Märchenerzähler im Finanzsystem

Die Finanzwelt produziert rechtfertigende Märchen

Aus: Patrick Herger, NZZ 3.7.2020: Die hohen Börsenkurse sind kein positives Signal, sondern Zeichen einer oligopolistischen Wirtschaft

Wenn ein System unter Rechtfertigungsdruck gerät, produziert es legitimitätsstiftende Geschichten. Das ist beim Finanzsystem nicht anders. Zwei prominente Erklärungen sind im Umlauf, warum die Finanzmärkte kaum auf negative Meldungen reagieren.

So lautet ein Argument, dass eine Gruppe von nicht den Finanzmärkten zuzurechnenden Akteuren die Aktienpreise auf das gegenwärtige Niveau treibe. Archetypisch dafür sind wettbegeisterte Sportfans. Weil diese aufgrund der Pandemie nicht auf Sportresultate hätten wetten können, hätten viele von ihnen ein Trading-Konto eröffnet, um stattdessen mit Aktien zu spekulieren. Es seien solche unerfahrenen Börsenakteure, welche dafür sorgten, dass die Börsen trotz der Krise boomten.

Untersuchungen über die Handelsaktivitäten dieser Gruppe von Privatanlegern zeigen jedoch, dass sie nicht für die hohen Kurse verantwortlich sind. Wer so argumentiert, verwechselt die Richtung der Kausalität. Jeder Börsenboom ruft zahlreiche Neueinsteiger und Zocker auf den Plan. Das aber ist die Wirkung des Booms, nicht dessen Ursache.

Der zweite Erklärungsansatz besagt, die hohen Kurse rechtfertigten sich aus dem Umstand, dass eine Börse nicht die Gegenwart bewerte, sondern die Zukunft. Die Marktakteure hätten erkannt, dass die Unternehmen nach der Krise wieder satte Gewinne verbuchten, und in Vorwegnahme dessen entstünden die hohen Kurse.

Die Finanzmarktforschung gibt zwar Hinweise darauf, dass Börsen manchmal die realwirtschaftliche Entwicklung vorwegnehmen. Die prognostische Kraft der Börsenkurse hat jedoch abgenommen. Denn in den letzten Jahrzehnten hat sich der Charakter der Finanzmärkte verändert. Die Kurse lösen sich häufiger als früher von den Fundamentaldaten. Wenn das der Fall ist, sind die Börsen kein angemessener Indikator für die zukünftige Wirtschaftsentwicklung.
Die erwähnten Erklärungen, weshalb sich die Börsen von der Entwicklung der Realwirtschaft abgekoppelt haben, dienen vor allem dazu, die Finanzmärkte gegen Kritik zu immunisieren und den Blick auf die massiven Probleme zu vernebeln, welche sich in den Wirtschaftssystemen der Industrienationen aufgebaut haben. Diese Probleme sind so prekär, dass Wegschauen eine weitverbreitete Taktik ist, um damit umzugehen.

Auf dem Weg in eine Oligopolwirtschaft

Unbedarfte Beobachter neigen möglicherweise dazu, Konkurrenzkampf für eine selbstverständliche Komponente der westlichen Wirtschaftssysteme zu halten. Diese Ansicht ist falsch. Seit Jahren gelingt es insbesondere den Grossunternehmen, die Zonen mit echtem Wettbewerb zurückzudrängen. Schweizer Firmen gehören hier zu den Spitzenreitern.

Die Marktkonzentration nimmt weltweit zu; viele Branchen werden von wenigen, manchmal nur einem einzigen Unternehmen beherrscht. Die Uno-Organisation Unctad schätzt, dass etwa ein Drittel der weltweit erzielten Unternehmensgewinne de facto nicht unter reinen Wettbewerbsbedingungen erzielt wurden, sondern Monopolrenten sind. Tendenz steigend. Und zwei Drittel der Gewinne gehen auf Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 1 Mrd. $ zurück.

