Lob des Flickenteppichs

Bereits zu Beginn des Lockdowns verwendete ein Radio-Moderator das Wort Flickenteppich, als ihm ein Schulfunktionär schilderte, wie sich Schulen auf ganz unterschiedliche Weise organisieren. Inzwischen wurde von den verschiedensten Politikern und Bildungsfunktionären immer wieder bedauert, dass keine einheitlichen Lösungen gefunden worden sind.

Die Kritik beschränkte sich keineswegs auf die unterschiedliche Handhabung des Maturitätsabschlusses, wo man die Forderung nach Einheitlichkeit nachvollziehen kann. Denn hier geht es nicht um Pädagogik, sondern um ein Recht, nämlich dasjenige des prüfungslosen Zugangs zu Hochschulen. Die Kritik bezog sich insbesondere auch auf die Unterschiedlichkeit der Formen des Fernunterrichts beziehungsweise der Unterschiedlichkeit, wie Unterricht im Rahmen der Lockerung der Corona-Restriktionen wieder aufgenommen wurde. Hier handelt es sich um primär pädagogische Fragen. Argumentiert wurde auch, die Eltern würden verunsichert, wenn jemand in Dietikon (ZH) hört, dass man in Baden (AG) anders vorgehe. Tatsächlich? Eltern werden verunsichert, wenn über sie einfach verfügt wird. Das wurde in Zürich und St. Gallen deutlich. Beide Kantone verfügten Halbklassenunterricht, was Familien mit Kindern, die nicht zur gleichen Zeit, sondern gestaffelt zu Schule gehen müssen, vor erhebliche organisatorische Probleme stellt. Verunsichert sind wohl vor allem gehirngewaschene Journalisten und Schulfunktionäre, die sich staatliche Veranstaltungen nicht anders vorstellen können als einheitlich beziehungsweise gleichgeschaltet. Weil man aber von Gleichschaltung nicht sprechen mag, weil dies damals zur Denunziation des europäischen Ostens verwendet worden ist, spricht man allenfalls von Harmonisierung. (Wer ist denn schon gegen Harmonie?)

Weil Verschiedenheit sowieso negativ ist, muss der Journalist auch nicht aufzeigen, inwiefern diese nachteilig ist. Ob Einheitlichkeit pädagogisch sinnvoll ist, interessiert deren Verfechter nicht – auch nicht, was mit einer Gemeinschaft und den in der Gemeinschaft aktiven Menschen (zum Beispiel Lehrern) passiert, wenn von weit oben Einheitlichkeit verfügt wird.

Solche Fragen hätte ich gerne auf einer Leserbriefseite zur Diskussion gestellt. Der folgende Text (kursiv) blieb eine Weile in der Warteschlange und wurde in der Thurgauer Zeitung am 13. Mai, in der NZZ am 14. Mai abgedruckt.

Das Unwort [Flickenteppich] deutet mit seiner negativen Konnotation ein Ideal an, dem gemäss Schule gemeinde- und kantonsübergreifend nach demselben Muster betrieben werden soll. Gleichschaltung nenne ich das. Dafür gibt es kein einziges Argument. Es gibt vielmehr Argumente dafür, dass Drittklässler aus dem Arbeiter- und Ausländermilieu von Bern-Bethlehem und aus dem Oberschichtmilieu der Goldküste situativ unterschiedliche Unterstützung erhalten. Die Organisation dieser Unterstützung ist in Frauenfeld sogar innerhalb derselben Schulgemeinde unterschiedlich (welch ein Fleckenteppich!) In die Ausgestaltung ist das Lehrerkollegium aktiv involviert, leistet viel Arbeit und ist entsprechend engagiert. (Der Kanton Zürich agiert sehr viel zentralistischer.) Das Gegenbild wäre die (womöglich schweizweit) zentrale Organisation durch wissenschaftliche Bildungsstäbe, die der freundlichen Unterstützung durch kalifornische IT-Konzerne gewiss wären. Den Lehrpersonen käme dann die Rolle von Aufgabenhilfen zu. Pflichtbewusstsein willkommen, Engagement überflüssig. Da belassen wir es doch lieber beim «Flickenteppich»!

Dazu hörte ich von Lehrerseite und recherchierte ich im Internet. Wer die Website von Schulen Frauenfeld öffnet, findet die einzelnen Schulen aufgelistet. Jede Schule verfügt innerhalb dieser Website über eine eigene Seite, auf der sie über Aktualitäten (z.B. Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts) informiert. Da begegnet man von Schulhaus zu Schulhaus unterschiedlichen Informationen und Vorgehensweisen. Zum Vergleich öffnete ich die Website der Schulen in Uster, Zürcher Oberland, einer Gemeinde, die etwas grösser ist als Frauenfeld. Da gibt es eine Liste der Schulen. Punkt. Diese äussern sich nicht individuell. Sie haben wohl auch nicht Unterschiedliches zu berichten. Denn hier wird zentral organisiert.

