Rückeroberung zu Corona-Zeiten

Vor vierzig Jahren schrieb der Schweizer Schriftsteller und Kabarettist Franz Hohler die Parabel «Die Rückeroberung».

«Eines Tages, als ich an meinem Schreibtisch saß und zum Fenster hinausschaute, sah ich, daß sich auf der Fernsehantenne des gegenüberliegenden Hauses ein Adler niedergelassen hatte. Ich muß dazu sagen, daß ich in Zürich wohne und daß Adler bei uns nur in den Alpen vorkommen, am nächsten von hier vielleicht in den Bergen von Glarus, etwa 50 Kilometer von der Stadt entfernt. Trotzdem war ich sicher, daß dies ein Adler war, seine erstaunliche Größe, die herausfordernde Haltung des Kopfes wiesen mich an jenen ausgestopften Vitrinenvogel im Schulhaus meiner Jugend zurück, an dem wir auf dem Weg zur Turnhalle immer vorbeigehen mußten und der auf einem Kartentäfelchen mit "Steinadler" angeschrieben war. Es war für mich ganz klar, daß da drüben auf der Antenne des Nachbarhauses ein Steinadler saß.»

Die Parabel wurde zu einem Symbol der Oeko- und Klimabewegung. Franz Hohler hatte mit dieser Parabel eine Imagination vorgelegt, die – gelesen zu Corona-Zeiten – von geradezu bedrückender Aktualität ist. Sie reicht sehr viel weiter als das, was sie vordergründig schildert.

