Schön oder hässlich?

20161118 DSC 8162Anschauungsmaterial zu dieser Auseinandersetzung lieferte das thurgauische Amt für Raumentwicklung im Jahr 2020. Auf einer auf drei Seiten von Wald umgebenen Wiese auf dem Seerücken hielt der Bewirtschafter des zur (staatlichen) Vollzugsanstalt Kalchrain gehörenden Hofs Freilandschweine. Ich kenne den Ort gut, weil ich dieser Wiese oft entlangwanderte und mich jedes Mal freute, dass die Schweine hier ihre Natur ausleben können. Auf drei Seiten ist die Wiese von Wald eingeschlossen (auf dem Bild schwach erkennbare Waldlichtung am rechten Rand des Bildes; auf das Bild klicken, um es zu vergrössern) Auf der vierten Seite ist sie offen zum Mittelland hin, das man von der Wiese aus allerdings nicht sieht, weil man dar-über hinweg zu den fernen Berner Alpen blickt. Umgekehrt kann man auch sagen: Einblick auf die Wiese hat man von nirgendwo her, ausser von Eiger, Mönch und Jungfrau. Dies ist wichtig festzuhalten, weil das Amt für Raumentwicklung später von empfindlicher Landschaft sprach.

Selbstverständlich brauchen diese Tiere einen Unterstand. Ohne einen solchen wäre wohl der Tierschutz eingeschritten. Mit diesem schritt nun halt das Amt für Raumentwicklung ein.

WieseObjekt des Anstosses ist das kleine Halbrund auf der rechten Bildhälfte, direkt unter dem Waldrand – gesehen vom Wanderweg aus.

Einer der Grundsätze jedes Verwaltungshandelns ist Verhältnismässigkeit. Deshalb sind die Einwände des Amtes mit anderen Beispielen zu vergleichen, die offensichtlich toleriert werden: Siloballen und Folienabdeckungen.

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Und schliesslich darf nicht fehlen, was viele Gemüter derzeit besonders erhitzt: Windräder.

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 Dieses Bild (Windturbinen) zeigt besonders deutlich, dass die Spannbreite dessen, was Menschen an Sympathie oder Antipathie mobilisieren können, enorm gross ist. Als ich auf einer Fahrt in Frankreich erstmals Windräder am fernen Horizont sah, kamen sie mir wie gemütliche Riesen aus dem Märchen vor, spontan sympathisch. Etwas später tauchten die ersten Leserbriefe vehement dagegen in Zeitungen auf, beispielsweise von Hans Christoph Binswanger. Heute sind sie Beispiele grösster Heuchelei: Leute, die aus einer Region mit Windkraftplanung mit dem Auto in die nächsten Städte pendeln und einen Lärmteppich hinter sich herziehen monieren den Lärm der Windräder. Oder sie entdecken sich selbst als Vogelschützer und geben vor, aus Vogelschutzgründen gegen Windkraft zu sein. Oder sie befürchten Einbussen für das Weltkulturerbe Reichenau, wenn von der Insel aus Windräder auf dem Seerücken zu sehen sein würden. Haben sie sich auch gegen die Bedeckung der Insel mit Gewächshäusern und Plastictunnels stark gemacht?

Fazit: schön und hässlich lassen sich nicht anhand «objektiver» Kriterien bestimmen. Besonders schwierig wird es, wenn Eigeninteressen in die Diskussion einfliessen.

Die nächste Folge trägt den Titel: Ästhetik per Reglementierung? und thematisiert Bauordnungen und die sogenannten Landschaftsqualitätsbeiträge in der Landwirtschaft.