In der Wirtschaft gilt: Big is beautiful. Nicht nur, weil sich damit leichter Monopolrenten erzielen lassen. Falls die Insolvenz droht, bestehen für grosse Firmen gute Chancen, dass der Staat ihnen zu Hilfe eilt. Es gibt damit starke Anreize, zu einem möglichst grossen Player zu werden.
Eine möglichst marktmächtige Stellung ist aus der Sicht des einzelnen Unternehmens eine gute Sache. Deswegen sind grosse Anbieter mit monopolähnlichen Merkmalen die Lieblinge der Börsen. Sie haben tiefe Lohnkosten und müssen wenig investieren, können jedoch hohe Preise verlangen. Steigende Börsenkurse sind daher zum Teil auf die fortschreitende Oligopolisierung der Wirtschaft zurückzuführen.

Wenn wichtige Märkte in einer Volkswirtschaft jedoch zunehmend als Monopole oder Oligopole funktionieren, hat das makroökonomische Konsequenzen. Dabei stellt die Monopolisierung ein Collective-Action-Problem dar. Aus der Einzelperspektive des Unternehmens ist es rational, eine Monopol- oder Oligopolstellung anzustreben. Aber wenn ein genügend grosser Teil der Unternehmen dieses Ziel erreicht, führt das zu gesamtwirtschaftlich nachteiligen Ergebnissen.

Kapital im Überfluss

Das wichtigste Kennzeichen einer monopolistisch organisierten Realwirtschaft ist, dass sie nur wenig Kapital absorbieren kann, weil der Investitionsbedarf gering ist. Eine solche Ökonomie hat keine realwirtschaftliche Verwendung für einen grossen Teil der akkumulierten Gewinne oder für die von staatlichen Stützungsmassnahmen geschaffenen Mittel. Kapital hört auf, ein knappes Gut zu sein. Das Überangebot führt erstens zu tiefen Zinsen und zweitens zu einem aufgeblähten Finanzsektor.

Weil es nur geringe Investitionen gibt, die zu finanzieren wären, fliesst viel überschüssiges Kapital in Firmenübernahmen und Aktienrückkäufe oder dient der Börsenspekulation. In der Folge steigen an den Finanzmärkten die Kurse.

Das Wachstum der Realwirtschaft ist jedoch gering, es kann mit diesen Kurssteigerungen nicht mithalten; die Aktienpreise entfernen sich von einer vernünftigen Relation zu den Fundamentaldaten. Deshalb wird der Finanzsektor zum dominierenden Element der Wirtschaft, denn es ist lukrativer, zu spekulieren, als in der Realwirtschaft zu investieren. Die Folge dieser Entwicklung ist die häufige Bildung von Börsenblasen. Die Wahrscheinlichkeit eines Kurssturzes steigt.

Zum Thema «Nachhaltige Aktienanlagen»
Kommentar (Matthias Wiesmann):

Das von Patrick Herger dargestellte System ist alles andere als nachhaltig. Die Frage stellt sich, wie Anleger, die in nachhaltige Aktien investieren wollen, mit dieser Tatsache umgehen. Sie analysieren Tätigkeit und Verhalten der Unternehmen, deren Namen die Aktien tragen. Damit legen sie die Grundlage für ein «rechtfertigendes Märchen», wie Herger sagen würde. Denn das Kaufgeld für die Aktien landet ja nur in äusserst seltenen Fällen (Börsengang, Kapitalerhöhung) in den Unternehmen, praktisch aber immer in den Taschen von Börsendealern. (Die Neuemissionen von Aktien machen nur einen winzig kleinen Bruchteil des Umsatzes, d.h. Kauf / Verkauf von Aktien, der Börsen aus.) Deshalb wird man mit dem angelegten Geld die Tätigkeit einer Firma allerhöchstens in homöopathischer Dosierung fördern. Eher fördert man mit dem angelegten Geld die Gewinnchancen von Börsenspekulanten.
Schon aus dieser Perspektive ist «die nachhaltige Aktie», die inzwischen auch in die Gunst des Mega-Vermögensverwalters Blackrock gerückt ist, ein fragwürdiges Konstrukt. Wenn man dieses nun zudem eingebettet sieht in einen oligopolistischen Mechanismus, wie er von Herger beschrieben wird, bleibt von Nachhaltigkeit gar nichts mehr übrig.