch auch diejenigen beherzigen würden, die Rassisten hier und Rassisten dort «entlarven»!)

Wer mit dem Identitätsthema wenig vertraut ist, kann hier einen tiefen Einblick nehmen und sich allenfalls da und dort auch selbst gespiegelt sehen. («Wer sein Wissen ganz enorm erweitern will und dabei jede Menge Spaß haben und einfach ein tolles Buch lesen möchte, liest 'Identitti'.» Volker Weidermann, Spiegel Online, 20.02.21) Man erfährt, dass Sensibilität kein Status, sondern ein Prozess ist. Während Nivedita anfangs auf die Frage (auf Grund ihres Aussehens), woher sie komme, bereitwillig Auskunft gibt, rastet sie später auf dieselbe Frage geradezu aus und erleidet einen Zusammenbruch. Und wir lernen: In der Frage «woher kommst du?» steckt die Botschaft: Dein Aussehen mutet fremd an. Die Frage ist rassistisch.

Identitti ist ein Roman mit viel Fiktion, aber auch Realitätsbezug: «Mithu Sanyal hat selbst schon ein paar Stürme im Netz überstanden und auf Twitter viele Schlachten geschlagen. So hat sie nun Twitter-Freunde, Sparringspartner und Kritiker gebeten, den Fall Saraswati wie ein reales Ereignis zu behandeln und in Form von kommentierenden Tweets zu begleiten, die eingestreut werden wie ein griechischer Chor. Fatma Aydemir, Patrick Bahners, Meredith Haaf, Fatima Kahn, Ijoma Mangold, Jacinta Nandi, Ruprecht Polenz, Jörg Scheller, Hilal Sezgin, Minh Thu Tran, Hengameh Yaghoobifarah und viele weitere haben mitgemacht, nur wirkliche Hass-Kommentare sind fiktiven Sprechern zugeordnet. Das fühlt sich alles sehr echt an.» (Tobias Kniebe) Mit einem Tweet aus der Schweiz ist Regula Stämpfli vertreten.

«Sanyal hat ein unerhörtes Talent, sowohl die Freiheiten des auf die Spitze getriebenen Denkens als auch die Grenzen des Diskurses aufzuzeigen. ... Eines der originellsten Bücher dieses Frühjahrs.» Katharina Teutsch,