Was in den Diskussionen völlig unter den Tisch fällt, ist die Rolle der Lehrer (pardon: Lehrpersonen). In einem zentral organisierten Bildungswesen sind sie Angestellte mit der Kompetenz (oder Kompetenzlosigkeit), die Angestellten auch in einem Industriebetrieb oder einer Bank zukommt. Wenn die oberen Etagen entschieden haben, müssen die Angestellten unten ausführen.

Das zeugt von einem Denken, für das Kinder Rohstoffe sind, die entsprechend den Passformen und Anforderungsprofilen, die von Gesellschaft und Wirtschaft gefordert werden, zu formen sind. In einem solchen Konzept sind Lehrpersonen logischerweise bis ins Detail weisungsgebunden.
Sieht man in Kindern hingegen sich entwickelnde Individualitäten, kommt den für sie als Pädagogen verantwortlichen Menschen eine ganz andere Rolle zu, eine, die sich nicht auf Ausführung beschränkt, sondern eine, die individuelles Eingehen auf die Kinder und damit auch inneres Engagement voraussetzt. Dieses innere Engagement wiederum setzt das äussere Engagement der Mitgestaltung der pädagogischen Rahmenbedingungen beziehungsweise mehr oder weniger weit gehende Selbstverwaltung voraus. Selbstverwaltung hat zwangsläufig Flickenteppich zur Folge.

Warum nicht? Frage ich mich als Altachtundsechziger, der das rote Büchlein im Bücherregal stehen hatte. Mao Zedong formulierte 1956 «Lasst hundert Blumen blühen, lasst hundert Schulen miteinander wetteifern». Dieser Satz war mir zwar vertraut. Welcher Wirklichkeitswert ihm zukam, vermochte ich nicht zu beurteilen.

So war es für mich überraschend, von einem mit China vertrauten Workshopteilnehmer am Rande der Sommerakademie 2018 in Wildhaus, wo ich ein Referat zum Thema «Einheitsstaat, Demokratie und gesellschaftliche Resilienz» hielt, eine Schilderung zu hören, wie ich sie danach in einem Seminarbericht folgendermassen zusammenfasste: «In China würden auf unterer Ebene grosse Freiheiten und Experimentiermöglichkeiten bestehen. Wenn sich etwas bewähre, würde dies von der Regierung für ganz China als verbindlich erklärt.» Seine Bewertung: «Das sei doch viel effizienter, als aufgrund unseres Sys-tems in Europa und vor allem der Schweiz.» Seiner Bewertung mochte ich nicht folgen, da Freiheit und Vielfalt in dieser Schilderung nicht als Werte an und für sich, sondern nur als funktional effizient dargestellt wurden.

Nun schrieb Corona Virus-Blogger Jürg Baumberger jüngst in Bezug auf China: «Die Behörden haben immer Initiativen zugelassen, auch wenn dafür (noch) keine gesetzlichen Grundlagen bestanden. Es wurde wie wild experimentiert. Was sich bewährt hat, wurde dann verallgemeinert und in juristische Rahmenbedingungen gefasst, das andere verschwand wieder. Das entspricht dem chinesischen Naturell, mit Widersprüchen gut leben zu können. Es gibt eben nicht nur schwarz oder weiss, wie wir es gerne hätten („Klarheit, kein Flickenteppich“) sondern im Schwarzen ist immer auch das Weisse, im Weissen das Schwarze. Das daoistische Yin-Yang-Bild zeigt es deutlich.» (https://www.baumbergers.ch Jürg Baumberger hat mit seiner Partnerin Elo vor einigen Jahrzenten längere Zeit in China gelebt.)

