Ästhetik per Reglementierung?

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Im letzten Beitrag war von einem «Objekt des Anstosses» die Rede, kaum sichtbar auf der grossen Wiese. Hier das Objekt nun aus der Nähe. Was hatte das Amt für Raumentwicklung zu beanstanden?
In der Zeitung wurde die Argumentation des Amtes folgendermassen zitiert:

 «Die Rundbogenzelte stünden teilweise in einer Landschaftsschutzzone und würden sich ‹nicht ausreichend in das empfindliche Landschaftsbild einfügen.› Störend seien insbesondere Form, Farbe und Material. Sie würden klar nicht dem Baustil von im Thurgau üblichen, taditionellen landwirtschaftlichen Bauten entsprechen.»

Bild 7Inwiefern hier Hässliches (Farbe, Material) moniert wird, was sonst toleriert wird, habe ich bereits mit den Bildern zu Siloballen und Folienabdeckung hinterfragt. Bleibt noch die Form. Wie könnte man sich einen Schweine-Unterstand im Stil «von im Thurgau üblichen, traditionellen landwirtschaftlichen Bauten» vorstellen? Etwa kleine Riegelhäuslein? Wer über Land wandert, sieht Hässliches zu Hauf. Die «traditionelle landwirtschaftliche Baute» ist längst nicht mehr Norm. Und was sich um die Bauernhäuser und Ökonomiegebäude herum sonst noch ansammelt, ist gelegentlich an Hässlichkeit nicht mehr zu überbieten. Hier lassen sich kaum Standards für Schweine-Tunnels ableiten.

 Bild 8Besiedelung als Landschaftsveränderung

Welche Möglichkeiten hat die Gesellschaft entwickelt, um die Landschaft vor dem Missbrauch des expansiven Handelns des Menschen zu schützen?

Frühere Siedlungen wurden oft sehr planmässig angelegt.

Nebenstehend ein Plan der Stadt Bern, wie sie noch bis ins 18. Jahrhundert bestanden hatte. Die Stadt entwickelte sich von unten (rechts) nach oben. Der Platz innerhalb der Befestigungen mittelalterlicher Städte war knapp. So blieb keine andere Möglichkeit, als eine Zuteilung von Parzellen (Hofstätten) mit festen Massen.

Dörfer in Rebbaugebieten wirken noch heute oft sehr dicht gebaut. Daneben gab es immer auch die Streusiedlungsweise (Appenzellerland, Bregenzerwald) und Strassendörfer. 

Bild 9Dieses Bild zeigt das Langdorf, früher ein selbständiges Dorf, heute ein Stadtteil von Frauenfeld. Die Siedlungsstruktur findet sich auch in anderen Dörfern der Region: Die Front mit dem Wohnteil ist der Strasse zugewandt. Daran schliesst der landwirtschaftliche oder gewerbliche Ökonomieteil an. Diese Bauweise erreicht eine relativ hohe Dichte.
Bild_10_1.jpgMitte des 19. Jahrhunderts wurde die Eisenbahnlinie quer durch dieses Dorf gelegt, was damals angesichts der geringen Frequenz der Züge und den Niveau-Übergängen über die Gleise nicht sehr einschneidend war. Heute gibt es keine Niveauübergänge mehr. Einige Strassen sind nicht mehr durchgehend.

 Die Industrialisierung (19. Jahrhundert) brauchte Menschen. Sie strömten in die Städte, wo z.B. in Berlin (nächstes Bild) dichteste Wohnüberbauungen erstellt wurden.

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Die Wohnverhältnisse in diesen Arbeitersiedlungen waren grässlich. Bis zu vierzig Partien (Familien) teilten sich eine Toilette irgendwo im Treppenhaus. Auch die Küchen mussten geteilt werden.

Derartige Wohnverhältnisse wurden u.a. von Kafka beschrieben. 

