Werkraum

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Kultur entwickelt sich dort weiter, wo sie ihr Subkulturdasein überwindet, also cross-cultural wird oder verschmilzt. Zum Beispiel im Werkraum Bregenzerwald, wo elegante Beinkleider von Vernissagegängern neben behaarte Beine aus Lederhosen zu stehen kommen.

Der "Werkraum Bregenzerwald" steht in Andelsbuch, einer ländlichen Gemeinde mit nicht einmal 2500 Einwohnern. Eine langgezogene, hohe Halle mit 700 m2 Ausstellungsfläche, durchsichtig, d.h. rundherum verglast. Er wurde von Peter Zumthor geplant.

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es im Brengenzerwald Ansätze einer Kultur gibt, die manches zusammenfügt, was andernorts in Subkulturen gespalten ist, berührungslos. Ein Bereich dieser Kultur ist eine herausragende Arhitektur, die sich seit den 90-er Jahren entwickelt hat. Sie hat sich mit Holzbautradition und Handwerk verbunden und zu einer eigentlichen Holzbaubewegung entwickelt. Während sich anderswo ein Stil-, Material- und Farbenwirrwarr ausbreitet, findet man in der ganzen Gegend kaum ein in jüngerer Zeit gebautes Haus, das man als stil- und geschmacklos bezeichnen möchte. Selten Avantgarde oder plastisch (wie etwa Caminadas Waldhaus), meist einfache Formen. Verwendung findet unbehandelte Weisstanne von einer der unzählichen Sägereien im Land. Auch Gewerbebauten, bei uns meist als Container aus Metallpanelen geformt, sind aus Holz gebaut. Eine wohltuende Folge davon: traditionelle Alt- und moderne Neubauten vertragen sich Dank der Einheitlichkeit des Materials ausgezeichnet.
„Werkraum" ist nicht nur ein Gebäude, sondern eine Art Philosophie mit einer starken sozialen Komponente und Kompetenz. Im Werkraum sind 80 Meisterbetriebe aus dem Bregenzerwald zusammengeschlossen. „Im Zentrum steht das Werk: immer ein Ganzes, Kopf und Hand, Vergangenheit und Zukunft, Herstellung und Gestaltung. So verfügt der Werkraum über gestalterische Kompetenz, Bildung und Selbstbildung. Die Begegnung mit professionellen Gestaltern – Architekten, Designern, Künstlern – geschieht auf Augenhöhe. Mit dem Wettbewerb „Handwerk+Form" wurde dafür in zwei Jahrzehnten ein einzigartiges Instrument geschaffen." (Website www.werkraum.at)   

Schon bevor das Zumthor-Gebäude im Sommer 2013 eröffnet wurde, organisierten der Verein Werkraum Wettbewerbe und Ausstellungen im Rhythmus einer Triennale. Holz dominiert. Aber man findet auch Arbeiten in Textil und Metall,

 
Warum?

Dies war die Frage, die von der Reisegruppe immer wieder gestellt worden ist - warum gibt es hier diese handwrkliche und soziale Kultur, die sich bei uns doch ebensogut hätten entwickeln können, sich aber nicht entwickelt hat?

Antwort:

"eigen+sinnig Der werkraum bregenzerwald als Modell für ein neues Handwerk" von Florian Aicher und Renate Breuss Mit Bildern von Thomas Lüttge oekom verlag 2005

 

Gleich nach der Reise in den Bregenzerwald suchte ich nach dem Buch, das im Cheminée-Raum des Hotels Krone aufgelegen hatte. Ich fand mehrere antiquarische Angebote und bestellte eines. Vielleicht war es einmal ein Rezensionsexemplar. Auf unsere Warum-Frage hätte es sich Florian Aicher leicht machen können, indem er auf dieses kleine Buch (192 Seiten) hingewiesen hätte. Es bringt eine Palette von Aussagen, die sich zu einer Antwort summieren. Das Buch (und wohl auch Florian Aicher) neigt zum Understatement. Es hat einen etwas kryptischen Titel, gewiss von den Autoren und nicht vom Marketingchef des Verlags formuliert. Es kommt bescheiden daher und hätte von Inhalt und Bildmaterial her als prächtiger Band aufgemacht werden können. Die Antworten auf das Warum wird auf verschiedenen Wegen gegeben. Sie sind nie theoretisch, sondern immer beschreibend, phänomenologisch. Sehr einfühlend und mit grossem Fachwissen werden Handwerke und Handwerker beschrieben. Das Werk ist gleichzeitig Kultur- und Sozialgeschichte. Auch hier wird in der bescheidenen Form der Schilderung grosses Wissen zusammengetragen. Das Theoretisieren kann das Autorenpaar auch vermeiden, indem es mit Exponenten von Kultur und Wissenschaft Interviews führt und wiedergibt. Hier werden einige Dinge auf den („theoretischen") Punkt gebracht. Es ist, wie der Untertitel sagt, ein Buch über den Werkraum Bregenzerwald, also eigentlich eine Monographie. Aber der Geltungsbereich der Ausführungen geht weit darüber hinaus. Gegenfrage: Warum nicht? Als Schweizer mag man gelegentlich reflektieren, warum Ähnliches nur ansatzweise und nicht als kulturelle Strömung auch bei uns Fuss fasste. In den Gesprächen wurde gelegentlich die Not genannt. Diese Aussage wird im Buch nicht so deutlich gemacht. Im Überblick wird man aber doch sagen müssen: Wohlstand (kapitalgetriebene Wirtschaft) ist trotz damit verbundenem Mäzenatentum kein Substrat, auf dem eine nachhaltige sozial und kulturell stark verwurzelte Bewegung gedeihen kann.

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