Die Lückenpresse nicht die Lügenpresse ist das Problem

In der NZZ vom 19. Juli 2017 schreibt Thomas Fuster, Wirtschaftsredaktor, einen Artikel über Wachstum. Wirtschaftswachstum basiere auf einem Wachstum des Arbeitsvolumens und der Produktivität. Nebenbei bekommen „die Marktverzerrungen im staatlich protegierten Landwirtschaftsbereich“ ihr Fett ab. Diese hätten „hohe Kosten für nachgelagerte Binnensektoren wie den Tourismus oder die Nahrungsmittelindustrie zur Folge“. Schon hier könnte man Lücken orten. Denn hier allein die Landwirtschaft zu nennen, ist tendenziös. Denn die Kosten für Tourismus, Nahrungsmittelindustrie und vor allem die Haushalte in der Schweiz werden mindestens so sehr durch die Lohn- und Bodenpreise bestimmt. Auf eine NZZ-Analyse der Folgen der schweizerischen Bodenpreise auf die genannten Branchen beispielsweise warte ich schon lange. Wenn beispielsweise die Zeitschrift „mare“ am deutschen Kiosk € 9.50, in der Schweiz aber CHF 16.50 kostet, müsste wohl deutlich werden, dass auf den nachgelagerten Stufen anderes eine Rolle spielt, als die Kosten der „Urproduktion“. Während der Lebenskosten-Anteil für Ernährung seit Jahrzehnten abnimmt, nimmt der Anteil für Wohnen ständig zu. Derlei thematisiert die NZZ kaum einmal. Der Protektionismus soll der Spielverderber sein - basta.
Zurück zum Artikel, bevor ich mich in vermiedenen Themen verliere:

Eine Lücke sehe ich auf dieser NZZ-Seite vor allem andernorts, im Nebenbeitrag „Systemkritik ist ein Wohlstandsphänomen“. (Der Titel suggeriert, dass es kaum sachliche Gründe für Wohlstandskritik , hingegen sehr wohl subjektiven Anlass bei den Wohlstandsverwöhnten gebe.)
Zunächst wiederholt Fuster das von Gerhard Schwarz gerne vorgetragene „Argument“, es gehöre halt zur anthropologischen Grundausstattung des Menschen, sich ein besseres Leben zu wünschen. (Was will man da machen!) Es gibt zwar durchaus auch in der NZZ feuilletonistische Ecken, in denen in Frage gestellt wird, dass mehr Autos, mehr Handys und Pads, mehr Ferienflüge – also Ressourcen beanspruchender Konsum – zu einem besseren Leben führen. Die These der „anthropologischen Konstante“ wurde wiederholt kritisiert. Achselzuckendes Zurkenntnisnehmen ist jedenfalls wenig zukunftsträchtig.
Schliesslich versucht Fuster aber doch, einen kritischen Punkt anzusprechen. Hier ein ausführlicheres Zitat:
„Die Hauptkritik am Wachstum ist aber ökologischer Natur. So wird argumentiert, dass eine stetig expandierende Wirtschaft mit einem Raubbau an der Natur einhergehe und das «Raumschiff Erde» nur mit einer «stationären Ökonomie» zu retten sei. Niemand zieht in Zweifel, dass etwa Chinas Wachstum sehr hohe Umweltschäden zur Folge hat. Tatsache ist aber auch, dass in modernen Staaten wie der Schweiz seit den 1990er Jahren eine Entkopplung zwischen Wirtschaftsentwicklung und Energieverbrauch festzustellen ist und die Umweltqualität sich entsprechend verbessert hat. Der Grund sind technische Innovationen, die beispielsweise dafür verantwortlich sind, dass Autos heute weniger Schadstoffe ausstossen als früher. Umweltfreundliche Produkte begründen einen eigenen Markt –und stimulieren so das Wachstum.“
Man kann nicht annehmen, dass Fuster noch nie etwas von Rebound-Effekten gehört hat, zum Beispiel davon, dass die ökologischere Autotechnik (sofern sie selber und nicht nur der gefälschte Messoutput überhaupt ökologischer ist) durch mehr und schwerere Autos mehr als kompensiert wird. Und vor allem kann man nicht annehmen, dass es Fuster nicht völlig klar ist, dass der ökologische Fussabdruck der Schweiz bei weitem das Mass übersteigt, das für eine Schonung des Planeten angezeigt wäre. Sofern es tatsächlich so ist, dass sich Wirtschaftsentwicklung und Energieverbrauch (und generell Ressourcenverbrauch) entkoppeln, dann hat dies durchaus einiges mit China zu tun: Wenn wir Konsumgüter aus China importieren, dann fällt der Ressourcenverbrauch hauptsächlich in China an – und wir dürfen uns auf die Brust klopfen, weil wir statistisch gesehen immer sparsamer werden. Es ist also sehr irreführend, mit dem Finger auf China zu zeigen und so zu tun, wie wenn die Schweiz auf dem besten Weg in eine ökologische Zukunft wäre. Eben: Nicht Lügen-, sondern Lückenpresse.