Hohler führt weiter aus, dass man die Adler in der Stadt zu tolerieren begann, weil sie auch Ratten frassen, von denen es in der Stadt mehr als genug gab. «Schon hatte man sich daran gewöhnt, daß auf der Straße plötzlich ein Adler neben einem zu Boden gehen konnte, um eine streunende Katze zu Tode zu beißen, als ein neuer Vorfall die Leute beunruhigte.» An einem der verkehrsreichsten Plätze Zürichs wurde eines Morgens ein Hirschgeweih gefunden. Man rätselte. Den dazugehörenden Hirsch hatte niemand gesehen. Doch drei Monate später rief morgens um vier Uhr ein Morgenspaziergänger die Polizei an, «in der Parkanlage beim Bürkliplatz hielten sich eine Anzahl Hirsche auf und versperrten die Fußwege.» Die Hirsche zogen durch die Stadt. Sie machten keine Anstalten, in die Wälder am Stadtrand zu ziehen. Man versuchte, sie in einer Parkanlage einzuzäunen. Doch von hier auszubrechen war für die mächtigen Tiere kein Problem. «Scharfschützen waren aufgeboten, Wildhüter und Jagdaufseher kamen dazu … Die Tramwagen stauten sich, ohne daß sich die Passagiere getrauten, auszusteigen, die Automobilisten versuchten ihre Wagen auf das Trottoir zu steuern, einige ließen angesichts der nahenden Herde ihr Auto mitten auf der Straße stehen und flüchteten in einen Hauseingang … vom Einsatz von Lautsprechern sah man nach dem Rat des Zoodirektors ab, um durch den Lärm keine Panik unter den Hirschen zu verursachen, denn ein Durchbrechen der Herde war das, was man am meisten fürchtete». Vor einem Platzregen zog sich die Herde in ein Parkhaus zurück. Hier hoffte man sie gefangen setzen und abschiessen zu können. Doch auch dies wollte nicht gelingen. «Eine einzige Hirschkuh verirrte sich in den unteren Ausgang und wurde von einer zornigen Garbe erfaßt, zugleich mit der Tanksäule, so daß sich das Blut des erlegten Tieres mit dem auslaufenden Öl zu einer rotbraunen Lache vereinigte.» Nichts wollte helfen. «Man gewöhnte sich einfach an das Bild eines durch eine Einbahnstraße preschenden Hirsches, der zu Pferd von einem lassoschwingenden Polizisten verfolgt wurde. Das hat auch etwas Schönes, gewiß, und auf eine Art ist es eine Bereicherung des Stadtlebens, aber irgendwie ist mit diesen Tieren auch der Schrecken wieder eingezogen. Das Schreien einer Katze zum Beispiel, die sich gegen den tödlichen Zugriff eines Adlers wehrt, ist fast nicht auszuhalten.» Und als der Winter einzog, zogen mit ihm neue Gäste ein. «Beim Hirsch, der an einem nebligen Vormittag in der Mitte des Hardturmstadions gefunden wurde und von dem außer Haut und Knochen nur noch die blutigen Innereien dalagen und den Schnee ringsum rot färbten, dachte man zuerst, er sei von Hunden angefallen worden, aber als der Kantonstierarzt die Spuren sah, wurde er unsicher und ließ einige Biologen kommen. Gemeinsam studierten sie nun den Schauplatz und gaben dann ihren Bescheid bekannt. Diese Spur, sagte der Kantonstierarzt, während das Biologenteam hinter ihm düster zu Boden blickte, stammt vom Wolf, und wir haben es hier nicht mit einem einzelnen Wolf zu tun, sondern mit einem ganzen Rudel. … Die ersten, die dann die Wölfe zu Gesicht bekamen, waren die Kinder aus der Schulklasse meines achtjährigen Buben. Als sie an einem Morgen in der Turnstunde am Waldrand des Käferbergs schlittelten, waren die Wölfe plötzlich da und stürzten sich auf den hintersten der Gruppe, den Sohn eines Jugoslawen. Er habe nur einmal geschrien, sagte die Lehrerin, die vor Entsetzen außer sich war, anscheinend hatten ihm die Wölfe gleich die Halsschlagader durchgebissen. … Von nun an herrschte in Zürich der Ausnahmezustand. Nicht, daß er ausgerufen worden wäre, aber er war da. … Die Behörden unternahmen jetzt große Anstrengungen, um dieses sonderbare Geschehen in den Griff zu bekommen. Daß jedes Jahr ein paar Kinder unter den Autos starben, daran hatte man sich gewöhnt, das war eben ein möglicher Tod in der Stadt, aber daß Kinder von Wölfen zerrissen werden, das sollte nicht vorkommen, nicht in einer Stadt wie Zürich. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, Vorschläge zu machen, die von einem Krisenstab ge-prüft wurden … » Es wurden Massnahmen getroffen, die zunächst erfolgreich zu sein schienen, dann aber doch als Schlag ins Wasser gelten mussten. «Von da an begann man sich langsam darauf einzurichten, daß man diese Tiere möglicherweise nicht loswerden konnte; sondern irgendwie mit ihnen leben mußte.»

Die «Rückeroberung» in dieser Parabel schildert, wie sich die über Jahrhunderte immer mehr zurückgedrängte Natur ihren Raum wieder nimmt. Was Hohler für den Lebensbereich der Wildtiere schildert, hat seine exakte Entsprechung auf mikrobiologischer Ebene: Sauberkeit bei der körperlichen Hygiene und im Umgang mit Lebensmitteln ist zwar eine alte Tugend. Sie wurde mit Augenmass betrieben. Erst die Industrialisierung der Tierzucht und der Lebensmittelproduktion machte sie zur Obsession der Keimfreiheit. Rohmilch (beispielsweise) wurde zum Hochrisikoprodukt erklärt. Ställe und Verarbeitungsbetriebe können nur noch durch Desinfektionsbäder betreten werden. Essensabfälle dienten lange als Schweinefutter und wurden schliesslich als gefährliche Infektionsquelle geächtet. Dasselbe passierte auf den Feldern: Saatgut wurde mit Quecksilber gebeizt, das Feld mit Fungiziden gespritzt, Insekten und «Unkraut» vernichtet. So wurde vielen Mikrokulturen allmählich der Garaus gemacht. Wo Milch traditionell zu Sauermilch und Quark durch Spontansäuerung verwandelt wurde, wurden die Prozesse gestört und es mussten Kulturen aus dem Labor eingesetzt werden. Rohmilchkäse wurde zum Problemfall. Zu einer Zeit, als Milchverarbeitung für mich noch Neuland war, fragte ich einen Bauern, weshalb pasteurisierte Milch so viel verderblicher sei als Rohmilch. Seine Antwort war anschaulich: Es ist einfach, auf einen Platz zu rennen, der leer ist. Wenn sich viele Leute darauf befinden, ist es viel schwieriger. Pastmilch ist ein leerer Platz, da gibt es keinen Widerstand gegen Keime. In  der Rohmilch gibt es bereits von der Kuh her Milchsäurekulturen. Da kann sich nicht so schnell etwas Anderes breit machen. Ist Corona so erfolgreich, weil es an vielen Orten auf «leere Plätze» trifft?  

