«selbst ernannt»

Einzelne herabsetzende Ausdrucksweisen verbreiten sich unter Journalisten epidemisch. Für die Diskreditierung einer Person, über die man schreibt, hat sich das Attribut «selbst ernannt» eingebürgert. So schreibt etwa der halt eben auch selbsternannte Radio-Pionier, Medienunternehmer und selbst ernannte Autor Roger Schawinski in seinem neuesten Buch «Verschwörung! Die fanatische Jagd nach dem Bösen in der Welt» (NZZ Libro 2018) über Daniele Ganser: «Der selbsternannte ‹Friedensforscher› hat sich mit Bezug auf seinen Vater und dessen damalige Entscheidung zur Nichtteilnahme am Zweiten Weltkrieg in seinen Kampf gestürzt.» Das Attribut «selbsternannt» wird im Hinblick auf seine Konnotation in der Regel mit einer klaren Absicht gewählt. (Bei einer Konnotation handelt es sich um einen über die eigentliche Bedeutung des Wortes hinausreichenden, assoziativen, wertenden oder emotionalen Gedanken.)

Einer Ernennung liegt ein Legitimationsvorgang zugrunde: ein Organ eines Herrschaftssystems ernennt einen Amtsträger. Die Erziehungsdirektion ernennt XY zum Rektor am Gymnasium Z. Der polemische Gebrauch des Begriffs Ernennung oder Selbsternennung drückt eine Wertung aus: Nur wer ernannt ist, kann ernst genommen werden. Selbst Ernannte sind als suspekt oder nicht qualifiziert anzusehen.

Eine solche Wertung kann man zum Beispiel im streng hierarchischen Kontext der katholischen Kirche verstehen und gelten lassen. Eine liberale Gesellschaft, die beispielsweise Eigeninitiative hoch wertet, müsste ein solches Attribut eigentlich meiden. Ich selber beispielsweise wurde nach meinem Studium nur zweimal «ernannt» (verschiedentlich wurde ich gewählt: als Stiftungsrat, als Verwaltungsrat, als Genossenschaftsrat). Da ich feststellte, dass ich zum Vollzugsbeamten, der man als irgendwo Angestellter immer auch ein wenig oder sogar ausgeprägt ist, nicht tauge, habe ich mich für die folgenden Jahrzehnte x-fach selber ernannt: zum Unternehmer, zum Zeitschriftenherausgeber und -redaktor, zum Buch- und Zeitschriften-Autor.

Ausnahmslos jeder Künstler ist (mindestens zunächst) selbsternannt. Desgleichen jeder Unternehmer. Elmar Mock, massgeblicher Entwickler der Swatch-Uhr stellte fest: Organisationsstrukturen «sind Gift für die Kreativität». (siehe «Eintopf und Eliten» S. 23) Ich gehe so weit zu behaupten, dass eine Gesellschaft, in welcher nur noch ernannte Menschen tätig wären, mangels Kreativität und Erneuerungskraft zum Absterben verurteilt ist.

Wenn Leute wie Schawinski (und unzählige andere Journalisten) das Attribut «selbsternannt» locker als pejoratives Würzmittel für ihre Schreibe verwenden, dann liegt dem Gedankenlosigkeit zugrunde – oder einfach die Freude, jemandem – herabsetzend – einen Tritt ans Schienbein zu verpassen.