Nachhaltigkeit jenseits der Nachhaltigkeit

Was in der Vermittlung von „Nachhaltigkeit" zu beachten ist

Gibt es eine Nachhaltigkeit jenseits der Nachhaltigkeit? Wenn man von der mit diesem Begriff verbundenen Intention ausgeht, eher nicht. „Nachhaltigkeit" erhebt einen umfassenden Anspruch. Und so eröffnen Nachhaltigkeitsreferate oder -aufsätze sehr oft mit der (umfassenden) Brundtland-Definition (Definition). Neben der ökologischen Dimension wird die soziale erwähnt. Das Referat hat – je nach Kontext, in welchem es stattfindet – implizit oder explizit das Ziel nachzuweisen, dass ökologisches Verhalten auch rational-ökonomisch im Sinne des Marktparadigmas, mithin also gewissermassen schmerzlos umzusetzen ist. Damit erübrigt sich, ausführlicher auf die ökonomische Dimension der Nachhaltigkeitsdefinition einzugehen. Auf der Strecke bleibt nur die soziale Dimension im weiteren, oft aber auch im engeren Sinn. Desgleichen bleiben makroökonomische Auswirkungen meist auf den Hinweis auf den Rebound-Effekt begrenzt. Weil die Betrachtung schwerpunktmässig betrieblich ist, spielt auch das Produkt selber, seine Verwendung und deren Auswirkungen keine Rolle. Aufgrund der unausgesprochenen Devise „besser als gar nichts", oder: „man muss ja irgendwo anfangen" kann die Betrachtung der Unternehmung sektoriell bleiben: dass in einer Unternehmung neben der vorbildlich ökologischen und sozialen Produktelinie andere bestehen bleiben, die Raubbau voraussetzen, bleibt unthematisiert, auch wenn die Unternehmung mit der ökosozialen Produktelinie massiv Imagewerbung betreibt.

Partikularsicht

Der Sinn von Referaten oder Aufsätzen, welche Möglichkeiten und Sinn ökologischer Verfahren aufzeigen, soll in keiner Weise in Frage gestellt werden. Es sprechen aber (mindestens) zwei Gründe dafür festzuhalten, dass solche Darstellungen unbedingt der Ergänzung bedürfen.

Immanente Widersprüchlichkeit

Von Widersprüchlichkeit ist nicht dann die Rede, wenn eine grössere Unternehmung erst einen Bereich „ökologisch durchgearbeitet" hat, sondern dann, wenn sie neben ihren ökologisch anerkennenswerten (und in der Regel gut kommunizierten) Nachhaltigkeitsbemühungen aktiv ein Angebot oder Verhalten pflegt, das mit Nachhaltigkeitsbemühungen im Widerspruch steht. Zum Beispiel:

  • Der für seine Bio- und Ökoprodukte bekannte Grossverteiler, der regelmässig im Sommer (Grillsaison) den Fleisch- und Grillgeräteabsatz forciert, obwohl bekannt ist das Fleischkonsum unter mehreren Aspekten ökologisch sehr problematisch ist. Selbst die Bioprodukte im Grossverteiler können nur unter der Voraussetzung eines deutlich erhöhten Verpackungsaufwands (Warenflussseparierung) im Sortiment geführt werden. (In Bio-Läden ist dies nicht nötig.)
  • Die für ihre Wärmerückgewinnung gelobte Telekommunikationsfirma, die mit etwa dem folgenden Werbespruch für ihr Handy- und Abonnementangebot wirbt: „Schauen sie das Video schon an, während andere noch am Herunterladen sind." Jede Datenmenge in grösster Geschwindigkeit herunterladen zu können, setzt A. eine flächendeckende Aufrüstung mit energieintensiven Antennenanlagen und B. den Ersatz unzähliger noch gut funktionsfähiger Handys gegen solche neuerer Generation voraus.
  • Oeko-Zertifizierung führt nicht per se zu einer besseren Oekobilanz, denn jede Zertifizierung führt zu mehr Rigidität: Das etwas abgelegene Oeko-Hotel, das seine Küche als Bio-Knospe-Küche zertifizieren liess. Für diese Bio-Küche ist es ausgeschlossen, beispielsweise Obst aus benachbarten Hausgärten („ungespritzt") zu beispielsweise Apfelstrudel zu verarbeiten. Es muss zertifiziertes Obst antransportiert werden.
  • Bio-Zertifizierung der Landwirtschaft: die Kühe werden überdurchschnittlich oft (öfter als im konventionellen Bereich) mit aus Übersee importiertem Eiweiss (Soja) gefüttert, weil es hierzulande zu wenig entsprechenden Anbau gibt.
  • Nachhaltigkeitsratings von Unternehmen zeigen oft besonders deutlich partielle Sichtweisen. Sie sind insbesondere dadurch partiell, als sie die hergestellten Produkte bzw. deren Wirkung ausblenden. Eine Unternehmung, die Pflanzenschutzmittel produziert (allenfalls in Abstimmung mit gentechnologisch entwickelten Züchtungen) kann ohne weiteres eine ISO 14'000-Zertifizierung erlangen. Darauf basierende Sustainability-Ratings werden eine solche Unternehmung in ihre Posi­tiv-Liste aufnehmen.

