Teure 2. Säule – günstige AHV

Wie es dazu kam, dass der Rentenfranken der 2. Säule fast 30mal mehr kostet, als der Rentenfranken der AHV (1. Säule)

200311 Cover kleinNach dem 1. Weltkrieg herrschte in der Schweiz namentlich unter Arbeitern, Tagelöhnern und «kleinen» Angestellten bittere Not. Es herrschte Arbeitslosigkeit, es gab aber keine Arbeitslosenversicherung und keine Altersvorsorge. Doch was Christoph Blocher in seiner Uster-Rede am 13. November 2018 lediglich auszumachen vermochte, war – neben «Versorgungsengpässen» und Teuerung – «weitverbreiteter Überdruss» in der Folge des eintönigen Grenzdienstes, also ein gewissermassen psychologisches Problem. Diese Unzufriedenheit hätte sich die Linke zunutze gemacht und – in Blochers Sicht – auf einen Umsturz hingearbeitet. Um einen solchen zu erreichen, organisierte sie den Landesstreik. Diese Sichtweise veranlasst Blocher heute zu einem Dank:
«Wir Nachgeborenen haben allen Grund zur Dankbarkeit gegenüber der damaligen Bevölkerung, den Behörden und den Soldaten. Sie sind festgeblieben und haben den Erpressungen und Rücktrittsforderungen der Linken nicht nachgegeben. Dadurch konnte hierzulande ein revolutionärer Umsturz, wie er ein Jahr zuvor in Russland gelungen war und siebzig Jahre lang über viele Länder Knechtschaft, Diktator, Terror und hundertmillionenfache Vernichtung brachte, verhindert werden.»
Sicher gab es auch Aktivisten mit revolutionären Absichten. Trotzdem ist die Darstellung zynisch, weil sie die vielfach dokumentierte Not schlicht ignoriert. Nicht nur Blocher verhält sich ignorant, sondern (damals) auch die Politik. Zwar wurde einige Jahre später eine Arbeitslosenversicherung geschaffen. Eine minimale Altersvorsorge in der Form der AHV folgte erst nach dem 2. Weltkrieg – und die Ignoranz hielt an:
Es brauchte in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre drei Volksinitiativen, um Bewegung in die Diskussion um die Altersvorsorge zu bringen. Eine SP- und eine PdA-Initiative wollten den Ausbau der AHV zu einer Volkspension (Umlageverfahren). Die beiden Volkspension-Initiativen zogen daher die Kritik all derer auf sich, die an einem Kapitaldeckungsverfahren interessiert waren: «Versicherungen, Banken und Industrie, die an der Anlage und Verwaltung der beim Deckungskapitalverfahren anfallenden Sparkapitalien interessiert waren, sahen durch diese beiden Initiativen einen für sie eminent wichtigen Geschäftszweig bedroht. Dieselben Kreise, die noch 1968 ein Obligatorium der beruflichen Vorsorge entschieden bekämpft hatten, traten nun die Flucht nach vorne an.» (Prof. Jürg H. Sommer, zitiert im Buch S. 22f.)
«Gemäß Bundesamt für Sozialversicherungen betrugen die ‹Verwaltungs- und Durchführungskosten› bei der AHV 2017 etwa 210 Millionen Franken, bei der zweiten Säule beliefen sie sich auf 5,213 Milliarden. Umgerechnet bedeutet das: Ein Rentenfranken kostet bei der AHV 0,487 Rappen, bei der zweiten Säule 13,739 Rappen, also etwa dreißig Mal mehr! Man kann, nochmals anders gerechnet, davon ausgehen, dass bei der zweiten Säule umgelegt auf die Lebensarbeitszeit Verwaltungskosten in der Höhe von etwa einer Jahresrente anfallen. Wenn wir die Rentenfranken von AHV und BVG nüchtern als zwei identische Leistungen ansehen, müssen wir uns fragen, welcher Zusatznutzen den massiv höheren Kosten des BVG-Rentenfrankens gegenübersteht.» (Aus dem Buch S. 29)

Das Buch umfasst etwa 224 Seiten und kostet CHF 23.80. Es erscheint im Futurum-Verlag Basel im September 2020. Es kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag bestellt werden.
Das Inhaltsverzeichnis (PDF) informiert detailliert über den Inhalt.