Corona – die Urteilsbildung

Wie würde man einen Lehrer einschätzen, der von Schüleraufsätzen jeweils nur den ersten Abschnitt liest oder bei Mathematikproben nur die dritte Aufgabe prüft, um dann doch die ganzen Arbeiten zu beurteilen und zu benoten? Hersteller von Pflanzenschutzmitteln werden kritisiert, weil sie Wirkungen nur sehr parti-kulär ansehen und beurteilen und Kollateralschäden ausseracht lassen. Ökologisch-ganzheitliche Betrachtungsweisen werden gefordert. Mit ähnlichen Vorbehalten werden Schulmediziner konfrontiert. Die Medizin solle sich an einem ganzheitlichen Menschenbild orientieren.

Eigentlich ist die Feststellung plausibel: Zu angemessenen Erkenntnissen kommen, beziehungsweise urteilen, kann man nur, wenn man das ganze Phänomen vor sich hat und betrachten kann.

Dies gilt jedenfalls dann, wenn es um Erkenntnis geht. Wenn es darum geht, sich vor möglichen Schäden eines aufziehenden Unwetters zu schützen, kann man selbstverständlich nicht zuwarten, bis das Unwetter vorbeigezogen ist. Hier gilt das Vorsichtsprinzip. Über das Ausmass der Vorsichtsmassnahmen lässt sich streiten.

Interessant an den Corona-Debatten ist, dass sie fast immer im Urteils- und Erkenntnisbereich stattfinden, nicht im Bereich der getroffenen Massnahmen. Für einen der Kritik-Meinungsführer, den Arzt Wolfgang Wodarg, war am 13. März, als die Epidemie bei uns noch kaum eingesetzt hatte, klar, dass es sich bei Corona (Covid19) um ein Virus handelt, das der Gefährlichkeit der jährlichen Grippeviren gleicht. Am 22. März knüpfte Kai Ehlers, ein geschätzter, kritischer Journalist an Wodarg an und schrieb: «All des ungeachtet wird von den Initiatoren der gegenwärtigen Quarantäne die Ausbreitung des aktuellen Corona-Virus zu schwindelerregenden Bedrohungsziffern hochgerechnet und mit tatsächlichen Pandemien aus der Geschichte, wie der Spanischen Grippe zwischen 1914 und 1918, in Zusammenhang gebracht.» Und am 2. April schrieb ein von mir sehr geschätzter Freund und konsequenter Denker: «Als Epidemie ist Corona aber offensichtlich nicht das, was man einmal erwartet hat – und wofür man frühzeitige und kräftige Massnahmen ergriff.» Exakt in diesem Moment begann die Todesfallkurve die Bandbreite der zu dieser Jahreszeit erwartbaren Todesfälle deutlich zu übersteigen.

Es gehört zu den Phänomenen dieser Pandemie, dass Menschen mit gutem Urteilsvermögen den Eindruck haben, sie seien aufgrund der partiellen Wahrnehmung nur eines Teils des Epidemieverlaufs urteilsfähig – so wie der Lehrer, der nur den ersten Abschnitt des Aufsatzes liest und dann eine Note vergibt.

Das Fällen von Urteilen aufgrund partieller Erkenntnis prägt unseren Alltag. Es geht nicht anders. Wer über eine Strasse gehen will, auf der ein Auto heranrast, geht gescheiter keine Experimente ein, nur um die Annahme bewiesen zu haben, dass der Autofahrer nicht mehr bremsen kann.

Aber weshalb wirkt da, wo kein Handlungsdruck besteht (weil wir ja alle gewissermassen weggesperrt und zur Untätigkeit verdammt sind) nicht mehr Erkenntnisgelassenheit? Es besteht nämlich nicht nur ein Druck, nicht nur über das nur partiell Wahrgenommene zu urteilen. Es sollen darüber hinaus gleich noch Aussagen über verborgene Hintergründe gemacht werden. Denn: Nichts ist, wie es scheint. Mindestens Donald Trump ist sicher, dass das Corona-Virus von den Chinesen ausgeheckt worden ist. Wirkt das als Einladung, über alternative Hintergründe zu spekulieren?

Wenn diesem Epidemieprozess, der sich im Grenzbereich von Naturgeschehen und gesellschaftlichen Prozessen abspielt, ein Zweck zugeschrieben werden sollte, dann vielleicht der, die Urteilsfähigkeit von intelligenten Menschen zu verwirren.

Weitere Überlegungen zur Corona-Epidemie in Tagebuchform finden sich in diesem PDF