Abzocker, Neider und Schreiber

viehschauZurück von der Viehschau. Bild: Matthias WiesmannDie einzelne Kuh wird prämiert. Aber ist es allein ihr Verdienst, dass sie ausgezeichnet wird?

Peter Wirth ist Geschäftsführer des „Vorsorgeforums", eines Vereins, der „mit einer offenen Informationspolitik die komplexe Materie für die Öffentlichkeit leichter zugänglich machen und damit die Akzeptanz der 2. Säule verbessern" will. Er gibt dessen Newsletter heraus. Er liebt es, mit spitzer Feder zu schreiben. Am 11. März 2013 leitete er den Newsletter mit den Sätzen ein:
„Die Abzocker-Abstimmung liegt hinter uns, die Schweiz ist dem hehren Ziel der kollektiven Gerechtigkeit einen Schritt näher. Vielleicht auch nicht. Wohl eher nicht. In einem der reichsten Länder der Welt entwickelt sich eine Neidkultur, die professionell bewirtschaftet wird. Dass dabei die ideellen Grundlagen unseres Reichtums – Liberalismus und Toleranz – unter die Räder geraten, ist für die politischen Strategen offenbar unerheblich."
Neidkultur. Das ist mittlerweile ein gängiger Topos. Der ehemalige Leiter der Wirtschaftsredaktion der NZZ, Gerhard Schwarz, hat ein Buch über „Neidökonomie" verfasst. „Neidkultur" – das kann man einfach so daherschreiben. Belegen muss man nichts. Auf entsprechende Leserkommentare im Zusammenhang mit der Vasella-Geschichte auf NZZ online reagierte der Soziologe Jean-Pierre Junker folgendermassen:


"Auch wenn es bis zum Überdruss immer wieder behauptet wird, die Empörung der Normalbürger über die astronomischen Bezüge einer Managerclique hätte irgendetwas mit Neid zu tun, diese Behauptung ist erwiesenermassen falsch. In der Soziologie weiss man schon seit langem, dass sich die Menschen nicht Dinge wünschen, die völlig jenseits ihrer Lebenswirklichkeit liegen. So wünscht sich ein Wohnungsmieter vielleicht eine schöne Eigentumswohnung, aber er wünscht sich keinen Palast, in dem er sich völlig fremd fühlen würde. Ebenso wünscht sich ein Durchschnittsverdiener allenfalls einen etwas höheren, vielleicht doppelt so hohen, Lohn. Aber niemals einen 200 x so hohen. Dass man aber Menschen für etwas beneidet, das man für sich selber gar nicht möchte, ist ziemlich widersinnig. Die Neid-Behauptung dient aber wohl ohnehin nur dazu, einem andern, der anderer Meinung ist, niedrige Motive zu unterstellen."
Wer über Motive anderer Menschen schreibt, sollte besonders vorsichtig sein, vor allem derjenige, der sich auf Toleranz beruft. Motive sind nicht sichtbar, auch nicht ohne weiteres erfragbar. Im zur Diskussion stehenden Fall der Spreizung der Einkommensskala von Null bis unendlich könnte ja tatsächlich auch das elementare Rechtsempfinden provoziert worden sein. Jeder befrage sich selber, wie er mit der Erfahrung solcher Regungen umgeht.
Es ist aber vermutlich nicht die blosse Diskrepanz der Einkommen (hier 4000 Franken im Monat, dort 100 mal mehr) welche Entrüstung auslöst. Sonst müsste man bei Spitzensportlern (z.B. Roger Federer) mit ähnlichen Reaktionen rechnen. Sie bleiben aus. Es gibt bei den meisten Menschen durchaus eine „meritokratische Grundhaltung", das heisst eine Akzeptanz auch ausserordentlich hoher Honorierung, wenn davon ausgegangen werden kann, dass eine entsprechende Leistung dahintersteht. Dies ist bei einem Athleten der Fall. Seine Leistung lässt sich nur beschränkt auf das Wirken eines Teams zurückführen. Hingegen: „Die Vorstellung, dass man den Erfolg eines Konzerns einzelnen Managern zurechnen kann, ist abenteuerlich." Dies sagt die emeritierte Wirtschaftsprofessorin Margrit Osterloh in der NZZ am Sonntag (10.3.2013). Gerade weil die Leistungen einer Organisation weitgehend kollektiven Charakter haben, ist die massive Bevorzugung der leitenden Organe auch schwer verständlich und akzeptierbar.