Dass eine «Rückeroberung» stattfinden würde, war vielleicht nur eine Frage der Zeit. Zu vieles ist aus dem Gleichgewicht geraten. Nun ist sie da. Ebenso die von Franz Hohler beschriebene Illusion, man könne die Störenfriede wieder vertreiben, erschiessen oder anderswie vernichten. Der vielstimmige Chor der Experten heute entspricht exakt demjenigen in Hohlers Parabel.

Nur etwas kommt in Hohlers Parabel zu kurz: die Gedankenwelt und die Gefühle der getroffenen Bevölkerung. Hohler lässt den Ursprung der Adler, Hirsche und Wölfe als Rätsel stehen. Heute würde kaum jemand ruhen, bevor er sich auf ein Urteil festgelegt hat, wer dahintersteckt. Er hat schnell eine Antwort auf die Frage: Wer hat die Tiere auf uns losgehetzt und wer missbraucht sie zum Ausbau der eigenen Macht? (Man würde zunächst einmal den Jagdverband verdächtigen, um später dahinter weltweite Kartelle zu identifizieren.) Ebenso wenig erzählt Hohler von der Reaktion der Bevölkerung auf die Massnahmen der Behörden. Immerhin durfte man damals im Kampf gegen die Invasion mittun: «Die Schulen begannen zusammen mit den Eltern den Schulweg der Kinder so zu organisieren, daß immer gruppenweise in Begleitung von Erwachsenen gegangen wurde, den wehrpflichtigen Männern wurde auch gestattet, mit entsichertem Sturmgewehr die Kindergruppen zu begleiten.» Schiesseisen sind bei uns nicht sehr populär. Umso schneller sind Erklärungen zur Hand, welche finsteren Mächte wirken – wenn nicht sowieso von Anfang an klar ist, dass Esoteriker und Rechtsextreme dahinterstecken.

Mein Rat wäre: Hohlers «Rückeroberung» lesen, diese gewaltige Imagination einer Rückeroberung der Natur durch die Natur auf sich wirken lassen – und mit Beurteilungen noch einmal etwas zuwarten. Zahllose Urteile wurden im letzten halben Jahr von der Entwicklung als voreilig entlarvt. Gegen die Invasion muss man sich durchaus wehren oder sich schützen. Und man wird sich derweil Gedanken machen müssen, welche mehr oder weniger harmlosen (Kleinst-) Lebewesen wir dulden müssen, um den Lebensraum nicht vorschnell dem unfreundlichen Kleinstgetier preiszugeben, das – so klein es ist – für uns eine existenzielle Bedrohung bedeutet.

Die ganz grosse Verschwörung besteht wohl in der Ablenkung: Auf der Suche nach den Drahtziehern drohen wir zu vergessen, dass wir eigentlich nach neuen Lebensgleichgewichten in der Natur und in uns suchen müssten.