Zwar müsste man vermuten, dass aufgrund des marktwirtschaftlichen Konkurrenzsystems auch der Westen an Widersprüche gewöhnt ist. Das mag überall zutreffen – nur in der Schule nicht. Widersprüche und Vielfalt sind das Eine, Selbstverwaltung der Menschen vor Ort sind noch etwas Anderes. Dies war für Rudolf Steiner, der geradezu als «Botschafter der Selbstverwaltung» in allen gesellschaftlichen Bereichen angesehen werden kann, ein zentrales Postulat – sowohl in der Wirtschaft wie im Kulturleben. Die Lehrer sollen ihre Schule selber verwalten. Dieses Postulat begründete er nicht nur politisch oder gar anarchosyndikalistisch, obwohl hier eine Verwandtschaft besteht, sondern vor allem auch pädagogisch: Lehrer und Lehrerinnen, die sich auch mit Führungsaufgaben zu befassen haben, werden sehr viel weniger zu weltfremder Pädagogik neigen. Auch dies müsste ausführlicher begründet werden. Nur so viel: In der arbeitsteiligen Gesellschaft ist die Lebenswelt des Einzelnen auf einen relativ kleinen Ausschnitt beschränkt. Diese begrenzte Erfahrung wird dann nicht zum Problem, wenn auch das Handeln und dessen Konsequenzen von beschränkter Reichweite sind. So hat der Busfahrer vor allem Strassen und Verkehr vor sich und hat gelegentlich mit Passagieren zu tun. Er erfüllt seine Aufgabe, wenn er sein Fahrzeug um- und vorsichtig lenkt. Ein Stadtplaner, der ebenfalls mit Strassen und Verkehr zu tun hat, muss wesentlich mehr Gesichtspunkte in seine Konzepte einbringen können. Sie sind auf Jahre hinaus von wesentlich grösserer Reichweite. Wenn sich sein Horizont auf Le Corbusier beschränkt, sind die Folgen für seine Stadtentwicklung fatal. Die Restriktionen im Rahmen von Corona tragen die Handschrift von Experten mit einer mikroskopisch-mikrobiologischen Sicht auf die Welt. Wenn sich die Weltsicht des Pädagogen auf Schulzimmer, Stundenplan und Kinder als dominante unmittelbare Erfahrung beschränkt, dann sind die Folgen ebenso fatal. Denn die Reichweite der Pädagogik erstreckt sich nicht nur auf die aktuelle Bewältigung von Unterrichtssituationen, sondern auf die Entwicklung des Potentials von Individuen für ein ganzes Leben. Der «Zwang», sich mit organisatorischen, allenfalls gar mit den finanziellen Belangen einer Schule mit allen dazugehörenden Interaktionen beschäftigen zu müssen, die Notwendigkeit, auch Verantwortung für eine Schule übernehmen zu müssen, eröffnet ganz andere Er-fahrungshorizonte und macht aus einer pädagogischen Fachperson einen lebenserfahrenen Menschen. Bewusst oder unbewusst werden diese Erfahrungen und die durch sie bewirkte Persönlichkeit auf die Pädagogik ein. Deshalb ist die Diskussion, ob nach der Corona-Pause mit Halbklassen oder anderswie wieder eingestiegen wird, müssig. Relevant ist vielmehr, ob es Wiedereinstiegsszenarien sind, die von den Lehrerinnen und Lehrern massgeblich mitgestaltet worden sind oder ob es Verfahren sind, die von Bildungsstäben ausgebrütet und von Bildungsdirektionen verordnet wurden.

Sollten diese Ausführungen etwas zu antigouvernemental oder anarchosynikalistisch wirken, dann vielleicht noch dies:

Im Verlauf der Corona-Krise hat sich gezeigt, dass die Melinda & Bill Gates-Stiftung weltweit erheblichen Einfluss auf das Denken der Gesundheitsbehörden, insbesondere auch der WHO ausübt. Johannes Mosmann schreibt in einem Aufsatz (https://www.dreigliederung.de/essays/2020-05-johannes-mosmann-corona-virus-menschheit-am-scheideweg) dazu unter anderem:

«Bill Gates, der gleich an 7 Firmen zur Herstellung von Corona-Impfstoffen beteiligt ist, verkündet im ARD-Interview: „Wir werden den zu entwickelnden Impfstoff letztendlich 7 Milliarden Menschen verabreichen“. Das ist nahezu die gesamte Weltbevölkerung. Und Gates sagt nicht etwa „wir planen“, oder „wir wollen“, sondern eben „wir werden“. Der ARD-Korrespondent wird angesichts dieser Gewissheit nicht stutzig. Er fragt auch nicht nach, wie man ohne Impfzwang 7 Milliarden Menschen durchimpfen könne. Vielleicht ahnt er die Antwort. Denn einen zweiten Lock-Down wird die Weltwirtschaft nicht überleben. Auch ist es eher unwahrscheinlich, dass die Verantwortlichen ihre Corona-Verordnungen rückblickend verurteilen werden. Derartig tiefgreifende Einschnitte in das Leben der Bürger im Nachhinein als unbegründet zu erklären und hierfür die Verantwortung zu übernehmen, ist nahezu unmöglich. Somit bleibt nur die Flucht nach vorne: Das Robert Koch Institut wird sich Stück für Stück die Fakten zu eigen machen, auf welche die Kritiker im Vorfeld hinwiesen, diese aber teilweise als „neue Erkenntnisse“, teilweise als Beweis für die Wirksamkeit der Maßnahmen darstellen. Das heißt aber: wenn der demnach unvermeidliche Lock-Down in Zukunft doch vermieden werden soll, muss jeder Bill Gates' Impfstoff schlucken. Nicht die Apologeten der Angst gefährden dann nach dieser Logik die Wirtschaft, sondern diejenigen, die das Virus sachlicher sehen und übertriebene Reaktionen hinterfragen. Deshalb wird es vielleicht auch gar nicht nötig sein, die Impfung gesetzlich vorzuschreiben – es reicht, wenn Unternehmen diese aus Angst vor einem Lock-Down von ihren Mitarbeitern fordern.»

