Aspekt 3: Landschaftsqualitätsbeiträge (LQB)

Vor sehr vielen Jahren phantasierte ich einmal, dass sich vielleicht einmal Menschen entwickeln würden, die Rechtsverhältnisse wahrnehmen könnten – so wie man Farben oder Töne wahrnimmt. Die Evolution steht ja nicht still. Ich dachte zunächst an den öffentlich-rechtlichen Bereich: alles was durch Gesetze und Verordnungen festgelegt oder auch was öffentlich verurkundet ist, also zum Beispiel ein Wegrecht oder ein Naturschutzgebiet. Solche Menschen würden den Weg sehen, der über ein Grundstück führt, und gleichzeitig gewissermassen darüberliegend ein feines Konstrukt als Information, welche Pflicht der Grundstückeigentümer eingegangen ist.

Weshalb erwähne ich das an der Stelle, wo es immer noch um Landschaft geht?

Wenn wir von unserer Freude an der Natur sprechen, dann meinen wir nicht ein Zuckerrüben- oder Maisfeld, auf welchem gleich aussehende Pflanzen in endlosen Reihen und immer exakt gleichen Abständen immense Ebenen bedecken oder Wasserläufe, die sich wie Kanäle mit graden, befestigten Ufern träge dahinziehen. Wir denken eher an Vielfalt und Wildheit, an Abwechslung, an Orte, wo Unwetter zu Zerstörung und Zerfall führen. Oder kurz ausgedrückt: wir meinen das Ursprüngliche. Genauso in Städten und Dörfern. Hier interessieren nicht die Agglo-Überbauungen mit ihrem „Siedlungsbrei“ (Benedikt Loderer) oder die epochenweise immer gleichen Mehrfamilienhäuser, die sich an die eintönigen Stilvorgaben des jeweiligen Jahrzehnts halten. Sondern wir suchen auch hier das Ursprüngliche, den Dorfkern oder die Altstadt mit ihren manchmal jahrhundertealten Gebäuden. Besonders ursprünglich erscheinen uns diese gesuchten Orte in ärmeren Ländern, wo die Ursprünglichkeit angesichts von Merkmalen des Zerfalls besonders pittoresk in Erscheinung tritt.

Bild 20 LatteriaWenn wir in unserem eigenen Land das Ursprüngliche dank Wandertipps in der Tageszeitung oder dank Werbung gefunden haben, dann können wir sicher sein: Die reizvolle Landschaft oder die pittoreske Siedlung verdankt ihre Ursprünglichkeit allein dem Schutz durch irgend ein Gesetz. Doch Schutz allein reicht nicht. Unsere Gesellschaft kann es sich leisten, das Geschützte auch noch etwas aufzumotzen. Dafür verfügen die jeweiligen Fachstellen des Denkmalschutzes, der Naturschutzes usw. über gut ausgestattete Budgets. «Ursprüngliche Ursprünglichkeit» gibt es nicht mehr.

Diese Feststellung braucht uns die Freude an der Ursprünglichkeit mit oder ohne Anführungszeichen nicht zu verderben. Wir sind ja zum Glück nicht Menschen meiner Imagination, die für Rechtsverhältnisse einen Sinn entwickelt haben und für die sich die Unzahl von Schutzvorschriften wie Spinnweben vor die Schönheit des gut erhaltenen Feuchtgebiets, des kaum merklich renaturierten Wasserlaufs oder des perfekt restaurierten Kreuzgangs legen.
Dass die Ämter für Kultur oder die Ämter für Umwelt und Naturschutz nach Kräften für Ursprünglichkeit sorgen, war mir einigermassen geläufig. Dass die Ämter für Landwirtschaft ebenfalls in diesem Facelifting-Wettbewerb mitmischen, ist für mich eine Neuentdeckung, obwohl Bemühungen in dieser Richtung im Nationalrat bereits vor zehn Jahren diskutiert worden sind. Wie die Ideen entstanden sind, wer sich dafür eingesetzt hat, wie die Diskussionen verliefen, werden Insider zu berichten wissen. Dagegen war sicher der Bauernverband. Der Kommissionssprecher beschrieb an der Nationalratssitzung vom 19. September 2012 die Absicht folgendermassen: «Mit den Landschaftsqualitätsbeiträgen soll die Vielfalt der Kulturlandschaften gefördert und dem Verlust der Landschaftsvielfalt entgegengewirkt werden. Es sollen in Zukunft auf regionale Initiative hin qualitative Landschaftsleistungen gezielt unterstützt werden.» Ein Hintergrund solcher Massnahmen – das sollte nicht vergessen werden – war das Verbot traditioneller Landwirtschaftsunterstützung infolge des WTO-Vertrags. Die schweizerische Politik (er)fand als Ausweg die Multifunktionalität der Landwirtschaft. Man spricht von gemeinwirtschaftlichen Leistungen und entrichtet für diesen Auftrag an die Landwirtschaft Beiträge für Kulturlandschaft, Versorgungssicherheit, Biodiversität, Produktionssystem, Ressourceneffizienz und nun eben Landschaftsqualität.
Die Ausgestaltung liegt bei den Kantonen beziehungsweise deren Landwirtschaftsämtern, die dafür ein System aufziehen mussten und zudem 20% an die Kosten zu bezahlen haben. Die im Beitrag zu Aspekt 2 dargestellte Geschichte mit den inkriminierten Unterständen für Schweine lässt die Frage entstehen, wie die verschiedenen Ämter, Amt für Raumentwicklung und Landwirtschaftsamt mit überschneidenden Bereichen und mit unterschiedlichen Lenkungsansätzen umgehen. Während das Landwirtschaftsgesetz mit Anreizen operiert und Beiträge bezahlt, spricht das Amt für Raumentwicklung ein Verbot aus. Die (erheblichen) Kosten der Anpassung hat hier der Landwirt selber zu tragen.
In einem Evaluationsbericht stellt das Bundesamts für Landwirtschaft 2017 u.a. fest:

Bild 19«Bei der Einführung wurde das Programm Landschaftsqualität stark kritisiert. Die Evaluation zeigt nun, dass die Kantone sowie die Landwirte und Landwirtinnen die Massnahme nach drei Jahren der Umsetzung gut akzeptiert haben. … Durchschnittlich drei Viertel aller Betriebe haben sich seit 2014 an Land-schaftsqualitätsprojekten beteiligt. Diese Leistungen werden mit jährlich ca. 142 Mio. CHF honoriert» (was bei der Akzeptanz eine Rolle gespielt haben dürfte).

