Rückeroberung der Wirtschaft

Dass sich die Schwerpunkte und Perspektiven während der Arbeit am Buch "Solidarwirtschaft" verschieben, ist normal. Denn Schreiben ist auch ein Such- und Lernprozess, nicht nur das Entleeren eines gut geüllten Speichers. Nun wird der Fertigstellungtermin immer greifbarer (Ende Jahr) und die Gesamtaussage des Buchs konkretisiert sich. Erstmals habe ich nun Ende September 2013 eine Zusammenfassung versucht.

Wirtschaft ist Beziehungsgeschehen. Wer kaufen oder verkaufen will, muss in Kontakt treten, Beziehung aufnehmen. Das archetypische Bild des Mark­tes, den wir in unseren Ferien gern besuchen, scheint diese Feststellung aus­reichend zu bestätigen. Dieser Feststellung steht zweierlei entgegen:

1. die Wahrnehmung der realen Wirtschaftsentwicklung und 2. das Markt- und Wett­be­werbs­modell , das die Volkswirtschaftslehre und die Wirtschafts­po­litik der Forschung bzw. dem wirtschaftspolitischen Handeln zugrundele­gen.


1. Wirtschaftsentwicklung: Vielleicht gehen wir tatsächlich samstags noch ger­ne auf den Wochenmarkt, nachdem wir während der Woche für einige Hun­dert Euro oder Franken im Internet geordert, für den Urlaub online Fremd­währung gekauft haben (der Kurs war gerade so günstig) und bevor wir zum Grosseinkauf ins Shoppingcenter aufbrechen. Beziehungsgesche­hen verschwindet. Die Wirtschaft hat sich zum grössten Teil aus dem Beziehungs­geflecht der Menschen verabschiedet. Der grösste Teil der weltweiten Geld­bewegun­gen hat mit dem, was man als Realwirtschaft bezeichnen kann, nichts mehr zu tun. Wirtschaft hat sich aus dem sozialen Leben teilweise herausemanzipiert.

2. Markt- bzw. Wettbewerbsmodell: Der Wirtschaftende muss sich an sei­nem eigenen Nutzen orientieren. Er darf nur den eigenen Gewinn anstreben. Wirtschaft hat nicht die Befriedigung von Bedürfnissen zum Ziel, sondern nur die Befriedigung des eigenen Gewinnstrebens. Das sind nicht Aussagen von Verleumdern „unserer freien Marktwirtschaft", sondern offizielle Lehr­mei­nung der Hochschul-Volkswirtschaftslehre und – in ihren Fussspuren – der Wirtschaftspolitik. Denn nur durch Eigennutz ent­stün­de Wohlstand – so die Behaupung. Ökologische, soziale und wirtschaftliche Katastrophen sind in diesem Modell nicht vorgesehen, sind aber Realität und in erster Linie aus diesem Mo­dell zu erklären.

Eine Wirtschaft, die Eigennutz zum moralischen Postulat erhebt, kennt bes­tenfalls Eigenverantwortung, aber keine Mitverantwortung. Hier liegt ein Angelpunkt: Kein Beziehungsgeschehen funktioniert ohne Mitverantwort­lichkeit. Dies erfahren wir im Strassenverkehr ebenso wie in Alltags- und Wirtschaftsbeziehungen. Mit „Mitverantwortlichkeit" ist ein aktives Wahr­nehmen der Verantwortung gemeint. Für dieses Wahrnehmen sind (in der Wirtschaft) Organe zu entwickeln – oder weiterzuentwickeln, denn sie exis­tieren schon in Gemeingüter-verwaltenden Genossenschaften, Korpora­tionen und Zweckverbänden, aber auch an verschiedensten Schnittstellen in der Wirtschaft selber (z.B. Supply Chain Management). Wo dies geschieht, wird Wirtschaft wieder zum Beziehungsgeschehen. Dafür verwende ich das Wort „Rückero­be­rung". Etwas abstrakter klingt die Forderung von Ulrich Thielemann auf der letzten Seite seiner Habilitationsschrift: „Dem Markt bzw. dem instanzlos ablaufenden Wettbewerb ist eine Instanz zu geben."

So weit die Botschaft des Buches, das kein Fach-, sondern eher ein Einfüh­rungsbuch in das Wirtschaftsgeschehen sein will.

Im ersten Teil („Wirtschaft und Parawirtschaft") wird deshalb zunächst ein Überblick über die wichtigsten Elemente und Prozesse der Wirtschaft gege­en (z.B. Arbeit, Boden, Kapital, Arbeitsteilung).

Im zweiten Teil („Entfesselte Wirtschaft") werden einzelne Aspekte vertieft. Die 2008 einsetzende Finanzkrise dient als Einstieg und Anschaungsbeispiel. (Je nach eigener Erfahrungs- und Wissensgrundlage mag man Teil 1 oder 2 überspringen.)

Im dritten Teil („Rückeroberung der Wirtschaft") werden zunächst verschie­dene Ideen und Formen des Widerstands gegen den marktwirtschaftlichen Ökonomismus dargestellt und anhand von konkreten Beispielen real prakti­zierte Mitverantwortlichkeit beschrieben. Da Wirtschaft Beziehungsge­sche­hen ist, kann Mitverantwortlichkeit auch nicht nur individuelle Devise blei­ben. Es sind Wirtschaftsorgane zu entwickeln, welche assoziierend bzw. as­soziativ bewegliche, unternehmens- und branchenübergreifende Selbstver­waltungsformen entwickeln.

Die Entwicklung von Selbstverwaltungsformen kann jederzeit und an jedem Ort entstehen – teilweise bestehen sie schon. Wirtschaftliche Selbstver­wal­tung ist mittel- und längerfristig auf veränderte rechtlich-staatliche Rahmen­bedingungen angewiesen. Mit dem Begriff des Nutzungseigentums wird die Aufmerksamkeit speziell auf die Frage des Bodenrechts gerichtet.