Reaktionen auf die Industrialisierung

Mit der Lebensreformbewegung berühren wir wiederum ein Thema, das ohne weiteres abendfüllend wäre. Zu den bekanntesten Überbleibseln der Lebensreformbewegung gehören die Reformhäuser, entstanden Ende des 19. Jahrhunderts.

Bild 38Industrielle Nahrung ist industriell verarbeitet und raffiniert. Einiges hatte damit zu tun, dass Arbeiter und Arbeiterinnen – Wegzeiten eingeschlossen – oft bis 15 Stunden von zu Hause abwesend waren und über nur kurze Essenpausen verfügten. Deshalb wurden besondere Nahrungsmittel entwickelt, wie wir sie beispielsweise unter dem Namen Maggi kennen (Maggi hatte übrigens in Frauenfeld fabriziert). Die Lebensreformbewegung setzte sich für eine natürliche Lebensweise und Ernährung ein. Mit der Reaktion auf industrielle Verhältnisse verbunden waren oft reaktionäre Bilder, was dazu führte, dass Lebensreformbestrebungen gelegentlich in Heilewelt-, völkische und nationalsozialistische Bewegungen mündeten.

Bild 39Die Gartenstadtbewegung kann man ganz direkt als Reaktion auf Missstände der Industriekultur ansehen. Dort extreme Verdichtung, hier eine Lockere Bauweise mit Gärten, deren Bearbeitung durch die BewohnerInnen natürlich zum Programm gehörten.

Es gab allerdings vor dem Entstehen von Lebensreform- und Gartenstadtbewegung Wohnbauten für Arbeiter, die nicht so sehr aus einem ideologischen Programm, sondern eher aus einer patronal-parternalistischen Haltung von Industriellen hervorgingen.

Bild 40Ein frühes Beispiel ist die Siedlung der Winterthurer Lokomotiv-Fabrik (oben), ein später die Siedlung an der Rebhalde in Wängi (Textilindustrie) (links). Immer gehörte Garten dazu. Die Löhne waren oft so tief, dass eine Art ergänzende Subsistenz-Wirtschaft notwendig war.

 

Bild 69Bild 70Neben dem Wohnen, dem Vorhandensein eines qualitativ guten Innenraums als Grundbedürfnis, eingeschlossen vielleicht die Möglichkeit einer Subsistenz-Wirtschaft durch eigenen Gartenbau gibt es allerdings auch den physischen und sozialen Raum über die vier Wände hinaus. Es ist augenfällig, dass sich diesbezüglich die beiden Siedlungsweisen einerseits am Rorschacherberg (rechts), andererseits in der etwas romantisierenden oder historisierenden Siedlung Benglen (links) von Architekt Fritz Schwarz deutlich unterscheiden.

Bild 71Das Einfamilienhaus verspricht Privatheit. In der reduziertesten Form bietet es diese genau nicht. Die Grösse der Grundstücke ist so knapp bemessen, dass man auf dem eigenen Sitzplatz unweigerlich den Blicken der Nachbarn ausgesetzt ist. (Bild links Felben-Wellhausen bei Frauenfeld, Google-Bild)

In den letzten Jahrzenten und Jahren wurde viel mit neuen Siedlungsformen experimentiert, welche auch das Problem der Bodenknappheit berücksichtigen. Karl Weber hat als Stadtwanderer einige Orte besucht und beschrieben.