Das braune Erbe der Esoterik

Nehmen wir einmal an, eine Journalistin sollte einen Beitrag über das Hotel Sonne in einem abgelegenen Alpental schreiben. Statt hinzufahren, sucht sie auf einem Hotel-Portal im Internet nach diesem Hotel, liest die Selbstdarstellung des Hauses sowie die Gäste-Kommentare. Diese, darunter etliche kritische bis negative, fliessen in ihren Bericht ein.

Was heute über Corona-kritische Bewegungen und Anlässe geschrieben wird, erinnert an dieses (fiktive) Beispiel. Da ist seit wenigen Monaten plötzlich von Esoterik die Rede, einem Begriff, der es bisher kaum je in die Öffentlichkeit geschafft hat. Und nun soll eine Journalistin, die sich bisher nicht in diesem Bereich profiliert hat, kompetent darüber berichten.

Auch hier hilft das Internet. Zum Stichwort Esoterik, zu welchem ein Querverweis zur Anthroposophie selten fehlt, gibt es unzählige Kommentare, nicht nur freundliche. Weil die Journalistin keine profunden Kenntnisse hat, lässt sie sich nicht auf die Äste hinaus, sondern lässt es oft bei Andeutungen bewenden. Ein solcher Satz lautet dann zum Beispiel: «Seine Rede ist vielmehr voller alter rechtsesoterischer Refe-renzen: Friedrich Schiller kommt darin vor und Rudolf Steiner.»

Der ganze WOZ-Beitrag ist hier zu lesen.

Der WOZ-Redaktion habe ich einen Leserbrief geschickt, der am 15.10.2020 publiziert wurde. Er folgt unten.

Der Artikel in der WOZ steht in der Presselandschaft nicht einsam da. Die etwas nebelver-hangene Szene der Strömungen, die sich im Corona-Protest vereinen, ohne ausser in ihrer kritischen Haltung viel miteinander zu tun zu haben, verlockt zu genauso nebulösen Kommentaren. Auf einen auf Zeit online publizierten Artikel, der sich auf Anthroposophie bezieht, reagierte Peter Selg. Dieser «offene Leserbrief» ist hier zu finden.

Leserbrief an die WOZ-Redaktion:

Esoterik?
Sarah Schmalz erledigt ihre Aufgabe beim Schreiben über die Konstanzer Anti-Corona-Demo sicher nicht schlechter als Kollege René Scheu vom NZZ Feuilleton, wenn er über Linksintellektuelle schreibt (oder schreiben lässt). Eigentlich ist die Aufgabe unlösbar. Am einen Ort heisst es Die Linksintellektuellen, am anderen Die Esoteriker, wo man bereits mit oberflächlichen Kenntnissen feststellen wird, dass man weder die Einen noch die Anderen in jeweils einen Topf werfen kann. Pauschalisierungen sind das Eine, bewusst oder fahrlässig gesetzte Konnotationen das Andere. Was soll man beispielsweise mit einem Satz wie dem folgenden anfangen «Seine Rede ist … voller rechtsesoterischer Referenzen: Friedrich Schiller kommt darin vor und Rudolf Steiner.» (Schiller eine rechtsesoterische Referenz?) Und wenn Frau Schmalz behauptet, dass «das antisemitische Stereoptyp der jüdisch kontrollierten Bankensysteme damals wie heute zur Forderung nach einem alternativen Geldsystem» führe, legt der Duktus ihrer ganzen Schreibe nahe, dass auch der Umkehrschluss gilt: wo alternative Geldsysteme diskutiert werden, ist Antisemitismus nicht weit (Tausch- und Geldkreise und Vollgeldinitianten werden sich bedanken). In die Nebelschwaden des Berichts, die ebenso der Szene wie Sarah Schmalz anzulasten sind, sei mir erlaubt, einen klaren Satz zu stellen: Steiner war Esoteriker und Antikapitalist, Antinationalist und Antirassist – was ohne weiteres zu belegen ist.
Matthias Wiesmann, Frauenfeld