Die Illegalität von Kartellen — Kehrseite der Marktideologie

Involviert in den Kartell-Skandal sind nicht nur Bauunternehmer, sondern auch deren Verband und vermutlich auch staatliche Organe, die sich trotz eindeutigen Hinweisen sehr wenig für die Geschehnisse interessieren, stattdessen dafür besorgt sind, dass Quadroni mit roher Polizeigewalt in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wird.

Politische Folgen (bevorstehende Regierungsratswahlen) sind inzwischen bereits sichtbar geworden.

Die Diskussion der Reportage auf der REPUBLIK-Website ist von inzwischen gewohnt hohem Niveau. Bekannte öffentliche Persönlichkeiten nehmen daran teil, ebenso die AutorInnen der Reportage.

Das Schicksal des Whistleblowers hat alle Leserinnen und Leser sehr berührt. Weniger im Vordergrund der Leserbeiträge stand der systemische Aspekt (Kooperation / Markt / Kartell). Diesen griff ich in einem Diskussionsbeitrag auf, der einige Zustimmung fand. Diese Voten finden sich im Anschluss an den folgenden Initial-Beitrag.

An dieser Stelle möchte ich dazu ermuntern, REPUBLIK zu abonnieren. Kostet zwar ähnlich wie ein Zeitungsabonnement. Und kostet vor allem auch Zeit, wenn man einen Grossteil der Beiträge lesen will. Die Frage eines Abonnements ist aber nicht nur eine Frage des persönlichen Nutzens, sondern diejenige der Unterstützung einer Medien-Initiative in einer Zeit, in der nur noch von Pressekonzentration und Mainstream-Medien die Rede ist.

 

Matthias Wiesmann
«Sind Kartelle die liberale Planwirtschaft, und ist der freie Markt letztlich eine Utopie?» [Fragestellung der RedaktorInnen] Selbstverständlich. Kartelle sind eine Begleiterscheinung der Marktwirtschaft, konsequenterweise gehören dazu auch Kartellbehörden. Zwar gibt es heute noch kaum jemanden, der an das Marktmodell, wie es in der Volkswirtschaftsvorleseung propagiert wurde, glaubt — an dieses Ideenprodukt, das das grösste Wohl aller herbeiführen soll. Trotzdem kann die Markt-unkritische (wie das Beispiel zeigt: verdienstvolle) Skandalisierung von Kartellen immer wieder mit grossem Publikumsinteresse rechnen. Sind alle, die solche Skandale entsetzt zur Kenntnis nehmen, plötzlich glühende Protagonisten des reinen Marktes? Das Entsetzen gilt ( zu Recht) dem Filz. Das Mitleid (zu Recht) dem Whistleblower. Doch kaum jemand macht sich die Mühe, nach Alternativen zwischen der möglichst vollkommenen Konkurrenz und dem klandestinen Kartell zu suchen. Niemand fragt, weshalb es gerade im Baugewerbe in der Schweiz und weltweit trotz Wettbewerbshütern zu gewaltigen Unternehmenskonzentrationen gekommen ist. Kartell ist illegal. Fusionen sind es nicht. Sie sind die schlechtere Lösung, weil sie zunehmen Macht aufbauen. Kooperation liegt in der Natur der Wirtschaft generell. Nur schon, weil jede Unternehmung danach streben muss, Unsicherheit zu reduzieren. Wie wäre es denn mit einer wie auch immer gearteten regulierten (horizontalen) Kooperation? Wie wäre es, wenn man Kartelle erlauben würde, zum Beispiel mit der Verpflichtung, Kalkulationen offen zu legen? Wie wäre es, wenn nicht nur die Unternehmer, sondern auch die Kunden an den ominösen Sitzungen teilnähmen. Jeder Auftraggeber müsste die Berechtigung der Preise nachrechnen können. (Der tiefste Preis ist nicht zwingen der Berechtigste!) Was anspruchsvoll ist, ist hier etwas einfach formuliert. Man kann aber nicht bei der Skandalisierung und bei der Bestrafung von Wettbewerbsrecht-Verletzungen stehen bleiben, wenn man irgendwann einen Schritt weiterkommen will. Ja, der freie Markt ist und bleibt Utopie.

Evspi Siegfried-Giger
Herrn Wiesmann und (weiter oben) Henry Lüthi scheinen mir hier etwas Wichtiges zu monieren: Wir können ja täglich beobachten, wie ein ruinöser Preiskampf zu Monopolbildungen führt. Es müsste möglich sein, den Preiskampf so zu "dämpfen", dass z.B. auch längerfristig Löhne gezahlt werden können, von denen man am Ort, wo gearbeitet wird, auch leben und am sozialen Leben teilnehmen kann.
Was aber die Arbeit der Republik zeigt, ist nicht nur, wie Preise abgesprochen werden, sondern wie eine informelle Machtstruktur die formelle der gewählten MagistratInnen überlagert und leerlaufen lässt. Das ist und war immer schon gefährlich für die Demokratie, und es zeigt, wie wichtig unabhängige Medien sind, welche das Spiel der Omertà (des Schweigens aller, die mit solchen Strukturen verbandelt sind) nicht mitmachen.
Die Arbeit der Republik ist eben wirklich wichtig! Hoffentlich hat sie einen sehr langen Atem!