Zurück zu Flickenteppich und Schule: Was hier «Impfstoff» genannt worden ist, kann man durch «Unterrichtseinheiten» ersetzen. Was bereits an audio-visuellem Material existiert, ist bestechend. Was Lehrer früher kunstvoll oder unbeholfen an die Wandtafel gezeichnet hatten, lässt sich heute mühelos projizieren. Ganze Curricula lassen sich zusammenstellen. Schüler können die Inhalte reinziehen, ohne dass es noch einen Lehrer bräuchte. Dieser wird zum Coach, Problemöser und Aufgabenhilfe. Für die technisch exzellenten Präsentationen reichen die Budgets eidgenössischer Lehrmittelverlage längst nicht mehr. So wie es im Gesundheitsbereich die Gates-Stiftung gibt, wird es im Bildungsbereich entsprechende weltweit tätige Ausbildungsstiftungen geben (oder es gibt sie bereits), die eine Mission bildungspolitischen Fortschritts für das Glück der ganzen Menschheit formulieren und umsetzen. Wer Bildung lediglich als Frage didaktisch gut gemachter Vermittlung von Inhalten versteht, muss hier mitmachen. Wer Bildung hingegen als Entwicklungsprozess, als den Entfaltungsprozess eines Individuums versteht, wird die Aufgabe des Lehrers und der Lehrerin sehr hoch und die Rolle der Inhalte etwas zurückhaltender einschätzen.

Leider gibt es gerade in der Sozialdemokratie starke Strömungen, die, geblendet vom Grundsatz der Bildungsgerechtigkeit, die Lehrperson tendenziell als Störfaktor des Bildungsprozesses sieht. Störfaktor, weil die Lehrperson subjektiv ist und Sympathien und Antipathien hegt, was die Benachteiligten weiter benachteiligt und die schon Privilegierten weiter unterstützt.

In einem Denknetz-Aufsatz («Wie könnte eine linke Bildungspolitik aussehen?») schreibt Fitzgerald Crain: «Konsequenterweise forderte die SP in ihren Bildungsthesen von 2001 und 2008 nationale Bildungsstandards und geeignete Messinstrumente, um das Erreichen dieser Standards zu überprüfen. Die SP unterstützt den Lehrplan 21, da es gerecht ist, wenn alle SchülerInnen nach dem gleichen Lehrplan unterrichtet werden. Von daher sind standardisierte Leistungstests – wie die im Bildungsraum Nordwestschweiz angewandten „Checks“ – gerecht, da sie der oft subjektiv gefärbten Bewertung durch die Lehrpersonen eine objektive Leistungsbeurteilung entgegensetzen. Denn es ist ungerecht, wenn Kinder für gleiche Leistungen in unterschiedlichen Klassen und Schulen von unterschiedlichen Lehrpersonen unterschiedlich bewertet werden. Standardisierte Tests werden auch mit dem Argument der individuellen Förderung begründet. Tests sollen, so heisst es, der individuellen Standortbestimmung der SchülerInnen dienen. Sie geben ihnen, den Eltern und den Lehrpersonen Hinweise auf jene Leistungsbereiche, in denen die SchülerInnen besonders unterstützt oder gefördert werden sollen. Da die Tests der individuellen Förderung dienen, ist es gerecht, wenn sämtliche Kinder erfasst werden.»

Der Autor kritisiert unter anderem:
«Bestraft werden Lehrpersonen, die mit schwachen, erziehungsschwierigen Kindern aus sozial benachteiligten Familien und mit Kindern mit einer Behinderung arbeiten.
Angst und Verunsicherung bei den Lehrpersonen und damit Anpassung und Unterwerfung unter autoritäre Strukturen, wie sie in der US-amerikanischen Wirtschaft verbreitet sind, sind die Folge.»

Retten wir also die Flickenteppiche. Ich freue mich, in Frauenfeld zu leben, wo Lehrerinnen und Lehrer in jedem Schulhaus am eigenen Vorgehen arbeiten. Denn fatal wird es, wenn sich schweizweit, europaweit oder weltweit ein einziges Teppichwebmuster durchsetzt, zu dem auch die schweizerische Bildungsdirektorenkonferenz kein Wort mehr zu sagen hat. Sie muss auch nicht. Ebensowenig wie die Gesundheitsdirektoren Impfpflicht anzuordnen hätten. Die Kommunikation der Glück verbreitenden Stiftungen ist so gekonnt, dass sich die Entwicklungen wie von selbst ergeben: Sehr utopisch ist diese Vision nicht.