Korrekte Information zu Unsinn verarbeiten

Dieses Thema gehört zum Problemkreis 3 in Teil 2 von "Solidarwirtschaft": Kapitalbildung und Finanzinstitutionen

Daniel Vasella, Symbolfigur der Abzockerdebatte und Thomas Minder, zorniger Kleinunternehmer und Feind der Abzockerei im gleichen Boot? Den Vergleich der beiden stellt Daniel Gerny in der NZZ an: beide seien Abzocker, der eine mit seiner Honorierung, der andere mit teuren Mundpflegeprodukten. Nur: Als Konsument kann ich ein billigeres Produkt wählen, als Novartis-Aktionär habe ich keinerlei Einfluss auf die Honorierung des Verwaltungsratspräsidenten. (Zudem unterscheiden sich die Grössenordnungen auch noch ein wenig.) Eine andere Irreführung bewerkstelligt Gerhard Schwarz, vormals NZZ Wirtschaftschefredaktor und heute Direktor von Avenir Suisse. In der NZZ vom 226. 1. 2013 stellt er Staatsverschuldungen dar. Er wandelt auf den Pfaden des ständig nach Skandalen Ausschau haltenden Weltwochejournalisten Urs Paul Engeler, der vor ein paar Jahren die Hiobsbotschaft verbreitete, die AHV hätte 1000 Milliarden Schulden. Ähnliches berichtet nun auch Gerhard Schwarz. Er schreibt über „implizite Staatsschulden". Er meint damit u.a. „die Verpflichtungen für die Zukunft, die die Staaten eingehen, für die sie aber keine Rückstellungen machen. Zu denken ist an Renten- oder Pensionszusagen ... „ So kommt er für die Schweiz auf eine Verschuldung in der Grössenordnung von 150% des BIP, was Engelers Zahl annähernd entspricht. Auf solche Zahlen kommt man, wenn man so tut, wie wenn die AHV für die zukünftigen Renten entsprechendes Deckungskapital bzw. Rückstellungen in der Bilanz bilden müsste. Sowohl Engeler wie Schwarz ignorieren das Konzept des Umlageverfahrens:

Die AHV hat ja nicht nur Verpflichtungen in der Zukunft, sondern ebenso Guthaben (aus Lohnbeiträgen und Mehrwertsteuer). Keinem Finanzverantwortlichen einer Unternehmung würde es in den Sinnkommen, bei seiner Budgetierung nur an die Ausgaben, nicht aber an die Einnahmen zu denken. Mag sein, dass es sich in aneren Ländern anders verhält. Schwarz nimmt allerdings keine Differenzierungen vor. - Man kann ja vielerlei Berechnungen anstellen, um die Öffentlichkeit zu erschrecken. Nicht alle sind sinnvoll.

Begriffe:

  • Avenir Suisse: sogenanter Think Tank. Produziert Studien und Ideen aus der Perspektive einer fundamental-liberalen, kapitalistischen Marktwirtschaft.
  • Rückstellungen: buchhalterischer Begriff. Wenn bekannt oder wahrscheinlich ist, dass in Zukunft Zahlungen zu leisten sind, dann müssen diese bereits heute als Rückstellungen bzw. Verpflichtung in der Bilanz sichtbar gemacht werden.
  • BIP: Bruttoinlandprodukt, Wert aller Endprodukte und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft in einem Jahr (Schweiz gegen 400 Milliarden Franken).
  • Deckungskapital: Für das Rentenversprechen einer Lebensversicherung muss ein Deckungskapital vorhanden sein, das die Rentenzahlung während einer statistisch wahrscheinlichen Anzahl von Jahren ermöglicht. (Die sogenannte 2. Säule der schweizerischen Altersvorsorge funktioniert mit dem Prinzip des Deckungskapitals)
  • Umlageverfahren: Die Auszahlungen (Renten) der ersten Säule der schweizerischen Altersvorsorge, der AHV erfolgen mehr oder weniger direkt aus den Zahlungseingängen der arbeitenden Generation und Mitteln aus der Mehrwertsteuer.