Soziale und wirtschaftliche Dimensionen

Bereits diese Beispiele immanenter Widersprüchlichkeit sind eine Aufforderung, Nachhaltigkeit (nur schon in ihrer Reduktion auf ökologische Aspekte), integral und integriert zu betrachten. Mit einem ganz anderen Beispiel illustriert: auch ein grosser Teppich architektonisch und ökologisch vorbildlicher Einfamilienhäuser ergeben einen „Siedlungsbrei" (Benedikt Loderer), der letztlich Landschaft-zerstörend wirkt.
Während eine Unternehmung in ökologischen Belangen relativ autonom entscheiden und Schritte tun kann, ist sie in sozialen Belangen zwangsläufig mit der Gemeinschaft verflochten und weniger handlungsfähig. Dies führt dazu, dass die soziale Dimension des (auf die Unternehmung reduzierten) Nachhaltigkeitsbegriffs oft auf Arbeitnehmeraspekte reduziert werden: Lohnsystem, Gleichstellung von Frauen. Es ist nicht erstaunlich, dass Banken in diesem Punkt in Sustainability-Ratings regelmässig positiv beurteilt werden. Das Verhalten der Bank als Beteiligte an Rohstoffspekulationen u.ä. steht ja nicht zur Debatte.
Mit der sozialen Dimension gelangen wir unweigerlich von der unternehmerischen zur volkswirtschaftlichen Perspektive, was hier nicht im Detail auszuführen ist. Stichworte dazu sind etwa Markt- und Kooperationsverhalten, Wachstum, Kapital.

Entwicklungsaspekte

Was ich hier mit „Entwicklungsaspekt" meine, ist didaktisch vielleicht am wichtigsten: aus welcher Situation heraus (mit welchen Randbedingungen und persönlichen Initiativen und mit welchen Intentionen) haben sich ökologische Initiativen in Unternehmen entwickelt und wie waren die Beteiligten involviert?

Dies zu wissen ist vor allem wichtig, wenn Beispiele ökologischer Unternehmensführung (ich verwende das Attribut „nachhaltig" hier bewusst nicht) motivierend für das Handeln wirken sollen. Wenn ein junger Mensch reich werden will, dann nützen ihm leuchtende Porträts von Milliardären mit Tellerwäschervergangenheit nicht viel. Er möchte wissen: wie überwindet man in einem bestimmten wirtschaftlichen und sozialen Kontext die Tellerwäscherexistenz.
Trotz relativ grosser Akzeptanz ökologischer Anliegen braucht es auch Wissen um Widerstände und die Situation, in welchen solche entstehen. Wenn der Küchenchef Widerstand gegen die Umstellung auf Bioprodukte leistet, dann ist dies vielleicht nicht nur eine Einstellungs-, sondern mehr noch eine Gewohnheits- und Kompetenzsache: Er kann sich nicht darein schicken, ohne die zahlreichen Convenience-Produkte, die im konventionellen Bereich angeboten, im Bio-Bereich aber nicht existent sind, auskommen zu müssen. Viele der oft zitierten Pionierbeispiele wurden realisiert, nicht weil die ökonomische Kalkulation dafür sprach, sondern weil mit enorm viel Überzeugung Widerstände überwunden werden konnten. Die „Öko-Rente" war nicht mit Sicherheit vorauszusehen und hinkte bestenfalls hinterher. Genau an dieser Stelle – oder erst hier – ist der Begriff „Verantwortung" zu verwenden. Ökologisches Handeln aufgrund von ökonomisch-rationalem Kalkül wäre demgegenüber als betriebswirtschaftliche Pflicht zu bezeichnen.