Raumplanung zur Eindämmung

Mit Bevölkerungsentwicklung und Wohlstand vor allem im 20. Jahrhundert wucherten die Siedlungen. Es brauchte viele Anläufe, um eine einigermassen effiziente Siedlungspolitik zu erreichen. Namentlich in bürgerlichen Kreisen wurde Raumplanung lange mit Freiheitsberaubung gleichgesetzt. Schliesslich setzte sich die Pflicht der Zonenplanung durch.

Bild 11Doch die «empfindlichen Landschaftsbilder» sind in der Regel auch die gesuchten Wohnlagen: man hat die weite Landschaft vor und unter sich – und wird auch von weit her gesehen. Die Beispiele schlechter Zonenplanung sind allerdings Legion. 

Beim Beispiel Uhwiesen, am nördlichen Rand des Kantons Zürich, kann man sich beispielsweise fragen: was bewegte die Planer dazu, die Bauzone bis zum Waldrand oberhalb des Rebberges auszudehnen.

Bild 12Für einzelne Bauten innerhalb der Siedlungen / Siedlungszonen sind die Baureglemente / Bauordnungen massgebend. Wenn man das Berliner Bild mit den verschachtelten Hinterhöfen betrachtet, wird der Sinn einer Bauordnung schnell plausibel: Eine einigermassen gesunde Lebensweise muss möglich sein, es braucht Licht und Luft. Sicherheit muss gewährleistet sein (Zufahrt für Feuerwehr und Polizei). Das sind Fragen des Schutzes, den der Staat gewährleisten muss. Doch ein grosser Irrtum entwickelte sich, als man glaubte, auch Ästhetik per Baureglement beeinflussen zu können, zum Beispiel, indem man nur Schrägdächer gestattet. So sind Bauordnungen heute Sammelsurien von Vorschriften mit unterschiedlichster Begründung – wobei der einzelnen Vorschrift nicht anzusehen ist, welches Motiv dahintersteckt. Wozu etwa dient die Vorschrift, dass Häuser einen Abstand von z.B. 50 cm zur Strasse einzuhalten hätten? Mit den üblichen Grünstreifen ist weder der Biodiversität noch dem Hauswart gedient. Ästhetik ist eine Frage der Urteilsbildung, für welche demokratische Abstimmungsprozesse keine adäquaten Instrumente sind.

Bauen ohne BauordnungBild 13

In Vorarlberg gibt es etwa ein Dutzend Gemeinden, die gänzlich auf Bauordnungen verzichten und Baugesuche individuell in einem Fachgremium beurteilen. Ich liess mich von Josef Mathys, dem langjährigen ehemaligen Bürgermeisters der Gemeinde Zwischenwasser (Nähe Feldkirch) durch die Gemeinde führen. Im Unterschied zu rechtlichen Normen, die nur vielleicht Schlimmstes verhindern, sicher aber Hervorragendes behindern können, sind individuelle Urteilsbildungsprozesse geeignet, ausgezeichnete Projekte möglich zu machen. Mathys erzählte mir von einem Projekt, das in der eingereichten Form nicht bewilligt wurde. Die Beratungen führten zu Veränderungen, sodass der Bauherr am Schluss feststellte, das weiter entwickelte Projekt sei nun deutlich besser, als das ursprünglich eingereichte. Worauf Mathys entgegnete, das sei eigentlich der Beratungsleistung der Gemeinde geschuldet. Der Antragsteller überwies daraufhin einen erheblichen Betrag an die Gemeinde – freiwillig.

Die Gemeinde Zwischenwasser liegt am östlichen Rand des Rheintals und erstreckt sich von gut 500 bis auf 2000 Meter ü.M., was zu teilweise schwierigen Voraussetzungen für das Bauen führt. Das hier abgebildete Schulhaus (oben) wurde ganz an die Strasse gerückt (kein Grünstreifen!), unter dem Platz im Vordergrund liegt die Turnhalle.

