Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Meine akademische Zeit schloss ich Mitte der 1980er Jahre mit einem berufssoziologischen Forschungsprojekt im Nationalen Forschungsprogramm Education et vie active ab. Diese Arbeit zusammen mit Antonio Bettinaglio war deshalb sehr befriedigend, weil das Konzept, mit dem wir arbeiteten, einen Brückenschlag zwischen Soziologie und Individuum ermöglichte. Teilweise auf der Grundlage dieser Arbeit folgten Expertenarbeiten im Auftrag der Erziehungsdirektion des Kantons Basel Landschaft (Ziele im Erziehungswesen), den eidgenössischen Wissenschaftsrat (Weiterbildung von Hochschulabsolventen) und die Erziehungsdirektion der Kantons Bern (Evaluation der Lehrerbildung). - Parallel dazu arbeitete ich als Chauffeur, Magaziner, Einkäufer / Verläufer in unserem eben gegründeten Bio-Grosshandel Bio-Frischdienst Horai

Die Überschrift "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm" ist unserem Beitrag im abgebildeten Sammelband "Zwischen Qual und Qualifikation" entnommen. Weiter heisst präzisiert der Untertitel des Beitrags: "Beruf und Berufswahl aus soziologischer Sicht".

Etwas erhellend mögen die folgenden Eingangssätze des Beitrags sein:

„Beruf als Kaste zu bezeichnen ist naheliegend – mindestens in historischer Beziehung. Mit Kaste meinen wir die Unausweichlichkeit des Hineingeborenseins. In gemilderter Form gibt es diese Unausweichlichkeit heute noch. Wir kommen darauf zurück.“ Weiter hinten wird die „Unausweichlichkeit“ erläutert:

„Aus entwicklungspsychologischer Sicht befindet sich der Jugendliche bezüglich seiner Rollenidentität und mithin der Autonomie seines Handelns während der Zeit der Berufswahl in einer Übergangsphase. Kinder und Jugendliche verfügen in der Regel in dieser Entwicklungsphase noch kaum über die für eine rationale und freie Berufswahl notwendige Kompetenz (Flexibilität, Selbstsicherheit, Eigenständigkeit, Stabilität). Vielmehr sind sie in ihrer Identität in eine soziale Situation eingebettet und erleben sich als Träger einer bestimmten Rolle, von der sie sich weder distanzieren können noch müssen. Die Rolle als Familienmitglied dominiert. Die meisten Jugendlichen befinden sich – aus einer vereinfachten, entwicklungspsychologischen Warte gesehen – im Übergang von der Rollen- zur lch-ldentität.

Das illustrierende Bindeglied von der entwicklungspsychologischen Situation zur Berufswahlsituation mag in der Umformulierung der Berufswahlfrage gefunden werden. Aus den dargelegten Gründen lautet sie (noch) nicht: «Welches ist der Beruf, den ich ergreifen möchte», sondern: «Welcher Beruf passt zu meiner Rollen-ldentität?» Formuliert wird sie in dieser Form natürlich nicht vom Jugendlichen. Wo (noch) kein relativ autonomes Ich handeln kann, «handeln» an seiner Stelle de facto Konventionen und traditionale Bindungen und Autoritäten ... oder zusammenfassend ausgedrückt: das soziale Milieu."