Bild_21.jpgWie steht es tatsächlich mit der Motivation der Beteiligten (v.a. der Bauern)? Gemeinwirtschaftliche Leistungen, z.B. im Interesse der Biodiversität, gab es ja zuvor schon. So gab es für das Insekten-schonende «Ökoheu» die Auflage, dass dieses erst 15. Juni geschnitten werden darf. Wenn ich mit der Bäuerin des Hofs, wo wir wohnten, über das Ökoheu sprach, hatte ich immer den Eindruck eines «inner-lichen Nasenrümpfens» der zu sagen schien: ein Bürokraten-Ukas, aber man macht es halt, weil es dafür Geld gibt.

Schätzen es wenigstens Radfahrer, Langläufer oder Wanderer, wenn ihren Wegen entlang traditionelle Holzzäune stehen? Vermutlich fällt eher auf, wenn Metall«pfähle» und Kunststoffnetze (v.a. bei Schafweiden) den Weg begleiten. Insgesamt dürften die Massnahmen durchaus den Effekt haben, dass unterschwellig so etwas wie Ursprünglichkeit empfunden wird. Ursprünglichkeit durch Landschaftsqualitätsbeiträge? Sehr weit entfernt vom Konzept der Potemkinschen Dörfer ist das nicht.
Abschliessend eine Aufzählung der ersten sechs von 36 Elementen des Konzepts aus dem Projektbericht des Kantons Appenzell Innerrhoden in der Reihenfolge ihrer Priorisierung: Milchkühe auf Alp; Aufgeräumte Alp (Steine aufgelesen, Steinhaufen); Gepflegte Landschaft (Wiesen, Weiden); Garten bei Bauernhaus, allf. mit Holzlatten eingezäunt; Weidende Tiere; Aufgeräumt/Ordentlich (Unkraut, etc.). Interessant: das Element «Kühe mit Hörnern» figuriert auf dem zweitletzten Platz (von 36). Ob das für die Empfindung von Ursprünglichkeit tatsächlich keine grössere Rolle spielt?

Bild 22Wie es dem eingangs imaginierten Menschen mit der Fähigkeit, Rechtsverhältnisse wahrzunehmen, in dieser Landschaft mit ihren typischen Elementen wohl ginge? Er sähe das traditionellBild 23e Bild und darüber gebreitet wie ein Schleier das, was im «Landschaftsqualitätsprojekt» erdacht und geregelt wird. Das (wiederhergestellte) traditionelle Bild ist wohltuend, aber es macht auch deutlich, dass Landwirtschaft in der Schweiz neben der agrikulturellen immer mehr auch eine ästhetisch-kulturelle Funktion wahrnehmen soll. 

Bild 23 1Detail aus dem 90-seitigen Projekt-Konzep.

 

 

 

 

Bild 25Es ist mir aufgefallen, dass nur «Ergebnisse», nicht aber Prozesse honoriert werden. Dabei macht es für den Landschaftsbetrachter und vor allem -begeher einen erheblichen Unterschied, ob jemand seine kleineren Wiesenstücke mit der Sense oder dem benzingetriebenen Fadenmäher schneidet. Das wäre also der erste Vorschlag: Prämie für Schnitt mit Sense.

 

 

Bild 26Und wenn wir schon bei den Motoren sind: Kettensägen machen einen Höllenlärm. Biber erledigen das annähernd lautlos: Zweiter Prämienvorschlag Holzfällen durch Biber, reduziert auch die Unfallgefahr.

 

 

 

Bild 30Ebenfalls zum Thema Motorisierung: Zurück zum pferdegezogenen Pflug, besser noch ein Ochsengespann.

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Nachdem die Polarisierung von Stadt und Land verkündet worden ist, soll jeder Bauer belohnt werden, der der Stadtbevölkerung ländliche Motive näherbringt, wie hier auf der meist stark befahrenen Bahnhofstrasse in Frauenfeld. Die Autofahrer sollen warten. Aber wie wird der Hirte mit der Bahnlinie weiter unten umgehen?

 

Der LandsBild 29chaftsqualität wird sicher am besten Rechnung getragen, wenn auch für die Fortbewegung auf Motoren verzichtet wird. Dieser Schafhirt auf der Allmend in Frauenfeld macht's vor.

 

 

Bild_24.jpgBei uns werden die Wanderwege mit Kunstharzfarbe auf Bäumen markiert. Es gibt sicher nachhaltigere Methoden – wie zum Beispiel diese hier. Also Feigenkakteen pflanzen, wird LQB-honoriert.

 

 

 

Bild 27Wenn man schon die Siloballen ordentlich aufschichten soll, dann sollte man vielleicht auch das Wild dazu anhalten, sein Losung ordentlich zu deponieren. 

 

Landschaftsqualitätsbeiträge: wir schaffen das! Entweder mit Anreizen der Landwirtschaftsämter oder mit einer Anordnung des Amtes für Raumentwicklung.