Matthias Wiesmann
Völlig einverstanden. Gerade weil die Recherche so vielschichtig ist (sein muss), hatte ich etwas Hemmungen, angesichts des persönlichen Dramas, den «kühlen» Systemaspekt herauszugreifen.
Vielleicht doch noch dies (sehr knapp gefasst): Verdeckte Strukturen, welche Republik aufdeckt, sind dort am wahrscheinlichsten, wo «unehrliche» offizielle Strukturen bestehen. Interessengegensätze, soziale Spannungen können nicht per Strukturen beseitigt werden (z.B. Markt), sie müssen möglichst offen ausgetragen werden (also statt Markt transparent arbeitende Assoziationen von Leistungserbringern und Abnehmern).

Gion-Mattias Durband (gehört zu den Journalisten, welche die Recherche durchgeführt haben)
Lieber Herr Wiesmann, Sie werfen hier eine sehr wichtige Frage auf. Liegt (auch) die Kooperation in der Natur der Wirtschaft (besser, der wirtschaftenden Menschen) – und ganz grundsätzlich in der Natur des Menschen? Ich persönlich meine – oder besser: hoffe – schon. Gleichzeitig geht die gängige Wirtschaftstheorie (nutzenmaximierender homo oeconomicus etc.) davon aus, dass eben die Konkurrenz der Akteure zum besten Ergebnis führt (die Frage der Erfolgsbemessung mal beiseite gelassen). Und ich teile auch Ihre Ansicht, dass – egal, ob sich die Wirtschaft dem Menschen annähert oder umgekehrt – Transparenz den besten Schutz gegen Auswüchse aller Art bildet.
Und zum Schluss: Nein, ich denke nicht, dass man dem persönlichen Drama von Adam Quadroni Unrecht tut, wenn man darob auch grundsätzliche Fragen in den Raum stellt. Im Gegenteil: Seine Geschichte verlangt meiner Meinung nach sogar danach, dass auch Grundsätzliches infrage gestellt wird – birgt es doch immer auch die Möglichkeit, dass sich das eine oder andere zum besseren wenden kann.
In diesem Sinne: Allerbesten Dank für Ihren Beitrag und einen schönen Sonntag wünsche ich! Beste Grüsse gmd

Lukas Zeller
Danke dass Sie diese Überlegung einbringen! Die Republik hat mit dieser Recherche grossartige Arbeit geleistet, aber ich finde den Systemaspekt enorm wichtig. Wo sind denn eigentlich genau die Grenzen zwischen angeprangertem „Filz“ und erwünschter lokaler „Community“-Bildung? Sicher in der Transparenz. Der Erfolg und auch die Effizienz eines jeden Vorhabens kommt von gut funktionerender Zusammenarbeit, die nicht direkt bepreist werden kann, aber natürlich stark davon abhängt, dass man einander kennt und z.B. weiss, wer was gut kann. Die Marktideologie fordert aber im Gegenteil nur gnadenlose Konkurrrenz nur über den Preis, macht aber klar die Gemeinschaft kaputt. Da muss man sich nicht zu sehr wundern, dass Selbsthilfe nicht offen und transparent geschieht, sondern halt ins Geheime verlegt wird, weil im Vordergrund die Charade vom gerechten freien Markt weiter gespielt werden muss. Dass solche geheimen Zirkel dann idealer Nährboden und Schutzschild für noch Übleres wie Machtmissbrauch und steigende Gier sind, zeigt die Republik gut auf. Mich dünkt aber, dass das offenbar bei den meisten Beteiligten fehlende Unrechtsbewusstsein genau daher kommt - weil die offizielle Lösung - der freie Markt - erst recht keine ist.

Heinz Gadient
Herzlichen Dank REPUBLIK! Wiederum absolut herausragender Journalismus. Grosser Dank auch an Adam Quadroni, der seinen "Aufrechten Gang" teuer bezahlt hat. Noch zur Frage nach dem Freien Markt - Angela Merkel hat einmal gesagt: "Wir dürfen die Märkte jetzt nicht beunruhigen." Nach diesem Satz muss man sich die Frage stellen - wer regiert hier eigentlich? Genau! Das ist in der Schweiz nicht anders als in Deutschland.

Anja Conzett (gehört zu den Journalisten, welche die Recherche durchgeführt haben)
Danke für Ihren Beitrag!
Ich persönlich glaube an den Freien Markt und seine Wichtigkeit für eine blühende Gesellschaft. Qualtität, Innovation und Kompetenz können nur vorangetrieben werden, wenn das beste Angebot gewinnt, der Waren- und Informationsaustausch gewährleistet ist. Allerdings bedarf es hier einer gehörigen Reform. Das Konzept von Too-Big-To-Fail ist inakzeptabel und ein Widerspruch zum Freien Markt.
Die selbsternannten liberalen Politiker der Schweiz fehlen jedoch leider gänzlich bei Diskussionen wie diesen.

Matthias Wiesmann
Ja, Frau Conzett, da haben Sie das richtige Wort verwendet: «glauben». Viel zu diesem Thema geschrieben hat der aus St. Gallen verjagte Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann. Einiges kürzer gefasst in meinem Buch «Solidarwirtschaft. Verantwortung als ökonomisches Prinzip». Es ist doch schon ein Widerspruch, etwas Soziales (Wirtschaft), etwas das lebt, einem Mechanismus (Markt) anzuvertrauen.

Heinz Gadient
Vielen Dank - habe eben ihr Buch bestellt.