Ökonomen bewusst unzulänglich ausgebildet?

2008 brach über die Wirtschaft weltweit eine Katastrophe herein. Das Er­staunliche dar­an: Kaum ein Wirtschaftswis­senschafter hatte die Ereignisse kommen sehen. Staa­ten mussten Ban­ken retten. Viele Staaten stehen heute selber ge­wissermassen mit dem Rücken zur Wand. Wie in der Medi­zin werden kurzfristig wirk­same Medika­mente verab­reicht – dort Antibiotikaschwemme, hier Geldschwemme. Die Langzeitwir­kungen kümmern nur wenige. – Was ist mit den Wirt­schaftswissenschaften los? Der folgende Text stammt aus dem Abschnitt "Denkgewohnheiten und -blockaden" aus dem Buch in Entstehung.

Die Hilflosigkeit der Wirtschaftsfachleute angesichts der Finanzkrise 2008 spiegelt die Ratlosigkeit der Wissenschaft (nicht nur der Wirtschaftswissenschaft). „Nobelpreisträ­ger Milton Friedman, der als Vertreter der Chicago School die vorherrschende Lehre entscheidend mitprägte, wies einst darauf hin, dass man eine Theorie nicht an der Qualität der Annahmen, sondern allein an der Qualität der Voraussagen messen solle. Nun hat die grosse Masse der Mainstream-Ökonomen die US-Hypothekenkrise nicht kommen sehen. Bankmanager und -ökonomen haben sie sogar mit herbeigeführt – ihre eigene gesellschaftliche Verantwortung dabei gänzlich missachtend. Wieso wird an offensichtlich unbrauchbaren Modellen festgehalten?" (Marco Metzler: „Ökonomische Auslauf-Modelle", NZZ Campus, 28.2.2012) Darauf gibt der Wirt­schafts­ethiker Ulricht Thielemann eine Antwort: „ ... die Marktgläubigkeit, das heißt die Annahme, dass die Marktlogik dem guten Leben und dem fairen Zusammenleben dienlich ist – je reiner sie etabliert ist, desto mehr -, ist viel zu tief in den ökonomischen Wissenschaften verwurzelt, als dass sie durch ein singuläres Ereignis, und sei es auch so explosiv und krisenhaft zu Tage getreten wie die Finanzmarktkrise, von heute auf morgen erschüttert werden könnte." (Ulrich Thielemann: System Error.Warum der freie Markt zur Unfreiheit führt. Bonn 2010) Und Carl Christian von Weizsäcker erklärt, weshalb sich daran wohl auch nicht so schnell etwas ändern wird: „Die Neoklassik habe den grossen Vorteil, dass sie nicht nur ein in sich konsistentes Theoriegebilde sei, son­dern auch auf alle ökonomischen Bereiche anwendbar sei ... . Da das Zeitbudget der Lehrenden und Lernenden beschränkt sei, bleibe nur wenig oder kaum Zeit, um sich mit alternativen Ansätzen zu beschäftigen." (Bericht über eine Diskussion über „heterodoxe" Ansätze in der Ökonomieausbildung im Rahmen der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik 2013, NZZ 9.9.2013)

Wie würde man eine Maschineningenieur-Ausbildung beurteilen, die ein Perpetuum Mobile-ähnliches „in sich konsistentes" mechanisches Modell zugrundelegt, das auf 100% Energieeffizienz basiert und keinerlei Reibungsverluste kennt? Die Absolventen, die während des Studiums leider keine Zeit mehr haben, realitätsnähere Konzepte kennen zu lernen, würden zum Glück nur gerade die Erfahrung machen, dass ihre Maschine nicht läuft. Die Wirtschaftsabsolventen merken dies meist nicht, drängen der Realität ihr Modell auf und richten unendlichen Schaden an.