Bild 14Im Verlauf der ersten Jahre von Mathys' Amtszeit reichte das Architektenpaar Marte&Marte ein Baugesuch ein: ein Einfamilien-Wohnhaus (Beton), daneben ein Wohnturm aus Corten-Stahl. Das Bewilligungsgremium bewilligte nur das Wohnhaus und wagte es (noch) nicht, den ungewöhnlichen Wohnturm zu bewilligen. Die Familie wuchs, das Paar reichte erneut ein Baugesuch ein – für den Wohnturm. Nun wurde er bewilligt. Er wird «Mädle-Turm» genannt. (Besseres Bild siehe Link zu Website Marte & Marte) 

Diese Praxis der Baubewilligung macht auch ausserordentliche Architekturformen möglich, die sonst nicht einmal angedacht würden.

Ein Baureglement hat die Gemeinde Zwischenwasser zwar nicht, einige Grundsätze allerdings schon. Dazu gehört, dass sich die Architektur der Topografie des Geländes anzupassen hat und nicht das Gelände der Architektur. Genau dieser Grundsatz scheint in vielen Baureglementen zu fehlen. Davon zeugen die gewaltigen Wälle von (ortsfremden) Granitblöcken, die ebene Rasenflächen vor der Terrassentüre und einen problemlosen Parcours für den Mähroboter ermöglichen sollen.

Gemäss Digitalisierungsstudien gehören Baugesuche zu denjenigen Prozessen in der Verwaltung, die weitgehend digitalisiert werden könnten. Das ist gut vorstellbar. Denn die einzelnen Vorschriften des Reglements können in Online-Formularen mit Kästchen erfüllt/nicht erfüllt versehen werden. Der Architekt oder der Bauherr füllt das Formular aus und beantragt die gewünschten Ausnahmen. Damit würde sich ein weiterer Sozialprozess in die virtuelle Welt verabschieden.

Baubewilligung als Rechtsakt oder als sozialer Prozess

Die Variante Vorarlberg, wo übrigens sehr viele Gemeinden mit Fachbeiräten arbeiten, was sich in einem herausragenden Niveau architektonischer Qualität äussert, ist anspruchsvoller. Es handelt sich um einen sozialen Prozess, der der Urteilsbildung dient. Ästhetik ist hier eindeutig nicht Resultat eines Reglements, sondern dasjenige eines sozialen Prozesses.

Bild 15Ein sozialer Prozess wurde auch im Fall des eingangs geschilderten Schweine-Tunnels in Gang gesetzt. Es ist aber ganz sicher der schlechtere Ansatz, zuerst eine Verfügung zu erlassen, um sich dann aufgrund des sich manifestierenden Widerstands auf einen Prozess einzulassen. Immerhin fand dieser Vorgang schweizweit Beachtung, wie die Berichterstattung durch das Schweizer Fernsehen zeigt.

Ausblick auf Aspekt 3

Bild 16Dieser Holzpfahl links könnte Anwärter auf einen Landschaftsqualitätsbeitrag sein, den das kantonale Amt für Landwirtschaft entrichtet. Davon handelt Aspekt 3 dieser Reihe. Der Demeterbauer Alfred Schädeli schrieb mir dazu:

«Manchmal eilt die Wirklichkeit unserem Humor voraus! Tatsächlich werden in einigen Kantonen (z.B. Aargau) Landschaftsqualitätsbeiträge (LQB; hier lohnt es sich wirklich, eine Abkürzung zu verwenden) bezahlt, wenn die Siloballen mit einem Tarnnetz abgedeckt werden. Im Kanton AI reicht schon das ordentliche Stapeln, wobei höchstens drei Lagerstätten pro Hof als LQB-konform gelten.

Bei uns im Kanton Zürich kann man Beiträge abholen, wenn man der Strasse oder dem Veloweg entlang die Weidezäune mit Holzpfählen errichtet [siehe oben] und auf Plastik- und Metallpfähle verzichtet. Zugelassen ist jedes geeignete Holz, auch Vierkantprofile aus ungarischer Akazie.»

Die Potemkinschen Dörfer wurden meines Wissens damals aus russischem Holz gefertigt.